Pro & Contra
Geht die Schere zwischen Arm und Reich bei uns auseinander?

Von Wirtschaftliche Freiheit am 1. September 2017
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Wirtschaftliche Freiheit
Das ordnungspolitische Journal

Eine mehr oder weniger stark empfundene soziale Ungerechtigkeit treibt weite Teile der Bevölkerung in Deutschland um, aber auch viele Politiker und Ökonomen. Die erste strittige Frage ist, woran man sie festmacht: An ungleichen Einkommen? Am ungleich verteilten Vermögen? Oder an ungleichen Chancen? Konsens besteht darüber, dass in einer sozialen Marktwirtschaft eine Ergebnisungleichheit nicht zu vermeiden, wahrscheinlich sogar unabdingbar ist, um die richtigen Anreize zu setzen. Doch wenn die Schere zu weit auseinandergeht, sorgt dies für sozialen Unfrieden. DIW-Direktor Marcel Fratzscher und RWI-Präsident Christoph M. Schmidt sind unterschiedlicher Meinung darüber, ob die Ungleichheit in den letzten Jahren zugenommen hat und folglich natürlich auch darüber, worauf diese Feststellung fußt.


Pro: Prof. Dr. Marcel Fratzscher

claschabb1Prof. Dr. Marcel Fratzscher leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität Berlin. Darüber hinaus ist er u.a. Vorsitzender der Expertenkommission zur „Stärkung von Investitionen in Deutschland“ der Bundesregierung. Im vergangenen Jahr hat Fratzscher ein Buch herausgebracht mit dem Titel: „Verteilungskampf – warum Deutschland immer ungleicher wird.“

Hauptargumente: Deutschland steht in allen drei Ungleichheitsbereichen (Chancen, Einkommen, Vermögen) deutlich schlechter da als noch vor 30 Jahren. Arm bleibt arm, reich bleibt reich: Den sozialen Aufstieg zu schaffen, wird bei uns immer schwieriger.

Ursachen: Die soziale Mobilität ist in Deutschland wesentlich geringer als anderswo. Immer mehr Menschen sind massiv von staatlichen Transferleistungen abhängig und können so nicht mehr frei über ihr eigenes Leben entscheiden. Die unteren 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung haben geringere Reallöhne als noch vor 15 Jahren. Sehr viel mehr Personen als früher sind prekär- und/oder teilzeitbeschäftigt.

Problem: Die Ungleichheit ist in Deutschland nicht deswegen so hoch, weil die Marktwirtschaft so gut funktioniert, sondern weil sie nicht funktioniert. Gleiches gilt für die soziale Komponente der Marktwirtschaft. Das hängt sehr eng damit zusammen, dass viele Kinder und auch Erwachsene keinen Zugang zu guter Bildung haben.

Politikvorschläge: Deutlich mehr Investitionen in Bildung, gleichzeitige Umgestaltung des Bildungssystems, mehr Gerechtigkeit, beispielsweise gleiche Besteuerung von Vermögen und Arbeit, grundlegend neu überarbeitete Familienpolitik.

 

Contra: Prof. Dr. Christoph M. Schmidt
claschabb1Prof. Dr. Christoph M. Schmidt ist Präsident am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Zum März 2009 wurde Schmidt in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen, seit dem Frühjahr 2013 ist er dessen Vorsitzender. Immer wieder stellt Schmidt öffentlich in Frage, dass die Ungleichheit in Deutschland tatsächlich zunimmt.

Hauptargumente: Weder die Einkommensverteilung vor Steuern als auch die nach staatlicher Umverteilung hat seit 2005 zugenommen. Die Mindestsicherungsquote, also der Anteil der Empfänger von Transferleistungen, sank sogar in dieser Zeitspanne. Die Einkommensungleichheit ist bei uns im internationalen Vergleich durchschnittlich. Die Analyse der Vermögensungleichheit unterliegt starken konzeptionellen Problemen.

Ursachen: Zunahme der Beschäftigung und Rückgang der Arbeitslosigkeit seit 2005, nicht zuletzt wegen der Hartz-Reformen. Zu den unteren Einkommensschichten zählen teils andere Personen als vor zehn Jahren – und zwar diejenigen, die davor arbeitslos waren, nun aber einer, wenn auch geringer entlohnten Beschäftigung nachgehen – ein Zeichen für eine positive Entwicklung.

Problem: Relative Indikatoren wie die Armutsquote sagen nichts über die tatsächlichen Lebensverhältnisse aus. Steigen alle Einkommen von heute auf morgen gleichmäßig, dann bleiben diese Indikatoren gleich, obwohl sich die wirtschaftliche Lage unterer Einkommensschichten verbessert hat.

Politikvorschläge: Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Landes, Priorisierung der Infrastruktur gegenüber hoher Sozialleistungen, Schaffung eines wachstums- und beschäftigungsfreundlichen Steuersystems.

Hinweis: Pro & Contra wurde zusammengestellt von Redenschreiber J. Rieger. Der Beitrag erschien in Heft 7-8 (2017) der Fachzeitschrift WiSt.

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Eine Reaktion zu “Pro & Contra
Geht die Schere zwischen Arm und Reich bei uns auseinander?”

  1. Paul J.Sparwasser

    Also z.B. in einem Punkt ihrer Ursachen/Hauptargumente scheinen sich die beiden „Kontrahenten“ zu widersprechen:
    Prof. Dr. Marcel Fratzscher (Ursachen): Immer mehr Menschen sind massiv von staatlichen Transferleistungen abhängig und können so nicht mehr frei über ihr eigenes Leben entscheiden.
    (wohl seit 30 Jahren!)

    Prof. Dr. Christoph M. Schmidt (Hauptargumente): Die Mindestsicherungsquote, also der Anteil der Empfänger von Transferleistungen, sank sogar in dieser Zeitspanne. (wohl seit 2005! also 12 Jahren)

    Demnach ist zwar der Anteil der Empfänger von Transferleistungen seit 12 Jahren zurückgegangen (Prof. Schmidt)- aber bezogen auf den Zeitraum vor 30 Jahren (seit 1987) sind heute immer mehr Menschen auf Transferleistungen abhängig!?? D.h. die gute „alte Zeit“ vor 1987 gab es weniger Transferleistungen als heute (2017) (Prof. Fratscher)-glücklicherweise geht es uns aber seit 2005 (21 Jahren) wieder besser (Prof. Schmidt)-doch aber offenbar noch immer Nicht so gut wie in den Jahren vor 1987 (vor 30 Jahren).

    Interessant wäre dazu mal auch eine numerische Gegenüberstellung, wie Anzahl der Transferempfänger (1987,2005, heute 2017) und Anzahl der Beschäftigten & Relation Transferempfänger/Beschäftigen.
    Zu beachten ist auch, 1987 hatten wir noch keine Wiedervereinigung (1989! – die mußte ja auch „verkraftet werden“!) und die hartz 4-Reform ist ja erst zum 1.1. 2005 -also vor 12 Jahren „in Kraft getreten“!

    Auch sollten die beiden Prof. mal Vergleiche mit dem EU-Durchschnitt (Transferempfänger, Anzahl der Beschäftigten usw.) und einigen exemplarischen Nachbarländern z.B. Frankreich, Italien, Spanien, Österreich, Schweiz, Großbritannien, Osteuropa (z.B. Polen) gegenüberstellen, um die BRD „europäisch“ einzu ordnen“.

    Auch ein Vergleich mit den USA in dem Zeitraum dürfte höchst interessant sein, um z.B. auch den Wahlerfolg von Donald Trump zu verifizieren! In den letzten zehn Jahren soll es in den USA kaum (durchschnittliche) Netto-Einkommenszuwächse bei den Durchschnittsverdienern gegeben haben!???

    Auch die Privatvermögenszuwächse sollten in einem „länderbezogenen“ Vergleich mal betrachtet werden, denn es wird ja behauptet, dass gerade die BRD in den letzten Jahren (seit 2005 z.B.) kaum Vermögenszuwächse bei den Privathaushalten verzeichnen konnte!???

    „Gefühlt“ halte ich selbst eigentlich die aktuell gebotenen „Sozialleistungen“ in der BRD für angemessen und auskömmlich („gut“)-gegenüber (vielleicht) anderen Ländern. Meine Beobachtung schließe ich u.a. auch auf die großen unkontrollierten Migrantenströme (insbesondere 2015)- die ja ausgerechnet die „kühle“ BRD als (haupt-)Ziel hatten & weniger andere bzw. Nachbarländer der BRD. Also so „schlecht in den Sozialleistungen“ kann damit ja die BRD auch NICHT sein!

    Ich bedanke mich wieder für die hervorragende Themendarstellung -& Auseinandersetzung und wäre mich freuen zu meinen ergänzenden Fragen zeitnah angemessene Antworten zu erhalten, mit freundlichem Gruß Paul J. Sparwasser

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