Die Moral der Finanzkrise

Was als private Finanzkrise begann und sich zunächst in eine Rezession verwandelte, zeigt nun sein wahres Gesicht einer Dauerkrise der öffentlichen Finanzen. Die Krise der Politik ist die eigentliche Gefahr, die Finanzkrise, wirkt hier nur verschärfend.

Die große Koalition der beiden sozialdemokratischen Parteien hat das Strukturproblem vor allem der westlichen Demokratien erkannt. Sie hat sich durch die weitgehend unbeachtete Verfassungsreform, die auf mittlere Frist ausgeglichene Haushalte fordert, in der letzten Legislaturperiode ein Denkmal verantwortlichen politischen Handelns gesetzt. Hoffen wir, dass unsere Verfassungstreue ausreicht, um ein entsprechendes Verhalten in Zukunft herbeizuführen. Wenn wir als Bürger verfassungstreu sind und das Verfassungsgericht nicht mit überpositivem Naturrecht herumhantierend ein Schlupfloch öffnet, wird die Bundesrepublik sich langfristig vermutlich auf einem sehr guten Wege befinden. Insoweit ist ein gewisser Optimismus angebracht.

Für die Bewältigung der aktuellen Krise, hilft uns die auf lange Frist angelegte Regeländerung noch nichts. Wir alle tappen im Nebel der Unsicherheit über die richtigen Strategien der Krisenbewältigung. Soll man mehr Schulden machen, wie die einen meinen oder weniger, wie die meisten Bürger und viele andere Ökonomen glauben? Soll man Griechenland helfen oder nicht? Sollen Arbeitsplätze gesichert werden oder der Wandel beschleunigt? Was sind die richtigen kurzfristigen Maßnahmen, um uns unseren langfristigen Zielen näher zu bringen?

Wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass wir eigentlich nichts gesichert wissen. In dieser Situation ist es nicht unplausibel, sich auf den sogenannten  moralischen Kompass zu besinnen. Aber leider hilft der auch nicht wirklich weiter.

Mit moralischem Orientierungswissen aus der Krise?

Wer mehr Moral und mehr moralisches Engagement fordert, darf stets mit breiter Zustimmung rechnen. Darauf spekulieren unsere zustimmungs- und unterstützungsinteressierten Medienvertreter und Politiker. Also rufen sie mit uns in der Krise nach mehr Moral.

Wir alle treten für das Gemeinwohl ein. Sobald man aber nach einer spezifischen Vorstellung von Gemeinwohl, die realisiert werden soll, fragt, hört die Einigkeit auf. Das sogenannte moralische Orientierungswissen, das vorgeblich wegeisend wirken soll, wenn man sonst wenig weiß, ist wenig wert, wenn die moralischen Kompassnadeln in ganz verschiedene Richtungen zeigen.

Solange die Dinge sich gut entwickeln, akzeptieren wir eher zögerlich die Pluralität. Kommt es zu größeren Krisen, sinkt die Akzeptanz der Vielfalt. Politisch und medial bildet die Finanzkrise einen Anlass, die vom moralischen Pluralismus gespaltenen gesellschaftlichen Reihen zu schließen. „Seid moralisch, seid verantwortlich!“ ist aber keine sinnvolle Forderung. Wenn alle ihrem eigenen moralischen Kompass folgen, wird jeder in eine andere Richtung gehen wollen.

Gesellschaftlich sind wir daran interessiert, dass es viele unterschiedliche Sichtweisen gibt. Nur so können wir sicherstellen, nicht alle Eier in einem Korb zu haben. Das hilft dem einzelnen aber hinsichtlich seiner eigenen (moralischen) Überzeugungsbildung nicht weiter. Die Finanzkrise ist insoweit durchaus lehrreich.

Moralisches Versagen?

Generell werden die Bereitschaft zum Engagement und zum Glauben an eine gute Sache von den Anhängern der verschiedensten „guten Sachen“ als Tugend herausgestellt. Vor allem im politischen und im religiösen Bereich richtet diese Art von „Moral“ großen Schaden an. Aber Leichtgläubigkeit und blindes Engagement für die Erkenntnisse einer halb-verstandenen Wissenschaft sind ebenso übel.

Das zentrale Versagen des Bankmangements beruhte nicht auf Gier und selbstinteressiertem Verhalten. Es bestand darin, bestimmte Tugenden der Selbstkritik und kritischen Urteilsbildung nicht mehr hinreichend zu pflegen. Die beiden großen Untugenden des blinden Engagements und des blinden Glaubens haben im Finanzsektor zu blindem Vertrauen auf die wissenschaftliche Fundierung bestimmter Theorien und Modelle geführt. Risiken auf der Basis statistisch geprüfter Verfahren abzusichern und nicht der ominösen Intuition von erfahrenen Experten in diesen Dingen zu vertrauen, war im Finanzbereich gewiss ein Fortschritt. Das übermäßige Vertrauen in diese Methoden, das zum Teil quasi-religiöse Züge angenommen hat, indem man der hohen Kunst der „Finanzmathematik“ ohne kritische Rückfragen und die von den Theoretikern durchaus geforderten Einschränkungen folgte, war fatal.

In gewisser Weise wusste man zwar — beziehungsweise konnte man wissen –, dass die Risiken womöglich weit größer sein konnten, als die Modelle und die Märkte es unterstellten. Man beruhigte sich aber mit dem überinterpretierten Wissen der Experten und der These, dass die Märkte im allgemeinen effizient sind. Die These, dass Märkte immer richtig liegen, ist jedoch keineswegs überzeugend. Was sich antizipieren lässt, das wird womöglich von Märkten optimal oder doch besser als von einzelnen Individuen berücksichtigt. Die ganz andere Auffassung, dass sich „alles“ antizipieren lasse, wird durch nichts gestützt. Wir leben nicht in einer kleinen Welt, in der wir über alle möglichen Weltzustände und deren Folgen vernünftige Wahrscheinlichkeitsverteilungen besitzen.

Diese Ungewissheit erlegt uns moralische Pflichten auf. Die Normen rationaler Praxis unter Ungewissheitsbedingungen werden zwar typischerweise nicht als moralische Normen bezeichnet. Sie sind aber vermutlich die wichtigsten moralischen Normen überhaupt. „Mehr kritische Rationalität praktizieren!“ wäre eine sinnvolle Moralforderung. Das ist jedoch im Nachgang der Finanzkrise gerade nicht gefordert worden. Man hat vielmehr in naiver Weise so getan, als hätte man selbstverständlich wissen können, welche Gefahren drohten und vor allem auch wann.

Die Voraussicht der Krise

Es ist auf halbwegs komplexen Märkten klar, dass es zu Krisen kommen wird, aber unklar, zu welchem Zeitpunkt. Bestimmte Personen sagen immer voraus, dass die Börsenkurse fallen, andere, dass sie steigen werden. Bestimmte Personen sehen voraus, dass Kredite gefährdet sind, während andere argumentieren, dass bestimmte Kredite zu den gängigen Risikoprämien ein gutes Geschäft darstellen. Irgendwann wird jemand, der täglich die Krise voraussagt, Recht behalten. Wenn es ihm dann gelingt, seine anderweitigen vorherigen Erklärungen vergessen zu machen, steht er als großer Held da. Genauso kann jemand in die umgekehrte Richtung gehen und den großen Aufschwung vorhersagen. Auch er wird ab und zu Recht behalten.

Die Börsen mit ihren Möglichkeiten, Verkaufs- und Kaufoptionen zu platzieren, scheinen die besten Anhaltspunkte über den Stand des Wissens zu bieten, indem sie die Vermutungen aller Marktteilnehmer zusammenführen. Insoweit haben insbesondere die Anhänger der sogenannten Shareholder Value Ansätze auch moralisch respektable Gründe dafür gehabt, sich an der Marktkapitalisierung der Unternehmen als wesentlicher Größe zu orientieren. Der Pflicht, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und die eigenen Erfolge und Misserfolge an allgemeinen Maßstäben kritisch zu messen, wurde damit zunächst auf eine plausible Weise Genüge getan. Denn, wenn man davon überzeugt ist, dass in jedem Augenblick Kapitalmärkte über die Börsen Unternehmen optimal (im Sinne der geringsten Irrtumswahrscheinlichkeit relativ zum gegebenen Kenntnisstand aller Akteure) bewerteten, dann sollten sich anscheinend auch die Vorstände von großen Unternehmen an diesen Bewertungen orientieren. Sofern sie daran glauben, dass die Märkte auch mit Bezug auf ihr eigenes Unternehmen in der Tendenz mehr wissen als sie selber, handeln sie zunächst richtig, wenn sie den Wert der Aktien zur Bewertung ihres eigenen Handelns heranziehen.

Denkt man den Gedanken allerdings bis zu seinem logischen Ende, dann müssten sich Manager börsenorientierter Unternehmen vollständig an der täglichen Bewertung durch die Börse orientieren. Das ist absurd, weil es die Fehlbarkeit auch der Vernunft von Märkten nicht in Rechnung stellt. Eine Unternehmensführung kann sich zwar nicht der Bewertung durch den Markt entziehen, sie muss aber die eigenen Bewertungen zukünftiger Strategien nicht völlig der Marktbewertung unterstellen. Es ist nicht irrational, nach eigenen Hypothesen und Kriterien vorzugehen, sofern man bereit ist, sie zu testen und aus den eigenen Fehlern zu lernen. So setzten sich ja auch in der Wissenschaft Neuerungen gegen die Anfangswahrscheinlichkeit und die abweichenden Überzeugungen der Wissenschaftlergemeinschaft durch.

Eine plausible Moral verlangt vom Manger Risiken im Bewusstsein der Beschränktheit des eigenen Wissens umsichtig einzugehen. Sie verlangt, die eigenen Überzeugungen stetig zu prüfen und sich nicht blind auf Theorien und das Wissen anderer zu verlassen. An diesen Grundeinstellungen haben es viele Mitglieder der Finanzwelt fehlen lassen. Dabei hatten sie zunächst großen Erfolg. Sie und viele andere – einschließlich der öffentlichen Hände – verdienten lange sehr gut. Dennoch war das Handeln nach der hier vertretenen Auffassung auch moralisch falsch, insoweit es nicht sorgfältig nach den Irrtumsmöglichkeiten suchte.

Es ist aber ebenso falsch zu schließen, dass es weise ist, sich von Märkten zu verabschieden bzw. diese vollständig zu gängeln und durchzuregulieren, nur weil sie Herdenverhalten und Blasen ermöglichen. Am Ende wird der Preis für die gänzliche Vermeidung von Herden-Risiken so hoch sein, dass das Pendel in die Gegenrichtung und erneut über das Ziel hinaus schwingen wird. Viel besser als der von Beginn aussichtslose Versuch der Krisenvermeidung ist es, das System insgesamt robust zu machen, so dass es Krisen besser verdauen kann. Es ist merkwürdig, dass jene, die Blasen und Herdenverhalten beklagen, in der Meinungsbildung zur Finanzkrise gar nicht schell genug mit der Herde rennen können. Etwas mehr kritische Distanz und Vernunft wäre auch hier nicht schlecht.

2 Antworten auf „Die Moral der Finanzkrise“

  1. Moral:
    Die größte Finanzkrise seit 1929 geht bald zu Ende? Schade, es war die schönste. 1927 mussten meine Vorfahren aufgrund der Finanzkrise nach Brot und Arbeit anstehen. Finanzkrise 2007 bedeutete: Übernahme der Bankschulden und 2500,- € für ein 10 Jahre altes Auto. Keiner musste hungern, die Arbeitslosigkeit stieg, gesamtwirtschaftlich gesehen, nicht an.

    2007 war wirklich schlimm, für einige fast schlimmer als als der 2. Weltkrieg, dennoch wünsche ich sie mir zurück, mein Auto war erst 4 Jahre alt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.