„Ökonomie ist das Denken in Alternativen“ (Horst Claus Recktenwald).
1. Einleitung: Problemstellung und kurze Würdigung von Horst Claus Recktenwald
Die moderne Wissenschaft, insbesondere die Wirtschafts- und Sozialwissenschaft, ist durch ein Paradoxon charakterisierbar. Auf der einen Seite verfügt sie über ein nie dagewesenes Arsenal an mathematischen Modellen, statistischen Datensätzen und Rechenkapazitäten. Auf der anderen Seite scheint sie überfordert zu sein, die großen Krisen der Gegenwart – seien es nun der beängstigende Klimawandel, soziale Polarisierungen, Finanzmarktschocks, der Zulauf extremistischer Parteien und die quasimonopolistischen Strukturen im digitalen Sektor und im Handel – in ihrer Komplexität zu durchdringen und zu begreifen und nachhaltige Lösungen anzubieten. Der hyperspezialisierten Wissenschaft scheint der Blick für das große Ganze und die inneren Zusammenhänge verloren gegangen zu sein.
In dieser desolaten Situation stellte sich die Autorin dieses Artikels die Frage, ob eine Rückbesinnung auf das weitgehend vergessene, wissenschaftliche Erbe ihres Doktorvaters Anstöße geben kann für eine fundamentale Erneuerung ihres Studienfachs Volkswirtschaftslehre sowie der Wissenschaften im Allgemeinen. Ist eine „Recktenwald-Renaissance“ nötig, damit die moderne Ökonomie Irrwege verlassen kann und damit es echten wissenschaftlichen Fortschritt gibt?
Recktenwald (1920-1990) war zum einen ein scharfsinniger Finanzwissenschaftler. Das hohe Ansehen, das er innerhalb der Fachwelt genoss, zeigt sich schon daran, dass das IIPF – die Weltvereinigung für Finanzwissenschaft – ihn in den Jahren 1978 bis 1981 zu ihrem Präsidenten kürte. Im Anschluss wurde er zum Ehrenpräsidenten der Weltvereinigung für Staatswissenschaften gewählt. Seine größte Leidenschaft galt aber der Adam Smith Forschung. Recktenwald war der bedeutendste deutsche Adam-Smith-Interpret und -Übersetzer des 20. Jahrhunderts. Seine geballten Erkenntnisse, die er aus der Auswertung von Smith-Literatur über zwei Jahrhunderte hinweg gewonnen hatte, stellte er im Jahr 1978 im Journal of Economic Literature einem internationalen Publikum vor. Die „jüngere Smith-Forschung“ im deutschsprachigen Raum nimmt von seinem Schaffen allerdings kaum Notiz und bezieht ihr Wissen wohl vorwiegend aus angelsächsischer Literatur.
Recktenwalds herausragende Leistung bestand darin, das verzerrte Bild von Adam Smith (1723–1790) radikal korrigiert zu haben. In der Literatur ist das Werk von Adam Smith immer wieder verdreht, verstümmelt und verfälscht dargestellt worden. Das gesamte Spektrum an Fehlmeinungen findet sich bereits bei Friedrich List (1789-1846). So wurde Adam Smith als Steigbügelhalter des Egoismus verunglimpft. Es wurde behauptet, Adam Smith sei ein Apostel des „Laissez-Faire-Prinzips“ gewesen und habe den „Nachtwächterstaat“ favorisiert. Er habe die Privatinteressen von Unternehmern im Auge gehabt. Wegen dieser Fehlinterpretationen wurden Adam Smith der zügellose Laissez-Faire-Liberalismus in Kontinentaleuropa und der Manchesterkapitalismus in England im 19. Jahrhundert zur Last gelegt, die mit einer Ausbeutung der Arbeiterschaft einhergingen. Fälschlicherweise haftet Adam Smith das Image an, Urvater einer kalten, unregulierten Marktmechanik zu sein, die allein auf dem rationalen Eigennutz fußt. John Stuart Mill hat diesen rein rationalen und von sozialen und rechtlichen Bindungen und moralischen Normen abgekoppelten Einzelmenschen als sogenannten Homo Oeconomicus modelliert.
Recktenwald wendet sich vehement gegen die Sichtweise, Smith sei Befürworter eines ungebändigten Laissez-Faire-Liberalismus, eines Raubtierkapitalismus und eines Nachtwächterstaates gewesen. Er zeigte auf, dass Smiths ökonomische Theorie untrennbar in eine umfassende Moralphilosophie und Gesellschafts- und Staatslehre eingebettet ist. Recktenwald hätte Peter Bofinger, der in der FAZ im Zusammenhang mit Adam Smith „vom Segen des Egoismus“ sprach, wohl vehement widersprochen.
Zentrale Frage dieses Essays ist, was die heutige Wissenschaft von Horst Claus Recktenwald als Smith-Interpret lernen kann. Das ist vor allem die Erkenntnis, dass Spezialisierung in der Forschung nur dann wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Wert besitzt und Fortschritt generiert, wenn sie in eine ganzheitliche Synthese einmündet. Gezeigt wird auch, dass enge Parallelen zwischen Recktenwald´s Smith-Trilogie „Ethik, Markt und Staat“ und Walter Euckens „Interdependenz der Ordnungen“ besteht. Ferner wird Recktenwalds Kritik am Postulat der Wertfreiheit präsentiert. Damit wird ein Fundament errichtet für eine Neuorientierung der ökonomischen Wissenschaft hin zu einer humanen Wissenschaft.
2. Die ganzheitliche Sicht bei Smith und Recktenwald
Recktenwald glaubte an die Einheit der Wissenschaften einschließlich der Theologie, wie dies zu Adam Smiths Zeiten der Fall war. Als tief religiöser Mensch hatte er als Modell vermutlich den Baum der Erkenntnis vor Augen, der in der Religion wurzelt und sich in der Wissenschaft verzweigt. Auch wenn der Baum aus Wurzeln, Stamm und Zweigen besteht, ist er trotzdem ein Baum, also eine Einheit.
Triebkraft für die Entwicklung der Wissenschaften war für ihn Neugier und das „sich wundern“. Das „sich wundern“ begriff er auch als Basis für den Glauben. Für ihn war Glaube als Erlebnis „zu-fälliger“ Ereignisse in der persönlichen Lebensgeschichte nur individuell erfahrbar. Über angebliche religiöse Offenbarung im Kollektiv schüttelte er nur den Kopf. Das „sich wundern“ über ein unerklärbares Phänomen und die Neugier, das Wunder zu enträtseln oder rational zu erklären, spornt die Wissenschaft an, eine allgemeinere Theorie zu entwickeln, in die das zunächst verwunderliche Phänomen als Sonderfall integrierbar ist. So stellt die spezielle Relativitätstheorie von Albert Einstein einen Sonderfall innerhalb der allgemeinen Relativitätstheorie dar. Recktenwalds Philosophie von der Einheit wissenschaftlicher Teildisziplinen geht letztlich konform mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, dass im Universum alles eins ist. Jedes Teilchen ist mit jedem vernetzt.
Diese ganzheitliche Sichtweise liegt auch seiner Analyse des dreiteiligen Werks von Adam Smith zugrunde. Es umfasst neben seinen beiden bekannteren Werken – der „Theorie der ethischen Gefühle“ und dem „Wohlstand der Nationen“ – auch die „Essays on Philosophical Subjects“. Für Recktenwald war Adam Smith ein Universalgelehrter und sein Gesamtwerk eine architektonische Einheit, die unzertrennbar ist.
In der Geistesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wurde lange Zeit das sogenannte „Adam-Smith-Problem“ diskutiert. Es besagte, dass zwischen Smiths erstem Hauptwerk – der „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) – und seinem ökonomischen Hauptwerk – dem „Wohlstand der Nationen“ (1776) – ein unüberbrückbarer Widerspruch bestehe. Während das Frühwerk das moralische Prinzip der Empathie und des Mitgefühls (Sympathy) ins Zentrum stellt, scheine das Spätwerk dem puren Egoismus den Vorzug zu geben. Es wurde sogar gemutmaßt, dass Adam Smith im Laufe seines Lebens seine Meinung gewechselt hat und vom Moralisten zu einem Egoisten und Materialisten mutiert ist.
Recktenwald entlarvte das vermeintliche Paradoxon als Scheinproblem. In seinen Einleitungen, Kommentaren und Monographien legte er akribisch dar, dass das „Adam-Smith-Problem“ aus einer selektiven und oberflächlichen Lektüre herrührt, die die Dinge aus dem Zusammenhang reißt. Auch widerlegte er die These vom Gesinnungswandel, indem er nachwies, dass Smith sein Leben lang an beiden Werken, von denen diverse Neuauflagen erschienen sind, gearbeitet hat. Recktenwald betonte, dass man den wirtschaftenden Menschen im „Wohlstand“ nur richtig beurteilen kann, wenn man ihn im Kontext der „Theorie der ethischen Gefühle“sieht:
„Beide Werke bilden ein Ganzes; sie sind Glieder ein und desselben philosophischen Systems, das die soziale Welt des Menschen umspannt.“ (Recktenwald 1976, S. 23)
Für Recktenwald bildet die „Theorie der ethischen Gefühle“ das psychologische, anthropologische und normative Fundament für den „Wohlstand der Nationen“, der gewissermaßen das erste Stockwerk darstellt. Wenn man das Fundament einreißt, bricht auch das Haus zusammen. Recktenwald warnte davor, den ökonomischen Teil vom moralischen zu separieren, da man sonst zwangsläufig zu einer verzerrten Sicht der Dinge gelangt:
„Wer den Wohlstand der Nationen liest, ohne die Theorie der ethischen Gefühle zu kennen, gleicht einem Wanderer, der ein prächtiges Gebäude bewundert, ohne das Fundament zu sehen, auf dem es ruht.“ (Recktenwald 1978, S. XIV)
Recktenwalds Vorgehen zeigt ganz allgemein, dass ein Teilbereich eines wissenschaftlichen Systems niemals isoliert von seinen normativen Prämissen analysiert werden darf. Wer die Marktwirtschaft untersucht und dabei die moralischen und rechtlichen Aspekte und sozialen Bezüge ausklammert, betreibt ihm zufolge keine wertfreie, sondern eine blinde Wissenschaft. Recktenwald plädierte für eine Rückkehr zur „Politischen Ökonomie“ im klassischen Sinne. Das ist eine Wissenschaft, die Wirtschaft, Recht und Moral als miteinander korrespondierende Subsysteme einer einzigen gesellschaftlichen Realität betrachtet.
3. Gefahren der Spezialisierung
Recktenwald hat frühzeitig vor dem Wissenschaftsversagen gewarnt, das wir heute auf breiter Front zu beklagen haben (siehe die Einleitung). Als innovativer Denker hat er Smith`s Paradoxon der Arbeitsteilung auf den akademischen Betrieb angewandt und nach Parallelen gesucht. Smith hat in der Arbeitsteilung einerseits die Quelle für Wohlstand gesehen, andererseits sah er sie – was weniger bekannt ist – sehr kritisch, weil die Gefahr der Verdummung damit einhergeht, der er mit staatlichen Bildungsoffensiven entgegentreten wollte. Adam Smith beginnt den „Wohlstand der Nationen“ mit dem berühmten Beispiel einer Nadelfabrik. Er beschreibt, wie die Aufteilung des Produktionsprozesses in etwa achtzehn verschiedene Handgriffe – das Ziehen des Drahts, das Strecken, das Schneiden, das Spitzen – die Produktivität einer kleinen Gruppe von Arbeitern um das Vielfache steigert. Durch Spezialisierung entsteht somit materieller Wohlstand.
Doch im fünften Buch des „Wohlstands der Nationen“ übte Smith auch eine scharfe Kritik an der Spezialisierung, aus der er die Wichtigkeit staatlicher Bildungspolitik herleitete. Recktenwald machte auf diese wenig bekannten Textpassagen aufmerksam und sprach von Smiths Paradoxon der Arbeitsteilung:
„Der Mensch, dessen ganzes Leben damit ausgefüllt ist, einige wenige einfache Handgriffe auszuführen, […] hat keine Gelegenheit, seinen Verstand zu üben […]. Er wird im Allgemeinen so unwissend und beschränkt, wie ein menschliches Wesen nur werden kann.“ (Smith 1776/1978, Kap. V)
Recktenwald verglich den modernen Wissenschaftsbetrieb mit Smiths Nadelfabrik und sah erstaunliche Parallelen: Im akademischen Betrieb herrscht ein harter Publikationswettbewerb. Evaluierungskriterien sind möglichst viele Veröffentlichungen in rangigen Journals. Dieser Konkurrenzkampf um die knappen Journalplätze erzwingt eine immer engere Spezialisierung. Dadurch werden Wissenschaftler – um im Bild der Nadelfabrik zu bleiben – zu „Spezialisten für den rechten unteren Quadranten des Nadelkopfes unter besonderer Berücksichtigung kopfloser Nadeln“. Moderne Wissenschaftler beherrschen hochkomplexe statistische Verfahren. Sie kennen sich perfekt in isolierten Teiltheorien aus. Doch haben sie jeglichen Bezug zum Gesamtsystem verloren.
Recktenwald prangerte den Verlust der ganzheitlichen Sichtweise des modernen Wissenschaftsbetriebs scharf an:
„Die Hyper-Spezialisierung der modernen Wissenschaften führt zu einer Zerstückelung des Wissens. Wir züchten Fachidioten, die in ihrer Nische Geniales leisten, aber unfähig geworden sind, das Ganze der menschlichen Gesellschaft zu begreifen.“ (Recktenwald 1980, S. 45).
Fazit: Es gibt laut Recktenwald in der Moderne ähnlich zu Smiths Paradoxon der Arbeitsteilung ein Wissenschaftsparadoxon: Wir beobachten ein exponentielles Wachstum von Detailwissen. Gleichzeitig erodiert das Verständnis für die großen Zusammenhänge. Ähnlich der Arbeiter in der Nadelfabrik drohen die hyper-spezialisierten Wissenschaftler geistig zu verkümmern. Es mangelt ihnen zwar nicht an Intelligenz, aber an Weitblick. Ihr Horizont endet am Nadelkopfrand. Sie produzieren Datenfriedhöfe. Sie sind aber unfähig, die gesellschaftliche Relevanz oder die ethischen Implikationen ihrer Forschungen zu reflektieren. Der berühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat einmal überspitzt gesagt, dass wir von nichts alles wissen.
4. Synthese erforderlich
Recktenwalds zentrale wissenschaftstheoretische Botschaft, die aus dem Paradoxon der Arbeitsteilung folgt, lautet: Spezialisierung in der Wissenschaft macht nur dann Sinn, wenn im Anschluss eine Synthese erfolgt. Spezialisierung ohne Synthese ist ihm zufolge so sinnlos wie Arbeitsteilung ohne Handel. Spezialisierung darf kein Selbstzweck sein und sich verselbstständigen. Durch Spezialisierung entstehen nur die Puzzleteile, die anschließend zu einem Bild zusammengefügt werden müssen. Recktenwald hielt fest:
„Analyse ohne anschließende Synthese bleibt unvollständig, ja oft gefährlich. Die Trennung der ökonomischen Analyse von der ethischen und sozialen Synthese macht die Wissenschaft blind für die Wirklichkeit.“ (Recktenwald 1976, S. 112)
Recktenwald prangerte den Methoden-Fetischismus an, der insbesondere in der modernen Ökonomie vorherrscht, die zu großen Teilen zur Wirtschaftsmathematik verkommen ist. Ein Aufsatz gilt oft nur dann als „wissenschaftlich“, wenn er in der Sprache der Mathematik verfasst ist und komplexe ökonometrische Modelle verwendet. Dabei wird der Untersuchungsgegenstand der Methode angepasst, anstatt relevante Fragen zu stellen und unter den Methoden jene zu wählen, die für die Problemlösung besonders geeignet ist. Durch die Fixierung auf die Mathematik werden all jene Einflussgrößen aus den Modellen verbannt, die man nicht in eine Formel pressen kann. Das sind aber meist die relevanten Faktoren wie etwa historisch gewachsene Institutionen, moralische Konventionen, Vertrauen oder psychologische Befindlichkeiten. Sie fristen in den modernen „models“ bestenfalls als „exogene Variablen“ ein Mauerblümchendasein.
Recktenwald zeigte anhand des Vorgehens von Adam Smith, wie echtes wissenschaftliches Arbeiten aussehen sollte, das die durch Recherchen gewonnenen Bausteine wieder zu einem Haus zusammenfügt. Smith nutzte die Spezialisierung – er sammelte akribisch historische Daten, ökonomische Fakten und psychologische Beobachtungen. Doch ließ er es dabei nicht bewenden. Er verknüpfte diese isolierten Befunde zu einem Gesamtbild. Wenn Smith etwa über Getreidepreise schrieb, analysierte er gleichzeitig die rechtlichen Rahmenbedingungen des Handels. Er fragte nach den historischen Wurzeln für diese Gesetzgebung. Und er untersuchte deren Auswirkungen auf die ärmeren Schichten, da ihm das Los der „labouring poor“ besonders am Herzen lag.
Für die moderne Wissenschaft bedeutet dies: Das reine Anhäufen von und Jonglieren mit Partialwissen ist wertlos, wenn es nicht gelingt, dieses Wissen in ein Gesamtbild einzufügen. Dies erfordert eine integrierte und interdisziplinäre Sichtweise oder Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftszweigen. So bedarf etwa ein Finanzwissenschaftler, der das Steuerrecht verbessern möchte, der Kooperation mit der Politikwissenschaft, der Psychologie und der Soziologie. Er darf Steuern nicht nur mit Zahlen und Formeln berechnen, sondern muss auch berücksichtigen, wie Menschen auf Steueränderungen oder neue Steuern reagieren. Klammert der Ökonom diese übergreifenden Systemzusammenhänge aus, läuft er Gefahr, dass sein Reformvorschlag den sozialen Zusammenhalt gefährdet, Streit und Neid schürt und das Vertrauen in die Politik und in die demokratischen Parteien untergräbt, so dass die Menschen aus Protest zu extremen Parteien überlaufen oder auf die Straße gehen. So führte etwa die Erhöhung der Steuern auf fossile Kraftstoffe in Frankreich im Herbst 2018 zum sogenannten Gelbwestenaufstand. Kurzum: Es ist ein interdisziplinärer Ansatz angesagt, um Fehlsteuerungen zu vermeiden.
5. Ein realistisches Menschenbild
Recktenwald, der sich vertieft mit Smiths Anthropologie auseinandergesetzt hat, plädierte für ein erweitertes menschliches Verhaltensmodell in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. In der Ökonomie und der Public Choice Theorie dominiert der Homo Oeconomicus, der rein rationale Einzelmensch, der seinen Nutzen maximiert. Man hat ihn meist mit einem Egoisten gleichgesetzt, was nach Recktenwald grundfalsch ist. Nach ihm muss man beim rational wirtschaftenden Menschen „geläutertes“ Eigeninteresse unterstellen. Der Homo Oeconomicus wird in Verbindung mit dem berühmten Zitat vom Metzger und Bäcker fälschlicherweise Adam Smith zugeschrieben, obwohl er von John Stuart Mill (1806 – 1873) stammt. Diese Kunstfigur ist für rein analytische Zwecke ersonnen worden. Sie steht im Mittelpunkt der neoklassischen Modelle, die von sozialen, rechtlichen und ethischen Bezügen abstrahieren,
Wie Recktenwald zeigte, ist das Smith`sche Menschenbild unendlich viel reicher und realistischer als John Stuart Mills reduktionistische Kunstfigur. Für Smith ist der Mensch kein isoliertes Individuum, sondern ein soziales Wesen, dessen Wohlbefinden untrennbar mit dem Wohlbefinden seiner Mitmenschen verknüpft ist. Der Mensch ist nach Adam Smith in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen und Mitgefühl oder Sympathie (sympathy) zu empfinden. Heute würde man sagen, er ist zu Empathie fähig. So beginnt die „Theorie der ethischen Gefühle mit dieser Grundweisheit:
„Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch ganz offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn am Schicksal anderer Anteil nehmen lassen und ihm deren Glück notwendig machen, obgleich er keinen anderen Vorteil davon hat, als es zu sehen.“ (Smith 1759, I.1.1)
Das Konzept der Sympathie ergänzt Smith durch das Konzept des „unparteiischen Beobachters“ (impartial spectator). Bei Smith entspringt dieses Denkkonstrukt eines neutralen Richters, der das eigene Verhalten bewertet, der menschlichen Imaginationskraft. Es ist – im Gegensatz zum eher metaphysischen Gewissen bei Kant – real, da es von jedermann erfahrbar ist. Recktenwald betonte unermüdlich die ordnende Funktion dieser Kontrollinstanz für menschliches Verhalten, auch auf Märkten.
„Der Smith’sche Markt ist kein rechtsfreier Raum für hemmungslose Egoisten, sondern ein System, das nur funktioniert, weil der Mensch vom ‚unparteiischen Beobachter‘ in seinem Inneren gezügelt wird. Das Eigeninteresse bewegt sich immer im Rahmen von Recht und Anstand.“ (Recktenwald 1977, S. XLV)
Auch hat bei Adam Smith das Streben des Menschen nach Anerkennung durch die Mitmenschen einen ebenso hohen Rang wie das Streben, durch materielle Güter seine Lebenssituation zu verbessern. Der Mensch ist also weder ein rücksichtsloser, selbstsüchtiger Egoist noch ein platter Materialist, sondern ein im Spiegelkabinett menschlicher Beziehungen und Bewertungen interagierendes soziales Wesen, dem Verhaltensbeschränkungen auferlegt sind.
Handelt der Mensch in der privaten Sphäre, also in der Familie, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft, sind die in der Natur des Menschen verankerten moralischen Leitplanken ausreichend für ein harmonisches Zusammenleben und es ist Raum für Hilfsbereitschaft und Altruismus. Auf anonymen Märkten hingegen herrscht Distanz zwischen Menschen. Als Realist erkannte Adam Smith, dass unter den Bedingungen der Anonymität weitere Korrektive in das System der natürlichen Freiheit eingebaut werden müssen, um auf Nummer sicher zu gehen, dass bei unvollkommenen Menschen das Eigeninteresse nicht degeneriert, also in Unredlichkeit, Rücksichtslosigkeit und Gewinnsucht umschlägt oder in Faulheit oder Fahrlässigkeit. Denn wenn sich der Mensch in einem anonymen Umfeld unbeobachtet wähnt, wenn also die Missbilligung durch Mitmenschen fehlt, ist er moralisch leichter korrumpierbar, als wenn er unter Aufsicht steht. Dann ist der „unparteiische Beobachter“ als moralische Leit- und Kontrollinstanz möglicherweise zu schwach. Das ist ähnlich wie in der Hundeforschung: Die auf dem Tisch liegende Wurst wird gefressen, wenn das Herrchen den Raum verlassen hat. Es bedarf der Moral oder Disziplin eines Blindenhundes, wenn dies nicht der Fall ist.
In anonymen Großgesellschaften und auf Märkten sind also staatliche Normen (Gesetze) erforderlich, die Fehlverhalten unter Strafe stellen sowie Aufsichtsbehörden. Sie springen gewissermaßen ein, wenn der „unparteiischer Beobachter“ seine Rolle nicht mehr richtig spielt. Dies gilt auch für die disziplinierende Kraft des Wettbewerbs. Dieses Korrektiv verhindert, dass Anbieter überhöhte Preise verlangen oder sich Laschheit breit macht und die Kosten ins Kraut schießen.
Diese Schranken für das Eigeninteresse werden im „Wohlstand der Nationen“ thematisiert, während die ersten beiden (Sympathie oder Mitgefühl und Regeln der Ethik) in der „Theorie der ethischen Gefühle“ abgehandelt werden. Wenn der Staat den nötigen Rechtsrahmen schafft und für funktionsfähigen Wettbewerb sorgt, dann ist es so, dass mit mittelmäßigen Menschen, die naturgemäß erst an sich und dann erst an andere denken, beste Ergebnisse für die Allgemeinheit erzielt werden. Unter diesen Bedingungen ist automatisch dem Gemeinwohl gedient, wenn der Mensch sein eigenes Interesse verfolgt. Berühmt ist der Satz, dass wir unser Essen nicht dem Wohlwollen, sondern dem Eigeninteresse des Bäckers, Metzgers oder Brauers verdanken.
Es ist das Verdienst Recktenwalds, die disziplinierenden Schranken für das Eigeninteresse bei Adam Smith klar herausgefiltert zu haben. Dadurch wurde der Homo Oeconomicus, der einer scharfen Kritik ausgesetzt war, gewissermaßen rehabilitiert: Wenn der Mensch am Markt sein Eigeninteresse verfolgt, dann tut er das nach Recktenwald stets innerhalb der Schranken der Gerechtigkeit und der Moral. Für Recktenwald ist der am Markt handelnde Mensch ein Sonderfall im Rahmen von Smiths allgemeiner Verhaltenslehre, die die moderne Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) heute mühsam durch empirische Laborexperimente wiederentdeckt. Dabei wird oft viel Aufwand getrieben, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die man bei Adam Smith nachlesen oder tagtäglich selbst beobachten hätte können. So musste etwa der Steuerzahler den mehrmonatigen über Landwege absolvierten Forschungsaufenthalt eines Wissenschaftlers in Neuguinea finanzieren, der zur lapidaren Einsicht gelangte, dass sich die Eingeborenen moralischer verhalten, wenn sie unter Aufsicht des Häuptlings stehen.
6. Von Ordnungssystemen
Es lässt sich eine Brücke schlagen von Horst Claus Recktenwald zu Walter Eucken, deren Weltbilder sich stark ähneln und die vor vergleichbaren Herausforderungen standen. Während Recktenwald das total verzerrte, verdrehte und verfälschte Smith-Bild korrigiert hat, musste Walther Eucken (1891-1953) den klassischen Liberalismus gegen den ungezügelten und unregulierten Laissez-Faire-Liberalismus und den Manchesterkapitalismus sowie gegen den Staatssozialismus verteidigen. Dies war die Geburtsstunde der ordoliberalen Freiburger Schule, die ordnungspolitische Fragen ins Zentrum rückte.
Beide Denker gehen von einem ganzheitlichen Weltbild und der Idee der Einheit aus. Was bei Recktenwald die Smiths´sche Trilogie „Ethik, Markt und Staat“ ist – eine Einheit, deren Elemente untrennbar zusammengehören – oder der innere Verbund von Ökonomie, Ethik, Soziologie, Politik- und Rechtswissenschaft, ist es bei Eucken „die Interdependenz der Ordnungen“. In seinem Hauptwerk „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ hob Eucken die wechselseitige Abhängigkeit von Ordnungen hervor:
„Die wirtschaftspolitische Praxis steht vor der Aufgabe, alle Ordnungen des Lebens – die Rechtsordnung, die Staatsordnung und die Wirtschaftsordnung – als eine Einheit zu begreifen. Es ist unmöglich, die Wirtschaftsordnung zu reformieren, ohne gleichzeitig die Rechts- und Staatsordnung in den Blick zu nehmen.“ (Eucken 1952, S. 180)
Sowohl Smith als auch Eucken erkannten, dass sich Märkte, die nicht in eine Moralordnung, Rechtsordnung und Wirtschafts- und Wettbewerbsordnung eingebunden sind, durch Monopolbildung und Machtballung selbst zerstören. Ungeordnete und von der Moral entkoppelte Laissez-Faire-Märkte sind also ein instabiles Konstrukt. Eucken kritisierte daher die Liberalen des 19. Jahrhundert scharf, Adam Smiths Lehre gründlich missverstanden zu haben:
„Das Laissez-Faire-System übersah, dass der Wettbewerb eine staatlich gesetzte und überwachte Rahmenordnung braucht. Ein freier Markt ohne starken Staat führt unausweichlich zur Diktatur der Monopole.“ (Eucken 1952, S. 52).
Für Eucken war ein starker Staat, der eine dienende Rolle spielt, unabdingbar. Der Staat muss das rechtliche Fundament bereitstellen, damit Freiheit und Markt überhaupt funktionieren können. Er muss Ordnungspolitik betreiben, statt Prozesspolitik, die planwirtschaftlichem Denken entspringt. Eucken erkannte auch, dass Ethik unverzichtbar ist und dass Marktteilnehmer moralische Schranken brauchen. Eine Wettbewerbsordnung kann ihm zufolge nur bestehen, wenn sie von einer Werteordnung getragen wird.
Bemerkenswert ist die enge Parallele, die zwischen dem Konzept des „unparteiischen Beobachters“ bei Adam Smith und dem Haftungsprinzip bei Walter Eucken besteht. Die Bewertung des eigenen Verhaltens durch die Augen eines unbeteiligten Dritten verhindert, dass wir die Rechte anderer verletzten, weil wir sonst Scham und den Verlust von menschlicher Anerkennung fürchten. Zur inneren moralische Instanz bei Smith korrespondiert die äußere rechtliche Instanz bei Eucken: Durch den Leitsatz „wer den Nutzen einer wirtschaftlichen Entscheidung hat, muss auch den Schaden tragen“, wird das moralische Prinzip von „gut“ und „böse“ in die ökonomische Kategorie von „Gewinn“ und „Verlust“ übertragen. Durch das Haftungsprinzip werden Freiheit und Verantwortung miteinander verknüpft. Euckens Haftungsprinzip ist im Grunde die rechtliche Institutionalisierung von Smiths „unparteiischem Beobachter“. Sie ist in anonymen Großgesellschaften nötig, weil unter diesen Bedingungen das Gewissen ein zu schwaches Korrektiv ist, wie wir gesehen haben.
Was bei Eucken das Haftungsprinzip für die Marktwirtschaft ist, ist bei Recktenwald in seiner Eigenschaft als Finanzwissenschaftler das Verbundprinzip für die Staatswirtschaft, das er in seinem Lexikon der Staats- und Geldwirtschaft beschrieben und in seinen Vorlesungen gepredigt hat. Es besagt, dass in der föderal organisierten Staatswirtschaft Entscheidung, Nutzen und Kosten verknüpft werden sollten. Kollektive, die die Entscheidungen treffen und die Nutzen aus öffentlichen Gütern und Leistungen ziehen, sollten auch die damit einhergehenden Kosten tragen. Sie müssen deckungsgleich sein. Recktenwald war auch ein vehementer Kritiker des Nonaffektationsprinzips, des „heiligen Grals“ in der Finanzwissenschaft. Er postulierte, dass Politiker über die Herkunft der Mittel Auskunft geben sollen, wenn sie Ausgabenprogramme beschließen. Sie sollten gezwungen sein, die Verteilungseffekte ihrer Politik offenzulegen. In der Abkehr von diesen Grundsätzen sah Recktenwald eine wesentliche Ursache für Verschwendung im Kollektiv, die mir einer Aushöhlung der moralischen Grundlagen eines Gemeinwesens einhergeht. Diese Aspekte sind aktueller denn je, wie die verbreitete Anspruchshaltung und die Forderungsmentalität zeigen, die den modernen Gesellschaftskrankheiten der „Subventsklerose“ und „Soziallergie“ zugrunde liegen.
Das Fazit aus der Recktenwald`schen Smith-Interpretation und der Lehre Euckens ist, dass Freiheit und Ordnung keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes benötigt individuelle Moral sowie die „sichtbare Hand“ des Rechts- und Ordnungsstaates. Euckens konstituierende Prinzipien sind die Konkretisierung der gerechten Gesellschaft bei Adam Smith. Während Recktenwald die „unsichtbare Hand“ des Marktes durch den Einbezug von Moral und Recht gewissermaßen rehabilitiert hat, nahm Eucken die „sichtbare Hand“ des Staates im Sinne von Recht und Ordnung näher unter die Lupe.
7. Für zweckfreie Forschung
Recktenwald betonte in seinen Werken die Warnungen von Adam Smith vor einer reinen Wirtschaftskultur. Als Humanist kritisiert er, dass Wissenschaft oft nur nach ihrem finanziellen Nutzen bewertet wird. Primärer Maßstab für Spitzenforschung ist, wieviel Geld sie einbringt. Es zählen vor allem eingeworbene Fördergelder wie Drittmittel, Patentanmeldungen und der Nutzen für die Industrie.
Recktenwald zeigte, dass diese rein am wirtschaftlichen Nutzen ausgerichtete Orientierung der Wissenschaft zu der Entfremdung führt, vor der Smith gewarnt hat: Die Wissenschaft verliert dann ihre neutrale Beobachterrolle und kann der Gesellschaft nicht mehr als Wegweiser dienen. Recktenwald warnte davor, dass die modernen Universitäten und Forschungsinstitute zur „akademischen Nadelfabriken“ verkommen, die im Akkord Paper produzieren, um Ranking-Punkte zu sammeln. Wissenschaft darf nach Recktenwald nicht marktgesteuert sein. Sie muss zweckfrei sein und sie muss Zeit zum langen Nachdenken lassen sowie zum fächerübergreifenden Dialog. Recktenwald merkte dazu kritisch an:
„Wenn Universitäten zu reinen Ausbildungsfabriken werden und Forschung nur noch nach ihrem unmittelbaren Marktwert bemessen wird, dann verliert die Wissenschaft ihre Seele. Sie begibt sich freiwillig in jene geistige Knechtschaft, vor der Adam Smith so eindringlich gewarnt hat.“ (Recktenwald 1983, S. 89)
Smith sah in der Bildung und im Training des menschlichen Geistes das nötige Gegengewicht zur Stumpfsinnigkeit, die mit der Spezialisierung einhergeht. Dies dokumentierte er am Beispiel seiner berühmten Nadelfabrik. Um dem geistigen Verfall entgegenzuwirken, forderte er staatlich subventionierte Bildungseinrichtungen. Durch die staatliche statt einer privaten Trägerschaft sollte eine breite und an humanistischen Idealen orientierte Allgemeinbildung gewährleistet sein.
8. Das Normative in der Ökonomie
Eine zentrale Botschaft Recktenwalds lautete, dass Forschung niemals völlig frei von Werturteilen sein kann. Seine aus der ganzheitlichen Sichtweise heraus gewonnene Einsicht steht im klaren Widerspruch zum klassischen Dogma Max Webers von der „Wertfreiheit“ in den empirischen Sozialwissenschaften. Dort gilt die Regel: Fakten analysieren, Ursachen aufdecken, sich aber konsequent persönlicher Werturteile zu enthalten.
Recktenwald demonstriert durch seine Smith-Exegese, dass dieser „heilige Gral“ der Sozialwissenschaften eine Illusion ist. Bereits die Fragestellung des Forschers impliziert ein Werturteil. Das gilt auch für die Wahl der als relevant erachteten Variablen und für die Modellkonstruktion. So impliziert etwa bereits die Frage „Wie können wir das Bruttoinlandsprodukt um x Prozent steigern“ das Werturteil, dass das Gesamteinkommen das oberste Ziel ist und dass die Verteilung, die Lebensqualität und die ökologische Nachhaltigkeit nachrangig oder irrelevant sind. Wer Wohlstand nur an den Markttransaktionen misst, also am BIP, schließt die Variable „unbezahlte care-Arbeit“ aus und fällt damit das implizite Werturteil, diese sei ökonomisch wertlos. Recktenwald forderte daher mehr Ehrlichkeit und Mut, die eigenen Bewertungen offenzulegen, statt sich hinter mathematischen Formeln zu verschanzen.
„Es gibt keine absolut wertfreie Sozialwissenschaft. Der Ökonom, der vorgibt, völlig wertfrei zu sein, betreibt oft nur eine Camouflage für seine eigenen, ungesagten politischen Prämissen. Adam Smith hatte noch den Mut, Ökonomie als Moralphilosophie zu begreifen – im Dienste des Gemeinwohls.“ (Recktenwald 1976, S. 201)
Smiths Werk ist normativ ausgerichtet. Er wollte Marktmechanismen nicht einfach nur wertfrei beschreiben. Sondern es ging ihm um eine wohlhabende und gerechte Gesellschaft, wobei er vor allem das Los der Ärmsten verbessern wollte. Der Einbezug normativer Postulate in die modernen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ebnet nach Recktenwald den Weg zu einer besseren Gesellschaft.
9. Fazit: Plädoyer für eine Neuausrichtung der Forschung
Horst Claus Recktenwald hat uns durch seine gründliche Smith-Exegese ein reiches Erbe hinterlassen, das offensichtlich in Vergessenheit geraten ist, zumal es von der „jüngeren Smith-Forschung“ im deutschen Sprachraum kaum gewürdigt wird. Wir müssen es reaktivieren, um auf die großen, existenziellen Fragen der Menschheit eine konstruktive und kreative Antwort geben zu können.
Fassen wir abschließend kurz zusammen, was wir heute von diesem großen Gelehrten lernen können: Um den Menschen dienen und Orientierung zu bieten zu können, muss die Forschung wieder das Ganze in den Blick nehmen. Spezialisierung ist mit Synthese zu koppeln. Dazu bedarf es des fächerübergreifenden Dialogs und der interdisziplinären Zusammenarbeit. Ökonomie, Ethik, Psychologie, Soziologie, Politik- und Rechtswissenschaft müssen kooperieren und an einem Strang ziehen. Die Wirtschaft ist kein isoliertes System, sondern bedarf einer dazu komplementären Staats-, Rechts-und Moralordnung. Auch ist das Menschenbild zu korrigieren. Der Mensch ist nicht der egoistische kühle Rechner, wie in ökonomischen Modellen unterstellt, sondern zu Empathie und moralischer Selbstreflexion fähig. Wenn die Wissenschaft diese Lehren beherzigt, wird sie auch in der Lage sein, die großen Krisen zu meistern.
Literaturverzeichnis
Eucken, Walter (1952). Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Aus dem Nachlass herausgegeben von Edith Eucken-Erdsiek und K. Paul Hensel. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).
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Recktenwald, Horst Claus (1978). „Adam Smiths Lebenswerk. Eine kritische Analyse nach zweihundert Jahren“. In: Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen übersetzt, eingeleitet und mit einem umfassenden Register versehen von Horst Claus Recktenwald. München: C.H. Beck, S. XV–LXXVI.
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Recktenwald, Horst Claus (1983). Markt und Staat. Aufsätze zur Politischen Ökonomie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Recktenwald, Horst Claus (1983). Lexikon der Staats- und Geldwirtschaft. Ein Lehr- und Nachschlagewerk. München: Vahlen.
Recktenwald, Horst Claus (1985). Ethik, Wirtschaft und Staat. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Recktenwald, Horst Claus (1989 – 1999). Die Nobelpreisträger der ökonomischen Wissenschaft. Düsseldorf. Verlag Wirtschaft und Finanzen.
Rosenschon, Astrid (2024). Markt, Staat und Ethik als Trilogie. Ein Plädoyer für eine Adam- Smith-Renaissance. In: Wirtschaftliche Freiheit. https://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=37093
Rosenschon, Astrid (1990). Zum Tod von Horst Claus Recktenwald. In: Orientierungen zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik (Heft 2). S.68-69.
Smith, Adam (1759/1977). Theorie der ethischen Gefühle. Nach der letzten Aufl. von 1790 übersetzt von Walther Eckstein. Eingeleitet von Horst Claus Recktenwald. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).
Smith, Adam (1776/1978). Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Aus dem Englischen übersetzt, eingeleitet und mit einem umfassenden Register versehen von Horst Claus Recktenwald. München: C.H. Beck.
Beiträge der Serie “Ordnungspolitische Denker heute“:
Wolf Schäfer: Verkehrswege in Deutschland: Falsche Institutionen
Ulrich van Suntum: Ordnungspolitische Leere: Es steht mehr auf dem Spiel als nur die Effizienz
Rainer Hank: Was wir von Wilhelm Röpke lernen sollten – und was lieber nicht.
Thorsten Polleit: Die Interventionismus-Falle
Gerhard Wegner: Hayek und die Konstruktivismusfalle. Die geplante Energiewende
Wolf Schäfer: „Ökonomischer Imperialismus“ .Zu Gary S. Beckers ökonomischer Theorie der Familie
