Austerität als Zeitsignatur
Oder: Warum Paternalismus auch keine Lösung ist

Das Regime, unter dem nicht erst seit der aktuellen Fiskalkrise alle Wohlfahrtsstaaten stehen, heißt Austerität: Es ist der disziplinierende Zwang, künftig mit weniger oder gar keinen Schulden auszukommen. Griechenland kürzt die Beamtenpensionen, Spanien lockert den Kündigungsschutz und Deutschland streicht den Heizkostenzuschuss. Wie hilflos und letztlich unzureichend auch immer dies sein mag: Schulden zu machen ist für Staaten schwieriger geworden – zumal trotz in Aussicht gestellter Rettungsschirme die Kapitalmärkte ihre Risikoaufschläge nicht nennenswert reduzieren.

Die Goldenen Jahre der wohlfahrtsstaatlichen Nachkriegszeit, die Nostalgiker wie der britische Historiker Tony Judt („Ill Fares the Land: A Tretease on our Present Discontents.” London: 2010) bis heute als Fliehgröße utopischer Sehnsucht betrachten, verfallen vor dem nüchternem fiskalischen Rückblick zum „Zeitalter permissiver Staatsfinanzen“. Auch wenn moralische Deformation und hypertropher Versorgungsanspruch des Sozialstaates vom Prinzip her schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts sichtbar wurden, so sprengen die Summen, die zu seiner Finanzierung heute benötigt werden, alle Vorstellungskraft. Subsidiarität und Subsistenz als Gründungsvorbehalt des Sozialstaates gerieten (absichtsvoll) in Vergessenheit.

Der Sozialstaat zaubert sich seine Leistungserfüllung aus Schulden zusammen. Seit den 70er Jahren sind die Haushalte nahezu aller Staaten notorisch defizitär, auch und gerade trotz wachsender Steuer- und Beitragszahlungen. Es gilt das Wagnersche Gesetz, benannt nach dem Finanzwissenschaftler und Kathedersozialisten Adolph Wanger (1835 bis 1917), wonach der ins Unermessliche steigende Finanzbedarf von Wohlfahrtsstaaten anders als durch Schulden nicht zu decken ist.

Ansprüche, die zu großen Teilen über Schulden finanziert werden, erzeugen die Illusion sozialen Wohlstands. Sie gaukeln eine Sicherheit vor, die nicht gedeckt ist. Diese Illusion, das zeigt die europäische Fiskalkrise des Jahres 2010, ist dabei zu platzen. Die sozialstaatlich motivierte Horrorverschuldung der Staaten wird zur „Todesspirale des Wohlfahrtsstaates“ (Robert Samuelson). Inzwischen bewegen sich alle OECD-Staaten auf eine explizite Verschuldungsquote von 90 Prozent und mehr zu. Allein Deutschland war schon vor der Finanzkrise mit 1,5 Billionen Euro verschuldet. Nun sind daraus 1,7 Billionen geworden.

Die Fiskalkrise des Euroraums zwingt die Staaten nun zum Umsteuern. Auch wenn nicht alle Länder eine Deutschland vergleichbare Schuldenbremse einführen werden und selbst wenn Deutschland sein Ziel ausgeglichener Haushalte nicht durchsetzen kann: Eines ist trotzdem klar. In nächster Zeit werden politische Verteilungsdebatten und moralische Gerechtigkeitsdiskurse, wie wir sie jetzt sehen, noch zunehmen. Mehr noch: Der politische Spielraum der Regierungen wird zunehmend schrumpfen. Die demokratische Gestaltungsfreiheit auf allen Ebenen (auch den kleinsten Gebietskörperschaften) ist so begrenzt wie noch nie. Das ist für Politiker, die gerne mit Geld Stimmen maximieren, per se schon eine Kränkung. Es ist aber auch ein Armutszeugnis für jedes Gemeinwesen.

Weil Staaten einen solchen Zustand der Lähmung unter dem Diktat der Austerität nur schwer ertragen, sinnen sie erkennbar auf Auswege. Diese Auswege sind gefährlich:

1. Erschließung neuer Einnahmequellen, die die geminderte Neuverschuldung kompensieren. Erfunden werden neue Gebühren (Fernsehgebühren auch für Haushalte ohne Fernseher), neue Beiträge und offene oder verkappte Steuererhöhungen. Aus Sicht des Staates ist die Gerechtigkeitsdebatte eine gut zu nutzende camouflierte Fiskaldebatte. Kein Wunder, dass Leute wie der Saarländer Peter Müller (CDU) nicht nur den Spitzensteuersatz erhöhen wollen, sondern zugleich eine konfiskatorische Luxussteuer auf Yachten und Brillanten erfinden. Das ist ein räuberisches Konzept: Wieder einmal zeigt sich der Staat von seiner hässlichen Seite, als „stationärer Bandit“ (Mancur Olson).

2. Paternalismus. Das ist eine derzeit sehr beliebte Masche, die Regierungen nutzen, weil sie nichts kostet und Politikern gleichwohl die Chance gibt, sich als Wohltäter ihrer Untertanen zu präsentieren. Also werden Gütesiegel für alles und jedes erfunden, Frauenquoten in Vorständen verordnet und Rauchen in Kneipen verboten. Das ist ein autoritäres Konzept, auch in seiner neuen, vornehmen Form des „libertarian paternalism“ oder „soft paternalism“, die vorgibt, die Menschen nur dorthin zu schubsen, wo sie selbst bei klarem Verstand hinwollen, hätten sie nur ihren „inneren Schweinehund“ überlistet. Aber es hilft alles nichts: Paternalismus entmündigt, korrumpiert und macht Menschen abhängig.

Ein Beispiel aus der Froschperspektive des Autors: Seit Einführung des Anwohnerparkens, für die die Anwohner zahlen müssen (eine eindeutig paternalistische Maßnahme mit protektionistischer Stoßrichtung) finde ich keinen Parkplatz mehr (oder wenigstens schlechter als vorher, als es den Schutz nicht gab und das Parken umsonst war): Denn wenn ich abends heim komme, ist der Anwohnerschutz schon ausgelaufen. Da aber der Paternalismus immer Kontrolle braucht (den neue Blockwart) kriege ich jetzt viel häufiger ein Knöllchen zum Preis von fünf oder zehn Euro), weil ich einen Meter zu nah an der Kurve stehe (die anderen Plätze waren ja schon belegt). Der Staat hat hier also 1. und 2. gewählt, Paternalismus (von dem ich nichts habe) und neue Einnahmequellen (weil ich dafür mehr zahle).

Die bessere Antwort auf Austerität wäre Subsidiarität. Das ist das Konzept, das einer liberalen Bürgergesellschaft in konservativ-christlicher Tradition am ehesten angemessen ist. Subsidiarität heißt, die Menschen ermuntern, sich selbst ihrer Dinge anzunehmen (dann muss das Austeritätsregime einen auch nicht depressiv machen) und staatlich nur mäeutisch einzugreifen oder eben da, wo der Bürger andernfalls hilflos wäre. Subsidiarität kommt – wie der Paternalismus – den Staat billig, ist aber viel besser und freiheitskompatibler. Subsidiarität wäre das Gegenkonzept zu allen Versuchungen einer zentralistischen „europäischen Regierung“ oder einer paneuropäischen Transferunion: Statt Cross-Border-Rettungsaktionen muss jeder für sich selbst Verantwortung übernehmen. Dazu womöglich nächstens mehr.

20 Antworten auf „Austerität als Zeitsignatur
Oder: Warum Paternalismus auch keine Lösung ist

  1. Kurz, treffend, erfrischend!
    Ergänzung: Eine noch bessere Antwort auf Austerität als Subsidiarität ist “Non-Zentralismus”. Während Subisidiarität leicht ausgehöhlt und in das Gegenteil verkehrt werden kann, setzt das Konzept von Robert Nef konsequent und prinzipientreu auf den Aufbau einer Gesellschaft von der Privatautonomie her.

  2. Schöne und meines Erachtens sehr zutreffende Analyse. Ob die Austerität sich aber tatsächlich als faktischer Zwang herausstellen wird, ist für mich noch nicht raus: Wie jede gesellschaftliche Ordnung steht auch die freiheitlich-bürgerliche unter Legitimationsvorbehalt. Die staatlichen Schulden seit den 70ern sind ja im Grunde nichts anderes, als der Versuch, diese Legitimation trotz aller Widrigkeiten aufrechtzuerhalten, sprich: zu erkaufen. Insofern lieferten und liefern sich die politischen Parteien einen Bieterwettstreit, mit unterschiedlichen Zielgruppen zwar, aber nicht notwendigerweise unterschiedlichen Geboten. Anders gesagt: Ob links oder rechts – die Defizite wuchsen kontinuierlich.

    Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das ab morgen irgendwie anders läuft. Und in Wahrheit ist die Austerität zunächst einmal nur ein semantisches bzw rhetorisches Phänomen, dem die praktische Politik noch keine echten Anstrengungen folgen hat lassen. Die gleiche Regierung, die das Sparen wie eine Monstranz vor sich herträgt, zeichnet verantwortlich für die höchste Neuverschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik.

    Aber was reden wir eigentlich: Habermas hat dazu bereits 1971 alles gesagt, was es zu sagen gibt. Ob man ein und dieselbe Sache nun als Sozialstaat aufzieht (wie in Deutschland) oder als gigantisches Rüstungsprogramm (wie in USA) ist eigentlich Jacke wie Hose. Wo die Reise hingeht, insbesondere für die Deutschen, lässt sich meines Erachtens sehr schön in Japan beobachten. Und dort bekanntlich von “Austerität” keine Spur.

  3. Lieber weissgarnix,

    mag sein, dass die freiheitlich-bürgerliche Gesellschaft unter einem Legitimationsvorbehalt steht.

    Die staatliche Neuverschuldung steht allerdings unter einem Finanzierungsvorbehalt. Der war in den Industrienationen allerdings jahrzehntelang nicht wirksam, weil es diesen Staaten klaglos gelang, sich am Markt zu verschulden, wobei staatliche Anreize ebenso eine Rolle gespielt haben wie das lange Zeit geringe Interesse von Kapitalsammelstellen für staatliche Bonitätsrisiken.

    Aber das beginnt sich zu ändern, und damit büßen Regierungen und politische Parteien an Handlungsspielraum ein.

    Übrigens hat auch der neue japanische Regierungschef angekündigt, es gehe nicht mehr weiter wie bisher. Die Japaner haben jahrzehntelang ihre Staatsschulden fast gänzlich im Inland untergebracht, was unter anderem wegen der hohen Sparquote funktionierte. Aber alleine aus demografischen Gründen sinkt dort die Sparquote, und diese demografischen Gründe werden nicht nur für Japan gelten.

    Jetzt gibt es 2 Möglichkeiten:

    1. Die Industrienationen fangen an, ihre Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen. Das wird allerdings dauern, aber entscheidend ist, dass man damit anfängt. Und damit ist Europa derzeit anderen Industrienationen mit hohen Schuldenbergen voraus.

    2. Reinhart/Rogoff kennen aus historischer Perspektive allerdings noch eine zweite Möglichkeit: “financial repression”. Will sagen, die Staaten zwingen inländische Kapitalsammelstellen (unter Einschluss von Zentralbanken), Staatspapiere aufzukaufen. Martin Wolf hat das vor ein paar Wochen in der FT thematisiert.

    Vielleicht werden wir – von Land zu Land unterschiedlich – Kombinationen von 1 und 2 sehen. Aber ich denke schon, dass wir in Bezug auf Staatsverschuldung in den Industrienationen uns inmitten einer Zeitenwende befinden. Erst dieser Tage sagte mir ein international agierender Vermögensverwalter für Großkunden: Anleihen großer Schwellenländer seien auch aus Bonitätsgründen mittlerweile attraktiver als Anleihen vieler Industrienationen.

    Was diese Zeitenwende aus makroökonomischer Sicht bedeutet, ist ein Thema für sich und fraglos sehr umstritten. Zur Frage, ob Deutschland den japanischen Weg gehen wird, ist es sehr interessant, das neue Buch des Chef-Volkswirts der HSBC, Stephen D. King, zu lesen, der sich dort unter anderem mit der Frage befasst, wie Japan dort landen konnte, wo es jetzt ist.

    Viele Grüße
    Gerald Braunberger

    P.S. Kompliment dafür, dass Sie in Ihrem Blog immer mal wieder über Foster/Catchings schreiben. Aus dogmengeschichtlicher Sicht ist das eine interessante Quelle. Zur Frage, ob sich Keynes bei ihnen “bedient” hat, findet man zumindest in den großen Keynes-Biografien von Skidelsky und Moggridge nichts. Ich werde ein wenig in den “Collected Writings” blättern, wenn ich mal etwas Zeit dafür habe.

  4. Hallo Herr Braunberger,

    das kann doch nicht ihr Ernst sein, oder ?

    Die westlichen Staaten werden anfangen zu sparen ? Ich lache mich kaputt. Staatliche Institutionen, einmal von checks and balances befreit, haben noch nie und ich wiederhole NOCH NIE seriöse Fiskal-, Wirtschafts- und Geldpolitik betrieben. Soll ich Ihnen Beispiele nennen ?

    Was wir erleben ist nicht ein “restructuring” der alten imbalances sondern eine Verschiebung zu Gunsten der staatlichen Obrigkeit. Was unter “Austerität” wirklich verstanden werden soll ist das begraben des privaten Finanzierungssektors und das weitere Überleben des staatlichen. Mag sein, dass für die nächsten, ich weiss nicht, 1 – 3 Jahre diese Programme durchgezogen werden, aber dann warten Sie einmal ab, was danach kommt. Interessanterweise hat Hans Werner Sinn auf der diesjährigen Präsentation der Ifo HV den Vergleich mit den 1930igern angestellt. Ein weiser Mann, in der Tat …

    Sehen Sie, der “Aufschwung” in der Welt heute, ist der gleiche wie nach 2001. Nur viel viel schlimmer. Wenn die Stimuliprogramme der großen Volkswirtschafen auslaufen, was denken Sie wird dann passieren ? Ich gebe Ihnen einen Tip: physisches Drucken !

    Herr Braunberger, wenn Sie nur Staatsanleihen verwalten, haben Sie nichts ! Was sind denn Staatsanleihen ? Richtig, Sie verbriefen die Zinszahlung von durch private Produktion erbrachte Steuer- und Abgabeleistungen. Aber sehen wir es uns doch einmal an; ist der Staatsanteil exorbitant hoch, wie soll dann die Zinslast aufgebracht werden ? Von daher kann ich nur sagen: alle die jetzt Staatsanleihen besitzen, haben nichts gelernt. Sicher, die “institutionellen Großkunden” werden höchstwahrscheinlich keine Verluste auf diese Papiere hinnehmen müssen, aber Real haben Sie nichts. Verstehen Sie das doch endlich. Aber, es gibt natürlich noch einen zweiten Weg um Staatszinsen zu tilgen; und das wäre Krieg. Aber was solls, das ist eben Geopolitik und passt nicht hierher.

    Das Problem ist schlussendlich, dass Keynes mit seiner pragmatischen Theorie ein Glaubwürdigkeitsproblem im Sinne der Machbarkeit der Rückführung dieser Programme hat. Und wenn ich mir die Akteure auf Regierungsebene ( egal ob national, kontinental oder global ) ansehe muss ich feststellen, dass die Handlungen in der Vergangenheit bei diesen Leuten zu wiederholtem Fehlverhalten führen wird.

    Viel Spass bei der Suche nach Erkenntnissen !

  5. Lieber Gerald Braunberger

    >mag sein, dass die freiheitlich-bürgerliche Gesellschaft unter einem Legitimationsvorbehalt steht.

    Ich meinte das in einem hobbesianischen Sinne – nur um Missverständnissen vorzubeugen.

    >Die Japaner haben jahrzehntelang ihre Staatsschulden fast gänzlich im Inland untergebracht, was unter anderem wegen der hohen Sparquote funktionierte. Aber alleine aus demografischen Gründen sinkt dort die Sparquote, und diese demografischen Gründe werden nicht nur für Japan gelten.

    Das ist diese Logik, mit der ich absolut nichts anfangen kann. Wenn die Japaner eine hohe Sparquote haben und im Gegenzug Staatsanleihen der japanischen Regierung kaufen, dann passiert technisch gesehen nichts anderes, als dass der Staat an Stelle des japanischen Privatsektors konsumiert. Wenn jetzt die Japaner anfangen, ihr Einkommen selber zu verkonsumieren, dann besteht für den Staat kein Grund, seine Defizite in unverändertem Ausmaß aufrecht zu erhalten. Aus Makro-Sicht ist das “a wash” – wie die Amis zu sagen pflegen. Er hat also in diesem Maße auch keine Finanzierungssorgen mehr.

    >1. Die Industrienationen fangen an, ihre Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen.

    Da nicht jeder Exportweltmeister werden kann, halte ich das praktisch für ein Ding der Unmöglichkeit. Deutschlands Sparpolitik beruht implizit auf der Verschuldungsbereitschaft des Auslands. Da gleichzeitig die deutsche Regierung davor zurückschreckt, eine Politik der Haushaltsüberschüsse zu fahren, werden die industriellen Überschüsse weitgehend im Privatsektor verbleiben. Wir werden daher in Deutschland weiterhin Rekordsparquoten bei annähernd gleichbleibenden Haushaltsdefiziten sehen – da gehe ich jede Wette ein.

    >2. Reinhart/Rogoff kennen aus historischer Perspektive allerdings noch eine zweite Möglichkeit: “financial repression“. Will sagen, die Staaten zwingen inländische Kapitalsammelstellen (unter Einschluss von Zentralbanken), Staatspapiere aufzukaufen. Martin Wolf hat das vor ein paar Wochen in der FT thematisiert.

    Ich habe den Wolf-Beitrag in meinem Blog zu einem eigenen Artikel “Vergesst die Staatsschulden (Part II)” verarbeitet. In meinen Augen hat Wolf absolut Recht. Es ist, wenn man so will, eine etwas entschärfte Variante von Keynes’ “Euthanasie des Rentiers”. Nach dem Motto: Du kannst dein Geld dem Staat geben oder sonst gar nix damit machen.

    >Aber ich denke schon, dass wir in Bezug auf Staatsverschuldung in den Industrienationen uns inmitten einer Zeitenwende befinden.

    Ich nicht – aber das ist eine Glaubensfrage.

    >Erst dieser Tage sagte mir ein international agierender Vermögensverwalter für Großkunden: Anleihen großer Schwellenländer seien auch aus Bonitätsgründen mittlerweile attraktiver als Anleihen vieler Industrienationen.

    Und dennoch werden die großen Bondholder ihre Portfolios nicht mir nix dir nix in Anleihen aus Schwellenländern umschichten können – alleine schon aus institutionellen Gründen. Das genaue Gegenteil ist doch der Fall: Wenn eine Regierung mal wirklich Ernst macht mit Sparen, und entsprechend ihre Neuemissionen zurückfährt, dann schreien die Versicherungen und Pensionsfonds als allererstes.

    >Was diese Zeitenwende aus makroökonomischer Sicht bedeutet, ist ein Thema für sich und fraglos sehr umstritten.

    Fraglich wie gesagt, ob überhaupt eine Zeitenwende vorliegt.

    >P.S. Kompliment dafür, dass Sie in Ihrem Blog immer mal wieder über Foster/Catchings schreiben.

    Danke.

    >Aus dogmengeschichtlicher Sicht ist das eine interessante Quelle.

    Zumindest gab sie F.A. Hayek den Anlass, einen seiner besseren Essays zu schreiben. Und – angeblich – nahm sich Roosevelt die Ideen der beiden ja als Vorbild für seinen “new deal” (obwohl ich das selber nicht glaube).

    >Zur Frage, ob sich Keynes bei ihnen “bedient“ hat, findet man zumindest in den großen Keynes-Biografien von Skidelsky und Moggridge nichts. Ich werde ein wenig in den “Collected Writings“ blättern, wenn ich mal etwas Zeit dafür habe.

    “Profits” markiert quasi eine Weggabelung: die eine Abzweigung sieht in der Stabilisierung bzw Begünstigung der Investitionsnachfrage ihr Heil (Keynes wie auch alle Supply-Sider), die andere will fehlende Einkommen auf der Konsumentenseite ausgleichen (Foster/Catchings selbst, Sismondi usw). Wenn ich keck sein wollte, dann würde ich die General Theory als sonst nichts weiter beschreiben, als den Versuch eines klassischen Ökonomen (und das war der Money-JMK ja noch), das Werk von Foster/Catchings auf sein eigenes geistiges Universum zu adaptieren. Nur zur zeitlichen Einordnung: 1925 bringen F/C ihr “Profits”, 1929 gehen sie dann mit “Road to Plenty” in die breite Öffentlichkeit. Und 1930 bringt JMK die Treatise raus, die im hinteren Teil das Gegenteil von dem behauptet, was im vorderen Teil geschrieben wurde, inklusive der Erläuterung des Meisters im Vorwort, dass er innerlich zerrissen und das Buch daher nicht aus einem Guß sei. Zufall?

  6. Herr Braunberger,

    wir wollen ja nicht auf Ihnen herumreiten. Sicher haben auch Sie mit einigen Äusserungen Recht. Aber wenn man nicht sieht, wie das Strassenbild zusehends schlechter wird, dann versteht man gesellschaftliche Entwicklungen nicht. Ich meine, ich denke dies ist eine gewisse Art von Gabe, die nicht jeder besitzt ( ich ja auch nicht unbedingt … ).

    Wissen Sie, es gibt viele “Experten”. Denken Sie Buffett ist ein super intelligenter Mensch ? Hell no, er versteht nur sein Handwerk, mehr nicht.

    Wissen Sie, es ist ja nicht an uns zu entscheiden, was in unseren Breitengraden passiert. Dafür haben wir zu viele Fehler gemacht. Das “unwinding” der westlichen Welt hat schon längst begonnen und wir können dies nur durch massivste Eingriffe beenden. Was diese allerdings soziologisch zur Folge haben, möchte ich nicht einmal erahnen. Egal wie es kommt, es wird steinhart werden.

  7. Lieber weissgarnix,

    zum Thema Austerität/Staatsverschuldung/Makroökonomik besteht mein Problem darin, dass Sie sich nicht nur auf Martin Wolf und Paul Krugman stützen können, sondern, wenn ich ihn hier nicht falsch interpretiere, mittlerweile auch auf Carl-Christian von Weizsäcker. Da ich CCvW als Ökonom außerordentlich schätze (ich habe als bescheidener Geist viel von seinen Arbeiten gelernt), bitte ich um etwas Bedenkzeit für eine Antwort auf diesen Komplex.

    Kurz zur Keynes-Exegese, die nicht direkt das Thema dieses Strangs ist, aber indirekt schon die hier diskutierten Fragen betrifft: Keynes als “Keynesianer” ist wohl erstmals in der 1929 erschienenen Arbeit “Can Lloyd George do it?” hervorgetreten, die er zusammen mit seinem Freund Henderson verfasst hat. Dort findet man unter anderem intuitiv die Idee des Multiplikators, die, wenn ich das aus der Zweitlektüre richtig verstehe, man zuvor auch bei Foster/Catchings findet. Allerdings, und darüber steht Interessantes in David Laidlers faszinierendem Buch über die Ursprünge der “keynesianischen Revolution”, ist die Idee noch viel älter. Die formale Herleitung des Multiplikators wird Richard Kahn aus einem Aufsatz aus den frühen dreißiger Jahren zugeschrieben, die dieser nach eigenen Angaben während einer Bergtour in den Alpen verfasste. Kahn nennt als Inspiration Keynes/Henderson, aber man muss auch sehen, dass er Keynes’ Lieblingsschüler war. Ich fürchte, dass hier noch Quellenforschung notwendig ist.

    (Paul Samuelson hat in einem seiner unsterblichen Bonmots einmal festgestellt, dass viele große ökonomische Ideen von Leuten entdeckt wurden, die sich der Bedeutung ihrer Entdeckung nicht im Klaren waren. Es waren erst Nachfolger, die die Bedeutung der jeweiligen Idee erkannten. Ein Beispiel: Berühmt ist Tobins “q”. Vor Jahren erschien in “Kredit und Kapital” ein Aufsatz, in dem nachgewiesen wurde, dass Tobins “q” schon bei Wicksell zu finden ist. Allais hat manches von Samuelson und Tobin vorweggenommen, was niemandem in Amerika auffiel, weil Allais auf Französisch schrieb. Die Informationsfunktion von Märkten wurde lange vor Hayek entdeckt, aber erst Hayek erkannte die Wichtigkeit dieser Idee und brachte sie unter die Leute. Das ist wohl der Lauf der Welt.)

    Viele Grüße
    gb.

  8. Lieber Braunberger,

    ich schreib mal unter Klarnamen weiter – ist ja doof, wenn Sie mich dauernd mit weissgarnix anreden.

    Ich selber sehe das mit der Staatsverschuldung mit sehr gemischten Gefühlen, das wissen Sie ja. Auf der einen Seite sehe ich die mechanische Notwendigkeit einer Verschuldung des Öffentlichen Sektors, wenn der Privatsektor auf Überschüsse aus ist; auf der anderen Seite sehe ich natürlich den Opportunismus der Politik, und insofern bin ich ganz und gar bei Ihrem Philip Plickert, der neulich gegen die “Turbo-Keynesianer” angeschrieben hat. Den Weizsäcker-Artikel neulich in der FAZ fand ich ziemlich interessant, habe ihm auch einen Beitrag im Blog gewidmet: http://tinyurl.com/2uvwslk . Ähnlich wie von Weizsäcker argumentieren übrigens einige bekannte Soziologen, Christoph Deutschmann zum Beispiel (auf der Grundlage von Schumpeter und Keynes). Und wenn Sie mal nach USA blicken: Dort fordern Innovations-Gurus vom Kaliber eines John Kao längst, dass der Staat eine “nationale Innovationsagenda” ins Leben rufen und ordentlich finanziell dotieren müsse (mit Ländern wie Singapur oder China als Vorbild). Dass die Gefahr von “Crowding-out” bestünde muss vor diesem Hintergrund als geradezu lächerlich abgetan werden. Lesen Sie Braudels Kapitalismusgeschichte (falls noch nicht geschehen) – Sie werden sehen, es gab überhaupt nie so etwas wie “Verdrängung der privaten Initiative”: Der Kapitalismus ist ein Staatsbastard, dem es stets am besten ging, wenn der Souverän ihm großzügig unter die Arme griff. Das mag den Mises-Jüngern in diesem schönen Blog nicht gefallen, ist aber so. Es gab nie eine Katallaxie und wird auch nie eine geben.

    >Dort findet man unter anderem intuitiv die Idee des Multiplikators, die, wenn ich das aus der Zweitlektüre richtig verstehe, man zuvor auch bei Foster/Catchings findet.

    Nein – zumindest nicht in “Profits” und auch nicht in “Road to plenty”. In “Money” vielleicht, ihrem Erstlingswerk – aber das habe ich noch nicht gelesen. Was war Ihre Zweitlektüre – Kroll? Hayek?

    >Kahn nennt als Inspiration Keynes/Henderson, aber man muss auch sehen, dass er Keynes’ Lieblingsschüler war.

    Nach allem, was ich gelesen habe, hat Keynes die Idee zum Multiplikator auch von Kahn.

    Was an Foster/Catchings auffällt: Sprachlich finden sich einige Elemente, die auch bei Keynes wieder auftauchen. Das Reden über die Langfristigkeit zum Beispiel, oder ein Vergleich mit “Kätzchen” (wenn auch in anderem Zusammenhang)

    >Allais hat manches von Samuelson und Tobin vorweggenommen, was niemandem in Amerika auffiel, weil Allais auf Französisch schrieb.

    Ja. Ich sag dazu nur: Kalecki. Er hat die GT um mindestens 3 Jahre vorweggenommen, publizierte aber auf Polnisch. Haben Sie sich seine “Selected Essays” zwischenzeitlich mal besorgt? Kann ich jederman nur empfehlen: Ein Musterbeispiel an Klarheit.

  9. Nachtrag: Habe gerade noch mal “The End of Laissez faire” durchgelesen, das für mich schon immer eine Art “Vorahnung” der GT darstellte. Dieser Essay deutet dann doch wiederum recht stark auf einen originären Sinneswechsel des guten John Maynard hin.

    Wer weiß: Vielleicht entsprachen derartige Gedanken einfach dem seinerzeitigen “air du temps”, und mehrere Autoren kamen tatsächlich gleichzeitig auf den Trichter – dieseits und jenseits des Atlantiks. Möglich wäre es ja.

  10. Lieber Herr Strobl (Sie wissen, dass ich wusste, wer “weissgarnix” ist, ich wusste aber nicht, ob Sie hier mit Klarnamen erscheinen wollten),

    selbstverständlich gab es “deficit spending” schon lange vor Keynes. Eine kurze Beschreibung der amerikanischen Fiskalgeschichte in dieser Hinsicht findet man übrigens in einem ausgesprochenen “Anti-Keynes”-Buch: Democracy in Deficit von Buchanan/Wagner. Da findet man für das späte 18. und das ganze 19. Jahrhundert ein schönes Zitat: “Pre-Keyesian fiscal practice was clearly informed by the classical notions of FISCAL RESPONSIBILITY (Hervorhebung von mir, gb.), as an examination will show. This fiscal history was not one of a rigidly balanced budget defined on an annual accounting basis.” (Seiten 11 und 12)

    Buchanan/Wagner zeigen dann, dass der amerikanische Staatshaushalt vor allem in Kriegen ins Defizit geriet, das dann in Friedenzeiten wieder zurückgeführt wurde. Das, wie zahlreiche Beispiele aus der europäischen Geschichte, steht übrigens im Gegensatz zu der unhistorischen These mancher Austrians, man habe den Metallgeldstandard abschaffen müssen, um Kriegsfinanzierung per Defizit wie im Ersten Weltkrieg betreiben zu können. Es gab weitaus mehr Kriege zu Zeiten des Edelmetallgeldes als danach. Alleine die spanischen Habsburger haben in der frühen Neuzeit gleich mehrfach Staatsbankrott angemeldet, als es noch kein Papiergeld und “Fractional-Reserve-Banking” gab. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Von Kalecki habe ich seit gut 20 Jahren den im Metropolis-Verlag erschienenen Sammelband “Krise und Prosperität im Kapitalismus”. Es gibt diese schöne Beschreibung, dass Kalecki mehrere Tage krank wurde, als er erkannte, dass Keynes in der GT Kaleckis Grundgedanken gebracht hatte (wobei Keynes die Arbeiten von Kalecki nicht kannte). Kalecki wollte dann aber nicht auf seiner Priorität bestehen, weil es ihm auf die Durchsetzung dieser Gedanken in der Politik ankam. Und da war er überzeugt, dass der berühmte Keynes im Westen eher Wirkung erzielen könnte als der dort völlig unbekannte Pole Kalecki.

    Man muss für die zwanziger Jahre vor allem die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in den Industrienationen sehen. Während Länder wie die Vereinigten Staaten und Deutschland einen zwischenzeitlichen Aufschwung erlebten, blieb Großbritannien während der gesamten zwanziger Jahre in einer Krise mit für damalige Verhältnisse sehr hoher Arbeitslosigkeit (nur in einem Jahr war sie unter 10 Prozent). Dazu hatte auch die Entscheidung der Regierung beigetragen, das Pfund 1925 mit einem zu hohen Wechselkurs in den Goldstandard zurückzuführen (was Keynes für verhängnisvoll gehalten hatte). Insofern ist es nicht erstaunlich, dass in den späten zwanziger Jahren in GB nicht nur Keynes Zweifel am “Laissez-faire”kamen. Man wusste seit dem 19. Jahrhundert um den Konjunkturzyklus, aber dass man über viele Jahre nicht aus einer Situation der Schwäche herauskam, schien mit dem klassischen Dogma nicht vereinbar. Also griff man auf alte nachfrageorientierte Ansätze zurück, für die aber keine schlüssige Theorie existierte. Die wollte Keynes dann liefern.

    Wobei Keynes damals aber nicht nur konjunkturpolitisch argumentierte, sondern durchaus auch angebotsökonomisch: Er sah strukturelle Defizite aus einer Schwäche älterer Familienunternehmen (nach einem Bonmot bringt bekanntlich die dritte Generation ein Familienunternehmen um) sowie der Verwandlung ehemals dynamischer Aktiengesellschaften in Behörden als Folge eines Sicherheitsdenkens des Managements. Das waren damals auch in Deutschland verbreitete Thesen durch Autoren wie Sombart und Hilferding, später brachte sie Schumpeter, und man fand sie noch in der Nachkriegszeit bei Galbraith (The New Industrial State von 1967).

    Anyway, ein weites Feld

    Viele Grüße
    Gerald Braunberger

  11. Die Debatte über mein Austeritäts-Stück ist erfreulich munter. Gerne möchte ich zu einem Einwand des geschätzten Kollegen Mark Schieritz im „Herdentrieb“ Stellung nehmen. Schieritz bezweifelt meine These vom „Zeitalter permissiver Staatsfinanzen“ (das Zitat stammt übrigens von dem linken Wohlfahrtsstaatsforscher Paul Pierson) und meine Behauptung, der Sozialstaat zaubere sich seine Leistungserfüllung aus Schulden zusammen, wobei aus meiner Sicht erschwerend hinzu kommt, dass die Schulden größer werden, obwohl Steuern und Abgaben ebenfalls wachsen.

    Schieritz’ Gegenthese steht allerdings auf wackeligen Beinen. Die zentrale These auf wachsenden Schulden gebauter sozialstaatlicher Leistungsversprechen lässt Schieritz merkwürdigerweise unkommentiert. Sie ist ja wohl auch schlechterdings nicht zu bestreiten.

    Ausfuhren
    – zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

    Inzwischen bewegen sich alle OECD-Staaten auf eine explizite Verschuldungsquote von 90 Prozent und mehr zu. Allein Deutschland war schon vor der Finanzkrise mit 1,6 Billionen Euro verschuldet. Nun sind daraus 1,7 Billionen geworden. Das ist nur die sichtbare fiskalische Oberfläche, welche die aus den Renten-, Pflege- und Krankenversicherungsansprüchen der heutigen Generation sich ergebenden impliziten Ansprüche noch gar nicht aufdeckt. Hochrechnungen, die das tun, beziffern die Nachhaltigkeitslücke (bezogen auf das Jahr 2008 als die explizite Verschuldung noch bei 63 Prozent lag), also alle expliziten und impliziten Ansprüche, auf insgesamt acht Billionen Euro. Das entspricht einer Staatsverschuldung von 315 Prozent des Bruttosozialprodukts: Zur Begleichung dieser Schuldenlast müsste jeder Bürger unabhängig von Steuern und Sozialabgaben bis zu seinem Lebensende einen zusätzlichen Betrag von 355 Euro pro Monat an den Staat abführen. Dieser Betrag von acht Billionen Euro würde quasi sofort fällig, wenn alle Bürger gleichzeitig die ihnen von den Kassen und Versicherungen zugesicherten Ansprüche einlösen würden und zugleich die Kapitalmärkte die Staatskredite fällig stellen würden. Es wäre der absolute Kollaps der Sozialstaaten: Kein Lender of Last Resort stünde mehr bereit, den gescheiterten einstmals stolzen Leviathan aufzufangen.

    Dem allem, wie gesagt, scheint auch Schieritz nichts entgegen zu halten. Was bestreitet der Kollege dann? Ihm schmeckt offenbar die These vom Leviathan nicht, weswegen er OECD-Daten parat hält, wonach das Steueraufkommen in Deutschland zwischen 1960 und 2008 um gerade einmal fünf Prozentpunkte erhöht worden sei und heute bei 36,4 Prozent des BIP liegt.

    Was daran soll das Wagnersche Gesetz dementieren? Schieritz sagt doch selbst, dass sich der Staat ständig mehr Geld von seinen Bürgern holt und ihn dies aber nicht davon abhält, auch nachkommende Generationen in gigantischem Maß zu schröpfen. Nichts anderes habe auch ich behauptet, wenn ich sage, der Sozialstaat zaubere sich seine Leistungserfüllung aus Schulden – trotz wachsender Steuer- und Sozialeinnahmen. Sind die Steuer- und Sozialabgaben etwa geschrumpft? Letzte Woche haben wir geschrieben, dass die Abgaben für die Gesundheit – trotz um binnen fünf Jahren um 300 Prozent angewachsener Bundeszuschüsse – weiter steigen werden.

    „Mich macht das als Steuerzahler nicht nervös“. Mich schon, lieber Herr Schieritz, denn es bestätigt sich ja gerade die These permissiver Staatsfinanzen. Dass die Steuer- und Abgabenquote dramatisch angewachsen ist, habe ich nicht behauptet. Mir reichen die fünf Prozentpunkte. Wenn gleichzeitig der Staat sich die rapide wachsende Lust auf neue Sozialausgaben auf Pump besorgt, dann ist dass eher ein Zeichen von Feigheit, genährt von der „fiskalischen Illusion“ (Robert Mussgrave), man könne mehr Wohltaten verteilen ohne die direkten Belastungen im gleichen Maße zu erhöhen. Die Differenz, explizit ausgewiesen, steckt in den oben zitierten Zahlen von Bernd Raffelhüschen und seinen Berechnungen für die Stiftung Marktwirtschaft.

    Spätestens hier wird klar, dass die Verschuldungskrise Europas wesentlich von den expandierenden Sozialsystemen verursacht wurde. Der Wohlfahrtsstaat (nicht die Banken- oder die Finanzkrise) hat die Staaten inzwischen an den Rand des Bankrotts geführt; die europäischen Staaten haben sich zudem von der einheitlichen Währung zur ausufernden Disziplinlosigkeit verführen lassen. Den Staaten blieb dabei nichts anderes übrig als sich immer mehr in die Hände der Kapitalmärkte zu begeben. Inzwischen ist es schon soweit, dass in Deutschland rechnerisch die gesamte Nettokreditaufnahme des Bundes (15 Prozent aller Bundesausgaben) darauf verwendet werden muss, den Schuldendienst (also die reinen Zinszahlungen ohne Tilgung) zu bedienen (sie beläuft sich ebenfalls auf 15 Prozent des Haushaltes). Wenn neue Kredite ausschließlich darauf verwendet werden müssen, die Zinsen für alte Kredite zu bedienen, ist das nichts anderes als ein Schneeballsystem, wie es der Betrüger Bernard Madoff jahrelang erfolgreich betrieben hat. Es brach zusammen, als in der Finanzkrise die Kunden ihre Einlagen zurück haben wollten. In dieser fragilen Lage befinden sich inzwischen die Sozialstaaten. Sie können den Bürgern ihre Leistungen nur auszahlen, weil sie sich das Geld dazu im Schneeballverfahren besorgen. Mehr zum parasitären Verhältnis zwischen Finanzmärkten und Wohlfahrtsstaaten finden sich in meinem Essay „Parasiten des Wohlstands“ (F.A.S. vom 6. Juni) und in den vorzüglichen neuen Buch von Raghuram Rajan: Fault Lines.

  12. Ja, es ist eigentlich so einfach und plausibel zu erklären, oder nicht ? Ich verstehe nicht warum man nicht selber darauf kommen kann.

    Wissen Sie Herr Hank, die politische Dimension des Geldes war schon immer etwas besonderes. Im Sowjetstyle hat man auch nichts anderes gemacht, als jetzt vom US-Dollar dominierten Zentralbanksystem vorgegeben wird: Kreditvergabe nach Launen des Staates ( siehe Consumer Financial Protection Agency ).

    Es wird alles in einer riesengroßen weltweiten Hyperinflation implodieren. Ja und es ist mir egal, was mir dann hier für Statistiken präsentiert werden. Letztlich sind diese doch nur schmückendes Beiwerk für einen endlos expandierenden, unproduktiven, konsumierenden Verwaltungs- und Politapparat. Lustigerweise hat der Superstar unter den heutigen Ökonomen, Paul Krugman in einem Bloomberg Interview ( leider kann ich keinen Link beisteuern, da versagen meine Recherchefähigkeiten; irgendwo bei Bloomberg muss es aber archiviert sein ) NOCH MEHR Stimuli und ein Ende der Austerität gefordert. Also irgendwann fehlen einem dazu einfach nur noch die Worte.

  13. Hallo Herr Hank,

    Sicher haben sie in dem Buch von Raghuram Rajan folgende Zeilen überlesen: “of every dollar of real income growth that was generated between 1976 and 2007, 58 cents went to the top 1 per cent of households“ So much zu der These das der ausufernde Sozialstaat alle in den Ruin treibt.

  14. Hallo Stephan,

    was in Büchern steht ist immer relativ, nicht wahr ? Ich erinnere nur an Mankiw mit seinen 10 Geboten der Makroökonomie. Dieses Werk ist doch Standard an unseren Unis oder ? Und jetzt, was macht er jetzt ? Warum will jetzt er einen negativen Realzins ? Warum will er die FED anweisen ihr Inflation targeting auf 4-6 % zu heben ? Es ist alles ein Witz.

    Sie Dir doch nur mal an, was Obamacare und die Kriege in Afghanistan und Irak an Lasten mit sich bringen ? Denkst Du, dass dies jemals relativiert wird ?

    Ich sage nur noch eines zu diesem leidlichen Thema: lies Dir den Equal Credit Opportunity Act aus den Staaten durch.

    Und wer ist denn Top 1 Prozent in den Staaten ? Obama vielleicht … ?

  15. Lieber Stephan,

    Sie sollten Rajan lesen und nicht nur Schieritz, aus dessen Blog Sie das Zitat von Rajan abgeschrieben haben. Hätten Sie Rajan gelesen (das Zitat steht schon auf Seite 8), dann hätten Sie gemerkt, dass er sich auf die Einkommensverteilung und die größer werdende Spreizung der Erwebseinkommens bezieht und nicht auf die Umverteilung mittels staatlicher Transfers. Die Argumentation geht dann so: Gerade weil Wohlfahrtsstaaten wachsende Spreizung schwer ertragen und ungerecht finden, sinnen sie entweder auf staatliche Wohnungspolitik (Amerika) oder auf immer mehr – schuldenfinanzierte – Umverteilung. Das führte zu Finanz- und Fiskalkrise. Wie das geht, dazu muss man dann schon den ganzen Rajan lesen. Viel Spaß dabei.

  16. Herr Hank,

    Vielen Danke für Ihre Antwort.

    Ich habe mir mit meiner Antwort ein bisserl Zeit gelassen, da ich annehme dass die Mitglieder des obersten Quintil bei so einem sonnigen Wochenende eher vor einem kühlen Glas Grüner Veltliner statt vor dem PC sitzen und dort räsonieren was denn so schief läuft bei der Kohorte im untersten Quintil.

    Das von mir verwendetet Zitat ist nicht umsonst in aller Munde (Schieritz, Wolf, Klein, Rajan, …) und kommt ursprünglich aus der Arbeit “Top Incomes in the Long Run of History” von Saez et al. Ich habe tatsächlich bemerkt, dass es sich dabei um die Einkommensverteilung und die Spreizung der Einkommen handelt. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass sobald der Staat Steuern erhebt es zu Verteilungseffekten kommt. Die Einkommen aus Arbeit und Kapital werden neu verteilt. Insofern ist ihr Einwand eher semantischer Natur. Abhängig von dem ideologischen Hut den man trägt, kann man die zitierte Umverteilung nun gut oder schlecht finden. Ich persönlich finde sie wirtschaftspolitisch falsch und sozialpolitisch skandalös. Aber aus der regelmässigen Lektüre ihrer FAZ Beiträge habe ich auch gelernt, dass wir beide eine sehr unterschiedliche Hutmode cool finden.

    Aber zurück zu ihrem ursprünglichen Beitrag. Die Prämisse ihres wirtschaftspolitischen Lamentos ist, dass der Wohlfahrtsstaat nur über Schulden zu finanzieren ist und Deutschland ein Schuldenproblem hat. Das ist falsch. Deutschland hat kein Schuldenproblem. Ein kurzer Blick in die Leistungsbilanz genügt. Die deutsche Wirtschaft produziert mehr Waren und Dienstleistungen als die deutsche VWL konsumieren möchte (obere Quintile) oder kann (untere Quintile). Diesen Überschuss stellt sie dem Ausland zur Verfügung im Tausch für IOU. Mit anderen Worten Deutschland lebt seit Jahren unter seinen Verhältnissen und nicht darüber. Deutschland hat ein massives Nachfrageproblem. Dieses Problem lässt sich leicht an der Tatsache ablesen, dass trotz kontinuierlicher Leistungsbilanzüberschüsse der Staatssektor Defizite machen muss um die mangelnde Nachfrage des Privatsektors auszugleichen.

    Das zweite Problem ist die Gestaltung des Wohlfahrtsstaats Deutschland. Statt diesen tot zu reden sollten sie sich mal Gedanken machen was hier alles falsch läuft. Ein Beispiel: Die deutschen Regierungen und die Medien allen voran die FAZ haben irgendwie vergessen oder verdrängt, dass irgendwann mal die Deutsche Wiedervereinigung stattfand. Dieses Ereignis war und ist mit erheblichen Kosten verbunden. Die Kosten wurden hauptsächlich über Sozialabgaben und Schulden finanziert da das der bequemere und leisere Weg war. Eine gesamtstaatliche Aufgabe, die über Steuern zu finanzieren wäre wurde stillschweigend an die abhängig Beschäftigten weitergereicht. Hier gebe es noch mehr zu sagen. Ich beschränke mich auf die Bemerkung: Ein Konstrukt aus dem 19.Jh wird 1:1 in 21.Jh “hinübergerettet”.

    Schliesslich auch ein Tip von mir. Bevor sie jeden Abend verzweifelt auf die Staatsschulden beim Bund der Deutschen Steuerzahler schauen machen sie sich doch einmal mit der Saldenmechanik einer VWL vertraut. Eine kurze und sehr gute Zusammenfassung von Steve Waldmann finden sie hier: http://bit.ly/c6c8pP Nach der Lektüre können sie dann sicher gedanklich das Wort “Staatsschulden” durch das Wort “Privatvermögen” ersetzen und dann schmeckt auch wieder der Wein. Prost!

    PS: Vielleicht noch eine Anmerkung zu ihrer Sorge, dass die Finanzwirtschaft die ausufernden staatlichen Schulden nicht mehr finanzieren will und daher der Staat ausgeglichen bilanzieren sollte. Diese Sorge ist unbegründet. Eine kurze Reise zurück nach Australien reicht. Australien hat aufgrund des Rohstoff-Booms Überschüsse erwirtschaftet. Die erste Sorge unserer Freunde am Bondmarkt war: Alarm! Jetzt gibt’s vielleicht nicht mehr genug Aussie-Bonds. Und sofort wurden zig andere Gründe gefunden warum sich das staatliche australische Schuldenkarussel unbedingt weiterdrehen muss.

  17. @Arne Krueger
    Ich greife zu Mankiws Principles nur mehr wenn ich ein Textbuch-Beispiel brauche wie genau die Makroökonomie auf Alpha-Centauri funktioniert und warum unglücklicherweise das was dort funktioniert keine wie auch immer geartete Entsprechung in der Funktionsweise der kruden Wirtschaft auf dem Planeten Erde findet.

  18. Stephan,

    haha, das ist natürlich witzig mit dem guten Mankiw. Aber Krugman hat auch letztens geäussert, dass es schade sei, Bilanzen nicht auf dem Mond auszuschütten ( bzw. dort hin zu exportieren ) … das fehlt dann wirklich noch, dass die Amis ihren Müll dort entladen. Ich meine, können Sie ja machen. Vielleicht bemerkt es niemand ^^. In IAS gibts ja schon genug Mist.

    Grüße,

    Arne

  19. Herr Stephan,

    “PS: Vielleicht noch eine Anmerkung zu ihrer Sorge, dass die Finanzwirtschaft die ausufernden staatlichen Schulden nicht mehr finanzieren will und daher der Staat ausgeglichen bilanzieren sollte. Diese Sorge ist unbegründet. Eine kurze Reise zurück nach Australien reicht. Australien hat aufgrund des Rohstoff-Booms Überschüsse erwirtschaftet. Die erste Sorge unserer Freunde am Bondmarkt war: Alarm! Jetzt gibt’s vielleicht nicht mehr genug Aussie-Bonds. Und sofort wurden zig andere Gründe gefunden warum sich das staatliche australische Schuldenkarussel unbedingt weiterdrehen muss.”

    Die kurze Reise nach Australien reicht m.E. nicht:

    – Viele große internationale Vermögensverwalter, die relativ frei in ihren Anlagen sind, haben in den vergangenen Jahren das “Yale-Modell” übernommen und die Anlagestruktur des Yale-Stiftungsfonds kopiert. Da spielen Staatsanleihen praktisch keine Rolle.

    – Staatsanleihen werden nicht zuletzt von Vermögensverwaltern gekauft, denen nichts anderes übrig bleibt: Das beginnt bei den Chinesen, die riesige Dollarbestände haben, aber aus Gründen außenpolitischer Rücksichtnahme auf Washington kaum Aktien und Anleihen amerikanischer Unternehmen kaufen (dürfen). Die haben eher notgedrungen fast nur Staatspapiere und Agency-Bonds gekauft. Versicherungen unterliegen in vielen Ländern Regulierungen,die sie mehr oder weniger zwingen, einen erheblichen Teil ihrer Mittel in Staatspapieren anzulegen. Die Eigenkapitalregeln für Banken (Basel 2) haben Banken ebenfalls in Staatsanleihen getrieben. In vielen Ländern gibt es zusätzliche Regeln, die Käufe von Staatspapieren begünstigen (z.B. Stichwort Mündelsicherheit). Ohne diese Markteingriffe wäre die Nachfrage nach Staatsanleihen vermutlich geringer.

    -Australien ist kein Beispiel, weil dieses Land eine erstklassige Bonität genießt. Fällt die Bonität ins Bodenlose wie in Griechenland (und vielen anderen Ländern in der Vergangenheit), finden sich keine privaten Käufer mehr.

    – Käufe von Staatsanleihen durch Zentralbanken sprechen auch gegen die These, dass sich Staatsschulden beliebig an Private verkaufen lassen.

    Gruß
    gb.

  20. Herr Braunberger,

    haha, Australien besitzt eine erstklassige Bonität …

    Niemand hat mehr eine erstklassige Bonität. Der Häusermarkt dort ist noch aufgeblähter als vor 4 Jahren der subprime in den Staaten …

    Haben Sie gestern nicht das Testimony verfolgt ? Was hat Bernanke gesagt ? Hätten weltweit nicht alle mitgezogen hätten wir eine noch größere Depression gehabt … das sagt doch alles, oder nicht ?

    Und warum haben denn die Chinesen Staasanleihen gekauft ? Oh ja, um Washington zu helfen … was soll das denn ?

    Das Ende naht, wir sind alle dooomed.

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