Kommt nach dem Fest die Katerstimmung?

Die Weltmeisterschaft in Brasilien ist fast vorbei und die anfänglich aufgeheizte Stimmung ist der Fußballbegeisterung der Brasilianer gewichen. Brasiliens „Coming-Out Party“ war so gesehen ein voller Erfolg, auch wenn die Bilder der teils gewalttätigen Aufmärsche im Vorfeld der WM im Kopf bleiben werden und unklar bleibt, ob und mit welchem Polizeieinsatz weitere Demonstrationen unterdrückt wurden.

Dabei ist Brasilien nicht das erste Schwellenland, das sich um die Austragung von Sportgroßveranstaltungen beworben und diese auch ausgetragen hat. So wurden die zwei größten Sportveranstaltungen, die WM und die Olympischen Spiele, in den letzten Jahren immer häufiger in Schwellenländern durchgeführt. Man denke nur an die Olympischen Sommerspiele in Peking (2008), die WM in Südafrika (2010) oder die Olympischen Winterspiele in Sotschi (2014). Brasilien wird zudem die kommenden Olympischen Sommerspiele ausrichten. Doch was kommt nach dem großen Fest?

Meist versprechen sich die Gastgeber im Vorfeld der Austragung vor allem einen wirtschaftlichen Nutzen sowie die Steigerung ihres Images in der Weltgemeinschaft. Es wirkt gar so, als meinten die Schwellenländer, damit den Beweis liefern zu wollen, wie fortgeschritten die Wirtschaft des eigenen Landes ist. Der Zugewinn für die Wirtschaft eines Landes soll sich dabei vor allem durch die Investitionen in die Infrastruktur und dabei insbesondere durch die Investitionen in die nicht rein dem Sport zurechenbare Infrastruktur ergeben: Ein Mega-Event soll demnach folglich als Katalysator dienen, notwendige Infrastrukturmaßnahmen (in Straßenbau, Telekommunikation, Flughäfen etc.) zu beschleunigen. Zur Realisierung der Infrastrukturmaßnahmen wird mit einer Abnahme der Arbeitslosigkeit in der jeweiligen Austragungsregion gerechnet. Einen zusätzlichen Schub versprechen sich die Gastgeber durch den Zufluss von ausländischem Kapital, der vor allem durch gesteigerte Touristenzahlen erwartet wird. Dabei wurden beispielsweise im Vorfeld der WM in Südafrika 380.000 zusätzliche Touristen erwartet (Grant Thornton, 2008). Durch die gesunkene Arbeitslosigkeit in der Region und die gesteigerte Nachfrage durch Touristen wird auf Seiten der Gastgeber zusätzlich davon ausgegangen, dass auch die Nachfrage bei den Einwohnern langfristig, aufgrund deren gesteigerten Einkommens, ebenfalls steigt.

Dem gegenüber stehen die Effekte, die nach der Austragung wirklich eintreten: Zwar lässt sich, um beim Beispiel Südafrika zu bleiben, durchaus feststellen, dass sich dort die Infrastruktur, zumindest in den Ballungszentren, verbessert hat. Dem stehen jedoch in den Schwellenländer meist die hohen Kosten für die Unterhaltung der neuen Stadien gegenüber, die insbesondere dort nicht von laufenden Einnahmen gedeckt werden: So ist die Nachfrage nach Fußball bei der Bevölkerung vor Ort einerseits allein viel zu gering, die Stadien zu füllen, andererseits ist die Kaufkraft der meisten zu gering, um sich überhaupt ein Ticket kaufen zu können. Sogar Japan, das mit einer einigermaßen guten Fußball-Liga ausgestattet ist, hat nur durchschnittliche Zuschauerzahlen in Höhe von 16.000, während die Stadien aber zu 60.000 Zuschauern fassen können. Dabei sind nicht nur Stadien, die nach dem Event nicht mehr ausgelastet werden, sogenannte „White Elephants“. Auch Hotels, die in dem Maße nach Austragung des Events nicht mehr ausgelastet werden können, weil die Touristenzahlen, die während des Events erreicht werden konnten, nicht mehr erzielbar sind, zählen dazu: Langzeiteffekte durch mehr Touristen können selten nachgewiesen werden. Selbst kurzfristig steigen die Touristenzahlen meist nur in überschaubarer Höhe. Dies liegt einerseits daran, dass Besucher teilweise durch die Austragung des Events dem Land fernbleiben (Crowding-Out), andererseits daran, dass einige Besucher aufgrund des Ereignisses ihren Besuch nur vorziehen; das Event beeinflusst also nur die Entscheidung, wann diese Touristen das Land besuchen („Time-Switchers“). Womöglich erleiden lokale Unternehmen sogar Umsatzeinbußen, da sowohl Touristen als auch Einwohner ihr Geld vermehrt für Tickets ausgeben, statt andere Freizeiteinrichtungen zu besuchen. Werden, zur Herstellung der Infrastruktur, neue Arbeitskräfte eingestellt und sind diese aus der Region, so ist hierbei von einem positiven Effekt auszugehen. Übernehmen lediglich bereits eingestellte Arbeitskräfte die Maßnahmen, oder werden Arbeitskräfte von auswärts hinzugezogen, so werden davon keine zusätzlichen positiven Effekte für die Region generiert werden. Hinzu kommt, dass die Opportunitätskosten des Kapitals, also die Kosten der bestmöglichen alternativen Verwendung des Kapitals, in Schwellenländern sehr hoch sind: So hätte Geld, das in Stadien investiert worden ist, auch zur Verbesserung der Bildung oder des Gesundheitssektors verwendet werden können. Im Vergleich zu Industrienationen kommen neben den höheren Kosten für Infrastrukturmaßnahmen auch vermehrte Sicherheitskosten hinzu, die Schwellenländer in ihre Planung einbeziehen müssen.

Unter Anbetracht dieser hohen materiellen Kosten erscheint es auf den ersten Blick merkwürdig, dass sich immer mehr Schwellenländer um die Austragung von Sportgroßereignissen bemühen. Bezieht man aber auch immaterielle Faktoren in die Überlegungen mit ein, wird das Kalkül der Schwellenländer deutlicher. So nutzte die Austragung vor allem Russland und China innen- wie außenpolitisch zur Stärkung und Legitimierung der eigenen Partei/ des eigenen Systems. In Südafrika hingegen hat die Austragung geholfen, den „Afro-Pessimismus“ zu reduzieren und ein bedeutender Imagegewinn, der langfristige Effekte auch auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes haben kann, konnte erzielt werden.

Ob nach der großen Coming-Out Party also der Kater kommt, hängt von der Art der Umsetzung der Megaevents ab. Im Falle Südafrika ist der Kater recht gering geblieben, auch wenn die WM als volkswirtschaftlicher Katalysator kaum überzeugen konnte. In Brasilien wird sich dies, auch hinsichtlich der Austragung der Olympischen Spiele 2016, noch zeigen müssen.

Frank Daumann

Frank Daumann

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Frank Daumann

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