Chance oder Last?
Wie wir die Flüchtlinge integrieren müssen

Für einiges Aufsehen hat das Interview des grünen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer in der Tageszeitung gesorgt, in dem er sagte: „Derzeit sind über 70 Prozent der Flüchtlinge junge Männer, die ganz andere Vorstellungen von der Rolle der Frauen, der Religion, Meinungsfreiheit, Homosexualität oder Umweltschutz in der Gesellschaft haben als wir Grüne. Machen wir uns nichts vor: Die Aufgabe ist riesig.“ Seine Parteifreundin Katrin Göring-Eckardt bedauerte den aus ihrer Sicht fehlenden Mut Palmers, einen Mut, den es brauche, um die Herausforderungen des Flüchtlingsproblems anzunehmen und als Chance zu sehen. Ganz in diesem Sinne wird verschiedentlich auf die demographische Entwicklung in Deutschland hingewiesen, deren Folgen die Zuwanderung abmildern könne. Also doch eine Chance?

Die meisten von uns werden bereits ahnen, dass die einfache Arithmetik hinter der demographischen Chance ihre Tücken haben kann, und die hat sie auch. Aber darum soll es hier nicht gehen, denn bisher haben wir keinerlei Einfluss auf die Altersstruktur, das Geschlecht sowie die sprachlichen, fachlichen und sonstigen Kompetenzen der Zuwanderer. Sie sind nun einmal so da, wie sie sind, und selbst wenn es künftig zu einer irgendwie „geordneten“ Zuwanderung kommen sollte – was immer das konkret bedeuten soll –, so werden wir bis dahin wohl eine gut siebenstellige Zahl an zusätzlichen Menschen bei uns haben. Da bleibt uns gar nichts anderes als diese Menschen zu nehmen, wie sie sind, und die eingetretene Situation durch eine kluge Integrationspolitik so gut wie möglich in eine Chance zu wenden und so wenig wie möglich zu einer Last werden zu lassen. Halten wir hierzu erst einmal ein paar relevante Erkenntnisse fest:

  1. Zwischen dem Ende der 1950er und dem Ende der 1960er Jahre sind rund sechs Millionen Menschen aus der DDR und aus Osteuropa in die junge Bundesrepublik geflüchtet. Dennoch sank während dieser Zeit die Zahl der Arbeitslosen von zunächst über zwei Millionen auf unter 100.000. Der Grund war ein damals noch sehr flexibler Arbeitsmarkt und – man mag es hören wollen oder nicht – niedrige Löhne, die wie ein Staubsauger alle zuwandernden Arbeitskräfte absorbierten.
  2. Die erste Welle der deutschstämmigen Auswanderer aus Osteuropa und der ehemaligen UdSSR kam mit durchaus nicht immer perfektem Deutsch in unser Land. Hinzu kamen ab den 1960er Jahren sogenannte Gastarbeiter, zunächst aus Italien, Spanien, Portugal und dem ehemaligen Jugoslawien. Deren Deutsch war in der Regel nicht existent. Dennoch fielen die Kinder und erstrecht die Enkel fast aller dieser Zuwanderer nach kurzer Zeit bereits durch keine sprachlichen Defizite und nicht einmal durch einen Akzent mehr auf, und praktisch alle waren nach einer Generation im Wesentlichen vollständig integriert.
  3. Bei den späteren Wellen der deutschstämmigen Zuwanderer ist die Sache nicht mehr so eindeutig. Es haben sich zum Teil eigene Sub-Gesellschaften entwickelt, innerhalb derer man ein soziales Umfeld hatte, ohne deutsch sprechen oder lernen zu müssen, und so wurde den Zuwanderern und deren Kindern ein Teil des Drucks zum Lernen der Sprache genommen. Aus den daraus folgenden sprachlichen Merkmalen entwickelten sich bei diesen Menschen Ausgrenzungskriterien und teilweise handfeste Stigmata im privaten wie im beruflichen Leben. So entstand ein Teufelskreis aus eigener Abgrenzung und fremder Ausgrenzung. Noch prägnanter war diese Entwicklung bei den Einwanderern aus der Türkei.
  4. Es wird mit Recht moralisch beanstandet, wenn Menschen mit sprachlichen Defiziten oder sonstigen Merkmalen des Andersseins Diskriminierungen erleben müssen. Dennoch stellen wir fest, dass diese Merkmale meist auf beiden Seiten Segregation erzeugen: Abgrenzung gegenüber dem neuen Umfeld hier, Ausgrenzung der Neuen dort. Das heißt, die Zuwanderer werden von der Gesellschaft nicht unterschiedslos angenommen, sie nutzen aber auch die Möglichkeit, unter sich zu bleiben, was ja verständlich ist, wenn ihnen im vertrauten Umfeld ein Teil des Drucks auf Anpassung, Spracherwerb und natürlich auch die Erfahrung der Zurückweisung genommen wird.
  5. Weiterhin stellen wir aber fest, dass die Abgrenzungstendenzen auf beiden Seiten auf der individuellen Ebene nicht einmal sehr stark sein müssen, um auf der Gesellschaftsebene dann doch große Wirkungen zu entfalten. Berühmt ist in diesem Zusammenhang das Beispiel des Nobelpreisträgers Thomas Schelling, in dem zwei Gruppen von je 32 Personen mit einem je eigenen Gruppenmerkmal auf einer schachbrettartig geordneten Fläche verteilt werden, wobei jede Person nur einen relativ milden Abgrenzungswunsch hat: dass nämlich zumindest die Mehrheit der Nachbarn das jeweils eigene Merkmal aufweist – also so ist, wie sie selbst. Wenn nun alle Personen auf dem Schachbrett solange wandern, bis diese Bedingung erfüllt ist, dann werden die beiden Personenkreise am Ende vollständig voneinander getrennt in je eigenen Ghettos leben. Dieses Ergebnis ist drastisch, es folgt aber aus einer gar nicht drastischen, sondern sogar einer eher milden Neigung zur Abgrenzung, das aber in Verbindung mit einer ebenso unerbittlichen wie unabänderlichen mathematischen Logik. Das alles rechtfertigt natürlich keine Diskriminierung, aber bevor wir hier urteilen, empfiehlt sich ein selbstkritischer Blick in den Spiegel mit der Frage, wo denn wir selbst unser soziales Umfeld suchen. Und wer hier frei von jedwedem auch milden Abgrenzungswunsch ist, der dürfte eine seltene Ausnahmeerscheinung sein.
  6. Ob jemand die Grundlagen einer freiheitlichen Verfassung respektiert oder nicht, ist nicht in erster Linie eine Frage des kulturellen, sondern vor allem eine des sozialen Hintergrundes. Eine Reihe von Studien weist darauf hin, dass Gesellschaften mit einem demographisch bedingt hohen Anteil junger Männer zwischen 15 und 25 vergleichsweise konfliktanfälliger sind. Wenn man nach der Ursache sucht, so stößt man auf den Grad an gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Integrationsfähigkeit der jeweiligen Gesellschaft. Das heißt: Gesellschaften mit einem hohen Anteil junger Männer sind nicht per se konfliktanfälliger, sondern sie sind es, wenn sich die Betroffenen mit Blick auf ihren beruflichen und sozialen Aufstieg aus irgendwelchen Gründen einem „closed shop“ gegenüber sehen, ihnen also der Zutritt verwehrt wird. Denn junge Menschen entwickeln einen unbändigen Willen, sich einen solchen Aufstieg zu ermöglichen – sei es auf offiziellem oder wenn nötig auch auf inoffiziellem Wege, und der männliche Teil unter ihnen geht dabei im Durchschnitt deutlich robuster und zugleich emotionaler vor.
  7. Daraus folgt: Wer immer diesen Menschen einen inoffiziellen Weg zu einem wie immer gearteten inoffiziellen Aufstieg bietet – gern natürlich verbunden mit einem einfachen Weltbild, aus dem sich der fehlende Zugang zum offiziellen Weg erklärt – hat mit solchen jungen Männern leichte Beute. In dieser wie in vielerlei anderer Hinsicht unterscheiden sich Neonazi-Karrieren von Salafisten-Karrieren nur unwesentlich. Der versperrte Zugang zum offiziellen Karriereweg kann viele Gründe haben, die von einem individuellen Mangel an Fähigkeiten über die schon beschriebenen Segregationseffekte bis hin zu allgemein gegenüber der nachwachsenden Generation abgeschotteten Arbeitsmärkten reichen. So ist es kein Wunder, was in der arabischen Welt geschieht: Diese Gesellschaften befinden sich in einer demographischen Übergangsphase mit einem hohen Anteil junger Männer. Zugleich weisen sie institutionell verkrustete und dysfunktionale Arbeitsmärkte sowie von Korruption und Vetternwirtschaft durchzogene Verwaltungen auf mit der Folge hoher zweistelliger Arbeitslosenquoten. Unter solchen Bedingungen ist produktive Schattenwirtschaft noch die harmloseste persönliche Ersatz-Karriereoption. Eine Karriere als Kämpfer für die große islamische Sache hat so gesehen aber weit mehr Sex-Appeal.
  8. Der Nobelpreisträger James Heckman hat ausführlich belegt, dass Bildung eine Eigenschaft ist, die umso leichter zu erwerben ist, je mehr man davon bereits hat. Das gilt nicht nur, aber auch für den Spracherwerb. Die Grundlagen für einen erfolgreichen Bildungsweg werden daher bereits im frühesten Kindesalter gelegt. Wer dort ein breites Fundament erhalten hat, kann daran später jederzeit andocken, kann Wissen mit anderem Wissen verknüpfen und auf diese Weise sein Bildungsniveau progressiv entwickeln. Die Folge: Spätestens ab dem Pubertätsalter sind die Weichen gestellt und entstandene Versäumnisse sind gar nicht mehr oder nur noch mit extrem hohem Aufwand auszugleichen. Wer bis ins junge Erwachsenenalter ein nur geringes Bildungsniveau und schwache Sprachfertigkeiten erworben hat, wird in seinem Leben in aller Regel nie wieder zu den Menschen mit höheren Bildungsniveaus aufschließen können.

Man könnte diese acht Punkte zum Anlass nehmen, die These von der Chance der Zuwanderung mit Blick auf die Demographie in Deutschland sogleich zu verwerfen. Aber darum kann es hier nicht gehen, denn die Menschen sind da, und es werden in jedem Falle noch viele dazukommen. Es ist auch nicht so, dass alle diese Zuwanderer entweder eine Belastung oder eine Chance sein werden. Es werden sich viele Zuwanderer hervorragend integrieren. Sie werden die Chance erhalten und wahrnehmen, hier in Deutschland sozial und wirtschaftlich zum Nutzen aller aufzusteigen. Aber es wird umgekehrt leider auch viele geben, für die eher das Gegenteil zutrifft. Worauf es also ankommt ist, die Dinge so zu gestalten, dass wir am Ende möglichst viele von jenen haben werden, auf die eher das erste zutrifft, und möglichst wenige von jenen, auf die eher das zweite zutrifft. Aber was ist hierzu zu tun?

  1. Wir müssen uns bestimmte Klischees über „multikulti“ von beiden Seiten her abschminken. Natürlich können fremde Kulturen eine Bereicherung sein, aber natürlich können sie umgekehrt auch bedrohlich wirken. Ob sie aber das eine sind oder das andere, hängt fast ausschließlich davon ab, ob sich die kulturelle Vielfalt unter strikter Wahrung (des Vorrangs) der verfassungsmäßigen Spielregeln der freiheitlichen, demokratischen und toleranten Gesellschaft abspielt. Wenn das so ist, werden wir uns an der kulturellen Vielfalt erfreuen und bereichern können, wenn es aber nicht so ist, kann die kulturelle Vielfalt zum ökonomischen und sozialen Sprengstoff werden. Um zu erklären, warum die Menschen aus den islamischen Ländern bisher schwieriger zu integrieren waren, brauchen wir keinen direkten Zugriff auf deren Kultur, denn es gibt keinen vernünftigen Grund, warum man seinen islamischen Glauben nicht im Rahmen einer freiheitlichen Gesellschaft leben könnte. Die Effekte sind vielmehr indirekt: Kulturelle Unterschiede neigen dazu, die beschriebenen Segregationseffekte auszulösen, das treibt die Neigung zur Parallelgesellschaft an, innerhalb derer Ersatzkarrieren für junge Leute entstehen, und diese Parallelgesellschaften neigen wiederum dazu, feindlich gegenüber der offiziellen Gesellschaft zu sein und dieser ihre eigenen Regelwerke entgegenzustellen. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Dazu brauchen wir gewiss keine Leitkultur, schon gar keine, die sich mit einer vermeintlichen religiösen Überlegenheit mit Blick auf die freiheitliche Verfassung schmückt. Denn das treibt den Teufelskreis nur weiter an. Aber mit ebensolcher Deutlichkeit dürfen wir keinerlei Intoleranz im Gewande kultureller Besonderheiten im Namen der kulturellen Vielfalt dulden. Wir müssen vielmehr die Bedingungen dafür schaffen, dass die Spielregeln der freiheitlichen Gesellschaft von allen gleichermaßen respektiert werden, und dann ist es egal, was sich darunter abspielt. Nur: Wie schaffen wir das?
  2. Wir müssen bei den Zuwanderern und vor allem bei deren Kindern sehr schnell und sehr früh alles daran setzen, dass sie offenen Zugang zu Sprache, Bildung, Arbeit und Gesellschaft haben und dass wir umgekehrt einer Abschottung ihrerseits entgegenwirken. Letzteres gilt vor allem auch für die Kinder der Flüchtlinge, denn auf die wird es ankommen, wenn wir uns in zwei Jahrzehnten ansehen, ob Integration gelungen ist. Wenn diese Kinder zu jungen Erwachsenen mit guten, wenn nicht akzentfreiem Deutsch, mit einem mindestens durchschnittlichen Bildungsabschluss und mit ebensolchen beruflichen und sozialen Aufstiegsperspektiven herangewachsen sind, dann werden sie nicht anders als die Nicht-Zuwanderer bereit sein, die Grundlagen unserer freiheitlichen Verfassung zu respektieren. Ökonomisch gesehen wäre alles andere viel zu teuer für sie. Wem das zu naiv klingt, dem sei die abgeschwächte Version empfohlen: Je mehr solcher junger Erwachsene es geben wird und je besser diese Eigenschaften auf diese jungen Erwachsenen zutreffen, desto weniger von ihnen werden sich den Bauernfängern der Welt anschließen und statt dessen die Wege beschreiten, die ihnen unsere freiheitliche Gesellschaft bietet.
  3. Daher gilt: Wer immer hierher kommt, muss zuerst die Sprache und parallel dazu die nicht verhandelbaren Spielregeln der freien Gesellschaft erlernen. Warum sollten Zuwanderer also nicht erst einmal sechs Monate lang überhaupt gar nichts anderes tun als das? Und warum sollte man damit nicht sofort nach Ankunft beginnen, und zwar zumindest für alle, deren Bleibewahrscheinlichkeit eine gewisse Höhe aufweist. Natürlich kostet das, aber es ist eine Investition mit hohen Erträgen, nicht nur für die Zuwanderer, sondern auch für uns. Der Multi-Kulti-Ansatz vergangener Tage weist eine solche Strategie des Erlernens grundlegender Konventionen – zu denen auch die Sprache gehört – als kulturimperialistisch zurück, aber er erliegt damit einem fatalen Irrtum. Viele Multi-Kulti-Vertreter haben diesen Irrtum bis heute nicht überwunden. Dagegen vermittelt ein richtig verstandener Multi-Kulti-Ansatz diese Konventionen gerade deshalb, weil nur mit ihnen kulturelle Vielfalt friedlich und in gegenseitiger Achtung überhaupt erst möglich wird. Die Konventionen stehen dem nicht entgegen, sondern sie sind ganz im Gegenteil die Grundlage davon. Eigentlich sollten wir das bereits seit den Schriften von John Locke wissen.
  4. Die Kinder der Zuwanderer müssen – soweit das immer möglich ist – in ähnlicher Weise in die Gesellschaft integriert werden wie seinerzeit die Kinder der ersten Einwandererwelle von Russlanddeutschen oder sogenannten Gastarbeitern. Hierzu muss den Eltern wiederum die Einhaltung aller damit verbundenen Regeln abverlangt werden – egal ob es um den Religionsunterricht, den Sportunterricht, die Evolutionstheorie oder Sexualkunde im Biologieunterricht oder was auch immer geht. Hier darf es keine Unterschiede und keine Toleranz gegenüber der Abgrenzung geben, und zwar von keiner Seite. Denn solcherlei Toleranz ist eine Toleranz gegenüber der Intoleranz und damit in Wahrheit der Totengräber des gegenseitigen Respekts. Laut, heftig und öffentlich kann und darf über Unterrichtsinhalte gestritten werden. Aber was am Ende gilt, das muss dann für alle gleichermaßen gelten.
  5. Was bei Kindern bei guter Bildungspolitik weitgehend gelingen könnte, wird bei den jungen Erwachsenen auch unter besten Bedingungen nur sehr unvollkommen möglich sein: Sie werden unsere Sprache kaum je perfekt oder gar akzentfrei beherrschen, sie werden häufiger Akzeptanzprobleme mit den Spielregeln unserer Gesellschaft haben und sie werden – so sie mit einem geringeren Bildungsniveau zu uns kommen – ihren geringeren Bildungsstand nicht einmal unter optimalen Bedingungen je ausgleichen können. Man wird sie dennoch dazu motivieren müssen, sich so gut wie möglich zu integrieren, nicht zuletzt, damit sie die Integration ihrer Kinder in unsere Gesellschaft unterstützen. Das aber geht nicht allein und nicht einmal in erster Linie durch gute Worte. Man muss ihnen die Integration erleichtern und damit die Attraktivität der Nicht-Integration verringern. Dazu bedarf es neben dem möglichst guten Spracherwerb vor allem eines offenen Zugangs zum Arbeitsmarkt. Hier aber haben vor allem die Gering-Qualifizierten ohnehin schon Probleme. Und nun mag man es hören wollen oder nicht: Eine Integration ist unter Wahrung von Löhnen, die bei Nicht-Zuwanderern als marktüblich gelten, schlechterdings unmöglich. Die ersten Gewerkschafter haben schon den Kampf gegen „Lohndrückerei“ angekündigt, so zum Beispiel ver.di Chef Frank Bsirske. Aber ein Verbot von Lohnzugeständnissen kommt in aller Regel einem Arbeitsverbot für Zuwanderer gleich, und nichts ist mit Blick auf fast alle hier angesprochenen Fragen schlimmer als ein Arbeitsverbot: Es läuft im Prinzip auf eine Nicht-Integrations-Garantie hinaus.

Leider ist der letzte Punkt öffentlich so gut wie nicht zu vermitteln, und es steht zu befürchten, dass die Integration der Flüchtlinge vor allem an diesem Punkt scheitern wird. Aber wenn wir uns an die Staubsaugerwirkung des Arbeitsmarktes in den 1950er Jahren erinnern, die innerhalb einer Dekade sechs Millionen Zuwanderer plus zwei Millionen einheimischer Arbeitsloser absorbiert hat, und wenn wir umgekehrt an die ghettoisierten Jugendlichen in den Pariser Vorstätten von heute denken, die praktisch außerhalb der offiziellen Wirtschaft und Gesellschaft stehen, dann wird deutlich, um was es hier geht. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann kommen wir auch an diesem Punkt nicht vorbei: An jeder Ecke hören wir in diesen Tagen den Ruf nach der Solidarität, dem Mitgefühl und nicht zuletzt auch nach der Opferbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen. Zu diesen ehrenwerten Motiven, die aus dem Herzen kommen, muss sich aber eine Einsicht gesellen, die uns der Verstand sagt, und die lautet: Wenn alle Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen, dann wird das nicht ohne Folgen für das Lohnniveau bleiben können – für das der Flüchtlinge nicht und auch nicht für das der Nicht-Flüchtlinge.

Gelingt die Integration in den Arbeitsmarkt, dann werden die Löhne sinken und auf absehbare Zeit auch nicht schnell wieder ansteigen können – was bekanntlich noch nichts über das Einkommen sagt, denn es ist allemal besser, wenn der Staat etwas zum Einkommen dazugibt als wenn er alles zahlt und die Empfänger außerhalb der Gesellschaft stehen, weil sie keinen Job und damit in der Regel auch keine Brücke zur inländischen Gesellschaft haben. Daher gilt umgekehrt: Wird der Lohneffekt der Arbeitsmarktintegration blockiert, dann wird auch die Arbeitsmarktintegration selbst blockiert. Dann aber wird auch die Integration in die Gesellschaft nicht gelingen, und es wird in der Konsequenz die Akzeptanz der Spielregeln unserer Gesellschaft verringert. Es wird das Sprachvermögen nicht gefördert, es wird die Ghettoisierung vorangetrieben, und schließlich wird sich alles das dann auch auf die nachfolgende Generation der Flüchtlingskinder auswirken. Und dann werden wir Flüchtlingsstadtteile haben, die ganz eigenen Gesetzen folgen und in denen Menschen leben, die weder ein Interesse noch eine Chance dazu haben, am Leben der Mehrheit teilzuhaben. In der Mehrheitsgesellschaft wiederum werden wir es dann erneut mit jenen zu tun bekommen, die die kulturelle Vielfalt als Bedrohung empfinden, und das wird kein Wunder sein, weil wir dann nämlich jene Bedingungen geschaffen haben, die kulturelle Vielfalt nicht zur Chance, sondern zur Last werden lässt.

Thomas Apolte

Thomas Apolte

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Thomas Apolte

8 Antworten auf „Chance oder Last?
Wie wir die Flüchtlinge integrieren müssen

  1. Integration ist in erster Linie eine Frage der Menge. Die Probleme lösen sich bei kleineren “Kontingenten” beinahe von selbst. Man muss sich zwangslaufig integrieren, eine Meinung die auch viele MIgranten teilen. Zwischen den “Welcome alles gut” Schreiern und der “Lügenpresse – ziehen wir eine Mauer hoch” Partie ist ein großer Bereich der Graustufen, hier sollte man, wie im Artikel angesprochen die Diskussion objektiv ansetzen. Hauptproblem ist aber, noch immer die Verteilung die hohen Mengen auf wenige Länder begrenzt, speziell die ehemals realsozialistischen Länger verweigern. Siehe: http://www.borsh.eu/2015/09/22/altes-und-neues-europa-uneinig-in-fl%C3%BCchtlingsfrage/

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