Armutsatlas: Effekthascherei ist der Sache nicht dienlich

Niemand aus der Fachwelt bestreitet, dass sich in den letzten beiden Jahrzehnten Ernst zu nehmende Armuts- und Verteilungsprobleme entwickelt haben. Insbesondere wächst aus verschiedenen Gründen die Zahl der Haushalte, die nicht aus eigener Kraft ein Einkommen erzielen können, welches über dem sozio-kulturellen Existenzminimum liegt. Experten wissen indes auch, dass dies in der Regel auf sozial Faktoren zurück zu führen ist, wie vor allem das Zerbrechen von Familien und Ehen und damit verbundene Einschränkungen in der Fähigkeit, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen sowie mangelnde Integration von Menschen mit Migrationshintergund; und schließlich strukturelle Arbeitslosigkeit. Richtig ist aber auch, dass sich seit einigen Jahren eine Schere zwischen den hochqualifizierten Fachkräften einerseits und den gering qualifizierten Arbeitnehmern auftut. Bisher allerdings sorgt diese Schere eher für einen rasanten Anstieg der Einkommen der Hochqualifizierten und nicht für ein Absinken der gering Qualifizierten unter das Sozialhilfeniveau – so ist es zumindest in Deutschland. Aber sicher: Die Entwicklung verdient beobachtet und ernsthaft diskutiert zu werden. Niemand kann an einer sozialen Desintegration unserer Gesellschaft interessiert sein. Schon gar nicht kann es gewünscht sein, dass ein Teil der Bevölkerung sich nicht mehr ernähren oder auch „nur“ am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen kann.

Gerade in diesem Sinne aber erfordert die Diskussion der dahinter liegenden Probleme eine angemessene intellektuelle Aufrichtigkeit. Genau diese aber lässt der kürzlich mit viel Pomp in die Öffentlichkeit geleitete Armutsatlas des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) leider missen – und das kann der Sache sicher nicht dienlich sein. Das zentrale Kennzeichen des Armutsatlas ist: Auf den ersten Blick wirkt seine Methodik völlig einleuchtend und unangreifbar, weil scheinbar objektiv wie die Messung von Strom und Spannung in der Physik. Damit entfalten die Ergebnisse auch eine Schockwirkung, dessen moralischer Ladung sich kaum einer entziehen kann. Darin allerdings liegt das zentrale Problem dieses Armutsatlas: Er täuscht eine inhaltsstarke Objektivität vor, die aufrütteln muss, und doch ist er leider völlig sinn- und inhaltsleer. Abseits von Populismus kann er zur Diskussion um die Lage der Armen und Verlierer dieser Gesellschaft genau nichts aussagen, und zu einer Verbesserung ihrer Lage kann er wegen seiner Sinn- und Inhaltsleere ebenfalls nichts beitragen. Warum nicht?

Der Armutsatlas greift in scheinbar objektiver Übereinstimmung mit internationalen Usancen die Schwelle der Armutsgefährdung von 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens auf, berechnet diesen Durchschnitt für die Bundesrepublik Deutschland insgesamt und misst nun auf der Ebene der Bundesländer, wie viel Prozent der dortigen Bevölkerung unterhalb von 60 % des bundesdeutschen Durchschnittseinkommens liegen. Natürlich liegen die so ermittelten Anteile der Bevölkerung in Ostdeutschland deutlich über dem Bundesdurchschnitt und diese wiederum über dem Durchschnitt im Westen. Genauer sind es 19,5 Prozent in Ostdeutschland, 14,3 Prozent in Gesamtdeutschland und 12,9 Prozent im Westen. Ostdeutschland scheint also (auch) in Fragen der Armut der Verlierer der Wiedervereinigung zu sein. Das belegt der Armutsatlas mit scheinbar eherner Objektivität. Und ganz allgemein scheint sich die Armutssituation in Deutschland dramatisch zu verschärfen und ein Auseinanderbrechen unserer Gesellschaft zu drohen, wie DPWV-Präsident Schneider sinngemäß verlauten ließ. Aber langsam: Welche Informationen stecken denn wirklich in den Zahlen des Armutsatlas, die wir nicht vorher auch schon hatten? Die schlichte Antwort lautet: Gar keine, denn im Grunde ist der Atlas nur ein Spiegelbild der Durchschnittseinkommen in den Bundesländern und hat mit einer Beschreibung der Armutssituation in Deutschland praktisch nichts zu tun.

Ostdeutschland ist vor zwei Jahrzehnten mit einem Pro-Kopf-Durchschnittseinkommen von weit unter 50 Prozent des Westens der Bundesrepublik Deutschland beigetreten. Inzwischen liegt der Prozentsatz – je nach Methodik – bei 70 bis 80 Prozent, damit aber nach wie vor deutlich unterhalb von 100 Prozent. Daraus folgt: Bei sonst gleicher Einkommensverteilung innerhalb der Bundesländer müssen die neuen Bundesländer nach den Gesetzen der Arithmetik einen höheren Anteil von Personen aufweisen, deren Einkommen unterhalb von 60 Prozent der bundesdeutschen Durchschnittseinkommens liegt. Daher beinhaltet der Armutsatlas überhaupt keine Information. Um sich die Absurdität der ganzen Übung einmal vor Augen zu halten, mag man sich vorstellen, es hätte 1990 keine Wiedervereinigung gegeben und die DDR hätte sich – ähnlich wie Tschechien – als eigenständiger Staat demokratisiert und zur Marktwirtschaft transformiert. Nehmen wir weiterhin an, alles wäre soweit gut gelaufen und das Land hätte sich gut entwickelt. Dann läge das Durchschnittseinkommen in Ostdeutschland heute wohl nicht bei 70 bis 80 Prozent, sondern bei höchstens 50 Prozent Westdeutschlands, wiederum ähnlich wie in Tschechien. Unter diesen Bedingungen wäre die Schwelle zur Armutsgefahr in Prozent des Westeinkommens zu berechnen als 50 Prozent des westlichen Durchschnitts, multipliziert mit 60 Prozent für die Armutsgefahr – das wären 30 Prozent des westdeutschen Durchschnittseinkommens. Mit anderen Worten: Jeder Ostdeutsche, dessen Einkommen unter 30 Prozent des westdeutschen Durchschnitts rutschte, würde in die Zone der Armutsgefahr geraten. Wenn wir die Armutsgefahr dagegen nach der DPWV-Philosophie berechnen, dann müssen wir den gewichteten Durchschnitt der Einkommen aus West- und Ostdeutschland heranziehen, und der liegt deutlich über 90 Prozent des westlichen Durchschnitts. So berechnet sich denn die Armutsgefährdungsschwelle im Osten als 60 Prozent x 90 Prozent, also als 52 Prozent des Westeinkommens. Armutsgefährdet ist demnach jeder Ostdeutsche, dessen Einkommen unter 52 Prozent des Westeinkommens liegt.

Fassen wir zusammen: Wäre Ostdeutschland selbstständig geblieben, dann wären dort aller Voraussicht nach sowohl die durchschnittlichen als auch die unteren Einkommen deutlich geringer als jetzt. Damit ginge es den Ostdeutschen mit Sicherheit heute schlechter, und zwar den Durchschnittsverdienern ebenso wie den unteren Einkommensbeziehern. Dennoch dreht der DPWV aus seinen Daten eine Verliererposition Ostdeutschlands, denn der nach seiner Berechnung von Armut gefährdete Anteil der Bevölkerung in Ostdeutschland ist viel höher, als er es ohne Wiedervereinigung wäre. Zugleich wäre übrigens dieser Anteil im Westen höher als jetzt, weil die Armutsgefahr dort nämlich unterhalb von 60 Prozent des durchschnittlichen Westeinkommens anfinge und nicht unterhalb von 60 Prozent des gewichteten Mittels aus Ost- und Westeinkommen. Das wäre gut für den DPWV gewesen, sofern er sich denn auf die alte Bundesrepublik beschränkt hätte. Denn dann hätte er zwar keine schockierenden Daten für den Osten präsentieren können, dafür aber schockierende Daten für den Westen. Mit einer Beschreibung von Realität hat das alles freilich nichts zu tun.

Hätte sich der DPWV umgekehrt wirklich für die Beschreibung der Realität interessiert und wäre er insoweit mit der erforderlichen Redlichkeit an die Problematik herangegangen, dann hätte er die hinter der Norm von 60 Prozent des Durchschnittseinkommens eigentlich steckende Frage gestellt. Und die lautet: Wie viel Prozent der Bevölkerung läuft Gefahr, über die materiellen Existenzsicherung hinaus nicht mehr angemessen am sozio-kulturellen Leben in dem jeweiligen Umfeld seiner Region teilnehmen zu können? Um dieser Frage nachzugehen, hätten sich als Maßstab die Durchschnittseinkommen der jeweiligen Bundesländer angeboten. Davon hätte der DPWV dann 60 Prozent nehmen und den Anteil jener berechnen können, die in dem jeweiligen Bundesland unterhalb dieser Schwelle liegen. Auf diese Weise hätte er zutage fördern und zur Diskussion stellen können, wo und in welchem Ausmaß der Schuh wirklich drückt. Der Nachteil dieses Verfahrens liegt freilich auf der Hand: Damit hätte man keine Effekthascherei betreiben können. Man wäre vielmehr Gefahr gelaufen, bestenfalls von anspruchsvolleren Printmedien zur Kenntnis genommen zu werden. Regionale Zeitungen und erst Recht Boulevard-Blätter hätten davon wohl nicht einmal Notiz genommen, von Radio und Fernsehen ganz zu schweigen. So hingegen dürfte dem Armutsatlas wohl ein Ehrenplatz bei „Hart aber fair“ sicher sein.

Thomas Apolte

Thomas Apolte

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Thomas Apolte

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Eine Antwort auf „Armutsatlas: Effekthascherei ist der Sache nicht dienlich“

  1. Sie verwechseln Durchschnittseinkommen mit mittlerem Einkommen!Die Rede im Armutsbericht ist vom Median und nicht vom Durchschnittseinkommen,wie sie behaupten.

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