Gastbeitrag
Der Dreifach-Schock einer verfehlten EZB-Politik

Europa bewegt sich in eine bedrohliche wirtschaftliche Krisensituation. Schuld daran ist nicht nur die von Russland ausgelöste Energieverknappung. Auch die bisherige Geldpolitik der EZB verschärft die Situation vieler Bürger und bewirkt einen dreifachen Schockverstärker.

Der Dreifach-Schock der Geldpolitik

Europa leidet unter Rekordinflation und massiv steigenden Energiepreisen. Zudem droht ein akuter Erdgasschock, der Europa in eine schwere Rezession stürzen könnte. Das ist der sichtbare Teil einer komplexen Gesamtproblematik, die Europa derzeit unter Druck setzt. Die scheinbar einfache Erklärung liefert die Politik mit einem simplen Narrativ: Schuld an der gesamten Misere ist der Kriegsgewinnler Putin, der durch Drehen am Öl- oder Gashahn weltweit die Inflationsraten nach oben treibt. Dieses schlichte Narrativ klingt zwar für viele Bürger plausibel, ist aber gleich aus mehreren Gründen falsch oder zumindest grob irreführend.

Viele der Probleme, mit denen sich Europa heute konfrontiert sieht, sind hausgemacht. Deren Wurzeln reichen oftmals weit in die Zeit vor dem Ukraine-Krieg zurück, und viele dieser Wurzeln liegen unmittelbar bei der EZB. Im Vordergrund steht der finanzielle „Dreifach-Schock“ den die enthemmte Geldpolitik der EZB ausgelöst hat. Dieser dreifache Schock hat sich inzwischen zu einer veritablen „Zusatzsteuer“ ausgewachsen, der erhebliche Vermögensverluste vieler Bürger nach sich zieht. Was genau sind diese drei Schocks, die ein Durchschnittsbürger heute – zusätzlich zu erhöhten Benzin- und Gaspreisen – auszuhalten hat?

Der erste Schock betrifft die langjährige Negativzins-Politik der EZB. Negative Zinsen untergraben die gesamtwirtschaftliche Lenkungswirkung des Zinses und verhindern rationale Ressourcenallokation. Zudem entfalten Negativ-Zinsen sehr gefährliche sozial- und verteilungspolitische Effekte. Sie induzieren – und alimentieren – die sorglose Aufnahme von Schulden, was in vielen Sektoren irrationale Fehlentwicklungen auslöst. Letztlich wird die Entstehung spekulativer Vermögensblasen begünstigt – oftmals stark konzentriert im Immobiliensektor. So zeigen die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland seit rund 10 Jahren – also seit Beginn der Tiefzinsphase der EZB – einen Aufwärtstrend, der signifikant über dem Anstieg der verfügbaren Einkommen liegt (Abb. 1).

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Relativ zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit haben also Immobilien sehr deutlich aufgewertet – bis zu einem Niveau, wo selbst die Bundesbank vor den Risiken einer Immobilienblase warnt. Zusätzlich sind im gleichen Zeitraum auch die Mieten stark angestiegen. Beide Effekte sind zwar erfreulich für Immobilienbesitzer, aber sehr viel weniger erfreulich für normale Durchschnittsbürger, die sich zu heutigen Preisen weder den Bau, den Kauf oder auch nur das Anmieten einer Wohnimmobilie leisten können. In vielen Regionen liegt der Anteil des Arbeitseinkommens, der für Miete ausgegeben werden muss, auf Niveaus, die mit der normalen Lebens- und Einkommensrealität nicht mehr vereinbar sind. Bereits dieser Punkt ist für viele Menschen gleichbedeutend mit einer äußerst restriktiven Zusatzsteuer: Das Grundbedürfnis „Wohnen“ wird heute – verglichen mit früheren Jahren – mit überproportionalen finanziellen Belastungen belegt. Die Geldpolitik der EZB hat dazu wesentlich beigetragen: Mit der langen Phase anhaltender Negativzinsen, verstärkt durch die enorme monetäre Aufblähung über das sogenannte „Quantitative Easing“ (vgl. Abb. 2).

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Vermögenserosion in Europa – Der Euro als Weichwährung

Der zweite Schock zeigt sich im internationalen Vergleich. Bekanntlich wurden den Deutschen bei Gründung der Europäischen Währungsunion in Aussicht gestellt, die EZB werde hinsichtlich Qualität der Geldpolitik das Vorbild Bundesbank noch übertreffen. Damit einher ging die Aussage, der Euro werde „mindestens so stabil wie die D-Mark“. Diese Behauptung entpuppt sich heute, nicht wirklich überraschend, als reines Wunschdenken. Strukturelle Probleme, schlechte Wirtschaftspolitik und mehrfache Krisen der Eurozone, gepaart mit einer extrem expansiven Geldpolitik der EZB, haben den Außenwert des Euro in den letzten Jahren systematisch ausgehöhlt.

Betrachtet man den Schweizer Franken (SFR), der im Hinblick auf Geldwertstabilität so etwas wie das Pendant der früheren DM war, so zeigt sich ein dramatisches Ergebnis: Per JuIi 2022 hat der SFR die Parität zum Euro nicht nur erreicht, sondern sogar durchbrochen. Ausgehend von einem Startwert von 1,60 SFR je Euro im Januar 1999 (Zeitpunkt der Euro-Einführung) hat der Euro zum SFR über 40 % abgewertet. Anders ausgedrückt: Der Euro müsste um mehr als 60 % steigen, um wieder das damalige Wechselkursniveau zu erreichen (vgl. Abb. 3).

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Ein Investor, der vor 15 Jahren 60.000 Euro in Schweizer Franken angelegt hätte, hätte heute ein Vermögen von knapp 100.000 Euro und wäre in Euro über 60 % reicher. Dies entspricht einer jährlichen Wertsteigerung (Performance) von immerhin rund 3,3 %. Dieser Wertverfall von Euro-Guthaben, relativ zu Alternativanlagen in einer stabilen Währung, ist atemberaubend.

Das zentrale Problem ist offenkundig: Die Mutation des Euro in eine Schwachwährung südeuropäischer Prägung wirkt faktisch wie eine heimliche Vermögenssteuer von etwa 3 %, die Jahr für Jahr das reale Geldvermögen der Euro-Bürger mindert und langfristig entwertet. Da viele Bürger – speziell in Deutschland – den Großteil ihrer Vermögenswerte relativ bargeldnah halten, wirkt dort die kontinuierliche Abwertung des Euro wie eine Zusatzsteuer, die im Zeitverlauf einen veritablen (relativen) Vermögensverlust erzeugt. Das auf diese Weise schwindende reale Geldvermögen wird sich in den kommenden Jahren noch sehr negativ bemerkbar machen, in Form reduzierter Kaufkraft, sinkender Ersparnisse und fehlender Altersrücklagen, die angesichts des demografischen Wandels in Europa dringend gebraucht würden.

Inflation als unfaire Zusatzsteuer

Der dritte Zusatz-Schock ist zwar der offensichtlichste, dennoch findet auch dazu kein wirklich kritischer und objektiver Diskurs statt, schon gar hinsichtlich der möglichen Verstrickung der EZB. Denn: Seit rund 12 Monaten verzeichnen sowohl Deutschland als auch die Euro-Zone einen massiven Anstieg der Inflationsraten. Zuletzt erreichte die Inflationsrate in der EWU ein Allzeit-Hoch von 8,6 % und in Deutschland immerhin noch von 8,2 %, nach zuvor 8,7 % (letzte Daten jeweils Juni 2022; vgl. Abb. 4).

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Dieser enorme Preisschub ist in den letzten 40 Jahren ohne Beispiel und hat viele Bürger – aber auch Politiker und Notenbanker – sehr kalt erwischt. Bezeichnend ist der fragwürdige Auftritt von EZB-Chefin Christine Lagarde, die über viele Monate die außergewöhnliche Inflationsdynamik ignoriert oder gebetsmühlenhaft als nur „vorübergehend“ bagatellisiert hatte. Lange Zeit veröffentlichte die EZB haltlose Inflationsprognosen, die für 2022 einen Preisanstieg von lediglich rund 3 % unterstellten – trotz stark steigender Energiepreise und gleichzeitiger Zunahme anderer preistreibender Faktoren.

Inzwischen muss die EZB-Spitze sich in diesem Punkt deutlich korrigieren, allerdings ohne jede Erklärung oder Aufarbeitung der vorherigen Prognosefehler. Klar ist: Wenn eine wichtige Institution wie die EZB, deren Hauptfunktion die Kontrolle der Geldwertstabilität sein sollte, sich derart eklatante Fehlprognosen leistet (statt 3 % Inflation knapp 9 %!!), dann sollten alle Verantwortlichen sehr ernsthaft über ihre Qualifikation zur Amtsführung nachdenken.

Stattdessen verbreitet die EZB – ebenso wie die etablierte Politik –   weiter das Narrativ, die aktuellen Inflationsschübe seien (mehr oder weniger ausschließlich) dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geschuldet. Seltsam nur, dass die Inflationsraten bereits Monate vor der russischen Invasion deutlich angestiegen sind. Ebenfalls seltsam, dass viele Marktbeobachter (darunter der Autor) bereits Ende 2021 vor einem starken Inflationsanstieg in 2022 gewarnt hatten. Wie passt das zusammen?

Das Rätsel ist schnell gelöst: Der zentrale Auslöser des aktuellen Inflationsschubs, der ja auch in anderen Ländern zu beobachten ist, liegt vor allem in der ungehemmten monetären Aufblähung der Vorjahre, angetrieben durch massive Geldschöpfung vieler Notenbanken. Speziell in den beiden Pandemiejahren 2020 und 2021 wurden in den USA, Großbritannien und der Euro-Zone großvolumige Konjunkturprogramme geschnürt (Umfang oft über 20 % des BIP!), die faktisch durch massive Geldschöpfung der jeweiligen Notenbanken finanziert wurden. Dieser Vorgang ist im Kern monetäre Staatsfinanzierung, bekannt auch als „Overt Monetary Financing“ (OMF).

OMF ist eines der sichersten Rezepte zur Inflationserzeugung, denn: Werden Staatsausgaben in großem Umfang mit neu gedrucktem Geld bezahlt, gelangt dieses neue Geld direkt (ohne Umwege und Streuverluste) in den Wirtschaftskreislauf. Je höher der Anteil des OMF an den Gesamtausgaben, umso stärker müssen zwingend auch die Preise im Wirtschaftssystem steigen. Genau dieser Mechanismus wurde vor zwei Jahren aktiviert – nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und Großbritannien. Die logische Konsequenz ist seit Mitte 2021 eine scharf ansteigende Inflation in genau diesen Ländern, wie die grafische Auswertung sehr klar verdeutlicht (vgl. Abb. 5).

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Damit wird klar: Auch am massiven Anstieg der Inflation in der Euro-Zone trägt die EZB einen entscheidenden Anteil. Zuerst durch Zünden der „OMF-Geldbombe“, danach durch ignorantes Abwarten sowie kontrafaktisches Verharmlosen und Umdeuten akuter Inflationsrisiken. Auch wenn der Ukraine-Krieg eine zusätzliche Verschärfung der Preisdynamik zur Folge hat, so steht am Anfang der Wirkungskette unzweifelhaft die massive monetäre Aufblähung durch die EZB.

Inflation zählt zu den unsozialsten Phänomenen, die eine Volkswirtschaft heimsuchen können. Inflation bewirkt eine Umverteilung von Vermögen, führt zu einer Besteuerung von Scheingewinnen und „kalter Progression“, begünstigt den verschuldeten Staat zu Lasten seiner Bürger, verschärft soziale Ungleichheit und erhöht ganz generell gesellschaftliche Spannungen. Inflation nützt Besitzern von Sachwerten, während sie für Durchschnittsbürger wie eine unfaire Zusatzsteuer wirkt.

Genau hier liegt das Problem: Inflation in der derzeitigen Höhe kann von vielen Bürgern weder überwälzt noch kompensiert werden. Sie zwingt viele Menschen zu Einschränkungen und macht oftmals einschneidenden Konsumverzicht und harte Einsparungen erforderlich. Die Wirkung ist so, als ob plötzlich neue Sondersteuern auf Benzin und Mobilität, Lebensmittel und Gebrauchsgüter, Baustoffe und Möbel, Autos und Wohnungen erhoben würden. 

Fatale Wirkungen unsolider Geldpolitik

Als Fazit bleibt festzuhalten: Die Wirkungen unsolider Geldpolitik auf die Finanz- und Vermögenssphäre der Bürger sind weitaus gravierender, als in der Öffentlichkeit bekannt. Viele Bürger kennen nicht die echten Wirkungsmechanismen einer enthemmten Geldpolitik, die sich auf monetäre Aufblähung konzentriert statt auf die Stabilität des Geldes.

Die komplexen Effekte der monetären Verwässerung, die unter anderem auch die EZB seit einigen Jahren betreibt, sind keinesfalls trivial. Die direkten und indirekten Nebenwirkungen unsolider Geldpolitik schädigen die Vermögenssubstanz und beeinträchtigen die Lebensbedingungen sehr vieler Bürger. Klar monetär bedingte Phänomene – wie hohe Inflation oder schleichende Abwertung der Währung – wirken wie Zusatzsteuern, die aber meist nicht als solche wahrgenommen werden.

Mehr Offenheit und ein stärkerer öffentlicher Diskurs zu diesen Problemen wäre wünschenswert. Daneben sollte insbesondere die EZB dazu übergehen, die Folgen des eigenen Handelns selbstkritischer zu reflektieren. Vor allem aber sollte die EZB, als Zentralbank der gesamten Eurozone, damit aufhören, den scheinbar einfachen Weg einer Weichwährung zu verfolgen.

Eine Antwort auf „Gastbeitrag
Der Dreifach-Schock einer verfehlten EZB-Politik“

  1. Ich vermute das die EZB gute Gründe für diese Politik hat und zwar die Fehlkonstruktion des Euro. Übrigens, die starke Exportabhängigkeit Deutschlands dürfte auch eine Folge des Euros sein.

    Die interessante Frage für mich ist, wie beeinflusst der Euro und damit auch die EZB nicht nur Deutschland, sondern auch die anderen Euro-Länder. Gibt es da eine Angleichung? Ich vermute, dass es das für Spanien und Griechenland gibt. Bei Frankreich und Italien bin ich mir dagegen unsicher. Ich sehe in beiden Ländern einen Widerwillen der Politik sich einer deutschen Wirtschaftspolitik anzupassen. Wobei wir diesen Widerwillen in Deutschland ja auch sehen: Die Neuverschuldung wieder zurück zu führen wird ganz schwer werden. Das wäre übrigens ein guter Weg die Inflation zu bekämpfen, denn ob die EZB dazu willens und in der Lage ist, bezweifele ich.

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