Geldpolitik, Populismus und Bürgerprotest

Seit einigen Wochen gehen in verschiedenen Ländern junge Menschen auf die Straße. Teilweise richtet sich der Protest gegen Mängel im Bildungssystem, den Krieg in Gaza oder gegen umweltbelastende Investitionsvorhaben. Eine zentrale Rolle spielen jedoch hohe Lebenshaltungskosten, vor allem infolge steigender Mieten, für die Unternehmen des Privatsektors und fehlende öffentliche Regulierungen verantwortlich gemacht werden. Garantie von Preisstabilität ist aber Aufgabe von Notenbanken, und deshalb die Frage, ob und inwieweit politischer Protest – auf der Straße oder an den Wahlurnen – monetäre Ursachen hat.

Historische Erfahrungen

Milton Friedman (1979) hatte diese Frage bejaht. In einer seiner Newsweek-Kolumnen führte er damalige Steuerproteste („tax revolt“) in Kalifornien neben hohen Staatsausgaben auch auf die von der Zentralbank verursachte Inflation zurück. Inflation führe zu ungewünschten Umverteilungen und wirke wie eine implizite Steuer, der niemand zugestimmt hat. „The tax revolt is partly a modern version of the Boston Tea Party – a protest against taxation without representation.”

Die amerikanische Revolution hatte nicht nur steuerliche Gründe, denn währungspolitische Aspekte spielten auch eine wichtige Rolle (Edwards, 2025). Während das britische Pfund Sterling durch Silber gedeckt und in Silber einlösbar war, fehlte solch eine Deckung bei dem von den Kolonien ausgegebenen Papiergeld wegen knapper Edelmetallreserven. Die Kolonialwährung war eine temporäre „Steuergutschrift“, mit der die Kolonisten ihre Steuerschulden bei lokalen staatlichen Institutionen begleichen konnten.

Als Auslöser der Revolution gilt die Einführung der „stamp tax“ durch die Britische Krone zur Finanzierung der Kosten des Siebenjährigen Krieges in Nordamerika. Der Steuersatz war eher niedrig, jedoch mussten Kolonisten ihre Steuerverpflichtungen gegenüber dem Mutterland in britischem Geld bezahlen, über das sie nicht verfügten. Zusätzlich erschwerten oder verboten die britischen Behörden Zahlungen in der Kolonialwährung. Die nordamerikanische Revolution richtete sich auch gegen einen Geldstandard, der eine materielle Deckung von Papiergeldbeständen vorsah.

Wahlergebnisse

Auch in modernen Demokratien beeinflusst das monetäre Umfeld die politische Stabilität. Die Empirie zeigt, dass unerwartet hohe Inflationsraten mit einem Anstieg der Anzahl an Demonstrationen gegen die Regierung und an Streiks einhergehen; zudem beeinflussen sie das Wahlverhalten spürbar und erhöhen die Wahlchancen populistischer und extremistischer Parteien. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die Überraschungsinflation zu Reallohneinbußen führt, und ist unabhängig davon, ob die bisherige Regierung von einer radikalen Partei gestellt wurde (Federle, Mohr, Schularick, 2024).[1]

Populismus hat soziale Kosten und führt zu Verlusten an Pro-Kopf-BIP im Vergleich zu Kontrollszenarien ohne populistische Regime, wobei die Kosten vor allem von einer Erosion demokratischer Normen, steigender Staatsverschuldung und Inflation, und weltwirtschaftlicher Desintegration getrieben werden (Schularick, Trebesch, Funke, 2021).

Derzeitige Protestwelle

Wenngleich die Inflationsraten in der Eurozone noch moderat sind, befeuern Preissteigerungen einzelner Güter den aktuellen Bürgerprotest. Mietausgaben sind wesentlicher Bestandteil der Lebenshaltungskosten, und die Wohnungsmieten sind in den vergangenen Jahren stark im Vergleich zu anderen Ausgabenkomponenten angestiegen. Dies betraf weniger die Bestandsmieten als die Angebotsmieten, d.h. die Kosten für neu vermietete Wohneinheiten; Letztere sind seit 2010 um rund 75% angestiegen im Vergleich zu Bestandsmieten mit einem Anstieg um lediglich 30% (Abbildung 1). Damit teilt sich der Mietwohnungsmarkt in Insider mit Bestandsmieten und Outsidern, die neue Mietverträge abschließen (Falck, Krause, Zamorski, 2026). Dazu zählen vor allem junge Menschen und Personen, die Arbeitsplatz und Wohnort wechseln, und damit für vergleichbare Wohnungen höhere Mieten als ihre alteingesessenen Nachbarn zahlen.

Höhere Mieten verschärfen auch die Bedeutung anderer Ausgabenkategorien. Der Anstieg der Angebotsmieten weist eine hohe regionale Dispersion auf und betrifft Wohnungen in urbanen Ballungszentren stärker als Wohnungen im ländlichen Raum. Wohnen wird in Großstädten insbesondere für niedrigere Einkommensgruppen kaum erschwinglich, die zum urbanen Arbeitsplatz pendeln müssen. Für sie sind Benzinpreise eine bedeutsame Kostenkomponente, die ebenfalls überproportional angestiegen ist. Hohe Benzinpreise waren und sind eine wichtige Ursache der Proteste der Gelbwesten in Frankreich.

Mietpreise wirken nicht nur auf die Protestbereitschaft, sondern beeinflussen auch das Wahlverhalten. Steigen die Mieten im eigenen Wohnumfeld, neigen einkommensschwache Langzeitmieter in städtischen Gebieten stärker zu extremistischen Parteien. Im Falle der AfD wächst in Umfragen die Zustimmungsquote einkommensschwacher Mieter erheblich, wenn die Durchschnittsmieten im eigenen Umfeld ansteigen (Abou-Chadi, Cohen,  Kurer, 2024).

Geldpolitik und Wohnungsmarkt

Offen ist, über welche Kanäle die Geldpolitik auf die Mietpreise wirkt und welche Ausrichtung der Geldpolitik für Mietsteigerungen kausal ist. Hohe Zinsen bremsen die Bautätigkeit und bewirken steigende Angebotsmieten; zudem steigen die Finanzierungskosten von Eigentumswohnungen und Wohnungssuchende schwenken auf den Mietmarkt um. Umgekehrt treiben niedrige Zinsen die Immobilienpreise, was die Nachfrage nach Eigentumswohnungen ebenfalls bremst und zu höheren Mietforderungen seitens der Vermieter führt.

Wie Abbildung 2 zeigt, haben sich die Preise für Mietshäuser in Deutschland – wo die Hälfte der Haushalte zur Miete wohnt – seit 2010 mehr als verdreifacht. Der Preisanstieg setzte bereits 2007 ein, als das Eurosystem mit seinen geldpolitischen Sondermaßnahmen begann. Studien  zeigen, dass eine expansive Geldpolitik die Mieten ankurbelt, wenn auch moderater und weniger anhaltend als die Immobilienpreise, wobei herkömmliche Zinssenkungen weniger ausgeprägte Auswirkungen als Forward Guidance und quantitative Lockerung haben (Groiss, Syrichas, 2025).

Fazit

Die Geldpolitik ist nicht allein oder primär verantwortlich für den Protest auf der Straße und an der Wahlurne, denn der Unmut richtet sich nicht nur gegen Preissteigerungen, zu denen auch realwirtschaftliche Faktoren beigetragen haben. Allerdings bildet die Teuerung einen wichtigen Grund für die Unzufriedenheit, und die Geldpolitik dürfte dafür die Voraussetzungen geschaffen haben. Es zeigt sich, dass eine auf Preisstabilität ausgerichtete Politik nicht nur ökonomisch sinnvoll ist, sondern auch zur politischen Stabilität beiträgt.

Literatur:

Abou-Chadi, T., Cohen, D., Kurer, T. (2025), Rental Market Risk and Radical Right Support, in: Comparative Political Studies, Vol. 58 (13), S. 2866-2901.

Edwards, A. D. (2025), Money and the Making of the American Revolution, Princeton.

Falck, O., Krause, S., Zamorski, P. (2026), Mieten – Wachstumshemmnis und sozialer Sprengstoff in deutschen Großstädten?, in: ifo Schnelldienst, 2025, 78, Nr. 10 04-16.

Federle J., Mohr C., Schularick, M. (2024), Inflation Surprises and Election Outcomes, Kiel WP No. 2278, December.

Friedman, M. (1979), The Paternal State, in: Friedman, M., Bright Promises, Dismal Performance: An Economist`s Protest, San Diego.

Groiss, M., Syrichas, N. (2025), Monetary Policy, Property Prices and Rents: Evidence from Local Housing Markets, https://ssrn.com/abstract=5084430-

Schularick, M., Trebesch, C., Funke, M. (2021), The Cost of Populism: Evidence from History, https://cepr.org/voxeu/columns/cost-populism-evidence-history


[1] Überraschungsinflation ist nicht die einzige Ursache für gestiegene Wahlchancen extremistischer Parteien; andere sind überraschende Wachstumseinbußen, Globalisierung, Finanzkrisen oder abnehmendes Vertrauen in bestehende politische Institutionen (Federle et al, 2024) und die dort zitierte Literatur.

Uwe Vollmer
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