Die Investitionsschere als empirische Probe der Organisationswirtschaft
Sechs Jahre lang ist die deutsche Wirtschaft kaum gewachsen, um durchschnittlich 0,2 Prozent pro Jahr. Bemerkenswerter als die Schwäche ist ihre Zusammensetzung: Das gesamte Wachstum stammte aus Staatskonsum und öffentlichen Investitionen, der Privatsektor trug rechnerisch nichts bei. Die übliche Lesart sieht darin eine Konjunkturschwäche, die der Staat abfedert. Die Zahlen lassen eine andere Deutung zu. Sie dokumentieren einen Wandel der Wirtschaftsordnung: Die Eigentümer entscheiden formal weiterhin über ihr Kapital, doch der Bezugspunkt ihrer Entscheidung verschiebt sich vom Preis zu politisch gesetzten Mandaten, Förderzusagen und Auflagen. Ich bezeichne diesen Ordnungstypus als Organisationswirtschaft.
Der Befund: Wachstum nur noch vom Staat
Grundlage ist eine Studie von Michael Grömling, der die Verwendungsseite des Bruttoinlandsprodukts nach privaten und staatlichen Impulsen zerlegt hat (IW-Report 40/2026). Der Befund für die Jahre 2020 bis 2025 kehrt das Muster der Vorgängerdekade um: In den 2010er Jahren trug der Privatsektor den Großteil des Wachstums, seither trägt es allein der Staat.
Noch aufschlussreicher als die Wachstumsbeiträge sind die Niveaus. Im zweiten Quartal 2026 lagen die realen öffentlichen Investitionen gut 20 Prozent über dem Durchschnitt des Jahres 2019, die privaten mehr als 10 Prozent darunter. Der Staatskonsum stieg im selben Zeitraum um über 16 Prozent, der private Konsum um 4,5 Prozent. Der Bremseffekt der privaten Investitionen auf das Wachstum ist in den 2020er Jahren mehr als viermal so stark wie in den ohnehin schwachen 2000er Jahren.
Das Zerlegen der privaten Investitionen schärft das Bild. Die Bauinvestitionen liegen fast 20 Prozent unter 2019, die Ausrüstungsinvestitionen rund 15 Prozent. Dagegen sind die sonstigen Anlagen – Forschung und Entwicklung, Software, Datenbanken – um über 20 Prozent gewachsen. Die Rüstung verzerrt diesen Befund nicht: Militärische Ausrüstung wird in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung den öffentlichen Investitionen zugerechnet. Grömlings eigenes Urteil lautet, diese Konstellation sei für ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssyystem „auf Dauer nicht normal“.
Die Deutung: Eigentum ohne Verfügung
Die übliche Lesart sieht in diesen Zahlen eine Konjunkturschwäche, die der Staat abfedert. Sie verfehlt, was die Investitionsschere zeigt. Investitionen sind keine beliebige Verwendungskomponente; in ihnen wird über den künftigen Kapitalstock entschieden. Wenn öffentliche Investitionen um ein Fünftel steigen, während private um ein Zehntel fallen, verschiebt sich die Entscheidung über die Kapitalbildung von den Eigentümern zur Politik und staatlichen Bürokratie. Das ist die Trennung von Eigentum und Verfügung, nun nicht mehr am Einzelfall, sondern in einer gesamtwirtschaftlichen Bestandsgröße sichtbar.
Die Schere unterschätzt diese Verschiebung sogar. Subventionen, Transfers und Steuervergünstigungen zählen in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht zum Staat. Die Chipfabrik von TSMC, Bosch, Infineon und NXP in Dresden, deren Investitionsvolumen von gut zehn Milliarden Euro zur Hälfte der Bund trägt, oder ein Windpark, dessen Ertrag eine gesetzlich garantierte Marktprämie über zwanzig Jahre sichert, erscheinen in der Gesamtrechnung als private Investitionen. Ein Teil dessen, was als private Kapitalbildung verbucht wird, folgt bereits politischen Korridoren. Wie in der Debatte um die Staatsquote gilt auch hier: Das Volumen des Staates misst nicht, wer koordiniert.
Der Mechanismus: Warten auf den Korridor
Michael Grömling führt die private Investitionsschwäche vor allem auf Schocks zurück: Pandemie, Lieferketten, Energiepreise, Zinswende, Krieg. Das erklärt den Einbruch, aber schwerlich seine Dauer – sechs Jahre, in denen die Schocks teils abgeklungen sind, die Zurückhaltung aber nicht. Grömling selbst nennt zwei weitere Faktoren: Attentismus und „Regulierungen und Bürokratie“.
Hier setzt Robert Higgs’ Begriff der regime uncertainty an. Higgs erklärte die lange Dauer der Großen Depression damit, dass Investoren unter dem New Deal die Sicherheit ihrer Eigentumsrechte an Kapital und künftigen Erträgen bezweifelten. Nicht das einzelne Gesetz bremste, sondern die Ungewissheit über die Spielregeln selbst. Die Organisationswirtschaft erzeugt eine verwandte Ungewissheit. Wo Mandate das Ziel definieren, Förderprogramme den Weg finanzieren und Sanktionen die Konformität sichern, hängt die Rendite einer Investition weniger an Kunden und Preisen als an politischen Entscheidungen, die jederzeit nachjustiert werden können. Unter diesen Bedingungen ist Abwarten rational. Der Investor wartet nicht auf den Preis, sondern auf den Korridor, auf die nächste Förderrichtlinie, die Novelle des Mandats, den Ausgang der Brüsseler Nachverhandlung.
Zur Ungewissheit tritt das Niveau. Auch wo die Regeln feststehen, sind sie unattraktiv: hohe Steuer- und Abgabenlast, Energie- und Arbeitskosten im internationalen Spitzenfeld, eine Regulierungs- und Berichtsdichte, die jede Erweiterung verteuert. Es fehlt die Grundlage für eine rentable Unternehmenstätigkeit und erst recht für deren Ausbau. Beides verstärkt sich gegenseitig. Weil die allgemeine Rendite schwach ist, kompensiert der Staat selektiv, etwa mit Förderzusagen, Sonderabschreibungen, subventionierten Strompreisen. Rentabel wird eine Investition dann vor allem dort, wo die Politik sie rentabel macht. Die unattraktiven Rahmenbedingungen sind so nicht nur eine Investitionsbremse, sondern der Hebel, über den die Kapitalbildung in politische Korridore gelenkt wird.
Die Gegenprobe: der Bau
Trägt diese Deutung, dann müsste die private Zurückhaltung dort am stärksten sein, wo die Mandatsdichte am höchsten ist. Grömlings Zerlegung bestätigt das. Am tiefsten gefallen sind die Bauinvestitionen. Das ist der Sektor, in dem Mietrecht, Energiestandards, Förderkulisse und Genehmigungsverfahren die Rendite weitgehend politisch bestimmen. Gewachsen sind dagegen die immateriellen Investitionen, ein Feld vergleichsweise geringer Regulierungsdichte.
Philipp Immenkötter hat für den Wohnungsmarkt gezeigt, wie die Eingriffe ineinandergreifen. Die Mietpreisbremse senkt die Fluktuation und die erwartete Rendite; Bau und Bestandsinvestitionen gehen zurück, das Angebot außerhalb des regulierten Segments verknappt sich. Steigende Standards für Energieeffizienz, Barrierefreiheit, Brand- und Schallschutz haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Bau- und Sanierungskosten in zwanzig Jahren um 80 Prozent gestiegen sind. Die Politik antwortet mit Förderprogrammen und Zinsverbilligung, die bei unelastischem Angebot vor allem die Preise treiben, und mit Programmen zur Kostensenkung – Baukostensenkungskommission, Gebäudetyp E, Bau-Turbo –, deren durchgreifender Erfolg bislang nicht nachweisbar ist. Hinzu tritt die Debatte um die Vergesellschaftung, die nach Immenkötter genau jene Ungewissheit über künftige Eigentumsrechte erzeugt, die Higgs beschrieben hat.
Das ist die Interventionsspirale im Sinne Mises’: Jeder Eingriff erzeugt Folgen, die den nächsten begründen. Bemerkenswert ist der letzte Schritt. Der Staat bekämpft die Komplexität, die er selbst hervorbringt, mit neuen Organisationen, Kommissionen, Sondertypen, Beschleunigungsgesetzen. Bürokratieabbau wird selbst zur Organisationsaufgabe.
Redlicherweise ist eine Unterscheidung nötig. Die Zinswende von 2022 erklärt den Zeitpunkt des Einbruchs im Wohnungsbau. Das Niveau der Baukosten aber, auf das die Zinswende traf, ist zu einem erheblichen Teil politisch gesetzt. Ohne diese Regulierung hätte der Zinsschock einen Sektor mit geringeren Kosten und vermutlich größerer Anpassungsfähigkeit getroffen.
Was „nicht normal“ bedeutet
Michael Grömling benennt die Anomalie, aber nicht ihren Typus. Eine Wirtschaft, deren Wachstum sechs Jahre lang allein aus dem Staat kommt, deren private Kapitalbildung dort am stärksten schrumpft, wo die politische Lenkung am dichtesten ist, und deren Antwort darauf weitere Organisation ist, ist keine Marktwirtschaft in einer Schwächephase. Sie folgt einer anderen Koordinationslogik.
Grömling verortet die Ursachen in erster Linie „im Privatsektor. Das ist indes der Ort des Ausfalls, aber nicht seine Ursache. Die Rahmenbedingungen, die er selbst nennt, setzt nicht der Privatsektor, sondern der Staat.
Daraus folgt auch, warum Sondervermögen das Problem nicht lösen. Grömling selbst hält sie nur für rechtfertigenswert, wenn sie mit Strukturreformen einhergehen. Staatliche Investitionen können Infrastruktur erneuern, aber sie ersetzen nicht das dezentrale Entdeckungsverfahren, in der Eigentümer auf eigenes Risiko über Kapital entscheiden. Je mehr der Staat investiert, während die Eigentümer auf den Korridor warten, desto mehr verfestigt sich die Verschiebung, die er beheben will. Der Reformbedarf liegt daher, wie in „Weder Markt noch Plan“ begründet, nicht in der Feinjustierung einzelner Programme, sondern im Koordinationsregime selbst.
Literatur
Burnham, James, The Managerial Revolution, New York (John Day) 1941.
Grömling, Michael, Staatliche und private Konjunkturimpulse in Deutschland, IW-Report 40/2026, Köln (Institut der deutschen Wirtschaft) 2026. PDF
Higgs, Robert, Regime Uncertainty. Why the Great Depression Lasted So Long and Why Prosperity Resumed after the War, in: The Independent Review 1 (1997), S. 561–590.
Immenkötter, Philipp, Mehr Regulierung, weniger Wohnraum?, Kommentar, Köln (Flossbach von Storch Research Institute), 9. Oktober 2026.
Mises, Ludwig von, Kritik des Interventionismus, Jena (Gustav Fischer) 1929.
Prollius, Michael von, Weder Markt noch Plan. Die Organisationswirtschaft als dritter Typus – und warum die Soziale Marktwirtschaft sie nicht erkennt, in: Wirtschaftliche Freiheit, Juni 2026.
- Gastbeitrag
Eigentum ohne Verfügung - 13. Oktober 2026 - Gastbeitrag
Die Ordnungsökonomie des Waldes - 31. August 2026 - Gastbeitrag
Weder Markt noch Plan
Die Organisationswirtschaft als dritter Typus – und warum die Soziale Marktwirtschaft sie nicht erkennt - 5. Juli 2026
