Gastbeitrag
Target2 für Lummerländer

Die Target2-Salden werden von manchen Ökonomen mit dem Scheinriesen Herrn Tur-Tur aus dem Roman „Lukas der Lokomotivführer“ verglichen. Andere Ökonomen werfen ihnen allerdings eine gefährliche Verharmlosung des Problems vor und verweisen auf die „Wilde 13“ im Nachfolgeroman von Michael Ende, die auch nicht richtig rechnen konnten. Nachdem der deutsche Targetsaldo fast 1 Billion Euro erreichte, eskalierte der Streit darüber mit zahlreichen Artikeln u.a. in der FAZ, in der sich prominente Ökonomen gegenseitig Unkenntnis und falsche Analogien vorwarfen. Inzwischen haben sich aber die Nebel gelichtet. In einer intensiven, auch intern geführten Diskussion zwischen den Hauptkontrahenten konnte in wichtigen Punkten weitgehende Übereinstimmung erzielt werden.

Die Quintessenz der Diskussion lautet: Solange der Euroraum Bestand hat, sind Targetsalden eher ein Symptom für wirtschaftliche Ungleichgewichte, aber eigentlich kein eigenständiges Problem. Tritt allerdings ein Land aus oder zerbricht gar die gesamte Währungsunion, ändert sich dies sofort. Wenn die Targetsalden nicht spätestens dann durch Übertragung von werthaltigen Aktiva ausgeglichen werden, käme es zu riesigen Verlusten der Gläubigerländer, während die Länder mit den negativen Targetsalden sich entsprechend bereichern würden. Target-Salden sind allerdings nur Teil eines umfassenderen Problems einer Währungsunion zwischen souveränen Staaten. Denn dadurch, dass alle das gleiche Geld schaffen können, ergeben sich noch viele andere Möglichkeiten, sich auf Kosten der anderen Mitglieder nationale Vorteile zu verschaffen.

Die Zusammenhänge lassen sich wiederum gut anhand der Romane von Michael Ende darstellen (vgl. den Beitrag in WiSt (2019), Heft 1). Angenommen, die Inseln Lummerland und Kummerland bilden eine Währungsunion, behalten aber – ebenso wie in der Eurozone – ihre staatliche Souveränität und auch ihre nationalen Zentralbanken. Beide Zentralbanken können das gemeinsame Geld schaffen, wobei jeweils ein Geldschöpfungsgewinn (Seignorage) entsteht. Wir nehmen an, dass – wie in der Eurozone – die gesamte Seignorage nach einem festen Schlüssel an die beiden Inselregierungen verteilt wird. Das ist sehr wichtig, denn dann sind die nationalen Vorteile aus der Geldschöpfung unabhängig davon, wo das Geld geschaffen wurde.

Targetsalden sind unter diesen Umständen zunächst einmal nichts Anderes als buchhalterische Ausgleichsposten. Sie entstehen immer dann, wenn Geld von einer der Inseln in eine andere fließt:

  • Weist z.B. Kummerland ein Zahlungsbilanzdefizit gegenüber Lummerland auf, dann würde Lummerland bei getrennten Währungen entsprechende Devisenreserven in Kummerland-Währung ansammeln. In einer Währungsunion gibt es aber keine getrennten Währungen, und darum wird der Zentralbank von Lummerland in diesem Fall quasi als Ersatz ein entsprechender Targetsaldo gutgeschrieben.
  • Ähnlich ist es im Fall einer Kapitalflucht: Wenn die Kummerländer ihr Geld in Lummerland anlegen, indem sie dort z.B. Immobilien kaufen, würde bei getrennten Währungen wiederum ein Devisenschatz in Lummerland entstehen. In einer Währungsunion entsteht stattdessen auch in diesem Fall in Lummerland ein entsprechendes Targetguthaben, während in Kummerland ein gleich hoher negativer Targetsaldo ensteht.

Solange die Währungsunion besteht, ist das alles ohne weitere Bedeutung, denn die Geldschöpfungsgewinne werden ja ohnehin nach einem festen Schlüssel verteilt. Aber stellen wir uns einmal vor, Kummerland würde aus der Währungsunion austreten und wieder eine eigene Währung einführen. Vorher haben sie aber noch kräftig in Lummerland eingekauft und ihre gesamten Bestände der gemeinsamen Währung gegen Güter und Immobilien eingetauscht. Dann würden die Lummerländer als Gegenleistung auf einem Geldbetrag sitzenbleiben, den sie sich genauso gut selbst drucken könnten, für den sie aber in Kummerland nichts mehr kaufen können. Die Kummerländer dagegen hätten die ganzen Güter und obendrein ihre neue Währung mitsamt dem dazugehörigen, zusätzlichen Geldschöpfungsgewinn. Genau deshalb müßten sie jetzt ihre Targetverbindlichkeit glattstellen, z.B. durch Übertragung von Gold oder anderen Wertanlagen auf die Lummerländer Zentralbank. Erst dadurch würden die Lummerländer tatsächlich für ihre Güter und Immobilien entlohnt, genau wie dies bei getrennten Währungen durch den damit angehäuften Devisenschatz geschehen würde.

Leider gibt es in der Eurozone keine explizite Vereinbarung, dass Targetsalden bei Austritt aus der Währungsunion zu begleichen sind, auch wenn sowohl EZB-Chef Draghi als auch Bundesbankpräsident Weidmann dies kürzlich als selbstverständlich bezeichnet haben. Zudem hat beispielsweise die italienische Zentralbank gar nicht genug Reserven, um im Ernstfall ihre Targetverpflichtung von fast 500 Mrd. € zu erfüllen. Darum wäre es besser, die Targetsalden gar nicht erst in solche schwindelerregenden Höhen steigen zu lassen. Wie man das am besten macht und wie wahrscheinlich der Austritt Italiens oder eines anderen Landes überhaupt ist, das sind nach wie vor umstrittene Fragen. Klar ist aber inzwischen, dass bei einem Austritt Deutschlands aus der Eurozone ein Targetverlust von derzeit fast 1 Billion € drohen würde und dass es sich dabei keineswegs nur um eine bedeutungslose Buchungsgröße, sondern um einen realen Verlust für Deutschland handeln würde. Und es ist auch deutlich geworden in der intensiven Diskussion, dass darüber hinaus selbst in einer fortbestehenden Währungsunion weitere Mißbrauchsmöglichkeiten der gemeinsamen Geldschaffung bestehen und teilweise auch genutzt werden. Dazu gehört insbesondere der Geldverleih gegen unzureichende Sicherheiten durch die nationalen Zentralbanken, mit denen der gemeinsame Geldschöpfungsgewinn faktisch an die eigene Regierung oder an die eigenen Banken verschoben wird. Nimmt man all dies zusammen, so haben sich die Befürchtungen der frühen Gegner einer europäischen Währungsunion im Nachhinein zumindest in dieser Hinsicht leider bewahrheitet.

Hinweis: Ein Überblicksartikel von Ulrich van Suntum “Targetsalden – Scheinriese oder ein echtes Problem?” ist in der Fachzeitschrift WiSt, Jg 48 (2019), Heft 1 erschienen.

Blog-Beiträge zum Thema Target 2:

Dieter Smeets: Die deutschen TARGET-Forderungen. Ein hausgemachtes (Schein-)Problem?

Ulrich van Suntum: Das Billionengrab. Was Targetsalden wirklich bedeuten

Ulrich van Suntum

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Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Ulrich van Suntum

3 Antworten auf „Gastbeitrag
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