Drei Gründe, warum China den Zenit überschritten hat

China ist groß und mächtig. Doch aufgrund riesiger Überinvestitionen in industrielle Produktionskapazitäten und Immobilien dürfte es seinen Zenit bereits überschritten haben.

1. Die chinesische Bedrohung

China ist groß und mächtig. Der profilierte deutsche Außenpolitiker Norbert Röttgen befürchtet eine wirtschaftliche Abhängigkeit, da das Reich der Mitte ein großer Markt für Industrieprodukte und ein dominierender Lieferant von seltenen Erden ist. Der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, warnt vor einer wirtschaftlich-technologischen Dominanz. „China und die USA werden Europa aufessen, Stück für Stück“, ließ er wissen.

Noch 2022 prognostizierte Goldman Sachs, dass China im Jahr 2035 die USA als größte Volkswirtschaft überholen wird. Das Centre for Economics and Business Research in London erwartet, dass das nominale Bruttoinlandsprodukt Chinas im Jahr 2045 größer als das der USA sein wird. Nach Einschätzung der Economist Intelligence Unit stehen zwar die USA immer noch an der Spitze der internationalen Ordnung, der Abstand würde aber immer kleiner.

Die Vision von Chinas baldiger globaler Führungsrolle wird von dessen hohen – offiziell gemessenen – Wachstumsraten gestützt (Abb. 1). Besonders gerne wird auf die „chinesische Bedrohung“ verwiesen, wenn man der einen oder anderen politischen Entscheidung Rückenwind verschaffen will – beispielsweise zuletzt für eine stark protektionistische EU-Industriepolitik mit dem Namen „Industrial Accelerator Act“. Doch kann China die USA als zukünftige wirtschaftliche, politische und militärische Führungsmacht wirklich herausfordern?

2. Drei Meilensteine zum wirtschaftlichen Aufstieg

Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas geht auf drei wichtige Meilensteine zurück. Unter Präsident Deng Xiaoping begann China ab 1978 die maoistische Planwirtschaft schrittweise durch marktwirtschaftliche Elemente zu ergänzen. Die Regierung dekollektivierte die Landwirtschaft, ließ private wirtschaftliche Initiative in Kleinbetrieben zu und gab Staatsunternehmen mehr Freiheiten. Das Land öffnete sich vorsichtig mit Sonderwirtschaftszonen für den Außenhandel, ausländische Direktinvestitionen und neuen Technologien. Ein gradueller Reformansatz erprobte marktwirtschaftliche Elemente zunächst lokal und weitete diese bei Erfolg aus.

Die Annahme von Art. VIII des IWF zum 1. Dezember 1996 legte die Grundlage für die Integration Chinas in die Weltwirtschaft, da sie den Renminbi für laufende internationale Transaktionen konvertibel machte. Zahlungen für Warenimporte und -exporte, Dienstleistungen und laufende Transfers dürfen seither nicht mehr durch Devisenbeschränkungen behindert werden. China hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seinen multiplen Wechselkurs abgeschafft und den Yuan eng an den Dollar gebunden, was Stabilität für den Außenhandel und Sicherheit für ausländische Direktinvestitionen in China schuf (McKinnon und Schnabl 2012).

Die Ex- und Importe stiegen ab dem Jahr 2001 steil an (Abb. 2), was oft mit dem WTO-Beitritt Chinas begründet wird. Doch der entscheidende Grund waren starke Kapitalzuflüsse, nachdem in Reaktion auf das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 die großen Zentralbanken die Zinsen stark gesenkt hatten (Schnabl 2019). Chinas deutlich höheres Zinsniveau zog immense Kapitalzuflüsse an, die vom staatlich kontrollierten Bankensektor in den Aufbau riesiger industrieller Produktionskapazitäten umgeleitet wurden. Der sich daraus entwickelnde Investitionsboom ging mit einem Immobilienboom einher, der maßgeblich zu hohen Wachstumsraten (Abb. 1) beitrug.

3. Drei gefährliche Ungleichgewichte

Daraus entwickelten sich drei riskante Ungleichgewichte. Nach Friedrich August von Hayek (1931) führen zu niedrige Zinsen dazu, dass kreditfinanziert zu viele Investitionsprojekte mit niedrigen Renditen auf den Weg gebracht werden. In dem daraus resultierenden Boom steigen die Aktienpreise, was einen Spekulationsboom auslösen kann. In China sind während riesige Überkapazitäten in der Industrie entstanden, die dank der künstlich niedrigen Zinsen zu günstigen Preisen Absatz auf den internationalen Märkten finden konnten. Die Immobilienpreise stiegen steil an, was einen Anreiz für eine übermäßige Ausweitung der Bautätigkeit setzte, obwohl ein Schrumpfen der Bevölkerung erwartet wird.

Der schnelle Ausbau der Industrieproduktion heizte Chinas Import von Kapitalgütern, Energieträgern, Rohstoffen und Vorprodukten an. Die industriellen Fertigprodukte – unter vielen anderen billige Textilien, wertlose Dekorationsartikel und Alltagsgebrauchsgegenstände wie Gartenzwerge, Suppentöpfe und Anglersets – überschwemmten die Weltmärkte. Damit stieg das globale Handelsvolumen stark an, was als Globalisierungsblase angesehen werden kann. In den USA kamen aufgrund der großen Importe aus China die Arbeitsplätze und Löhne der Industriearbeiter unter Druck. In Europa machte sich wachsende Skepsis gegenüber Freihandel und Freihandelsabkommen breit.

Weil die Regierung – nicht zuletzt aufgrund des niedrigen Zinsniveaus in den Industrieländern – Kapitalverkehrskontrollen aufrechterhielt, blieb der Finanzsektor unterentwickelt und von staatlich kontrollierten Banken dominiert. Daneben wuchs ein großer Schattenbankensektor mit hohen Kreditausfallrisiken heran. Wie viele faule Kredite in Chinas aufgeblähtem und staatlich deformierten Finanzsystem stecken, ist unbekannt.

4. Drei Gründe, warum Chinas Zenit bereits überschritten ist

Das führt zu drei Gründen, warum China seinen Zenit bereits überschritten hat. Erstens fand der Überinvestitionsboom 2014 sein Ende, als die US-amerikanische Zentralbank Fed ihre Quantitative Lockerung beendete. Seitdem steht der chinesische Yuan unter Abwertungsdruck, was auf eine persistente Kapitalflucht hindeutet. Die Immobilienblase hat im Jahr 2021 ihr Ende gefunden, die Bautätigkeit flacht seither immer weiter ab. Das Problem sind damit riesige Überkapazitäten in der Industrieproduktion und beim Wohnraum. Diese sind nur schwer abzubauen, weil das Arbeitslosigkeit schaffen und faule Kredite im Bankensektor sichtbar machen würde.

Zweitens sinkt die Absorptionsfähigkeit bzw. Absorptionswilligkeit der internationalen Märkte für Chinas Warenexporte. In den USA, wo die Konjunktur noch stark ist, hat Präsident Trump mit hohen Zöllen die Importe aus China abgeblockt. Auch dem Umweg über Vietnam hat Trump einen Riegel vorgeschoben. Seit den Zinserhöhungen, die der Anstieg der Inflation seit 2022 erzwungen hat, ist in Europa das Wachstum schwach, was auf die Importe aus China drückt. Zudem formiert sich Widerstand gegen Chinas Exportsubventionen. Mehr Inlandskonsum ist für China kein Ersatz, weil das Platzen der Immobilienblase die Konsumstimmung nach unten gezogen hat.

Drittens will China nach dem Platzen der Blasen mit der Ausweitung der Staatsausgaben zusätzliche Nachfrage schaffen. Die Leitzinsen werden immer weiter gesenkt, um die Investitionen zu stützen. Weil dauerhaft niedrige Zinsen den Druck von Unternehmen nehmen, die Effizienz zu erhöhen, steigt die Gefahr der Zombifizierung der Wirtschaft. In der Krise drängt die kommunistische Regierung marktwirtschaftliche Elemente wieder zurück, was nach Hayek (1945) Innovationen und Wachstum bremst. Das passiert in einer Zeit, in der die Geburtenrate seit langem gering ist und die Produktivität der chinesischen Wirtschaft – gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf – noch Welten hinter den USA zurückliegt (Abb. 3). Und wer weiß, ob die planwirtschaftliche Wachstumsstatistik überhaupt stimmt?

5. Drei Gründe, warum die Americana bleibt

Noch liegt die reale Wachstumsrate der USA offiziell unter der von China. Doch die Wirtschaftsdynamik ist, getrieben von der Führungsposition bei der Künstlichen Intelligenz, in den USA deutlich stärker. Kapital fließt auch deshalb aus China in die USA ab, weil dort die Renditeerwartungen höher sind. Mit einem höheren Zinsniveau will US-Notenbankpräsident Kevin Warsh die Unternehmen dazu bringen, dass diese das Produktivitätserhöhungspotenzial der Künstlichen Intelligenz konsequent nutzen. Dann könnte die reale Wachstumsrate der USA bald wieder über der Chinas liegen.

Die USA haben darüber hinaus nach wie vor mit Abstand den attraktivsten Finanzmarkt, weil dieser groß, frei und hoch entwickelt ist. Die US-Treasuries bleiben trotz der hohen Staatsverschuldung der USA das Rückgrat der internationalen Finanzmärkte. Hochentwickelte Finanzmärkte sind neben einer großen Wirtschaft die Voraussetzung dafür, dass ein Land eine Leitwährung haben kann. Da in China die Finanzmärkte aufgrund der zentralen Kontrolle der Regierung unterentwickelt und wenig vertrauenswürdig sind, kann der Yuan nicht einmal zur regionalen Leitwährung in Ostasien aufzusteigen.

Derweil erlaubt das exorbitante Privileg der USA – d.h. mit Hilfe der Weltleitwährung große zusätzliche Ausgaben finanzieren zu können – weiterhin die bei weitem höchsten Militärausgaben. Die USA bleiben also die führende wirtschaftliche, politische und militärische Macht. Die disruptive Politik des US-Präsidenten Donald Trump ändert daran nichts. Sie stärkt die Führungsrolle der USA sogar, weil sie Ostasien und Europa schwächer macht. 

Literatur

McKinnon, Ronald / Schnabl, Gunther (2012): China and Its Dollar Exchange Rate: A Worldwide Stabilising Influence? The World Economy 35, 6, 667–693.

Hayek, Friedrich August von (1931): Prices and Production. London: George Routledge & Sons.

Hayek, Friedrich August von (1945): Der Weg zur Knechtschaft. Erlenbach-Zürich: Eugen Rentsch.

Schnabl, Gunther (2019): China’s Overinvestment and International Trade Conflicts. China & World Economy 27, 5, 37–62.

Podcasts zum Thema:

China-Schock 2.0 und Deindustrialisierung

Prof. (em.) Dr. Norbert Berthold (JUM) im Gespräch mit Prof. Dr. Rolf J. Langhammer (IfW)

Wettrennen der Supermächte. Überholt China die USA oder hört es auf zu wachsen?

Prof. (em.) Dr. Norbert Berthold (JMU) im Gespräch mit Prof. Dr. Markus Taube (UDE)

Kritische Rohstoffe, China und der Westen. Sind Seltene Erden das „neue“ Öl?

Prof. (em.) Dr. Norbert Berthold (JMU) im Gespräch mit Prof. Dr. Rolf J. Langhammer (IfW)

Blog-Beiträge zum Thema:

Norbert Berthold (JMU, 2026): Chinesische Industriepolitik und deutsche Deindustrialisierung. Der Blog-Beitrag zum Podcast

Markus Taube (UDE, 2026): Chinesische Industriepolitik. Wieviel Markt steckt in Chinas Plan?

Norbert Berthold (JMU, 2025): Seltene Erden: Das „neue“ Öl? China ist der Elefant im Raum

Vincent Stamer (CBK, 2025): Wo Deutschland von China abhängt

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