Klimawandel abgesagt?
Die neuen Szenarien des IPCC

44 Autoren haben in einem gerade veröffentlichten Paper die neuen Szenarien vorgelegt, die der IPCC künftig benutzen wird. Das im letzten Sachstandsbericht noch enthaltene Szenario SST5-8.5, das bis zu fünf Grad Erwärmung prognostizierte, ist dabei gestrichen worden. Was bedeutet das? Wie muss man diesen Zug des IPCC bewerten?

Der IPCC benutzt in seinen Sachstandsberichten Szenarios, um die zentralen Ergebnisse anschaulich und leicht nachvollziehbar darzustellen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das CMIP (Coupled Model Intercomparison Project), das für die Darstellung des Zusammenhangs zwischen globaler Treibhausgasemission und globaler Durchschnittstemperatur zuständig ist. Im CMIP6, das im letzten Sachstandsbericht 2021verwendet wurde, gab es ein Szenario, das besondere Aufmerksamkeit erfahren hat: SSP5-8.5. Dort wird angenommen, dass sich die THG-Emissionen bis 2060 mehr als verdreifachen. Sollte dies eintreten, prognostiziert der IPCC, dass die globalen Durchschnittstemperaturen um mehr als fünf Grad ansteigen können. Mit diesem „worst case“ Szenario verbinden sich zwei Rätsel.

Das erste betrifft die Frage, wie dieses Szenario eigentlich in den Sachstandsbericht gelangen konnte. In der Literatur existiert keine seriöse Studie, die einen Anstieg der Emissionen prognostiziert, der auch nur annähernd an 300% heranreicht. Im Gegenteil, allgemein wird davon ausgegangen, dass die globalen Emissionen voraussichtlich ab 2035 sinken werden. Warum also verwendet der IPCC ein Szenario, von dem klar ist, dass seine Annahmen vollkommen unrealistisch sind? Warum schreibt man eine Prognose in den Bericht, die zwar nie eintreten wird, die aber zurecht als „Horror Szenario“ bezeichnet werden kann? Das Rätsel ist ungelöst. Vielleicht war es der schon des Öfteren festzustellende leichte Hang zum Alarmismus, der die IPCC Wissenschaftler dazu gebracht hat, oder das Gerücht stimmt, dass SSP5-8.5 nur aus methodischen Gründen aufgenommen wurde und nie als eine realistische Prognose gedacht war. Wie auch immer. Fest steht, dass das Szenario die öffentliche, politische und vor allem auch die mediale Wahrnehmung des Klimaproblems maßgeblich beeinflusst hat.

Und das ist das zweite Rätsel, dass sich mit dem Szenario SSP5-8.5 verbindet. Wie um alles in der Welt konnte es dazu kommen, dass es von den Medien als das relevante und den Sachstandsbericht charakterisierende Szenario berichtet wurde? Beispielsweise ist der Klima Spezialist Müller Jung von der FAZ in seinem Artikel zum Bericht des Weltklimarates ausschließlich auf SSP5-8.5 eingegangen. Die anderen vier Szenarien, die deutlich realistischer waren, spielten auch bei allen anderen Klimajournalisten nur eine untergeordnete Rolle. Offensichtlich verkaufen sich Katastrophenberichte besser als sachgerechte, informierte Berichterstattung. Das fatale daran war, dass Aktivisten und grüne Politiker skandieren konnten, dass man der Wissenschaft folgen soll, weil die den Untergang prognostiziert, wenn nicht sofort und drastisch gehandelt wird. Ein echtes Totschlagargument, denn wer will schon den Weltuntergang riskieren. So ließ sich jeder Versuch, die Klimadebatte in rationale Gewässer zu führen, leicht unterbinden. Das hat der klima- und energiepolitischen Debatte in Deutschland gar nicht gut getan. Es hat die ideologisch tief verankerte aber weitgehend irrationale deutsche Klimapolitik weiter verfestigt.

Aber nun ist CMIP7 veröffentlicht worden, also die aktuellen Szenarien, die der IPCC im nächsten Sachstandsbericht verwenden wird. 44 Autoren hat der Artikel im Geoscientific Model Development, der in diesem Frühjahr erschien. Die große Überraschung: SSP5-8.5 ist nicht mehr enthalten. Die Begründung: “(…) the CMIP6 high emission levels (quantified by SSP5-8.5) have become implausible, based on trends in the costs of renewables, the emergence of climate policy and recent emission trends”. Es überrascht schon ein bisschen, dass diese Entwicklungen 2021 noch nicht absehbar gewesen sein sollen. Erst recht vor dem Hintergrund, dass trotz sinkender Kosten für Erneuerbare die globalen CO2-Emissionen nach wie vor steigen. Fest steht jedenfalls, dass SSP5-8.5 schon immer „implausible“ war. Aber man muss vermutlich nicht alles verstehen, was der IPCC macht.

Wie ist diese Korrektur nun zu bewerten? Ganz sicher bedeutet sie nicht, dass das Klimaproblem verschwunden oder gelöst ist. Sie bedeutet übrigens auch nicht, dass die 44 Autoren Dissidenten sind oder gar den IPCC verlassen haben. Und ein Katastrophen Szenario gibt es auch jetzt noch. Allerding verdoppeln sich die Emissionen nur noch. Das ist zwar genauso unrealistisch wie die Verdreifachung in SSP5-8.5, aber immerhin. Die anderen Szenarien machen allerdings Hoffnung. Wenn es gelingt, bis 2080 die Emissionen um etwa 70 Prozent zu senken, wird die 2 Grad Schwelle nicht signifikant überschritten. Das klingt ganz anders als „die Welt geht unter, wenn wir nicht 2050 klimaneutral sind“. Der Wegfall des alten Horror Szenarios (und die Begründung dafür) bedeuten auch nicht, dass die Klimapolitik der letzten Jahre erfolgreich war. Aufwand und Ertrag stehen noch immer in einem katastrophal schlechten Verhältnis, die Klimapolitik frisst viel mehr Wohlstand als nötig wäre um sich vor dem Klimawandel zu schützen und die globalen Emissionen werden auch die nächsten Jahre weiter steigen. Dennoch hat die Korrektur, die der IPCC jetzt vorgenommen hat, eine große Bedeutung.

Zuallererst stärkt sie die Glaubwürdigkeit des Weltklimarates. Nicht zuletzt deshalb, weil es die zweite Korrektur hintereinander ist, die den Katastrophenalarm leiser werden lässt. Schon 2022 haben Autoren des IPCC darauf hingewiesen, dass es in den bis dahin verwendeten Klimamodellen ein „overheating“ gab und eine Korrektur vorgenommen (Hausfather et al. 2022). Diese Korrektur hat dazu geführt, dass schon die Projektion im CMIP6 relativ „erträgliche“ Temperaturanstiege vorausgesagt haben. Die Ausnahme war SSP5-8.5. Wahrscheinlich war es deshalb so beliebt bei den Klimajournalisten. Ein gestärkter, weil glaubwürdigerer Weltklimarat kann für die Klimapolitik nur hilfreich sein. Eine verlässliche wissenschaftliche Basis für die massiven klimapolitischen Eingriffe stärkt deren Durchsetzbarkeit.

Aber mindestens ebenso wichtig ist die Tatsache, dass mit dem Verschwinden von SSP5-8.5 den Aktivisten und nur grün denkenden Politikern ein Beleg für ihre Polemik aus der Hand geschlagen wurde. Man kann damit zumindest die Hoffnung verbinden, dass die energie- und klimapolitische Diskussion in Deutschland wieder zu Maß und Mitte zurückfindet. Das betrifft die Parteien, das betrifft die Medien und das betrifft das BVerfG! Das brütet immer noch über eine Entscheidung zu den aktuell anhängigen Klimaklagen, die versuchen, das Klimaschutzgesetz massiv zu verschärfen um die Klimaziele einzuhalten – koste es, was es wolle. Vielfach wird spekuliert, dass die Tatsache, dass die Entscheidung des BVerfG nun schon seit Monaten überfällig ist, darauf hindeutet, dass das Gericht einen Weg sucht, sein Klimaurteil von 2021 zu korrigieren, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Zwei Entwicklungen der letzten Jahre könnten dabei zusammen eine wichtige Rolle spielen: Das sich immer deutlicher abzeichnende Scheitern des Paris Abkommens und er Wegfall von SSP5-8.5. Eine Korrektur des Urteils wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer Energie- und Klimapolitik, die das Klimaproblem so sieht, wie es ist und anerkennt, dass überzogene Maßnahmen zu ökonomischen Kollateralschäden führen würden, die nicht mehr zu heilen wären.

Blog-Beiträge zum Thema:

Joachim Weimann (OVGU): Der tiefe Fall der “Guardian’s of Democracy”

Jörn Quitzau (Bergos): Nachhaltigkeit und das Klimaschutzgesetz. Mit zweierlei Maß

Joachim Weimann (OVGU): Ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vernünftig? (Video)

Eric Heymann (DB): Aufruf zu technischem Fortschritt

Manuel Frondel (RWI): Global einheitlicher CO2-Preis statt nationale Klimaschutzziele!

Hartmut Kliemt (JLU): Luftschlösser der Klimapolitik?

Podcast zum Thema:

Die „Klima-Urteile“. Warum sie nicht zu Ende gedacht sind

Dr. Jörn Quitzau (BERGOS AG) hat dem Umweltökonomen Prof. Dr. Joachim Weimann (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg) drei Fragen gestellt.

Joachim Weimann

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