Gastbeitrag
Vom Preissignal zur Marktlenkung
Die Transformation des EU-ETS in ein industriepolitisches Subventionsinstrument

Der Europäische Emissionshandel (EU-ETS-1) war in seiner ursprünglichen Konzeption als marktkonformes Umweltinstrument aufgesetzt worden. Über eine strikte Mengendeckelung und die freie Preisbildung am Markt (Cap and Trade) sollte der Mechanismus sicherstellen, dass CO?-Emissionen dort eingespart werden, wo dies volkswirtschaftlich zu den geringsten Kosten möglich ist. Die Preisfindung folgte dem Prinzip der Dezentralität, Anonymität und Technologieoffenheit.

Mit dem im Juli 2026 von der Europäischen Kommission vorgelegten Gesetzgebungspaket (Kommissionsentwurf 2026/0212 COD) vollzieht das ETS-1 jedoch einen korrigierenden, aber fundamentalen Architekturwechsel[1]. Angesichts einer drohenden strukturellen Zertifikateknappheit und des immensen Anpassungsdrucks auf die europäische Industrie weicht die Kommission das primäre Preissignal auf. An seine Stelle tritt ein komplexes Geflecht aus administrativen Steuerungselementen, temporären Entlastungen und staatlich gelenkter Kapitalallokation.

Dieser Wandel transformiert den EU-Emissionshandel schrittweise von einem angedachten marktwirtschaftlichen Knappheitsindikator zu einer industriepolitischen Subventions- und Lenkungsmaschinerie, die ausgeprägte Verteilungswirkungen zwischen Großindustrie und Mittelstand entfaltet.

1. Die Kernmechanismen der Kommissionsvorschläge (2026)

Die vorgelegten Entwürfe sehen tiefgreifende Eingriffe in das Regelwerk vor, die sowohl die Angebotsseite der Zertifikate als auch die Mittelverwendung betreffen[2]:

Instrument / StellschraubeBisheriger PfadVorgelegter Kommissionsentwurf
Linearer Kürzungsfaktor (LRF)Strikte Kürzung um 4,4 % p.a. (Absinken des Caps auf null um 2040)Abschwächung auf 3,7 % (2031–2035) und 1,7 % (2036–2040)[3]
Marktstabilitätsreserve (MSR)Entnahmerate aus dem Zirkulationsvolumen: 24 %Halbierung der Entnahmerate auf 12 % zur Erhöhung der Marktliquidität
Investment Booster (2028–2030)Kein direktes marktfinanziertes Eil-FörderprogrammEntnahme von 400 Mio. Zertifikaten zur Generierung von ~30 Mrd. € Fördervolumen
Industrial Decarbonisation BankFragmentierte EinzelförderungenÜbergeordnetes Vehikel für 100 Mrd. € an Industrie-Transformationshilfen
Konditionierung freier ZuteilungenAn Effizienz-Benchmarks gekoppeltAb 2031: 100 % Reinvestitionsverpflichtung des Zuteilungswerts in EU-Dekarbonisierungspläne
CBAM-AusphasierungAuslaufen der freien Zuteilung bis 2034Streckung der Übergangsphase bis 2038

2. Ordnungspolitische Analyse des Architekturwechsels

A. Die Interventionsspirale: Korrektur der künstlichen Knappheit

Die vorgesehene Abschwächung des linearen Kürzungsfaktors (LRF) ab 2031 sowie die Halbierung der Entnahmerate der Marktstabilitätsreserve sind die direkte Reaktion auf eine drohende Marktfunktionsstörung und auf das reale Risiko einer fortschreitenden Deindustrialisierung, die insbesondere den europäischen Industriekern wie Deutschland zunehmend erfasst. Das ursprüngliche Regeldesign hätte das Angebot an Zertifikaten bis knapp vor das Jahr 2040 mathematisch auf null reduziert.

Dass die Europäische Kommission die Verknappung nun bremst, ist vor diesem Hintergrund ein durchaus nachvollziehbarer Schritt zur Standortsicherung. Er legt jedoch die konstruktive Schwäche des LRF offen: Der LRF fungiert als starrer, mathematischer Automatismus, der gleich doppelt von der ökonomischen Realität entkoppelt ist:

  1. Entkopplung vom inländischen Technologiestand: Der LRF verknappt das Angebot völlig unabhängig davon, ob die zur Vermeidung notwendigen Durchbruchstechnologien und Infrastrukturen (wie bezahlbare grüne Energie oder funktionierende Wasserstoffnetze) in der Breite marktfähig zur Verfügung stehen.
  2. Entkopplung vom globalen Umfeld: Der Reduktionspfad verschärft das Mengenangebot isoliert innerhalb des Binnenmarktes – ohne Rücksicht auf das Tempo und den Stand der Dekarbonisierungsanstrengungen außerhalb der EU. Da wichtige globale Wettbewerber CO? nicht im ansatzweise vergleichbaren Umfang bepreisen, setzt ein starrer LRF die energieintensive Industrie in Europa einer existenzbedrohenden Asymmetrie aus.

Die Absenkung des LRF durch die Kommission ist somit der verständliche Versuch, den dadurch erzeugten Standortdruck abzufedern. Ordnungspolitisch zeigt sich hier jedoch eine klassische Interventionsspirale: Weil ein exogen festgelegter, von globalen Märkten isolierter Kürzungsautomatismus die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit überfordert, muss die Politik nachträglich korrigierend eingreifen. Der Zertifikatemarkt verliert dadurch seine Funktion als verlässlicher, langfristiger Rahmen und wird von einem autonomen Mengensystem zu einer politisch nachjustierten Steuerungssphäre.

B. Vom Preissignal zur administrativen Reinvestition

Besonders drastisch offenbart sich der Systemwechsel bei der geplanten Konditionierung der freien Zuteilung. Ab dem Jahr 2031 sollen Betriebe ihre freien Zertifikate nur noch unter der Prämisse erhalten, dass sie den vollständigen finanziellen Gegenwert nachweislich in behördlich genehmigte EU Decarbonisation Plans reinvestieren.

Ordnungspolitisch hebt dieser Mechanismus die Allokationsfunktion des Marktes faktisch auf. Ursprünglich sollten freie Zuteilungen lediglich das Risiko von Carbon Leakage (Abwanderung) abfedern. Das Unternehmen behielt dabei die volle unternehmerische Dispositionsfreiheit, wie und wo es sein Kapital am effizientesten zur Emissionsminderung einsetzt. Die neue 100-Prozent-Konditionierung ersetzt diese dezentrale ökonomische Autonomie durch eine staatlich vorgegebene Verwendungspflicht.

Besonders für kapitalintensive und im harten globalen Wettbewerb stehende Sektoren wie die chemische Industrie wird diese Regelung zu einem immer engmaschigeren regulatorischen Korsett. Statt Technologieoffenheit zu gewährleisten – bei der das Preissignal den effizientesten Weg zur CO?-Vermeidung diktiert –, maßt sich die Bürokratie an, vorzuschreiben, was als legitime „grüne“ Investition gilt.

Dies führt zu einer gefährlichen ökonomischen Fehlallokation:

  1. Crowding-out von Zukunftsinvestitionen : Der regulatorische Zwang, immense Kapitalmengen exklusiv in zertifizierte grüne Herstellungsverfahren zu leiten, bindet genau jene liquiden Mittel, die dringend für echte Zukunftsinvestitionen benötigt werden. Kapital für Forschung und Entwicklung, die Digitalisierung von Lieferketten oder die Entwicklung völlig neuer, innovativer Produktlinien wird gestrichen, weil die Mittel für Compliance-getriebene Pflichtinvestitionen blockiert sind.
  2. Bruch mit der unternehmerischen Autonomie: Die chemische Industrie kann künftig Investitionsentscheidungen nicht mehr primär nach Marktnachfrage oder globaler Wettbewerbsfähigkeit treffen, sondern nach den Kriterien eines EU-Katalogs, um den Entzug ihrer freien Zuteilungen zu verhindern.

Die Schlussfolgerung ist ordnungspolitisch eindeutig: Dieser Zwang zur gelenkten Investition verbessert nicht die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Chemieindustrie, sondern verschlechtert ihre globale Marktposition massiv. Das Instrument der freien Zuteilung, das einst geschaffen wurde, um die Abwanderung der Industrie zu verhindern, wird durch seine extreme Konditionierung selbst zum Treiber dieser Abwanderung. Wenn Unternehmen in Europa nicht mehr frei über ihre Investitionsbudgets verfügen können und technologisch in staatlich definierte Pfade gezwungen werden, ist die Verlagerung von Produktionskapazitäten in freiere Wirtschaftsräume die unausweichliche marktwirtschaftliche Konsequenz.

C. Verteilungswirkungen und Marktverzerrung: Großindustrie vs. Mittelstand

Die Ausgestaltung des „Investment Boosters“ und der „Industrial Decarbonisation Bank“ offenbart eine eklatante Schieflage hinsichtlich der marktkonformen Chancengleichheit. Das System entzieht dem Markt einerseits Liquidität und verteilt diese andererseits hochgradig asymmetrisch um. Paradigmatisch lässt sich diese marktverzerrende Wirkung am Gegensatz zwischen der politisch protegierten Stahlindustrie und dem mittelständischen Gießerei-Sektor illustrieren.

Die Finanzierung des 30-Milliarden-Euro-Boosters erfolgt durch den Einbehalt von 400 Millionen Zertifikaten aus den Marktreserven. Das Angebot an Zertifikaten am regulären Markt wird dadurch verknappt, was das Preisniveau für alle emittierenden Unternehmen gleichermaßen hochhält. Die anschließende Entlastung verläuft jedoch völlig ungleich:

  • Vollprotektion der Großindustrie am Beispiel der Primärstahlerzeugung: Die geplante Förderlogik nach dem Prinzip „First-come, first-served“ ist auf kapazitätsstarke Großkonzerne zugeschnitten. Nur sie verfügen über die administrativen Stabsabteilungen, um komplexe EU-Großprojekte in kürzester Zeit antragsreif einzureichen und die abgeschöpften Milliarden für die Umstellung auf bspw. Direktreduktionsanlagen zu sichern. Flankiert wird dies durch massive politische Forderungen, insbesondere aus traditionellen Stahlstandorten wie dem Saarland, der Stahlindustrie über Sonderwege weiterhin großzügig kostenlose Zertifikate zuzuteilen, um die systembedingt viel zu teure Produktion von „grünem Stahl“ dauerhaft zu stützen. Ordnungspolitisch wird hier ein einzelner, politisch einflussreicher Sektor planwirtschaftlich auf Kosten der Allgemeinheit vor dem Markt abgeschirmt.
  • Die Kostenzange des Mittelstands (Beispiel Gießereien): Mittelständische Betriebe wie die Gießereiindustrie werden hingegen in eine fatale, existenzbedrohende Doppelbelastung getrieben:
    1. Systemische Benachteiligung im ETS: Ihnen fehlen die Kapazitäten für den „Subventionswettlauf“ um die Booster-Milliarden. Gleichzeitig scheitern sie am Problem der „binären Transformation“: Ohne Anschluss an ein lokales Wasserstoffnetz können sie die geforderten Investitionspläne (siehe Abschnitt B) gar nicht erfüllen. Sie verlieren ihre freien Zuteilungen und müssen den durch die Booster-Entnahme künstlich verteuerten CO?-Preis in voller Höhe tragen.
    2. Sekundäre Preisbelastung im Binnenmarkt: Zusätzlich zur regulatorischen Last trifft den Mittelstand die Kostenüberwälzung der Großindustrie. Gießereien und spezialisierte Metallverarbeiter sind darauf angewiesen, Vormaterialien im europäischen Binnenmarkt einzukaufen. Sie müssen die durch die Transformation massiv gestiegenen Stahleinkaufspreise (den „grünen Aufschlag“) absorbieren, ohne diese im harten internationalen Wettbewerb an ihre Endkunden weitergeben zu können.

Die ordnungspolitische und volkswirtschaftliche Konsequenz: Während die Primärstahlindustrie durch einen beispiellosen Mix aus direkten Milliardenzuschüssen und Zertifikate-Privilegien auf dem Papier „gerettet“ wird, bluten die nachgelagerten, mittelständischen Wertschöpfungsketten aus. Die Gießereien finanzieren über den ETS das Fördervolumen der Großen mit, zahlen höhere Materialpreise und werden schrittweise aus dem System der freien Zuteilungen gedrängt. Die unausweichliche Folge dieser Politik sind weitere Betriebsaufgaben und eine verstärkte Abwanderung des industriellen Mittelstands ins Nicht-EU-Ausland. Das klimapolitische Ziel wird so konterkariert, da Emissionen durch Carbon Leakage in der Lieferkette lediglich in unregulierte Drittstaaten verlagert werden.

3. Fazit: Erosion der Marktkonformität und die Folgen für den Standort

Die vorgelegten ETS-1-Reformen der Europäischen Kommission verhindern zwar den unmittelbaren kollapsartigen Verknappungsschock der europäischen Industrie. Der Preis für diese Anpassung ist jedoch der schleichende Verlust der ordnungspolitischen Reinheit des Instruments.

Das System entledigt sich schrittweise seines Marktkerns. Statt die Allokation von Kapital dem dezentralen Preissignal zu überlassen, etabliert die EU-Kommission eine zweistufige Staatswirtschaft: Auf der ersten Stufe wird dem Markt über Zertifikatseinbehalte Liquidität entzogen, um ein hohes Preisniveau aufrechtzuerhalten. Auf der zweiten Stufe werden die so generierten Mittel über bürokratische Förderbanken und zwingende Reinvestitionsvorgaben wieder an ausgewählte Großunternehmen umverteilt.

An die Stelle des marktkonformen Zertifikatehandels tritt ein hochgradig regulierter, administrativer Subventionskomplex, der den Wettbewerb verzerrt und die Allokationseffizienz des europäischen Binnenmarktes nachhaltig schwächt. Für den Industriestandort EU hat dieser Architekturwechsel weitreichende und hochgradig riskante Konsequenzen. Wenn das wirtschaftliche Fundament – der industrielle Mittelstand – durch administrative Überforderung und eine regulatorisch bedingte Kostenzange ausgehöhlt wird, während gleichzeitig kapitalintensiven Sektoren die technologische Offenheit für Zukunftsinvestitionen genommen wird, verliert Europa seine globale Wettbewerbsfähigkeit.

Die unausweichliche Folge dieser ordnungspolitischen Fehlsteuerung ist keine erfolgreiche Transformation, sondern die beschleunigte Abwanderung von Kapital und Produktionskapazitäten sowie die schleichende Deindustrialisierung des europäischen Kerns.


[1] Procedure File: 2026/0212(COD) | Legislative Observatory | European Parliament

[2] EC updates ETS rules to tackle expected scarcity in reform push | Montel News – English

[3] EC proposes slowing ETS carbon cuts to 3.7% to help boost industry | Montel News – English   

Podcast zum Thema:

Emissionshandel unter Druck: Steht die (marktwirtschaftliche) Klimapolitik auf der Kippe?

Prof. (em.) Dr. Norbert Berthold (JMU) im Gespräch mit Prof. Achim Wambach, PhD (ZEW)

Blog-Beiträge der Serie „Europäischer Emissionshandel in der Kritik“

Vinccent Stamer (CBK, 2025): Verschärfter C02-Preis

David Stadelmann (UBT, 2025): Renten, Regulierung, Realitätsverlust. Klimapolitik unter Druck

Achim Wambach (ZEW, 2025): Weiter freie Zertifikate

Jan Schnellenbach (BTU, 2025): Die Gefahren des Kampfes gegen den Emissionshandel

Norbert Berthold (JMU, 2025): Klima im Wandel: Wende in der (europäischen) Klimapolitik?

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