Ungleichheit heute (22)
Wie ungleich ist die Vermögensverteilung in Deutschland?
Noch ungleicher als die Einkommensverteilung

„Wherever there is great property there is great inequality.“ (Adam Smith)

Für einen umfassenden interpersonellen Wohlstandsvergleich reicht es nicht, lediglich die Verteilung der Einkommen zu betrachten. Eine Größe, die den persönlichen Lebensstandard ebenfalls beeinflusst, ist das Vermögen. Persönliches Vermögen kann grundsätzlich auf zwei verschiedene Arten gemehrt werden: Entweder durch die Akkumulation von eigenen Ersparnissen oder durch den Transfer von Vermögen vorheriger Generationen (übertragene Ersparnisse). Einkommen und Vermögen stehen somit in enger Beziehung, da gespartes Einkommen zur Vermögensbildung genutzt werden und Vermögen wiederum Einkommen abwerfen oder gegebenenfalls liquidiert werden kann. Jedoch kann ein einkommensschwacher Haushalt vermögend oder ein einkommensstarker Haushalt ebenso nettoverschuldet sein. Eine integrierte Betrachtung von Einkommen und Vermögen ist vonnöten. Nachdem bislang die Einkommensverteilung ausführlich unter die Lupe genommen wurde, gilt das Interesse nun dem Vermögen und seiner Verteilung zwischen den Bundesbürgern. Und hier fällt als erstes eines auf: die Vermögen sind viel ungleicher verteilt als die Einkommen!

Die Entwicklung des Vermögens in Deutschland

Bevor der Frage nachgegangen wird, wie sich das Vermögen auf die Personen verteilt, ist es von Nutzen, zunächst zu erkunden, wie sich das Vermögen und seine Bestandteile auf aggregierter Ebene entwickelt haben. Es ist also sinnvoll zu ergründen, ob der zu verteilende Kuchen im Zeitverlauf gewachsen oder geschrumpft ist, bevor im Anschluss seine Aufteilung analysiert wird.

Das Nettovermögen hat sich gemäß der Vermögensstatistik der Bundesbank innerhalb des Zeitraums zwischen 1991 und 2012, also in nur 21 Jahren, nominal mehr als verdoppelt und dürfte schon bald die 10-Billionen-Grenze übertreffen (Tabelle 1). Dies entspricht rund dem 3,7-fachen des jährlichen Bruttoinlandproduktes. Im Verhältnis zu den verfügbaren Haushaltseinkommen überstieg das Nettovermögen im Jahr 2012 diese sogar um den Faktor 5,8. Dabei setzte sich das Bruttovermögen aus materiellen sowie immateriellen Anlagegütern (rund zu 40 %), aus Geldvermögen (zu ca. 43 %) und aus Bauland (zu 17 %) zusammen. Die Verbindlichkeiten machten in Relation zum Bruttovermögen rund 14 % aus.

Vermögensbilanz
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Um einen Einblick in die Vermögensverteilung zu erhalten, reicht es nicht, lediglich gesamtwirtschaftliche Aggregate zu betrachten, da diese keine Auskunft über Verteilungsaspekte bieten können. Für Deutschland lassen sich hierfür insbesondere zwei repräsentative Mikrodatensätze heranziehen. Dies ist zum einen die von der Bundesbank initiierte Haushaltsbefragung namens „Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF)“, welche mitunter eine europäische Harmonisierung der Vermögensdaten im Rahmen des von der EZB geleiteten „Household Finance and Consumption Network (HFCN)“ gewährleisten soll. Da jedoch erst eine Befragung der ausgewählten Haushalte erfolgte, kann sie lediglich Aufschluss über die derzeitige Vermögensverteilung, nicht aber deren Entwicklung geben.  Zum anderen bietet das „Sozio-ökonomische Panel (SOEP)“ aufgrund der seit 2002 (bzw. 1988) begonnenen und sich wiederholenden fünfjährlichen Vermögensbefragung mit seinem Längsschnittcharakter die Möglichkeit nicht nur eine Bestandsaufnahme der personellen Vermögensverteilung vorzunehmen, sondern diese auch im Zeitverlauf zu betrachten. Das PHF ermöglicht somit einen europäischen Vergleich, das SOEP hingegen eine Betrachtung der zeitlichen Entwicklung innerhalb Deutschlands. Ein weiterer besonderer Unterschied zwischen den beiden Datensätzen ist zudem, dass das PHF eine Befragung auf Haushaltsbasis ist und jedem Haushaltsmitglied das Vermögen als Ergebnis einer gewichteten Pro-Kopf-Berechnung zugewiesen wird, wohingegen das SOEP eine direkte Analyse auf Personenebene darstellt und somit insbesondere einen Vergleich zwischen Lebenspartnern zulässt.

Vergleicht man die aus dem SOEP generierte Vermögensbilanz privater Haushalte mit der aggregierten Vermögensmessung im Rahmen der Vermögensbilanz der Deutschen Bundesbank, stellt man fest, dass die einzelnen Vermögenskomponenten zum Teil erheblich nach unten abweichen. Dies hat verschiedene Gründe. So neigen Befragte tendenziell dazu, ihr Vermögen geringer anzugeben als es in Wirklichkeit ist. Dieses Problem tritt vor allem bei der Erfassung von Geldvermögen zutage. Zudem sind speziell sehr vermögende Personen unterrepräsentiert, wobei jedoch versucht wird, diesem Problem durch verschiedene statistische Verfahren und die Integration von Sonderstichproben zu begegnen. Die Statistiken unterscheiden sich außerdem in der Abgrenzung und Bewertungsmethode hinsichtlich der Vermögenskomponenten und der relevanten Untersuchungspopulation. Beispielsweise fließen in die aggregierte Statistik der Bundesbank private Organisationen ohne Erwerbszweck mit ein, die teils relativ vermögend sind. Während das Sachvermögen in der aggregierten Vermögensbilanz zu seinem Wiederbeschaffungswert bewertet wird, wird in dem SOEP nach Marktwerten gefragt. Diese weichen im Allgemeinen signifikant von den Wiederbeschaffungswerten ab.

Trotz dieser Abweichungen erreichen sowohl das SOEP als auch das HFCN ebenso wie bei Sachanlagen auch bei den Verbindlichkeiten einen im internationalen Vergleich sehr hohen Abdeckungsgrad. Lediglich das Geldvermögen wird relativ stark unterschätzt. Dies führt tendenziell dazu, dass im Rahmen von Haushaltsbefragungen die Bedeutung von Immobilien über- und die von Geldvermögen unterschätzt werden.

Wie ungleich ist das Vermögen in Deutschland verteilt? – Die personelle Vermögensverteilung in Deutschland

Bevor ich auf den aktuellen Datenrand eingehe, möchte ich kurz die Vermögensentwicklung in Westdeutschland vor der Wiedervereinigung skizzieren. Die Ergebnisse beziehen sich hierbei auf die sogenannte Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) und lassen sich ab dem Jahre 1973 darstellen. Der Gini-Koeffizient entwickelte sich von 0,748 im Jahre 1973 auf 0,668 im Jahre 1988. Der Anteil der vermögendsten 10 % verringerte sich stetig von über 50 % auf rund 40,8 %.  So lässt sich für diesen Zeitraum der Trend festhalten, dass die Ungleichheit gesunken ist und die Vermögenskonzentration innerhalb des obersten Dezils abgenommen hat. Problematisch hierbei ist jedoch, dass alle Studien vor dem Jahre 1993 aufgrund unterschiedlicher Methodik nicht verlässlich vergleichbar sind und die Entwicklung hinsichtlich der Vermögensungleichheit mit Unsicherheit behaftet ist. Ebenso divergieren die Angaben über das durchschnittliche Vermögen. Deshalb verzichte ich bewusst darauf, für diesen Zeitraum und für Ergebnisse, die aus Daten der EVS stammen, das Durchschnittsvermögen zu beziffern.

Ab dem Jahre 1993 liegen vergleichbare Ergebnisse aus der EVS für Ost- und Westdeutschland vor. Die Zeit bis 2003 war davon gekennzeichnet, dass die Ungleichheit in Westdeutschland zu (der Gini stieg von 0,622 auf 0,657) und in den neuen Bundesländern abgenommen hat (der Gini fiel von 0,693 auf 0,671). Die Daten der EVS geben jedoch Anlass zu vermuten, dass sie die Vermögensungleichheit unterschätzen. Besonders dramatisch ist, dass die EVS eine obere Abschneidegrenze besitzt, die bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 18000 Euro liegt. Bezieher sehr hoher Einkommen sind somit extrem unterrepräsentiert. Die Ergebnisse der EVS können daher als Untergrenze der Vermögensungleichheit betrachtet werden. Diese und weitere Problematiken werden im SOEP besser berücksichtigt.

Die Vermögensdaten des SOEP bieten die Möglichkeit, die Entwicklung der Vermögensungleichheit von 2002 bis 2012 genauer zu durchleuchten.  Im Durchschnitt besaß ein Individuum in Deutschland im Jahre 2002 rund 80000 Euro (Tabelle 2). Das Nettovermögen war sowohl in interpersoneller als auch in geographischer Hinsicht sehr ungleich verteilt. So lag der Medianwert, also das Vermögen der Person, die sich in der Mitte der Vermögensverteilung befindet – d.h. 50 % der Bevölkerung sind reicher und 50 % sind ärmer -, mit 15000 Euro weit unter dem Durchschnittswert. Dies ist ein klares Indiz dafür, dass sich das Vermögen am oberen Ende der Vermögensverteilung konzentriert. Noch deutlicher wird dieses Bild bei der Betrachtung der Nettovermögen nach Dezilen, also mit Hilfe der hierarchischen Einteilung der Vermögensverteilung nach Vermögenshöhe in zehn gleich große Personengruppen. Demnach besaßen 2002 die unteren 50 % der Vermögensverteilung lediglich 1,3 % des gesamten Nettovermögens. Rund 26 % aller Personen hatten kein Nettovermögen oder waren sogar nettoverschuldet.

Nettovermögen
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Die reichsten 10 % verfügten hingegen über knapp 58 % des gesamten Nettovermögens (Abbildung 1). Die Person, die innerhalb der reichsten 10 % am wenigsten Vermögen besaß, hatte ein Nettovermögen von ungefähr 210000 Euro. Dies ist circa das 14-fache der reichsten Person der vermögensärmsten 50 %! Noch frappierender wird die Betrachtung, wenn man einen Blick auf das reichste 1 % wirft. Hier besaß die „ärmste“ Person mit rund 760000 Euro fast das 50-fache des Medianwertes.

Nettovermögen
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Fünf bzw. zehn Jahre später war das Nettovermögen immer noch sehr ungleich verteilt. Das Vermögen erhöhte sich sowohl hinsichtlich des Durchschnitts als auch des Medianwertes bis 2012 auf 83000 bzw. rund 16500 Euro. Die Ungleichheit stieg bis 2007, gemessen am Gini, von 0,776 auf 0,799 an, verringerte sich anschließend bis 2012 wieder leicht auf 0,780 und lag damit knapp über dem Niveau in dem Jahre 2002. Die Vermögensungleichheit verharrte somit auf hohem Niveau, stieg jedoch nicht signifikant an. Zur Erinnerung: die Einkommensungleichheit nach Steuern und Transfers war 2012 mit einem Gini von rund 0,28 weitaus geringer als die Vermögensungleichheit![1] Auch die meisten der zuvor genannten Indikatoren haben sich in diesem Zeitraum nur moderat verändert. Lediglich die Höhe des Vermögens, um zu dem obersten 1 % zu gehören, hat sich von 760000 auf 817000 und der Anteil derer, die kein oder negatives Vermögen besitzen,  auf 27,6 % signifikant erhöht.  Insgesamt lässt sich festhalten, dass mit fast einem dreiviertel aller Haushalte extrem viele ein Nettovermögen besaßen, das unterhalb des Durchschnitts lag und dass das Vermögen am oberen Ende der Verteilung konzentriert war.

Die neuen Bundesländer – weniger Vermögen und noch ungleicher verteilt 

Ebenfalls deutlich fällt der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland aus. Sowohl hinsichtlich des Durchschnitts- als auch des Medianvermögens waren die Werte für die neuen Bundesländer im Jahr 2002 weniger als halb so hoch wie die der alten mit jeweils nur rund 37000 bzw. 7500 Euro. Obwohl Ostdeutsche rund 18 % der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind sie nur zu 3 % im obersten Vermögensdezil vertreten. In Ostdeutschland lag das Mindestvermögen des 10. Dezils vierzehnmal, in Westdeutschland nur zwölfmal höher als das Medianvermögen (Tabelle 2). Auch zehn Jahre später blieben diese Unterschiede weiterhin bestehen. Die Gini-Koeffizienten verharrten sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern bei Werten von rund 0.79 bzw. 0.77.

Die Unterschiede zwischen den neuen und den alten Bundesländern sind im Wesentlichen historisch durch die geringeren Möglichkeiten zur Kapitalakkumulation in der ehemaligen DDR bedingt. Als weitere Gründe werden die Umstellung des Geldvermögens im Verhältnis[2] 2:1 und die geringere Sparfähigkeit infolge der Wende aufgrund von Nachholprozessen hinsichtlich des Ankaufs von Gebrauchsvermögen angeführt. Auch eine geringere Verbreitung von Grundbesitz und Wohneigentum sowie ein geringerer Besitz an Betriebsvermögen finden in die Literatur als Erklärungen Eingang.

Ist Deutschland ein Sonderfall? Das deutsche Vermögen im internationalen Vergleich 

Ein internationaler Vergleich ist in vielerlei Hinsicht interessant. Erstens lässt sich abschätzen, ob das durchschnittliche Vermögen in Deutschland relativ klein oder groß ausfällt. Zweitens kann ein Vergleich des Durchschnittsvermögens hinsichtlich seiner Zusammensetzung wiederum relativiert werden, da insbesondere die Verteilung gewisser Vermögensgegenstände im internationalen Vergleich über die Dezile hinweg sehr unterschiedlich ausfällt. Und drittens lässt sich abschätzen, wie ungleich das deutsche Vermögen letztendlich im internationalen Vergleich verteilt ist.

Als die Bundesbank im März 2013 erste Ergebnisse der Haushaltsstudie der EZB (HFCN) präsentierte, war das mediale Echo vor dem Hintergrund der europäischen Währungs- und Schuldenkrise groß. Demnach waren die Deutschen, gemessen am Median, weniger vermögend als fast alle Partner der EWU. So besaßen beispielsweise Spanier (182700 Euro) und Griechen (101900 Euro) weit mehr als Deutsche (51400 Euro). Ist es wirklich so, dass Deutsche zu den  Ärmsten in der EWU gehören? Mitnichten. Normalerweise stellt der Median ein geeignetes Maß für internationale Vergleiche dar, da extreme Verteilungsunterschiede, wie diese u.a. bei einer starken Vermögenskonzentration am oberen Ende der Verteilung auftreten,  nicht so stark ins Gewicht fallen wie beispielsweise beim Durchschnitt. Für die extreme Diskrepanz der Medianwerte gibt es jedoch eine einfache Erklärung. In allen Ländern bis auf Österreich und Deutschland liegt die Hauseigentümerquote bei über 50 %. Dementsprechend besitzt der mittlere Haushalt in diesen beiden Ländern keine Immobilie. Führt man sich vor Augen, dass 2012 Immobilien in Deutschland rund 74 % und in der EWU durchschnittlich rund 70 % des gesamten Nettovermögens ausmachten, tritt die besondere Bedeutung dieser Vermögensposition zu Tage. In Deutschland besitzt der mittlere Haushalt schlichtweg nicht die bedeutendste Vermögenskomponente. Deutlich wird dieser Fakt, wenn man sich das Medianvermögen differenziert nach Hauseigentümerstatus anschaut. So liegt in Deutschland das mittlere Vermögen der Personen, die keine Immobilie besitzen, knapp über dem EWU-Durchschnitt derer, die keine Immobile besitzen. Das deutsche Medianvermögen derer, die mindestens eine Immobilie besitzen, liegt nur knapp unterhalb des EWU-Durchschnitts der Hauseigentümer. Hinzu kommt, dass seit der Befragung, die zwischen 2008 und 2010 stattfand, die Immobilienpreise in einigen Ländern gesunken sind und das heutige Bild wohl weniger diskrepant ausfallen würde.

Die Bedeutung von Hauseigentum wird ebenfalls deutlich, wenn man einen Blick auf die Durchschnittswerte wirft. Da in Österreich und Deutschland der mittlere Haushalt kein Haus besitzt, fällt die Diskrepanz zwischen dem Median und dem Durchschnitt am größten aus. Deutschland liegt mit 195200 Euro im europäischen Vergleich zwar im Mittelfeld, aber dennoch unterhalb des EWU Durchschnitts von 230800 Euro.

Die Ergebnisse der EZB-Studie sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Einerseits bleibt die inhärente Schwäche von Haushaltsbefragungen zu nennen, dass ihr subjektiver Wahrnehmungscharakter insbesondere bei Vermögensangaben zu Verzerrungen führt. Wie erwähnt, tendieren Individuen dazu, ihre Vermögenspositionen teils gewollt und teils auch aus Unwissenheit falsch einzuschätzen. So weist ein Forschungspapier der Allianz auf Ungereimtheiten des EZB-Datensatzes hin. Um einige Beispiele zu nennen: In Österreich liegt der mittlere Wert des Betriebsvermögens Selbstständiger mit über 180000 Euro fast zehnmal oberhalb des Wertes für Deutschland, in Italien liegt der mittlere Wert hierbei bei weniger als einem Drittel des Wertes in Spanien oder Frankreich und in Griechenland und in Spanien gibt es mehr Haushalte, die eine Immobilie besitzen als Haushalte, die ein Auto besitzen. Hinzu kommt, dass man, je nachdem welche Funktion man dem Vermögen hinsichtlich des individuellen Wohlbefindens beimisst, ebenfalls Kaufkraftunterschiede berücksichtigen müsste. Zielt man beispielsweise darauf ab, dass Vermögen eine Sicherungsfunktion zur Überbrückung temporärer Einkommensausfälle gewährleisten soll, so spielen die Kaufkraftunterschiede zwischen den Ländern bei der Liquidation von Vermögen eine beträchtliche Rolle.

Andererseits haben die Länder unterschiedliche Altersvorsorgekonzepte und auch andere Vermögensabgrenzungen und -bewertungen, so dass beispielsweise die Zurechnung und Bewertung des Betriebsvermögens auf den Unternehmens- und den Haushaltssektor unterschiedlich gehandhabt wird. Kapitalgedeckte private Altersvorsorge wird als Finanzvermögen in die Vermögensanalyse mit einbezogen. Umlagefinanzierte Renten- und Pensionsansprüche finden in den genannten Haushaltsumfragen keine bzw. nur eine unzureichende Beachtung. Beispielsweise werden die Rentenansprüche von Niederländern, die im europäischen Vergleich eine relativ hohe Quote privater Altersvorsorge aufweisen, stärker in den Vermögensrechnungen berücksichtigt als die zu einem großen Teil umlagefinanzierten Rentenansprüche deutscher Staatsbürger.

Trotz der genannten methodischen Schwächen bleibt jedoch festzuhalten, dass sich Deutschland hinsichtlich des durchschnittlichen Vermögens ungefähr in der Mitte der EWU wiederfindet. Manch einen dürfte dies wundern, da Deutschland gemessen am BIP pro Kopf relativ wohlhabender ist als dies durch die Vermögensstatistik erscheinen mag. Hierbei muss man sich vor Augen führen, dass Vermögen nichts anderes darstellt als über den Lebenszyklus akkumulierte oder von vorherigen Generationen transferierte Ersparnisse. Umso mehr man erwirtschaftet (BIP pro Kopf), desto größer müssten auch die Ersparnisse und somit die Vermögen sein (insofern man eine gleiche Sparquote unterstellt). Was sind also die Hauptgründe, dass Deutschland hinsichtlich der Vermögen „nur“ im Mittelfeld zu finden ist? Hier lassen sich vor allem drei Gründe hervorheben. Erstens werden das durchschnittliche und das mittlere Vermögen in Deutschland durch die Wiedervereinigung und die geringe Hauseigentümerquote nach unten gedrückt. Zweitens ist der Sozialstaat in Deutschland hinsichtlich der Bereitstellung öffentlicher Güter relativ großzügig, wodurch für viele Private ein Sparmotiv zur Finanzierung dieser Güter entfällt. Der dritte Grund geht in die gleiche Richtung. Die Steuer- und Abgabenquote in Deutschland ist relativ hoch, was wiederum die Haushalte zu Ersparnissen zwingt, die bei der Vermögensermittlung keinerlei Berücksichtigung finden.

Wie ungleich ist Deutschland im internationalen Vergleich?

Es bleibt jedoch noch die Frage offen, ob die Vermögensverteilung in Deutschland besonders ungleich ausfällt. Hierzu möchte ich auf verschiedene Verteilungsmaße zurückgreifen. Vergleicht man den Durchschnittswert mit dem Medianwert, kann man erste Aussagen darüber treffen, wie ungleich das Vermögen verteilt ist. Umso größer das arithmetische Mittel gegenüber dem Median ausfällt, desto rechtsschiefer, also ungleicher[3], ist die Vermögensverteilung. Sowohl in Österreich als auch in Deutschland liegt das Verhältnis vom Durchschnitts- zum Medianvermögen bei über 3 (Abbildung 2). Die geringe Hauseigentümerquote und die relativ starke Konzentration des Vermögens am oberen Ende der Verteilung sind hierbei hauptverantwortlich dafür, dass dieser Quotient so hoch ausfällt. Ein weiteres Maß, an dem sich die Vermögensungleichheit messen lässt, ist der Vermögensanteil der reichsten 10 % einer Volkswirtschaft. Auch hier liegt der Anteil der vermögendsten 10 % Deutschlands und Österreichs mit über 55 % über dem europäischen Durchschnitt. In Deutschland besitzen die obersten 10 % somit mit einem Mindestnettovermögen von rund 442000 Euro mehr als die Hälfte der gesamten Vermögensgegenstände. Die Vermögenskonzentration am oberen Ende der Verteilung fällt in Deutschland also besonders groß aus. Dies geht auch aus den 90/50-Dezilverhältnissen hervor (Abbildung 2). Hierbei wird das Mindestvermögen der obersten 10 % in Relation zu der mittleren Vermögenshöhe gesetzt. Für Deutschland weist auch dieser Indikator mit einem Wert von über 8 auf eine relativ ungleiche Verteilung hin. Untermauert wird dieser Tatbestand durch einen Vergleich des Gini-Koeffizienten. Deutschland hat mit einem Gini von 0,78 den höchsten in der gesamten EWU (EWU-Durchschnitt: 0,69).

Vermögensverteilung
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Eine weitere Datengrundlage für einen internationalen Vergleich der Vermögensungleichheit und –konzentration bietet die so genannte Luxembourg Wealth Study (LWS), die eine harmonisierte Vermögensdefinition der jeweiligen länderspezifischen Haushaltsstudien bietet. In Deutschland lag der Anteil der vermögendsten 10 % im Jahre 2002 laut dem harmonisierten SOEP bei 54 %. Dies kommt dem in der EZB-Studie berechneten Anteil sehr nahe. Das oberste 1 % besaß rund 14 % aller Vermögensgegenstände. Der Gini betrug 0,78. Ein ähnliches Bild ergibt sich für Kanada. Sowohl in Finnland als auch in Großbritannien fiel die Vermögensungleichheit mit einem Gini von 0,68 beziehungsweise von 0,66 geringer als in Deutschland aus. Die obersten 10 % besaßen in diesen Ländern weniger als die Hälfte des gesamten Vermögens. Auffallend ungleicher fiel die Verteilung in Schweden und in den USA aus. In den USA besaßen die obersten 10 % rund 71 % und somit mehr als zwei Drittel des gesamten Vermögens. Auf das oberste 1 % entfielen hier sogar 33 % des gesamten Vermögens. Obwohl diese Verteilungsindikatoren in Schweden geringer sind (10 % besitzen 58 %; 1 % besitzt 18 % der Vermögensgegenstände), fällt die Ungleichheit gemessen am Gini mit 0,89 im Vergleich zu 0,84 noch größer aus.

Wie gezeigt, ist die Vermögensungleichheit in Deutschland im internationalen Vergleich relativ hoch. Vergleicht man die Verteilung hingegen mit Schweden und den USA, lässt sich festhalten, dass die Vermögensungleichheit und –konzentration in Deutschland signifikant geringer ist. Ein internationaler Vergleich der Vermögensungleichheit ist derzeit mit Vorbehalten behaftet. Einerseits führen unterschiedliche nationale Hauseigentumsquoten und Altersvorsorgekonzepte zu einer gewissen Verzerrung der Ergebnisse. In einer Studie des DIW Berlin wurde das Konzept des SOEP um die Rentenanwartschaften mit Hilfe statistischen Matchings erweitert. Im Ergebnis stiegen das geschätzte durchschnittliche sowie mittlere Vermögen an und die ausgewiesene Vermögensungleichheit verringerte sich signifikant. Andererseits sind unterschiedliche nationale demographische Entwicklungen für eine Verzerrung der Analysen verantwortlich. Typischerweise folgt die Höhe des individuellen Vermögens einem Lebenszyklusmuster. In jungen Jahren ist das Gehalt und somit die Sparfähigkeit noch relativ niedrig. Im Laufe des Lebens bis zum Eintritt in die Ruhestandsphase erhöht sich das Einkommen und somit das individuelle Vermögen sukzessiv. Im Rentenalter verringert sich das individuelle Vermögen wieder, da in dieser Phase das Vermögen teils zur Einkommenssicherung liquidiert oder vorab übertragen wird. Folglich wird die gemessene Ungleichheit davon beeinflusst, wie viele Personen sich relativ in einer bestimmten Phase des Lebens befinden. Eine Kohortenstudie, die der demographischen Entwicklung Rechnung trägt, könnte in Zukunft zu einem besseren Verständnis des wahren Ausmaßes der Vermögensungleichheit beitragen.

Fazit

Der Befund scheint zunächst eindeutig. Das aggregierte Nettovermögen hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Die Vermögensungleichheit in Deutschland fällt im internationalen Vergleich relativ hoch aus. Die Konzentration des Vermögens am oberen Ende der Verteilung wird nur von wenigen Ländern wie beispielsweise Schweden und den USA übertroffen. In der letzten Dekade verharrte die Ungleichheit auf einem hohen Niveau. Die Konzentration stieg weiter an. Im EWU-weiten Vergleich landet Deutschland hinsichtlich des durchschnittlichen Vermögens auf einem mittleren Platz und bezüglich des mittleren Vermögens auf einem der hinteren Plätze. Hauptverantwortlich dafür ist die geringste Hauseigentümerquote innerhalb der EWU. Die Ergebnisse beziehen sich jedoch auf Daten, die aus Haushaltsbefragungen gewonnen wurden. Problematisch ist hierbei, dass Geldvermögen unter- und Sachvermögen überschätzt wird. Zudem ist davon auszugehen, dass extrem Vermögende trotz statistischer Anpassungen unterrepräsentiert sind. Weiterhin werden einige Vermögensgegenstände und Rentenanwartschaften nur unzureichend erfasst, so dass ein Vergleich der Vermögensverteilungen nur unter Vorbehalten erfolgen kann.

Literatur:

Deutsche Bundesbank (2013), Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland: Ergebnisse der Bundesbankstudie, Deutsche Bundesbank Monatsbericht Juni 2013.

EZB (2013), The Eurosystem Household Finance and Consumption Survey – Results from the first wave, Eurosystem Household Finance and Consumption Network, Statistics Paper Series, Nr. 2/2013.

EZB (2013), The Eurosystem Household Finance and Consumption Network (HFCN), Statistical tables.

Frick, J. R., Grabka, M. M., Hauser, R. (2010), Die Verteilung der Vermögen in Deutschland – Empirische Analysen für Personen und Haushalte, Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf.

Frick, J. R., Grabka, M. M. (2010), Alterssicherungsvermögen dämpft Ungleichheit – aber große Vermögenskonzentration bleibt bestehen, in: DIW Wochenbericht Nr. 3/2010, Berlin.

Grabka, M. M., Westermeier, C. (2014), Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, in: DIW Wochenbericht Nr. 9/2014, Berlin.

Holzhausen, A. (2013), Vermögen in Europa – Auswirkungen der Niedrigzinspolitik, Allianz, Economic Research & Corporate Development, Working Paper Nr. 163.

Sierminska, E., Brandolini, A., Smeedings, T. (2006), Comparing Wealth Distribution across Rich Countries: First Results from the Luxembourg Wealth Study, Luxembourg Wealth Study Working Paper No. 1.

Statistisches Bundesamt (2013), Sektorale und gesamtwirtschaftliche Vermögensbilanzen, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.

 


Fußnoten

[1] Quelle: Eurostat

[2] ab 4000 Mark galt ein Verhältnis von 4:1

[3] Genau genommen ist es bei einem sehr hoch ausfallenden vierten zentralen Moment (Kurtosis) vorstellbar, dass die Verteilung trotz einer geringeren Schiefe ungleicher ausfällt.

 

Beiträge der Serie “Ungleichheit heute”:

Norbert Berthold: Staatliche Umverteilung und soziale Mobilität. Eine verteilungspolitische Fata Morgana?

Norbert Berthold: Die „Great Gatsby“-Kurve. Mehr als politische Progaganda?

Norbert Berthold: Des Läba isch koin Schlotzer. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist grober Unfug.

Klaus Gründler: Bildung hilft, die Ungleichheit zu reduzieren

Mustafa Coban: Kombilöhne versus Working Poor. Der Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit

Norbert Berthold: Geldpolitik und Ungleichheit. Machen Notenbanken die Welt ungleicher?

Rainer Hank: Ungleichheit und Gerechtigkeit: Was hat das miteinander zu tun?

Klaus Gründler: Ungleichheit und Krisen

Norbert Berthold: “Reichtum ist distributive Umweltverschmutzung”. Höhere Steuern oder mehr Wettbewerb?

Klaus Gründler: Ungleichheit und Wachstum

Norbert Berthold: Der amerikanische Traum – Bremst Ungleichheit die soziale Mobilität?

Norbert Berthold: Der Staat pflügt die Verteilung um

Norbert Berthold: Die Ungleichheit wird männlicher

Norbert Berthold: Krieg der Modelle. Technologie oder Institutionen?

Michael Grömling: Einkommensverteilung – Vorsicht vor der Konjunktur!

Norbert Berthold: Die deutsche “Mitte” ist stabil. Wie lange noch?

Eric Thode: Die Mittelschicht schrumpft – Wo liegt der Handlungsbedarf?

Norbert Berthold: Geringe Stundenlöhne, kurze Arbeitszeiten. Treiben Frauen die Ungleichheit?

Norbert Berthold: Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?

Simon Hurst: Der Staat strapaziert die Schweizer Mittelschicht

Norbert Berthold: Einkommensungleichheit in OECD-Ländern. Wo stehen wir?

Norbert Berthold: Ungleichheit, soziale Mobilität und Humankapital

15 Antworten auf „Ungleichheit heute (22)
Wie ungleich ist die Vermögensverteilung in Deutschland?
Noch ungleicher als die Einkommensverteilung

  1. Ein schöner Beitrag, dem allerdings ein Problem anhaftet, das alle vergleichbaren Studien betrifft: Das Übergehen des Humankapitals. Obwohl dieses positiv mit dem sonstigen Vermögen korreliert sein dürfte, würde seine Einbeziehung sicher die Bedeutung des obersten Dezils reduzieren – nur: Wer schafft es, diesen für die meisten Bürger dominierenden Vermögensteil hinreichend zu messen?

  2. Unternehmer werden via eigener Altersvorsorge reich gerechnet und Arbeitnehmer (davon insbesondere Beamte) mangels Berücksichtigung der Renten- und Pensionsansprüche arm gerechnet.

    Welche Schlüsse können bei einer derartigen Verzerrung der Daten überhaupt noch sinnvoll gezogen werden?

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