Wettbewerb der Stadtstaaten
Freiräume für italienische Humanisten

Von Roland Vaubel am 30. März 2017
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Roland Vaubel
Universität Mannheim

Im 15. Jahrhundert, lange vor der deutschen Reformation, wurden die Lehren, Institutionen und Amtsträger der Kirche bereits von verschiedenen italienischen Humanisten aufs Kühnste kritisiert. Das war nicht ungefährlich, waren doch gerade Jan Hus und Hieronymus von Prag 1415 bzw. 1416 auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt worden. Man vermied es deshalb, die Autorität der Kirche grundsätzlich in Frage zu stellen.

Italien bestand zu dieser Zeit aus etwa einem Dutzend kleinerer Staaten – darunter auch der Kirchenstaat, der damals bis zur Adria reichte. Die meisten waren Stadtstaaten. Ein Humanist, der beim Papst oder seinen Verbündeten in Ungnade fiel, konnte sich leicht in einem der anderen italienischen Staaten in Sicherheit bringen. Die Sicherheit war natürlich nicht unbegrenzt: der Vatikan konnte jederzeit seine Häscher aussenden, um den Gegner mundtot zu machen. Aber wie der gescheiterte Anschlag auf Lorenzo dei Medici, den Herrscher von Florenz, zeigte, konnten derartige Aktionen auch spektakulär misslingen. Die „Exit Option“ ermutigte die Humanisten, sich freimütig über Missstände zu beklagen. Wenn Italien unter der Führung des Papstes oder eines ihm ergebenen weltlichen Herrschers geeint gewesen wäre, hätten die Humanisten diese Freiräume nicht gehabt.

Dass der Wettbewerb der Stadtstaaten den Kritikern der Kirche Schutz bot, soll zunächst am Beispiel der drei wohl bekanntesten Humanisten belegt werden.

Der erste ist Lorenzo Valla (1407-57). Er erregte bereits 1431 Aufsehen, als er in seiner Schrift „Über die Lust“ (De Voluptate) epikuräisches Gedankengut verbreitete. 1437 wurde er von Alphonso V., dem König von Neapel, als Privatsekretär eingestellt. 1440 hatte er die Kühnheit zu bestreiten, dass Kaiser Konstantin dem Papst den Vatikan geschenkt habe. Valla zeigte, dass die angebliche Schenkungsurkunde lateinische Formulierungen enthielt, die zur Zeit Konstantins noch gar nicht gebräuchlich waren. Sie sei eine Fälschung. Der nun einsetzende Konflikt mit dem Papst (Eugen IV.) wird in der Encyclopedia Britannica folgendermaßen beschrieben:

„He was compelled to appear before an inquisitory tribunal composed of his ennemies, and he escaped only by the special intervention of Alphonso. He was not, however, silenced; he ridiculed the Latin of  the Vulgate and accused St. Augustine of heresy. In 1446 he visited Rome, but in this city also his ennemies were numerous and powerful, and he saved his life only by flying in disguise to Barcelona, whence he returned to Naples.  …  Alphonso …  protected him.“

Alphonso war mit dem Papst verfeindet, weil dieser die Rechtmäßigkeit seiner Thronfolge bestritt. Valla kritisierte auch das Ordensgelübde und bekämpfte das Mönchtum Er wetterte gegen die „gewaltsame, barbarische, tyrannische Priesterherrschaft“, nannte die Päpste „Tyrannen, Diebe und Räuber“ und erklärte die Fürsten für berechtigt, dem Papst den Kirchenstaat wegzunehmen (Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste in sechzehn Bänden). Kurioserweise wurde Valla 1447 von dem nächsten Papst, Nikolaus V., trotzdem als „apostolischer Skriptor“ eingestellt. Von Pastor schreibt dazu: „Nikolaus V. suchte einflussreiche und gefährliche Leute dieser Art zu gewinnen und auf andere Wege zu leiten. Valla wurde „gekauft“. Nur so weit reichte die Macht des Papstes.

Mein zweites Beispiel ist Giovanni Pico della Mirandola (1463-94). 1483 folgte er dem Ruf Lorenzos  nach Florenz. Pico nahm die später von dem deutschen Theologen Rudolf Bultmann vertretene Auffassung vorweg, dass manche Aussagen der Bibel nicht wörtlich zu nehmen, sondern nur „metaphorisch“ zu deuten seien. Seine Begründung war, dass das Christentum und die antike Philosophie, vor allem Platons Schriften, miteinander kompatibel gemacht werden müssten. Es gebe viele Quellen der Weisheit, jede enthalte ein Körnchen Wahrheit. Das menschliche Erkenntnisstreben solle nicht beschränkt werden. Seine „Rede über die Würde des Menschen“ (1486) wurde von Jacob Burckhardt als „eines der edelsten Vermächtnisse der Kulturepoche“ gepriesen.

Pico reiste 1486 nach Rom, um seine Thesen in einer öffentlichen Disputation zu verteidigen. Dazu kam es jedoch nicht, denn der Papst (Innozenz VIII.) setzte ein Inquisitionstribunal ein, das die Rechtgläubigkeit Picos prüfen sollte. Pico weigerte sich, vor dem Tribunal zu erscheinen. Die Richter erklärten dreizehn seiner Thesen für ketzerisch. Daraufhin verurteilte Innozenz in einer päpstlichen Bulle die gesamte Schrift Picos als häretisch und ließ alle Exemplare verbrennen. Pico verließ Rom, was als Flucht gedeutet wurde. Der Papst forderte seine Festnahme. Pico wurde bei Lyon verhaftet und drei Wochen gefangen gehalten. „Infolge der energischen Verwendung des Lorenzo de Medici“, so von Pastor, „konnte sich Pico jedoch auf eine Villa in der Nähe von Florenz zurückziehen.“ Die Beziehungen zwischen Florenz und dem Kirchenstaat waren 1486 schlecht. 1478 war der Vatikan in den Mordanschlag auf Lorenzo verwickelt gewesen. In den Jahren 1478-80, 1482 und 1485-86 führte der Vatikan sogar Krieg gegen Florenz und seine Bundesgenossen.

Als drittes Beispiel sei Marsilio Ficino (1433-99), der väterliche Freund Picos genannt. Auch er lebte in Florenz, und auch er empfahl, die Bibel metaphorisch zu interpretieren. Ficino wurde 1490 von der Inquisition wegen Häresie und Magie angeklagt. Nur mit Hilfe Lorenzos und des florentinischen Erzbischofs konnte er sich vor der Anklage retten.

Schlechter erging es den neuplatonischen Humanisten, die in Rom lebten, zum Beispiel Bartolomeo Platina (1421-81). Als führendes Mitglied der Römischen Akademie wurde er 1464-65 und erneut 1468 im Vatikan eingesperrt und gefoltert, weil er angeblich einen Anschlag auf den Papst (Paul II.) geplant habe. Der Leiter der Akademie, Julius Pomponius Laetus, (1428-98), befand sich 1468 gerade in Venedig und war dort wegen Homosexualität angeklagt. Venedig, zu dieser Zeit der engste Bundesgenosse des Papstes, lieferte Laetus an den Vatikan aus, wo er ebenfalls eingekerkert und gefoltert wurde. Auch die Humanisten Zanino de Solcia und Giovanni da Montecatini wurden vom Papst bestraft. Akademiemitglied Nicolo Lelio Cosmico (1420-1500) gelang zwar 1468 die Flucht aus Rom, er wurde aber 1489 von der Inquisition belangt und verdankte es nur der energischen Intervention seines Dienstherrn Ludovico Gonzaga (Mantua) dass er von der Anklage der Häresie frei gesprochen wurde.

Im Vatikan gehängt wurde der Humanist Stefano Porcari (ca. 1400-53), der die römische Republik wiederherstellen und den Kirchenstaat abschaffen wollte. Auch ihm wurde – möglicherweise zu Recht – vorgeworfen, einen Aufstand vorbereitet zu haben.

Interessant ist schließlich der Fall des bekannten Humanisten Francesco Filelfo (1398-1481). Nach dem Tod Pius II. 1453 erging er sich in übler Nachrede über den Verstorbenen, so dass das Kardinalskollegium seine Verhaftung forderte. Filelfo befand sich jedoch im sicheren Mailand am Hof der Sforzas. Der Herzog beließ es bei einem kurzen Hausarrest.

Nicht alle Humanisten kritisierten die Kirche. Der Kirche nahe stehende Historiker wie Ludwig von Pastor und James MacCaffrey unterscheiden deshalb ausdrücklich zwischen den kirchentreuen und den „offen heidnischen“ Humanisten. „Mehr und mehr erhält die Richtung, welche das formschöne Heidentum an die Stelle der christlichen Zentralsonne zu setzen bereit schien, das Übergewicht“, klagt von Pastor. „Trat aber ein Fall ein, bei welchem von unschuldiger klassischer Liebhaberei nicht mehr die Rede sein konnte, so beteuerten die Humanisten ihre Unterwerfung unter die Glaubenssätze der Kirche in den stärksten Ausdrücken, legten die beanstandeten Theorien anders aus und gaben sie auch ausdrücklich auf. … Mit der Kirche offen zu brechen, trugen … die antik-naturalistisch gesinnten Humanisten schon aus Klugheitsgründen Bedenken.“

Mehrere Päpste förderten Humanisten und stellten sie in ihren Kanzleien ein. Einer der Päpste (Pius II.) war sogar selbst ein ausgewiesener Humanist. Überall bewunderte man die Schönheit des klassischen Lateins. Das scholastische Latein konnte da nicht mithalten. Aber diejenigen Humanisten, die die Kirche kritisierten, mussten mit Verfolgung rechnen. Ihre Freiheit verdankten sie der politischen Fragmentierung Italiens. Wie schon im alten Sumer und im antiken Griechenland ermöglichte der Wettbewerb der Stadtstaaten auch in der italienischen Renaissance eine spektakuläre kulturelle und wirtschaftliche Blüte.

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6 Reaktionen zu “Wettbewerb der Stadtstaaten
Freiräume für italienische Humanisten

  1. TomEngel

    Und wie war es um die Kosten der Kleinstaaterei (Zölle, Sölderheere, Kleinkriege, Prestigebauten…) im Renaissance-Italien bestellt? War die Steuerlast tatsächlich niedriger als in zentralistisch regierten Staaten dieser Zeit?

  2. Roland Vaubel

    Jedes Ding hat Vor- und Nachteile, die man gegeneinander abwägen muss. Aber kann man denn bezweifeln, dass die Bilanz der italienischen Renaissance wirtschaftlich und kulturell höchst positiv war?

  3. TomEngel

    Die Frage ist nur, ob Kleinstaaterei eine notwendige Bedingung für die positive Bilanz der Renaissance war. Wichtig war doch der Rückgang des Einflusses der Kirche auf das Geistesleben. Nach mehr als 1000 Jahren finsteres Mittelalter, konnte man den erzwungenen erfahrungswissenschaftlichen Skeptizismus des Platon überwinden und wieder mit der Wissenschaft dort ansetzen, wo man in der Spätantike aufhören musste.

    Ein Zentralstaat, der die Menschenrechte respektiert, stellt einen institutionellen Rahmen dar, der Gleiches erlaubt. Aus meiner Sicht leitet sich deshalb aus der Renaissance kein zwingender Grund für einen weiteren X-rexit ab…

  4. Dirk Faltin

    Ich stimme dem Autor voll zu: Die Stärke Europas war und ist die Uneinigkeit. Man mag das abwertend als „Kleinstaaterei“ bezeichnen, ein besserer Begriff ist aber “ der Wettbewerb der Systeme“. Ein riesiger Zentralstaat ist diesem Wettbewerb der Systeme und Jurisdiktionen immer unterlegen.

  5. TomEngel

    Irgendwie waren wir in dieser Debatte schon einmal weiter. Da gab es einmal das berühmte S-Word (Subsidiarität), nach dem man staatliche Kompetenzen so auf verschiedene Entscheidungsebenen verteilen wollte, wie es aus ökomischer Sicht (Informationsasymmetrien, externe Effekte etc.) sinnvoll ist.

    Das war doch eigentlich eine sinnvolle Überlegung. – so ein Zwischending zwischen Anarchie und Überstaat. Aber im Moment scheint der Zeitgeit das binäre Denken zu bevorzugen. Entweder alles schwarz oder alles weiß. Mehr Mut zu einem schönen, realistischen Grau möchte man da empfehlen…

  6. Roland Vaubel

    Ein Zentralstaat respektiert die Freiheitsrechte der Menschen nicht so, wie es ein kleiner dem Wettbewerb ausgesetzter Staat tut. Das liegt daran, dass man aus einem kleinen Staat leichter abwandern kann.

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