Verliert Deutschland seine Innovationskraft?
Die nächste Gefahr des Digitalisierungsprozesses

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Jahrzehnte lang sind uns in Deutschland durch die digitale Revolution Unternehmensstandorte verloren gegangen. Dies ist heute jedoch keine große Bedrohung mehr für die heimische Wirtschaft. Dafür droht die Gefahr der Abwanderung von know how und vor allem des Verlusts unserer Innovationsfähigkeit.

Aber der Reihe nach:

Hinter dem Begriff der Digitalisierung verbirgt sich das Voranschreiten von IT-gestützten Prozessen, welche die Erhebung und Verarbeitung von Daten betreffen. Die Digitalisierung beruht auf der so genannten IKT-Revolution. Die Möglichkeiten, Informationen in digitalisierter Form zu speichern, erhöhen sich in kurzer Zeit: So verdoppelt sich (nach einer empirisch überprüfbaren Faustregel von Gordon Moore) die Komplexität integrierter Schaltkreise alle 12 bis 24 Monate. Auch das Kommunikationsnetzwerk ist mit dem Internet immer weiter ausgebaut worden. Kommunikation mit anderen Regionen der Welt mit Grenzkosten von nahezu null ist in Echtzeit problemlos möglich geworden. Der technische Fortschritt in diesem Bereich ist ebenfalls sehr schnell: So verdoppelt sich die Datenübertragungsrate etwa alle sechs Monate.

Dieser Prozess der Digitalisierung hat sich längst in Form von neuen Geschäftsmodellen und Wettbewerbsstrukturen auch auf den Arbeitsmärkten der Welt ausgewirkt. Arbeitsinhalte sowie Produktions- und Arbeitsprozesse haben sich durch die Digitalisierung und die mit ihr einhergehende Automatisierung verändert. Als früher – zu Beginn der industriellen Revolution – noch hohe Transport-, Kommunikations- und Mobilitätskosten vorlagen, fanden Produktion, Arbeitseinsatz und Konsum üblicherweise gebündelt an einem Ort statt. Die Produktionsstätten waren damit geographisch gleichmäßig über die Regionen verteilt. Mit der Erfindung der ersten Dampfmaschine, dem damit möglichen und schnell zunehmenden kommerziellen Hochseeschiffverkehr und dem Bau der Eisenbahn kam es zu einer ersten Entbündelung von Produktion und Konsum (Baldwin, 2016).

Durch die immer weiter sinkenden Transportkosten wurde sogar internationaler Handel in großem Ausmaß möglich. Produktion und Konsum fielen räumlich zunehmend auseinander. Es wurde zur Gewohnheit, Güter zu konsumieren, die in anderen Teilen der Welt produziert wurden. Da Kommunikation und Mobilität nach wie vor jedoch teuer waren, kam es zu Agglomerationsprozessen von Produktionsstätten an wenigen Orten. Hier konnten Unternehmen gemeinsam auf verfügbares Humankapital sowie Vor- und Zwischenprodukte zugreifen; hier entstanden know how und Innovationen; hier kam es zu einem raschen technischen Fortschritt.

Baldwin (2016) beschreibt in seinem Buch „The Great Convergence“, wie die Länder mit solchen Agglomerationsräumen stärker vom technischen Fortschritt profitieren konnten als jene Länder, die sich auf landwirtschaftliche Produkte spezialisierten und somit keine Agglomerationszentren für Industriegüter aufwiesen. Der zunehmende internationale Handel führte zu einer Industrialisierung von Westeuropa, Nordamerika und Japan und zu einer Deindustrialisierung des Mittleren Ostens, Chinas und Indiens. Technischer Fortschritt, Wirtschaftswachstum und Einkommen entstanden vor allem in den Industrienationen des Westens. Es kam zu einer Auseinanderentwicklung der weltweiten Einkommen. Deutschland profitierte hiervon.

Dank der IKT-Revolution sind nun auch die Kommunikationskosten dramatisch gefallen. Dies macht es den großen Industrieunternehmen in den Agglomerationsräumen bereits seit längerer Zeit möglich, Teile ihrer Produktion in andere Länder zu verlagern. Man nennt diese Verlagerungen von Betriebsstätten ins Ausland Offshoring. Dies lohnte sich für viele Unternehmen, soweit in weniger entwickelten Ländern wie China oder Indien die zur Produktion benötigten Arbeitskräfte reichlich vorhanden und deshalb günstig waren. Industrielle Wertschöpfungsketten wurden durch Outsourcing und Offshoring immer länger. Wo solches Offshoring stattgefunden hatte, profitierten die weniger entwickelten Länder, in denen sich die Betriebsstätten der Unternehmen ansiedelten. Hier entstanden nun ebenfalls know how und Innovationen, Fortschritt und Wirtschaftswachstum. Gerade am Beispiel China lässt sich dies über die letzten Jahrzehnte gut erkennen.

Die sogenannten Niedriglohnländer erfüllten im Rahmen des Offshoring primär eine bestimmte Aufgabe: Sie lieferten lohnkostengünstig die Komponente der einfachen Arbeit im industriellen Wertschöpfungsprozess. Möglich machte diese Entwicklung ein Zusammenspiel von Verdopplung, Entkopplung und regionaler Divergenz (Berthold et al., 2007):

  • Es handelte sich bei den ins Ausland verlagerten Tätigkeiten der industriellen Produktion primär um Routinearbeiten, für die auch Unqualifizierte und Angelernte schnell eingearbeitet werden konnten. Die durch die Marktöffnungen Chinas, Indiens, der südamerikanischen und der osteuropäischen Staaten zustande gekommene Verdopplung des weltweiten Angebots an einfacher Arbeit sorgte international für geringe Lohnkosten für geringqualifizierte, einfache Arbeitsleistung. Die im weltweiten Vergleich hohen Lohnkosten für Unqualifizierte in Deutschland, aber auch für Qualifizierte mit bestimmten Berufsabschlüssen in der Industrie konnten so durch Offshoring eingespart werden. Die vorhandenen Lohnunterschiede verursachten Offshoring.
  • Dank des technischen Fortschritts wurde es möglich, die Produktionsprozesse so aufzuspalten, dass die Lohnkostenvorteile nutzbar wurden. Die Erzeugung eines Produktes oder einer Dienstleistung wurde in viele kleine Zwischenschritte, in Aufgaben, zerlegt. Diese Aufgaben mussten dank der Digitalisierung nicht mehr an einem Ort gebündelt werden, sondern konnten voneinander räumlich entkoppelt werden. Großen Einfluss hatten auch weiterhin sinkende Transportkosten, denn sie ermöglichten es erst, Zwischenprodukte zwischen den Betriebsstätten zu transportieren und so die Aufgaben räumlich so zu trennen, dass die Unternehmen von den Lohnkostenvorteilen verschiedener Standorte tatsächlich Gebrauch machen konnten. Diese Entkopplung der Aufgaben ermöglichten Offshoring.
  • Die neue ökonomische Geographie liefert die passende Erklärung dafür, dass eine konvergente Entwicklung der Regionen trotz Offshoring in ärmere Regionen der Welt unterblieb. Im Prozess der Entkopplung kam es zur Entstehung ökonomischer Agglomerationszentren, in den die Einkommen schneller wuchsen als in der sie umgebenden Peripherie. Es erfolgte eine regionale Divergenz. Entscheidend für diesen Prozess waren die verbliebenen Transportkosten zwischen den Regionen: Die Größe eines regionalen Marktes entscheidet bei Existenz von Transportkosten über das Entstehen eines Ballungsraumes. Sie kann sowohl auf dem Beschaffungsmarkt wie auch auf dem Absatzmarkt Agglomerationskräfte entfalten.

Unternehmen profitieren, was ihre benötigten Inputs anbelangt, von der räumlichen Nähe zu Zulieferern und zum know how, und damit vor allem von einem großen Pool an entsprechend qualifizierten Arbeitskräften. Standorte werden daher gerne in räumlicher Nähe zu diesen benötigten Inputs des Produktionsprozesses gewählt. Die neue ökonomische Geographie nennt dies einen „backward linkage“. Benötigen Firmen ähnliche Inputs und das gleiche know how für ihre Produktion, so siedeln sie sich trotz etwaiger Konkurrenz untereinander in der Nähe desselben Inputangebotes an. Das Silicon Valley ist hierfür das beste Beispiel. Es entsteht ein industrieller Agglomerationsraum. Das know how wiederum begibt sich dann ebenfalls in diese Zentren, weil dort das Angebot an Arbeitsplätzen besser ist. Es entsteht ein brain drain.

Auf der anderen Seite benötigen Unternehmen je nach Transportkosten einen mehr oder weniger guten räumlichen Zugang zum Absatzmarkt ihrer Produkte. Sind die Transportkosten der Endprodukte bedeutend, wird das Unternehmen lieber in einem Gebiet mit hoher Kaufkraft produzieren. Dieses Phänomen nennt man einen „forward linkage“. Ballen sich viele Unternehmen in einem Markt mit vergleichsweise hoher Kaufkraft, wird diese Region auch zum Leben attraktiver. Zum einen entfallen teure Transportkosten, zum anderen erhöht sich die Vielfalt der beziehbaren Produkte und Dienstleistungen. Die Lebensqualität im Ballungsraum steigt, Konsumenten suchen sich bewusst einen solchen Ballungsraum als Lebensraum. Der Zuzug in die Großstädte, wie er auch in Deutschland zu beobachten ist, belegt, dass dieser forward linkage weiterhin wirkt. Die Marktgröße im Ballungsraum nimmt zu, es entsteht eine Spiralwirkung, weitere Unternehmen folgen.

Nun ist die Digitalisierung mittlerweile mehrere Schritte weiter als noch vor ein bis zwei Jahrzehnten, als Offshoring und Outsourcing auch in Deutschland als Bedrohungen für den Industriestandort angesehen wurden und Sinn (2005) in diesem Zusammenhang von der Basarökonomie Deutschland sprach. Spannenderweise ist Offshoring in der öffentlichen Debatte aber nicht mehr das heiße Thema früherer Zeiten, und dies hat seinen Grund: Digitalisierung und Automatisierung machen es mittlerweile möglich, einfache Routinetätigkeiten zunehmend von Maschinen statt von Menschen erledigen lassen. Frey und Osbourne (2013) sehen daher nahezu die Hälfte der Arbeitsplätze in den westeuropäischen Staaten in Gefahr, durch Roboter und Technik ersetzt zu werden. Genau diese Routinetätigkeiten machten jedoch früher auch die Entkopplung der Produktionsprozesse im Offshoring erst möglich; sie waren es, welche eine Substitution inländischer durch ausländische Betriebe und eine Nutzung der Verdopplung des weltweiten Arbeitskräftepotenzials ermöglicht haben.

Heute lassen sich Offshoring-Pläne vom Unternehmen meist durch Automatisierungsprozesse substituieren. Dies hat für die heimischen Unternehmen einen unschätzbaren Vorteil: Das Unternehmen muss die heimische Regulierungswelt nicht verlassen. Es braucht sich nicht den Unsicherheiten ausländischer, oft diktatorisch gesteuerter Regulierungen auszusetzen. Dies ist natürlich nur dann ein Vorteil, wenn die heimische Regulierung wirtschaftsfreundlich ausgestaltet ist.

Wie aber wird es in Zukunft weitergehen?

Die Transportkosten für Waren und physische Zwischenprodukte werden – das ist nun kaum noch spekulativ – wohl erst einmal nicht weiter fallen. Werden im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte und des Klimaschutzes nämlich höhere Steuern für Mobilität und Gütertransport fällig, so werden wir zukünftig in einer Welt leben, wo Kommunikation und Automatisierung günstig sind, Warenhandel jedoch vergleichsweise wieder teurer sein wird. Solche Transportkosten aber werden weiterhin für eine regionale Divergenz der Einkommen sorgen, weil es forward linkages oder backward linkages gibt. Doch hier wird sich etwas Wesentliches verschieben: Der backward linkage der Agglomationskräfte dürfte durch die Möglichkeiten von Telework und Plattformökonomie in Zukunft nämlich in seiner Bedeutung nachlassen. Die Verfügbarkeit einer Ballung von know how am Produktionsstandort wird an Bedeutung verlieren. Der weiterhin wichtige forward linkage über die Größe bzw. die Kaufkraft des Absatzmarktes wird es jedoch den westlichen Agglomerationszentren leichter machen, ihre Industrien zu halten und sogar im Offshoring verlorene Aufgaben wieder zurückzugewinnen. Produktion vor Ort spart schließlich Transportkosten. Allerdings müssen die westlichen Agglomerationszentren aufpassen, dass sie die geeigneten Rahmenbedingungen so setzen, dass das know how und die Innovationen ebenfalls vor Ort bleiben. Denn diese sind nicht mehr so wie früher zwingend an die Produktion vor Ort geknüpft. Sie aber generieren Fortschritt und Wachstum. Es wäre schade, würden wir sie komplett an die USA oder an China verlieren. Die Gefahr ist derzeit durchaus vorhanden.

Quellen:

Baldwin, R. (2016): The Great Convergence, Cambridge

Berthold, N., M. Neumann und J. Zenzen (2007): Die Zukunft der Arbeit – Verdopplung, Entkoppelung, regionale Divergenz, in: Ohr, Renate (Hrsg.): Arbeitsmarkt und Beschäftigung, Schriften des Vereins für Socialpolitik, 318, Berlin, S. 9-34

Frey, C. B. und M. A. Osborne (2013): The Future of Employment. How Susceptible are Jobs to Compute­risation?, Oxford

Sinn, H.-W. (2005): Basar-Ökonomie Deutschland -Exportweltmeister oder Schusslicht?, ifo Schnelldienst, Vol. 58, Nr. 6, S. 3-42

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