Gastbeitrag
Flüchtlingszustrom: Eine Chance für Deutschland

Von Dieter Bräuninger, Heiko Peters und Stefan Schneider am 6. November 2015
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Infolge zahlreicher Krisenherde befinden sich weltweit über 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Allein der mittlerweile 5 Jahre andauernde Krieg in Syrien löste eine Massenflucht von etwa 11 ½ Millionen Syrern aus, davon 4 Millionen ins Ausland. Da Flüchtlinge i.d.R. zunächst in angrenzende Länder fliehen, nahmen wirtschaftlich weniger entwickelte Länder bis Ende 2014 etwa 85% der Flüchtlinge auf.

Seit etwa eineinhalb Jahren nehmen aber immer mehr Flüchtlinge sowie auch Asylsuchende aus den Balkanstaaten die beschwerliche (Weiter-)Reise in die EU auf sich. Der Flüchtlingszustrom hat gravierende Mängel des EU-Systems der Registrierung und Aufnahme von Asylbewerbern offenbart. Eine Einigung auf ein alternatives Verteilungsverfahren ist derzeit nicht in Sicht.

Der Flüchtlingsstrom hebt die Nettozuwanderung nach Deutschland auf den Höchstwert von über 1 Million. Damit könnte Deutschland unter den OECD-Ländern die USA als traditionell größtes Einwanderungsland ablösen. Vorerst dürfte Deutschland Magnet für Flüchtlinge bleiben. Das stellt das Land vor die schwierige und mit erheblichen Kosten verbundene Aufgabe, die Flüchtlinge zu integrieren und den Angebotsschock am Arbeitsmarkt abzufedern.

Die Flüchtlinge sind eine Chance für das alternde Deutschland, in dem Arbeitskräfte knapp werden und die wirtschaftliche Dynamik zu erodieren droht. Ohne Zuwanderung würde das Wirtschaftswachstum in den nächsten 10 Jahren von derzeit im Schnitt etwa 1 ½% auf nur noch ½% p.a. fallen. Die Stabilität der sozialen Sicherungssysteme, insb. das umlagefinanzierte Rentensystem, würde auf die Probe gestellt.

Die Herkulesaufgabe der Integration der Flüchtlinge muss als Zukunftsinvestition begriffen werden. Die Flüchtlinge sind jung; der Anteil der unter 18-jährigen liegt bei 30%. Das Qualifikationsprofil dürfte U-förmig sein, also relativ hohe Anteile sowohl besser qualifizierter als auch weniger gut qualifizierter Personen aufweisen. Vermittlung von Sprachkenntnissen und Bereitstellung von Kapazitäten in Schulen und Ausbildungseinrichtungen müssen neben der Versorgung der Flüchtlinge mit Wohnraum und Gesundheitsdiensten rasch angepackt werden.

Ein Gelingen der Integration bietet in einem Win-Win-Szenario Deutschland die Chance, seine Position als wirtschaftliches Powerhouse Europas zu festigen. Deutschland könnte als Einwanderungsland deutlich an Attraktivität gewinnen – noch wichtiger: die dazu notwendigen Veränderungen können der Gesellschaft, in der die Bewahrung des Status quo immer mehr zum Leitmotiv wird, neue Dynamik für die nächsten Dekaden verschaffen. Eine anhaltend hohe Nettozuwanderung dämpft den demografisch bedingten Rückgang der Trendwachstumsrate deutlich. Anstatt sich der Stagnation zu nähern, könnte das Trendwachstum auch in 10 bis 15 Jahren noch 1% betragen. Davon profitierten auch Sozialsysteme.

* Der Text ist eine Zusammenfassung der Studie: Flüchtlingszustrom: Eine Chance für Deutschland. Deutsche Bank Research, Standpunkt Deutschland, 3. November 2015

Blog-Beiträge zur Flüchtlingskrise:

Norbert Berthold: Die „moderne“ Völkerwanderung. Europa vor der Zerreißprobe. 5. Update

Tim Krieger: Grenze zu, Schengen tot (reloaded)

Wolf Schäfer: Migration: Von der Euphorie des Unbegrenzten zur Moral des Machbaren

Thomas Apolte: Chance oder Last? Wie wir die Flüchtlinge integrieren müssen

Razi Farukh und Steffen J. Roth: Wir brauchen eine Bildungsoffensive. Ohne gezielte Unterstützung bleiben nicht nur die Flüchtlinge unter ihren Möglichkeiten

4 Reaktionen zu “Gastbeitrag
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