Zeit der Nullsummenspieler

Donald Trump ist jetzt der 45. US-Präsident. Dies wird die geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten rund um den Globus erhöhen. Das wirtschaftliche Miteinander wird nicht einfacher. Bestehende Handelsabkommen stehen auf dem Prüfstand und neue Handelsabkommen sind derzeit nicht wahrscheinlich. Die Instabilitäten beschränken sich nicht auf das ökonomische Miteinander, auch die geopolitischen Spannungen dürften nicht geringer werden. Das latent angespannte Klima mit China, Russland und dem Mittleren Osten wird nicht besser. Das Verhältnis der USA mit Europa wird vielleicht neu geordnet. Dem sich bereits seit 2014 eintrübenden globalen Investitionsklima (siehe Abbildung) wird eine höhere weltpolitische Instabilität jedenfalls nicht förderlich sein.

Dazu kommt der anstehende Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU), der einen zusätzlichen Schleier der Ungewissheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung wirft. Zum einen erhöht sich durch den angekündigten Brexit die konjunkturelle Unsicherheit. Das gilt nicht nur für die kurz- und mittelfristigen Perspektiven der britischen Wirtschaft, sondern auch für die ihrer europäischen und globalen Handelspartner. Zum anderen wirft der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der EU aber auch einen weiten Schatten auf den gegenwärtigen Zustand und die weiteren Perspektiven der Union selbst. In den einzelnen Ländern und zwischen den Ländern wird um die Neuausrichtung der Aufgabenverteilung zwischen den nationalen und gemeinschaftlichen Politiken gerungen. Die Wahlen in einigen europäischen Ländern in diesem Jahr werden dies forcieren. Die Grundfreiheiten des Europäischen Binnenmarktes werden nicht mehr mit der großen und gewohnten Selbstverständlichkeit hinsichtlich ihrer Wirkung auf Wachstum und Wohlstand gesehen. Zu den angemessenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen und Reformen mit Blick auf Wachstumsschwäche und Staatsverschuldung gibt es keinen nachhaltigen Konsens. Und nicht zuletzt zeigte sich ungeachtet der neuen Situation in den USA wenig Geschlossenheit bei der Ausgestaltung der künftigen Handelsbeziehungen mit anderen Weltregionen. Die sperrigen Verhandlungen im Rahmen von TTIP und Ceta haben dies gezeigt. All das hat unmittelbare Auswirkungen auf das gesamte europäische Geschäftsumfeld der Unternehmen – und damit auf ihre Anreize, mit Investitionen ihre Produktionskapazitäten zu pflegen und gegebenenfalls zu erweitern.

Der Wahlausgang in den USA und die britische Volksabstimmung zum Verbleib in der EU stehen letztlich aber auch für einen latenten Hang zu einem stärkeren Protektionismus und Nationalismus. In den Schwellenländern werden die ökonomischen Errungenschaften der Globalisierung zum Teil ebenfalls in Frage gestellt. Es findet generell eine breit angelegte Auseinandersetzung darüber statt, ob Wachstum – und die dahinter stehenden Treiber wie zum Beispiel die Globalisierung – zu einer höheren Ungleichheit innerhalb der Länder führt. Ungeachtet der Fakten unterstützt dies protektionistische Tendenzen aus allen politischen Richtungen und wirkt dämpfend auf die globalen Investitionen. Die Effizienz- und Wohlstandvorteile für den Großteil der Bevölkerungen durch die Globalisierung werden ausgeblendet.

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Die ökonomischen Folgen der gegenwärtig politisch verursachten Unsicherheiten sind bereits sichtbar. Die globale Investitionstätigkeit ist seit dem Jahr 2014 rückläufig (Abbildung). Lässt man das Krisenjahr 2009 außen vor, dann war zuvor seit dem Jahr 2002 ein durchgehender Anstieg der weltweiten Bruttoanlageinvestitionen zu beobachten. Das globale Investitionsvolumen stieg von 2002 bis 2014 um über 150 Prozent auf fast 20.000 Milliarden US-Dollar an. Dabei hat sich vor allem die Investitionstätigkeit in den aufstrebenden Volkswirtschaften erheblich erhöht. Ihr Anteil an den weltweiten Investitionen stieg von gut 20 Prozent zur Jahrtausendwende auf nunmehr 50 Prozent an. Die Verlagerung der globalen Investitionstätigkeit hin zu den Schwellen- und Entwicklungsländern hat maßgeblich zum Aufholprozess dieser Volkswirtschaften beigetragen. Den Globalisierungsgegner in fortgeschrittenen Ländern ist dies möglicherweise ein Dorn im Auge – nach dem Motto: Was dort investiert wird, fehlt bei uns. Jedenfalls setzt sich derzeit dieser globale Konvergenzprozess zwischen den Schwellen- und Entwicklungsländern insgesamt und den fortgeschrittenen Volkswirtschaften nicht weiter fort. Möglicherweise kommt es künftig im Gefolge von geopolitischen Unsicherheiten und protektionistischen Maßnahmen zu Strukturverlagerungen bei der weltweiten Investitionstätigkeit. Einer eingeschränkten oder schwierigeren Exporttätigkeit begegnen weltmarktorientierte Unternehmen vielleicht mit einer stärkeren Investitions- und Produktionstätigkeit in den mit Blick auf den Güterhandel protektionistischen Ländern. Geht also die Rechnung der Protektionisten auf?

Es gibt Gewinner und Verlierer im Kontext neuer protektionistischer Wirtschaftspolitiken. Offen ist indes, ob das Ganze ein Nullsummenspiel sein wird: Was das eine Land an Investitionen attrahiert, geht dann in einem anderen Land mehr oder weniger gleichermaßen verloren. Zu befürchten ist jedoch ein Negativsummenspiel: Das weltweite Investitionsvolumen geht infolge von Unsicherheit und Protektionismus absolut zurück und es gibt mehr Verlierer als Gewinner. Den Protektionisten ist dies im Zweifel egal, solange sie sich unterm Strich als Gewinner sehen.

Eine solche in erster Linie politisch verursachte globale Investitionsschwäche bleibt nicht ohne Folgen für das künftige Wachstumspotenzial vieler Länder. Das gilt zum einen für die aufstrebenden Volkwirtschaften. Dort wächst die Bevölkerung weiter an. Dies muss von einer forcierten Kapitalbildung begleitet werden, um die Produktivität und den Lebensstandard zu steigern. Zur weiteren Kapitalbildung gibt es auch in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften keine Alternative. Angesichts der ab den 2020er Jahren einsetzenden ökonomischen Bremseffekte infolge des rückläufigen Erwerbspersonenpotenzials sind dort zusätzliche Wachstumsbeiträge durch die Produktionsfaktoren Kapital und technisches Wissen notwendig. Langwierige Investitionsschwächen beeinträchtigen nicht nur die künftigen Wachstumsbeiträge des Faktors Kapital. Durch Investitionen in neue Anlagen wird in der Regel auch die neueste Technologie eingesetzt und die damit einhergehenden Effizienzgewinne können realisiert werden. Eine Verlangsamung bei der Sachkapitalbildung dürfte auch mit entsprechenden schwächeren Wachstumsbeiträgen des technischen Fortschritts einhergehen. Unsicherheit kann auch die Anreize zum technischen Fortschritt dämpfen. Zu Letzterem zählen nicht nur alle technologischen, sondern auch organisatorische Veränderungen. Eine Dimension des technischen Fortschritts sind die internationalen produktionsseitigen Verflechtungen eines Landes. Eine Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung über Vorleistungshandel ist wie technischer Fortschritt zu interpretieren. Entsprechend können sich Beschränkungen bei der Internationalisierung der Wertschöpfungsketten infolge von Protektionismus als technischer Rückschritt interpretieren lassen.

Literatur:

Grömling, Michael, 2017, Globale Investitionsflaute infolge eskalierender Unsicherheiten, in: Wirtschaftsdienst, Nr. 1, S. 72-74

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