Ein Plädoyer für das Ende staatlicher Wachstumspolitik

Von Michael Neumann am 4. Dezember 2016
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Michael Neumann
Jade Hochschule, Wilhelmshaven

Eines der Primärziele der deutschen Wirtschaftspolitik ist seit jeher die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt hierzulande eine verlässliche Wachstumsrate im  niedrigen einstelligen Bereich. Auch von den Krisenjahren, die auf den globalen Zusammenbruch der Finanzmärkte folgten,  erholte sich die deutsche Wirtschaft rasch und nimmt in der Europäischen Union seit Jahren wieder eine Vorreiterposition in Sachen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ein. Davon sollte eigentlich auch der einzelne deutsche Bundesbürger profitieren. Schließlich wächst mit der Wirtschaftsleistung im Durchschnitt auch das individuelle Einkommen; und damit steigt der Verfügungsrahmen für den Konsum von Waren und Dienstleistungen. Der Bundesbürger hätte demzufolge allen Grund, mit jedem Zuwachs an Einkommen ein wenig glücklicher zu werden. Doch laut den Ergebnissen der empirischen Glücksforschung entspricht das nicht der Realität.

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Dass  Einkommen allein nicht glücklich macht, und dass mehr Einkommen einen Menschen (langfristig) daher auch nicht glücklicher werden lässt, ist keine Entdeckung aktueller Studien. In der Literatur ist dieses Phänomen als das Easterlin-Paradoxon schon seit langem bekannt. Richard Easterlin (1974) untersuchte in einer internationalen Langzeitbefragung den Zusammenhang von Wohlbefinden und Wohlstand – und er fand erstaunlicherweise eben keinen langfristigen positiven Zusammenhang. Dieses auf den ersten Blick merkwürdige Ergebnis konnte er nicht erklären, äußerte aber die Vermutung, dass der Status und damit die relative Position in der Gesellschaft eine bedeutende Erklärungsgröße für die Lebenszufriedenheit des Einzelnen sei; und dass zudem unbewusste Anpassungs- bzw. Gewöhnungseffekte an Wohlstand das Wohlbefinden schließlich auf einem unveränderten Level beruhen ließen. Letzteren Gedanken erklärt die sogenannte Adaptionstheorie: Wer auf der Einkommensleiter nach oben klettert, wird durch jeden Einkommenszuwachs zufriedener. Doch dieser Effekt ist kurzfristiger Natur, da der Mensch sich an das zusätzliche Einkommen schnell gewöhnt. Sein Wohlbefinden geht dann stets wieder zurück auf das Ausgangsniveau. So strampeln die Menschen – nach der Theorie der Glückforscher – wie in einer Tretmühle erfolglos ihrem Glück nach. Sie strampeln sich ab, erzielen zunehmend höhere Einkommen, werden aber nicht dauerhaft glücklicher.

Dies führte in den letzten Jahren zu scheinbar sinnvollen, interessant klingenden Ideen, wie wirtschaftspolitische Maßnahmen das Wohlbefinden der Menschen fördern könnten und sollten. So zielte etwa ein geäußerter Vorschlag auf eine höhere Besteuerung des Arbeitseinkommens ab. Der Mensch würde dann, so die Idee, weniger arbeiten. Ein Ausstieg aus der Tretmühle werde erzwungen, und der Zuwachs an Freizeit hätte eine positive Auswirkung auf das Wohlbefinden. Andere – in der Politik eher beachtete Ansätze – dienen der künstlichen Ankurbelung der Wirtschaftsleistung, um mit mehr Durchschnittseinkommen immer wieder Glücksmomente zu erzeugen (und damit Wahlen zu gewinnen).

Auch Inglehart et al. (2008) werteten in einer Studie Daten (und zwar jene des World Values Survey seit 1981) zur Erklärung des subjektiven Wohlbefindens aus. Ihre Analyse ist multivariat; sie betrifft auch Themenbereiche wie Religion, Gesellschaftsform oder multikulturelles Zusammenleben. Inglehart et al. (2008) wiesen in ihrer Analyse zum Beispiel einen markanten Zusammenhang von subjektivem Wohlbefinden und Religiosität nach. So zeigen Menschen in vielen Ländern Südamerikas – wo Menschen als besonders religiös gelten – trotz eines geringen Pro-Kopf-Einkommens ein hohes subjektives Wohlbefinden. Die tiefe Verbundenheit mit dem Glauben erzeugt möglicherweise eine stärkere positive Wirkung auf das Wohlbefinden als ein höherer Wohlstand und wird daher nicht von dem in diesen Ländern geringen Einkommen überlagert. Neben der Religiosität erweisen sich vor allem aber der Ausbau der demokratischen Gesellschaftsform und die Toleranz gegenüber Randgruppen als wesentliche Einflussgrößen auf das subjektive Wohlbefinden. Andere Quellen zeigen, dass eine gute Vertrauensbasis in der Gesellschaft oder gut ausgebaute demokratische Mitspracherechte die Lebenszufriedenheit steigern können.

Hinsichtlich des Status und seiner Auswirkungen auf das Wohlbefinden gilt in der Literatur die seinerzeitige Vermutung Easterlins inzwischen als bestätigt: Der Vergleich mit einer Referenzperson oder mit einer Referenzgruppe sowohl in der Gegenwart als auch im Zeitverlauf haben eine bedeutende Wirkung auf das eigene Wohlbefinden:

Dem Menschen geht es bei der Beurteilung seiner Zufriedenheit nicht allein um sein eigenes Einkommen oder Vermögen, sondern er berücksichtigt auch die Personen in seinem Umfeld hinsichtlich ihres Einkommens und ihres Besitzes; zudem zieht er Status-Vergleiche. Verdient eine Vergleichsperson mehr, wirkt sich dies negativ auf das eigene Wohlbefinden aus. Unabhängig von der Höhe des eigenen Einkommens lässt den Menschen ein höheres Einkommen des eigenen Nachbarn unglücklicher werden mit der eigenen Situation. Zudem bestimmt sich das eigene Wohlbefinden zusätzlich durch den Vergleich der eigenen Einkommensentwicklung im Zeitverlauf. Wenn das Vergangenheitseinkommen niedriger ist als das Gegenwartseinkommen, folgt daraus eine höhere Lebenszufriedenheit. Vice versa wird das Wohlbefinden negativ beeinträchtigt, wenn das Vergangenheitseinkommen höher war, als es das Gegenwartseinkommen ist. Beim Vergleich mit einer Referenzgruppe steigt das eigene Wohlbefinden an, wenn bei der Referenzgruppe eine positive Einkommensentwicklung erkennbar ist. Dies ist auch bekannt als Tunneleffekt: Die positive Einkommensentwicklung anderer lässt jeden Menschen für sich selbst ebenfalls diese positive Entwicklung erhoffen. War die Referenzgruppe aber schon immer wohlhabender, ist der Effekt auf das Wohlbefinden hingegen negativ.

Der Mensch vergleicht sich gerne und oft. Solche Vergleichsprozesse haben eine beachtliche Wirkung auf unser Wohlbefinden. Dieser Tatsache muss die Politik Rechnung tragen. Aber wie kann eine Wachstumspolitik dem gerecht werden? Ist es überhaupt möglich, dem gerecht zu werden? Wachstumspolitik kann – und selbst dies ist umstritten – bestenfalls das Durchschnittseinkommen heben. Üblicherweise geht dabei Wachstum aber mit einer auseinandergehenden Einkommensschere einher. Die höheren Einkommen profitieren also stärker als die niedrigeren Einkommen; die Bezieher der niedrigeren Einkommen werden damit selbst dann unglücklicher, wenn ihre eigenen Einkommen steigen. Das künstlich mit Staatsmaßnahmen zu befeuern ist keine gute Politik für alle.

Einerseits sind die meisten Menschen bestrebt, sich durch Erwerbsarbeit ihr Einkommen zu sichern und dieses durch eine berufliche Karriere auch zu vergrößern. Das bedeutet einen Zuwachs an Status und Zufriedenheit. Der eigene Aufstieg macht glücklich. Andererseits: Was hier des einen Freud ist, ist des anderen Leid: Wer von seinen Referenzpersonen bei ihrem Aufstieg überholt wird, ist unglücklich. Das individuelle Glück ist im gesellschaftlichen Kontext gesehen also stets relativ. Es muss daher irrelevant sein für eine Wirtschaftspolitik, die allen Menschen dienen soll.

Lösungsansätzen, die mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen das subjektive Glück der Menschen via Wirtschaftswachstum und Einkommensanstiegen steigern wollen, ist daher eine klare Absage zu erteilen. Wesentlich besser ist es, auf demokratischen Diskurs, auf Toleranz und auf wirtschaftliche Freiheit zu setzen. Diese Elemente sind nachweislich geeignet, die Lebenszufriedenheit aller Menschen einer Gesellschaft gleichzeitig zu erhöhen. Staatliche Maßnahmen zum Wirtschaftswachstum sind es hingegen nicht. Wenn aus Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Freiheit heraus Fortschritt entsteht und dadurch die wirtschaftliche Leistung eines Landes ansteigt, so ist solcherart entstandenes Wachstum ein erfreulicher Nebeneffekt. Es sollte aber nicht das Ziel der Politik sein.

Literatur

Easterlin, R. (1974): Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence, in Nations and Households in Economic Growth: Essays in Honor of Moses Abramovitz, New York: Academic Press, S. 89-125.

Inglehart, R.F. / Foa, R. / Peterson C. / Welzel, C. (2008): Development, Freedom and Rising Happiness – A Global Perspective (1981-2007), Perspectives on Psychological Science, 3, Nr. 4, S. 264-285.

 

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2 Reaktionen zu “Ein Plädoyer für das Ende staatlicher Wachstumspolitik”

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