Wachsende Ungleichheit
Die Globalisierung ist nur ein dankbarer Sündenbock!

Von Gunther Schnabl am 10. Juni 2017
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Gunther Schnabl
Universität Leipzig

Die wachsende politische Unzufriedenheit in den Bevölkerungen vieler Industrieländer hat zu politischen Überraschungen wie dem Brexit und der Wahl des US Präsidenten Trump geführt. Oft wird argumentiert, dass der Kern des Problems die Globalisierung sei, die Verlierer geschaffen habe. Diese Sichtweise wird von zahlreichen Ökonomen geteilt, die z.B. die Arbeitnehmer in der US-Industrie als Verlierer der wachsenden Integration des Landes mit Ostasien sehen.

Doch das Argument hält einer theoretischen Prüfung nicht stand. Alles andere wäre auch überraschend. Denn die beträchtlichen Wohlstandsgewinne seit dem Zweiten Weltkrieg wurden maßgeblich von dem weltweiten Zollabbau unter GATT und WTO sowie durch die Liberalisierung der Märkte in der Europäischen Union getragen. Warum sollte Freihandel plötzlich wohlstandmindernd sein, zumal sich Kinder der Globalisierung wie IKEA oder Primark nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen?

Die Theorie der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo erklärt die Vorteile des Freihandels, einschließlich der Wirkungen des Freihandels auf das Lohnniveau. In dem historischen Modell produzieren Portugal und England ohne Handel jeweils Tuch und Wein. Portugal produziert mit dem gleichen Arbeitseinsatz sowohl mehr Tuch als auch mehr Wein als England. Bei beiden Gütern ist damit in Portugal die Produktivität (als produzierte Menge pro Arbeiter) höher.

Bei Freihandel spezialisiert sich Portugal auf Wein, weil der Produktivitätsvorsprung gegenüber England größer als bei Tuch ist. Da fortan alle Portugiesen in den Weinbergen arbeiten, wird die Tuchproduktion dem nebligen England überlassen. Spezialisierung und Handel führen dazu, dass bei gleichen Arbeitseinsatz mehr Tuch und mehr Wein produziert werden. Der Wohlstand wächst in beiden Ländern, die Tuch gegen Wein bzw. Wein gegen Tuch tauschen.

Bei Ricardo gibt es keine Verlierer, weil die Menschen, die durch den freien Handel die Arbeit verlieren, in den jeweils anderen Wirtschaftszweig wandern. Zwar wird anerkannt, dass in der Realität dieser Strukturwandel nicht unproblematisch ist. Beispielsweise hat in der US-Industrie mit dem wachsenden Ostasienhandel die Beschäftigung stark abgenommen (siehe Abbildung). Doch hat dies in den USA keine Massenarbeitslosigkeit bewirkt. Die Arbeitslosquote ist vielmehr von 7,2% im Jahr 1980 auf heute 4,9% gesunken. Im Vereinigten Königreich sank die Arbeitslosenquote von 12% Mitte der 1980er Jahre auf heute 5%.

Das liegt daran, dass die Arbeitslosen meist neue Anstellungen gefunden haben, und zwar überwiegend im Dienstleistungssektor. Allerdings scheint das dortige Lohnniveau oft niedriger, was mit dem Modell von Ricardo nicht erklärbar ist. Denn das reale Lohnniveau wird durch die Produktivität bestimmt. Und die steigt im Modell in beiden Ländern, weil die Arbeiter jeweils in den produktiveren Sektor wechseln. Die Menschen in den USA, die aufgrund der wachsenden ostasiatischen Konkurrenz von der Industrie in den Dienstleistungssektor gewandert sind, hätten also in der Mehrheit einen höheren Lohn erhalten müssen.

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– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Da Arbeiter von Sektor zu Sektor wandern können, ist es theoretisch auch nicht denkbar, dass die Lohnentwicklungen zwischen einzelnen Sektoren völlig auseinanderdriften, beispielsweise weil die Produktivität im Dienstleistungssektor nicht steigen kann. Früher zogen Produktivitätsgewinne in der Industrie aufgrund von (potentiellen) Wanderungsbewegungen der Arbeitskraft zwischen den einzelnen Sektoren höhere Löhne in Industrie und Dienstleistungssektor nach sich. Das war in den USA und dem Vereinigten Königreich jedoch seit den 1990er Jahren nicht mehr für alle der Fall.

Der Abstieg beträchtlicher Teile der US-amerikanischen Mittelschicht muss deshalb noch andere Gründe haben. Ein wichtiger Grund dürfte in der Geldpolitik zu finden sein, die Verlierer geschaffen hat (siehe Hoffmann und Schnabl 2016). Seit Mitte der 1980er Jahre haben die kontinuierlichen Zinssenkungen der US-Zentralbank immense Kapitalabflüsse aus den USA bewirkt. Mit diesen wurden unter anderem in China große Überkapazitäten in der Industrie aufgebaut. Die Überproduktion wurde mit Hilfe von Kreditsubventionen, die durch die Kapitalzuflüsse erst ermöglicht wurden, billig in den USA abgeladen (siehe McKinnon und Schnabl 2012). Also hat die US-Geldpolitik über den Umweg von China vielen US-Industriearbeitern den Job gekostet.

Darüber hinaus hat die immer expansivere Geldpolitik vor allem den Finanzsektor aufgeblasen, wo spekulative Übertreibungen einige sehr reich gemacht haben. Man denke an die himmlischen Boni bei Goldman Sachs und für viele Hedge-Fonds-Manager, die nicht zuletzt von den Kapitalanlagen aus Ostasien profitiert haben. Wenn die Blasen platzten, sorgten die geldpolitischen Rettungsaktionen dafür, dass noch mehr frisches Geld in den Finanzsektor floss. Auch die Anlagen von den immensen chinesischen Devisenreserven in den US-Finanzmärkten haben zu deren Blüte beigetragen. Seit 1980 ist der durchschnittliche Stundenlohn im US-Finanzsektor real um 60% angestiegen.

Hingegen wurden in den Finanzkrisen die Löhne in der Industrie gedrückt, um Arbeitslosigkeit einzudämmen. Langfristig hat das billige Geld der Fed die Produktivitätsgewinne geschmälert, weil es den Unternehmen immer geringe Finanzierungskosten bescherte. Bemühungen um mehr Effizienz sind deshalb immer mehr ausgeblieben. Mit dem sinkenden Produktivitätswachstum ist jedoch die Grundlage für reale Lohnsteigerungen in der US-Industrie (und vielen anderen Sektoren) verloren gegangen. Der Stundenlohn in der Industrie ist seit 1980 preisbereinigt leicht gefallen.

Donald Trump setzt die Fehlannahme, dass die Globalisierung der Grund allen Übels ist, nun in ein wirtschaftspolitisches Programm um: Handelsschranken gegenüber China, Steuererleichterungen für die Industrie und eine Mauer zu Mexiko sollen den angeblichen Globalisierungsopfern unter die Arme greifen. Ebenso werden die zahlreichen Freihandelsabkommen der EU nach Austritt für das Vereinigte Königreich keine Gültigkeit mehr haben. Die „Entglobalisierung“, die in den USA und England zu erwarten ist, wird noch mehr Wohlstand zerstören, weil die Wettbewerbsschranken neue Produktivitätsverluste bewirken werden. Damit werden auch die Verteilungskonflikte in beiden Ländern weiter wachsen.

Die Globalisierung ist zwar ein politisch dankbarer Sündenbock, aber nicht Kern des Problems! Besser wäre eine straffere Geldpolitik, die die Unternehmen zu höheren Produktivitätsgewinnen zwingt, um Raum für höhere reale Löhne für alle zu schaffen.  Diese ist jedoch mit dem geplanten Investitionsprogramm von Trump eher unwahrscheinlich, weil wohl früher oder später die Fed die zusätzlichen Ausgaben finanzieren muss. Auch im Vereinigten Königreich ist die Versuchung groß, sich durch eine Abwertung des Pfunds, die Probleme kurzfristig vom Hals zu schaffen. Die Kombination aus Handelsschranken und expansiver Geldpolitik dürfte im Ergebnis für viele US-Bürgern und Briten mit neuen Opfern verbunden sein.

Literatur:

Hoffmann, Andreas / Schnabl, Gunther (2016): The Adverse Effects of Unconventional Monetary Policy. Cato Journal 36, 3, 449-484.

McKinnon, Ronald / Schnabl, Gunther (2012): China and its Dollar Exchange Rate. A Worldwide Stabilizing Influence? The World Economy 35, 6, 667-693.

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