Die „Große Rezession“ ist eine Strukturkrise
Arbeitsmärkte im Umbruch

“Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.” (Max Frisch)

Ein Gespenst geht wieder einmal um in den reichen Ländern der Welt, das Gespenst massenhafter Arbeitslosigkeit. Es spukt seit der Finanzkrise heftiger als zuvor in Europa. Überall eilt die Arbeitslosigkeit zu immer neuen Höchstständen, außer in Deutschland. Die junge (südeuropäische) Generation verliert langsam den Glauben an die Zukunft. Auch in den USA ist das Gespenst der Arbeitslosigkeit wieder sehr aktiv. Zwar ist der heftige Einbruch des BIP nach der Lehman-Pleite längst ausgeglichen. Allerdings erweist sich die Arbeitslosigkeit als ausgesprochen zählebig. Der wirtschaftliche Aufschwung lässt die Arbeitsmärkte links liegen. Nach fünf Jahren Finanzkrise lichtet sich der keynesianische Nebel: Die „Große Rezession“ ist keine Konjunkturkrise, sie ist eine ausgewachsene Strukturkrise.

Sektoraler Strukturwandel

Sektoraler Strukturwandel und Arbeitslosigkeit leben in Symbiose. Ohne strukturellen Wandel gibt es kein wirtschaftliches Wachstum. Allerdings pflastert ein Prozess der schöpferischen Zerstörung den Wachstumspfad. Handfeste Friktionen auf den Arbeitsmärkten sind an der Tagesordnung. Im Strukturwandel verschieben sich die ökonomischen Gewichte zwischen den Sektoren. Reiche Länder kämpfen mit dem schwierigen Übergang vom Industrie- zum Dienstleistungssektor. Ob Arbeitslosigkeit zum Problem wird, hängt entscheidend davon ab, wie schnell der strukturelle Wandel abläuft und ob die wirtschaftlichen Akteure bereit sind, die Lasten zu tragen. Flexible sektorale und qualifikatorische Lohnstrukturen sowie räumlich und beruflich mobile Arbeitnehmer helfen, strukturelle Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Mit dem Beitrag zur Wertschöpfung ändern sich auch die Beschäftigungsanteile der Sektoren. Allerdings ist das Tempo des strukturellen Wandels ähnlich entwickelter Länder unterschiedlich. In Frankreich, Großbritannien und den USA gingen in den letzten drei Jahrzehnten weit über ein Drittel der industriellen Arbeitsplätze verloren. Der wachsende Dienstleistungssektor kompensierte die Verluste lange. Die Finanzkrise zeigt allerdings, wie fragil diese Entwicklung ist. Deutschland, Japan und Italien haben den sektoralen Strukturwandel noch zu guten Teilen vor sich. Der starke industrielle Sektor hat sich zwar seit dem Ausbruch der Finanzkrise als vorteilhaft erwiesen. Er hat die Beschäftigung stabilisiert. Es führt allerdings kein Weg daran vorbei, auch für diese Länder gilt das eherne Gesetz des Strukturwandels.

Industrie
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Der Columbia-Ökonom Bruce Greenwald sieht im sektoralen Strukturwandel den eigentlichen Grund für die „Große Rezession“. Gegenwärtig wiederhole sich die Situation der „Großen Depression“. Damals starb ein großer Sektor der Volkswirtschaften, der Agrarsektor. Er war der wichtigste Treiber des wirtschaftlichen Wachstums. Der schwierige Übergang vom Agrar- zum Industriesektor mündete in der „Großen Depression“. Die Situation heute sei mit der von damals vergleichbar. Nun liege wieder der wichtigste Sektor im Sterben, der Industriesektor. Heute werden die Länder mit einem relativ hohen Industrieanteil unter dem Wandel leiden. Länder wie Japan und Deutschland werden dem Problem der Anpassung nicht entkommen. Das Exportventil lindert nur temporär die Schmerzen der Anpassung.

Polarisierung der Arbeitsplätze

Der inter-sektorale Strukturwandel ist nicht aufzuhalten. Die Arbeitsmärkte bleiben davon nicht unberührt. Mit dem Wandel vom industriellen Sektor zu stärker wissensbasierten Sektoren fragen Unternehmen aber auch eine andere Mischung von Qualifikationen nach. Teile des Humankapitals werden obsolet, andere oft neue Fähigkeiten sind gefragt. Dieser Prozess geht nicht ohne Friktionen am Arbeitsmarkt ab. Strukturelle Arbeitslosigkeit ist wahrscheinlich. Mindestens so wichtig ist allerdings der intra-sektorale Strukturwandel. In den reichen Ländern läuft dieser Wandel seit über drei Jahrzehnten, zuerst in den USA, mit einiger zeitlicher Verzögerung nun auch in Europa. Die Gewichte der Beschäftigung verschieben sich. Gewinner sind hohe und niedrige Qualifikationen, Verlierer mittlere Fähigkeiten.

Für einen groben Überblick über die Beschäftigungsanteile im doppelten Strukturwandel werden die Beschäftigten in drei Berufsgruppen eingeteilt. Die Einordnung der Vielzahl der Berufe in die drei Gruppen erfolgt nach der Höhe der Einkommen in niedrig, mittel und hoch. Danach werden die Berufsgruppen nach zwei Kriterien analysiert: Kognitive versus manuelle und routinemäßige versus nicht-routinemäßige Tätigkeiten. Dabei stellt sich heraus, dass Berufe, in denen nicht-routinemäßige, kognitive Tätigkeiten dominieren, meist hohe Qualifikationen erfordern. In Berufen, in denen nicht-routinemäßige manuelle Tätigkeiten an der Tagesordnung sind, reichen meist geringe Qualifikationen. Bei den routinemäßigen Tätigkeiten, egal ob kognitiv oder nicht-kognitiv, sind mittlere Qualifikationen notwendig.

Beschäftigungsanteile
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Eine Reihe empirischer Untersuchungen zeigt, der strukturelle Wandel verändert die Anteile der drei Berufsgruppen an der Beschäftigung teilweise gravierend. Alte Beschäftigungsstrukturen werden sowohl in Europa als auch den USA auf den Kopf gestellt. Der erste Befund ist nicht wirklich überraschend: Der Anteil des am besten bezahlten Drittels mit den höchsten Qualifikationen nahm in der Zeit zwischen 1993 und 2006 in den meisten Ländern zu, teilweise gravierend. Der zweite Befund ist allerdings verblüffend: Der Anteil der einfachen, schlecht bezahlten Arbeit an der Beschäftigung nahm in diesem Zeitraum ebenfalls zu. Eine europäische Ausnahme ist Italien. Der dritte Befund hat überall am meisten Aufsehen erregt: Die „Mittelschicht“ verliert an Boden und zwar ausnahmslos in allen Ländern.

Trend ist der Zyklus

Technischer Fortschritt und Globalisierung sind die wichtigsten Treiber des intra-sektoralen Strukturwandels. Beide favorisieren Nicht-Routine- und diskriminieren Routine-Tätigkeiten. Ein „skilled biased technical change“ hilft Arbeitnehmern, die neue IK-Technologien herstellen oder sie anwenden. Er schmeißt aber auch Arbeit nicht aus dem Markt, die Tätigkeiten ausübt, die persönlichen Kontakt zum Kunden erfordern. Auch die Globalisierung begünstigt nicht-routinemäßige Aktivitäten. Die Verlierer des technischen Fortschritts und der Globalisierung sind Arbeitnehmer, die routinemäßige Tätigkeiten ausüben. Teurere Arbeit wird durch billigere „Maschinen“ ersetzt. Solche Arbeiten gibt es in allen Sektoren, im industriellen Bereich sind sie aber besonders weit verbreitet. Das trifft die Mittelschicht.

Der Prozess der Polarisierung von Beschäftigung und Löhnen wird durch die wachsende Nachfrage nach Dienstleistungen beschleunigt. Mit steigendem Wohlstand wächst der Konsum von Dienstleistungen aller Art stärker als die traditionelle Nachfrage nach industriell gefertigten Konsumgütern. Die Unternehmen fragen mehr Arbeit am unteren und oberen Ende der Qualifikationsskala nach. Die Verlierer sind mittlere Fähigkeiten. Und noch etwas hilft einfachen Qualifikationen: Mit der fortschreitenden Alterung reicher Gesellschaften wächst die Nachfrage nach personenbezogenen Dienstleistungen stark. Alten- und Krankenpflege sind ein lukrativer Wachstumsmarkt. Die notwendige Nähe zu den „Kunden“ bietet diesen Tätigkeiten weitgehenden Schutz vor technischem Fortschritt und Globalisierung.

Beschäftigungsanteile
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Spätestens seit Anfang der 90er Jahre hat der strukturelle Wandel eine neue Qualität. Es sind tektonische Verschiebungen der Nachfrage nach Qualifikationen im Gange. Die Qualitäten von Arbeit werden weltweit fundamental neu bewertet. Wohin die Reise geht, zeigt sich im Konjunkturverlauf. Nach den Erfahrungen der USA steigt die Nachfrage nach kognitiven und manuellen nicht-routinemäßigen Tätigkeiten über den Zyklus hinweg seit langem mehr oder weniger stetig an. Für Routine-Tätigkeiten ist das anders. In Rezessionen ging die Nachfrage traditionell zurück. In den folgenden Aufschwüngen hat sie sich aber immer wieder erholt. Das gilt nun seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr. Den bisherigen Tiefpunkt markiert die „Große Rezession“. Die Nachfrage stürzte ab. Eine Erholung ist bis heute nicht in Sicht.

Fazit

Das Phänomen des „jobless growth“ ist ein guter Indikator für den strukturellen Charakter der „Großen Rezession“. Die wachsende Ungleichheit von Löhnen und Einkommen verstärkt diesen Eindruck. Seit über drei Jahrzehnten ist ein anhaltender Prozess der Polarisierung von Beschäftigung in Gang. Vieles deutet darauf hin, dass er sich seit Anfang der 90er Jahre beschleunigt. Die Qualitäten der Arbeit werden fundamental neu bewertet. Eine viel zu expansive Geld- und Fiskalpolitik hat diese reale Entwicklung lange maskiert. Mit der Finanz- und Eurokrise ist der keynesianische Schleier gefallen. Die Strukturkrise ist offenkundig. Eine persistent expansive Geld- und Fiskalpolitik der Notenbanken ist gefährlicher Unsinn. Die Rettung kann nur von einer Politik nachhaltiger Austerität und ernsthafter Strukturreformen kommen.

20 Antworten auf „Die „Große Rezession“ ist eine Strukturkrise
Arbeitsmärkte im Umbruch

  1. Das ist im Lichte der Fakten eine recht kühne Hypothese: Die Länder mit überdurchschnittlichem großen Industriesektor sind ja allen “ehernen Gesetzen” zum Trotz eigentlich sehr viel besser durch die Krise gekommen als die Länder mit überdurchschnittlichem Dienstleistungssektor. Mit am schlechtesten stehen Länder wie Großbritannien da, die einen großen Dienstleistungsektor geschickt mit knallharter Austeritätspolitik kombinieren.

  2. (…) Wenn der Patient sich nicht erholt, dann muss man nochmal über die Diagnose nachdenken. Wir müssen die zugrunde liegenden, strukturellen Probleme korrigieren. Das dauert, aber eine kurzfristige Politik hilft eben nicht. Damit verkauft man die Leute für blöd.(…) Interview mit Raghuram Rajan in der FAZ

  3. “There are four elements of crude Keynesianism and, indeed, of Krugman’s position:

    (1) The belief that multipliers on tax cuts and transfers are stable, predictable and large;
    (2) The belief that America’s employment and growth problems are overwhelmingly cyclical, not structural, and therefore remediable by short-term aggregate demand management;
    (3) The belief that a growing debt burden is a minor nuisance as long as the economy is in recession;
    (4) The belief that for practical purposes, the most urgent need is to raise aggregate demand rather than to focus on the quality and type of public spending.

    I believe that all of these positions are misguided.” (Jeffrey Sachs in “Professor Krugman and Crude Keynsianism”)

  4. Ed Leamer argumentiert in diesem Video (hier), dass die Arbeitslosigkeit in den USA in erster Linie strukturell ist.

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