Export und Wachstum
Verwirrung und Entwirrung

Die Ökonomen machen es der breiten Öffentlichkeit manchmal wirklich nicht leicht. Zum einen dreht derzeit folgende Meldung die Runde: Deutschland verzeichnete im vergangenen Jahr einen neuen Rekord beim Leistungsbilanzüberschuss. Zum anderen wird fast zeitgleich gemeldet, dass der Außenbeitrag im Jahr 2013 das Wirtschaftswachstum in Deutschland gebremst hat. Wie passt das zusammen?

Die internationale Diskussion über Leistungsbilanzungleichgewichte hat neues Futter bekommen. Nach ersten Schätzungen dürfte der deutsche Leistungsbilanzüberschuss im Jahr 2013 auf rund 200 Milliarden Euro angestiegen sein. Er wäre damit der höchste rund um den Globus. Auch in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) werden mit deutlich über 7 Prozent Rekordwerte erreicht. Es droht auch ein neuer Clinch mit der EU wegen des vom Europäischen Parlament und vom Europäischen Rat im Jahr 2011 verabschiedeten Verfahrens zur Vermeidung und Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte in Europa. Dieser europäische Überwachungsmechanismus enthält unter anderem explizit Obergrenzen für Überschüsse (+6 Prozent des BIP) und Defizite (-4 Prozent des BIP) in der Leistungsbilanz. Bislang wurden allerdings noch keine Sanktionen für Verstöße gegen diese speziellen Zielwerte verhängt. Reflexartig erheben sich aber die Stimmen, wonach es nicht gut für die Weltwirtschaft sei, wenn einige Länder wie Deutschland so viel exportieren. Im Raum steht dann auch immer gleich der fragwürdige Vorwurf (Siehe: “Nicht von ungefähr – zum Zusammenhang von Wirtschaftsstruktur und Leistungsbilanz”), dass Überschussländer auf Kosten der Defizitländer lebten.

Nahezu zeitgleich zur Leistungsbilanzmeldung wurden jüngst die ersten Ergebnisse für die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) für Deutschland veröffentlicht. Demnach hat der Außenbeitrag – also die Differenz zwischen den Exporten und Importen an Waren und Dienstleistungen – im vergangenen Jahr das Wachstum des realen BIP in Deutschland um 0,3 Prozentpunkte auf nur 0,4 Prozent vermindert. Der Außenhandel war somit kein Antreiber, sondern vielmehr eine Bremse für die deutsche Wirtschaft (siehe Abbildung 1).

Wachstum
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Wie passen diese auf den ersten Blick widersprüchlichen Aussagen zusammen?

Zunächst entspricht der Leistungsbilanzsaldo der Zahlungsbilanzstatistik nicht ganz dem Außenbeitrag der VGR. Letzterer enthält zum Beispiel nicht den Saldo aus grenzüberschreitenden Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie den aus internationalen Transfers.

Des Weiteren basiert der Leistungsbilanzsaldo auf sogenannten nominalen Werten. In diesen schlägt sich sowohl die Entwicklung der Gütermengen als auch die der Preise nieder. Dagegen liegt der Außenbeitrag gemäß VGR sowohl auf nominaler als auch auf preisbereinigter Basis vor. Und hier – bei den Preisen – liegt hauptsächlich die Erklärung für die genannte Verwirrung (siehe auch Tabelle 1).

Beim Blick auf die nominalen Werte gibt es von der Richtung her keinen Unterschied zwischen der Entwicklung des Leistungsbilanzsaldos gemäß Zahlungsbilanzstatistik und der des Außenbeitrags gemäß VGR. Der nominale VGR-Außenbeitrag stieg im Jahr 2013 um fast 9 Milliarden auf 167 Milliarden Euro leicht an. Damit steuerte der Außenbeitrag 0,3 Prozentpunkte zum Wachstum des nominalen BIP in Höhe von 2,6 Prozent bei. Ohne den steigenden nominalen Außenbeitrag wäre die deutsche Wirtschaft in nominaler Rechnung somit nur um 2,3 Prozent gewachsen. Und dieser positive Wachstumsbeitrag resultierte nicht einmal aus einem steigenden Auslandsgeschäft: Während die wertmäßigen deutschen Exporte im vergangenen Jahr mit 0,1 Prozent gegenüber 2012 kaum zulegten, gab es bei den nominalen Importen sogar einen Rückgang in Höhe von 0,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Aussenhandel
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Legt man allerdings die preisbereinigten Werte zugrunde – und dies ist bei der Analyse des Wirtschaftswachstums relevant – dann zeigt sich ein ganz anderes Bild: Während die realen Exporte im Jahr 2013 um 0,6 Prozent zulegten, war bei den realen Importen gleichzeitig ein mehr als doppelt so hohes Plus in Höhe von 1,3 Prozent zu verzeichnen. In absoluten Gütereinheiten – also ohne die Preiseffekte – legten die Import Deutschlands im Jahr 2013 im Vergleich zum Vorjahr erheblich stärker zu als die Exporte. Folglich ging der preisbereinigte Außenbeitrag 2013 spürbar zurück und bremste damit auch das Wirtschaftswachstum hierzulande um fast die Hälfte ab.

Der positive Wachstumsbeitrag des nominalen Außenhandels und der zugleich negative Wachstumseffekt des realen Auslandsgeschäfts resultieren letztlich daraus, dass die Importpreise im vergangenen Jahr mit 1,9 Prozent deutlich stärker sanken als die Exportpreise, bei denen ein Rückgang in Höhe von 0,5 Prozent zu verzeichnen war – die Terms-of-Trade Deutschlands verbesserten sich somit merklich. Die rückläufigen Import- und Exportpreise sind Ausdruck der schleppenden Weltwirtschaft. Einerseits mussten die deutschen Exporteure deshalb Preiszugeständnisse einräumen. Andererseits wurden auch die deutschen Importe billiger – nicht zuletzt auch wegen der Aufwertung des Euros und der leicht rückläufigen Rohstoffpreise.

 

Blogbeiträge zu Leistungbilanzsalden:

Juergen B. Donges: Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse in der Kritik: worauf zu achten ist

Henning Klodt: Die deutschen Exportüberschüsse und die Lohnpolitik

Norbert Berthold: Deutschland auf der Anklagebank. Der Euro verzerrt die Leistungsbilanzsalden

Dieter Smeets: Der Euro begünstigt den deutschen Außenhandel in der Währungsunion

Gunter Schnabl: Deutschland ist stark. Und soll es auch bleiben. Die Leistungsbilanzüberschüsse als Achillesferse wirtschaftlicher Stabilität

Gunter Schnabl: Vier Generationen von Leistungsbilanzungleichgewichten

Norbert Berthold: Herakles und die Euro-Hydra. Banken-, Staatsschulden- und Zahlungsbilanzkrisen

Michael Grömling: Mythen und Fakten zur deutschen Exportdominanz

Norbert Berthold: Steht das “Geschäftsmodell Deutschland“ auf der Kippe? Euro-Rettungsschirme sind “struktureller Merkantilismus“

Michael Grömling: Nicht von ungefähr – zum Zusammenhang von Wirtschaftsstruktur und Leistungsbilanz

Wolf Schäfer: Erst Lagarde, nun auch Geithner: Deutschland exportiert zu viel!

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