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Hans-Olaf Henkel: Die Abwracker

Kühlschränke könnte man abwracken. Auch Fahrräder. Autos sowieso. Dazu bräuchte man nur eine Schreddermaschine. Aber diese kommt in Hans-Olaf Henkels neuestem Buch „Die Abwracker“ nicht vor. Stattdessen geht es um Papiere, sogenannte Schrottpapiere. Sie waren die Ursache dafür, dass der Schuldenstand in Deutschland nach dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase in die Höhe geschnellt ist. Zunächst gab es Schutzschirme für Banken, dann wurden Rettungspakte für die Realwirtschaft geschnürt, jeweils auf Kosten der Allgemeinheit. Aber wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass die Schrottpapiere entstanden und eines Tages bei uns gelandet sind? Richtig, die Abwracker.

Für Henkel sind das Politiker, solche, die sich dafür halten und regelverletzende Zocker. Zur ersten Kategorie zählt der frühere Präsident der Leibnitz-Gemeinschaft den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter. Nach dem Einzug ins Weiße Haus im Jahr 1977 hat der „Erdnussfarmer aus Georgia“ (Henkel) jedem Amerikaner ein Dach über dem Kopf versprochen. Zu diesem Zeitpunkt waren 29 Prozent der Amerikaner Hauseigentümer, kurz vor der Krise fast 70 Prozent. Mit der Vorstellung von mehr Häuslebauern kann sich Henkel, der selbst jahrelang in den USA gelebt hat, zwar anfreunden, nicht aber mit dem eingeschlagenen Weg des „Gutmenschentums“ (Henkel).

Die Erfindung der Ninja-Kredite

Die amerikanische Sozialpolitik ging unter George W. Bush sogar soweit, dass Banken regelrecht dazu gedrängt wurden, Bausummen auch an Bedürftige zu verleihen. Die Ninja-Kredite (no income, no job or assets) waren erfunden worden. Befeuert durch eine Niedrigzinspolitik der Fed setzte sich eine Maschinerie in Gang, in dessen Schatten eine Schrottpresse ziemlich mickrig wirkt. Etwaige Preissteigerungstendenzen wurden, vermutet Henkel, bewusst oder unbewusst nicht erkannt.

Die Immobilienblase wuchs und jeder wollte daran verdienen. Also entwickelten findige Banker asset backed securities, eine handelbare Wundertüte aus guten und schlechten Krediten, die von den großen amerikanischen Rating-Agenturen größtenteils mit der Note triple A bewertet wurden. Dass es mit der Integrität dieser Papiere nicht weit her war, sah man daran, dass sie weitergereicht wurden wie eine heiße Kartoffel:

Es war nicht Betrug, was man praktizierte, sehr wohl aber der Versuch, bestehende Risiken weiterzureichen, drohende Schulden auf andere Schultern abzuwälzen und mit Risiko Geld zu verdienen. Es war ja durchaus nicht gesagt, dass die Konstruktion irgendwann zusammenbrechen würde – aber ebenso wenig sicher war, dass sie nicht irgendwann zusammenbrechen würde (S.63).

Banken zwischen Pest und Cholera

Bekanntlich ist das System kollabiert wie ein Zwei-Zentner-Mann nach einem Marathon. Was zunächst offen blieb war die Frage, warum deutsche Banken fast zeitgleich an Pest erkrankten, als amerikanische Geldhäuser Cholera bekamen. Bei der Ursachenforschung liefert Henkels Buch erkenntnisreiche Einblicke. Der frühere BDI-Präsident saß selbst im Aufsichtsrat der IKB (Deutsche Industriebank AG), die bis vor kurzem noch unter staatlichem Einfluss stand und mittlerweile der Investmentgesellschaft Lone Star gehört.

Er war längst kein Kontrolleur mehr, als die IKB im Zuge der Finanzkrise schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde und im Sommer 2007 eine Kreditlinie in Milliardenhöhe vom damaligen Großaktionär – der öffentlich-rechtlichen KfW Bankengruppe – zugesprochen bekam. Seine unbequeme Art wurde Henkel 2004 zum Verhängnis, als man ihm nahelegte, sein Mandat niederzulegen, nachdem er unter anderem die Überkreuz-Konstellationen in den Aufsichtsräten der IKB und KfW kritisiert hatte. Heute schreibt er, dass „mich wenige Entscheidungen in der Rückschau so glücklich gemacht haben“. Der frei erfundene Dialog zwischen ihm und dem früheren IKB-Chef (S. 107-109) lässt tief blicken. Zweckgesellschaften in Irland, sogenannte Conduits, waren das Instrument, um an die Schrottpapiere in Übersee zu gelangen.

Henkel: Was machen Sie da eigentlich in Dublin?

IKB-Chef: Ja, sehr geehrter Herr Henkel. Da haben wir ein Conduit.

Bitte erklären Sie mir das.
IKB-Chef: Ach, das wissen sie nicht? Also, mit dem Conduit besorgen wir uns vor allem aus Amerika interessante Papiere. Aufgrund unserer hohen Bonität und unseres schönen Ratings haben wir Zugriff zu günstiger Refinanzierung.

Was sind das für Papiere aus Amerika, die Ihnen eine solche Traumrendite bringen?
IKB-Chef: Berechtigte Frage, Herr Henkel. Es handelt sich um asset backed securities, also Wertpapiere, deren Zins- und Kapitaldienst von einem fest definierten Portfolio abhängt.

Und was steckt in diesem Portfolio drin? Ich meine, welche assets stehen hinter diesen securities?
IKB-Chef: Also wissen Sie, da sind die verschiedensten Immobilien versammelt…

Aber sind die in Amerika nicht ziemlich teuer geworden?
IKB-Chef: Das stimmt, aber unsere securities sind deshalb so sicher, weil sie gemischt sind, nicht nur Privatimmobilien, sondern auch Ladenpassagen, ganze Einkaufszentren, und nicht nur im teuren Osten, sondern auch im Süden und Westen und Norden… Nicht zu vergessen, dass sich auch Leasing-Verträge aus dem amerikanischen Automobilmarkt darunter befinden, Kreditverträge der großen Banken…

Und das wurde risikomindernd gemischt? Haben wir denn Leute, die etwas davon verstehen?
IKB-Chef: Nicht nötig, Herr Henkel. Das müssen wir doch nicht selbst machen – dafür gibt es Experten in Amerika.

Eine letzte Frage. Wenn Sie dort mehr Zinsen kriegen, als Sie hier bezahlen, dann muss doch dort zwangsläufig das Risiko höher sein als hier. Ist das nicht richtig?
IKB-Chef: Lieber Herr Henkel, diese Papiere aus Amerika werden von den Rating-Agenturen besser bewertet als wir selbst.

Ende der Diskussion. Auch wenn dieses Gespräch tatsächlich so nicht stattgefunden hat, dürfte es in vielen Aufsichtsräten staatlich kontrollierter Banken so oder so ähnlich abgelaufen sein. Denn es war ausgerechnet ein großer Teil der Landesbanken, in deren Bilanzen sich die größten Löcher aufgetan haben. Aber nicht nur die Kontrolleure haben laut Henkel gepennt, sondern auch das seinerzeit von der SPD geführte Finanzministerium hat die Gefahr nicht erkannt. So drängte man bei der EU auf eine Fortsetzung der Gewährträgerhaftung, die den Landesbanken eine günstige Refinanzierung sicherte, und liberalisierte den Markt für die verbrieften Produkte aus Übersee.

Hall of Shame statt Hall of Fame

Wenn ein nüchtern-kalkulierender Hanseat anprangert, dann wird es häufig sarkastisch. Was die Lektüre zudem interessant macht, ist der weitgehende Verzicht auf Pauschalisierungen. Henkel nennt die Verantwortlichen beim Namen. In Anlehnung an die Hall of Fame schlägt er in seinem Buch eine Hall of Shame vor, mit der „vor den Abwrackern einer Marktwirtschaft gewarnt wird.“ Darin sollten nicht nur Politiker und Banker, sondern auch Unternehmensvorstände Erwähnung finden, deren Größenwahn das System in Verruf bringen. Im Kapitel fünf seines Buches schildert Henkel detailliert das Drama zwischen Conti und Schaeffler, in dessen Verlauf ökonomische Vernunft mehr und mehr persönlichen Animositäten gewichen ist.

Auch der Neoliberalismus bringt schwarze Schafe hervor, so Henkels Tenor, aber Schuld an dem Leben auf Pump, das sich in gigantischen Schuldenbergen niederschlägt, habe der Neosozialismus:

Längst hat man das [Leben auf Pump] als schicksalsgegeben hingenommen, sich sogar darüber verständigt, dass es Folge unseres marktwirtschaftlichen Systems sei. Dabei gehört der ausgeglichene Haushalt zu den wichtigsten Zielen der Erhardschen Marktwirtschaft. Die galoppierende Schuldenwirtschaft, wie sie bei uns eingerissen ist, stellt dagegen ein untrügliches Indiz für das Wirken des Neosozialismus dar: Verteile Wohltaten jetzt – und lass andere später dafür zahlen (S. 200).

Fazit

Andere sind zuvorderst die zukünftigen Generationen. Henkel beziffert die Summe aus expliziten und impliziten Schulden auf 6 Billionen Euro. Die Situation, so Henkel, ist weit dramatischer, als man uns glauben machen will. Deshalb macht der frühere Chef der IBM Europa und Vater von vier Kindern dreizehn Vorschläge, wie der Schwenk zurück auf den Pfad der Tugend gelingen soll. Sie gehen über die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, über Finanzmarktregulierungen bis hin zu einem Frühwarnsystem für Blasen und Hypes. Damit die faulen Papiere (und keine Autos oder Fahrräder oder Kühlschränke) zukünftig in der Schrottpresse landen, noch bevor sie Unheil stiften können.

Hinweis: Das Buch „Die Abwracker – Wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen“ hat 256 Seiten und ist beim Wilhelm Heyne Verlag in München erschienen.

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