Schubsen und geschubst werden: Der neue Paternalismus und seine Probleme

Als ich beginne, diesen Beitrag zu schreiben, gehen die Tagesthemen gerade zu Ende. Es ist also schon recht spät, dennoch steht auf dem Schreibtisch neben dem Notebook auch eine kleine, frisch gefüllte Schale mit Cashewnüssen. Das macht etwa 550 Kalorien pro hundert Gramm. Eigentlich unangemessen für diese Uhrzeit. Gesalzen sind sie auch noch. Ob das so gut für den Blutdruck ist? Andererseits habe ich nach den Weihnachtsferien das regelmäßige Cardiotraining sofort wieder aufgenommen, schließlich will ich im Sommer wieder in die Berge. Irgendwo zwischen dieser Schale mit Cashewnüssen und dem Watzmann versteckt sich wohl eine Inkonsistenz meiner Präferenzen. Das sollte mir Sorgen machen. Gerade auch als Ökonom. Brauche ich vielleicht Hilfe?

Rettung naht! Die Verhaltensökonomik hat nämlich empirisch gezeigt, daß inkonsistente Präferenzen, also etwa Widersprüche zwischen kurz- und langfristen Plänen, allgegenwärtig sind. Alle leiden daran, manche mehr, andere weniger. Sie sparen weniger als geplant fürs Alter und ärgern sich später, wenn sie als Rentner ihren Konsum einschränken müssen. Sie rauchen einfach weiter und schaffen es dann nicht, den geplanten Marathon zu laufen. Sie unterschätzen die Risiken einer Finanzanlage und wundern sich, wenn der gekaufte Optionsschein sich in Luft auflöst. Die empirische Verhaltensökonomik hat einen wichtigen Beitrag geleistet, indem sie zahlreiche Verhaltensanomalien aufgedeckt hat, die wir Ökonomen vorher nicht beachtet haben. Jetzt gehen die Verhaltensökonomen allerdings einen Schritt weiter, von der Erkenntnis zur Politikberatung. Dies ist der Schritt zum Paternalismus.

Die Debatte begann vor etwa zehn Jahren in akademischen Fachzeitschriften und wurde 2008 durch einen Bestseller von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein popularisiert, der den Titel Nudge trägt, also: Anschubsen. In jüngerer Zeit wird die Diskussion auch in Deutschland intensiver. Thaler und Sunstein illustrieren ihre Idee eines sogenannten weichen, oder in einer anderen Namensvariante: liberalen Paternalismus mit einer großen Zahl von Anwendungsbeispielen, die drei Dinge gemeinsam haben. Es geht erstens stets um Situationen, in denen sich Menschen scheinbar nicht ihrem Eigeninteresse entsprechend entscheiden. Daher sollen sie, zweitens, durch ein zielgerichtetes Design der Entscheidungssituation durch einen paternalistischen Planer so gesteuert werden, daß sie sich ihrem angeblich wahren Eigeninteresse entsprechend entscheiden. Dabei aber soll, drittens, darauf geachtet werden, daß sie leicht aus dieser paternalistischen Steuerung ausbrechen und sich, wenn sie es denn nun wirklich wollen, auch anders verhalten können als der Paternalist es für richtig hielte.

Der Unterschied zwischen weichem und traditionellem Paternalismus besteht also scheinbar in der Abwesenheit von Zwang, sowie in der Behauptung, daß der weiche Paternalist seinen Patienten nur helfen will, in ihrem eigenen Interesse zu handeln, während der alte Paternalist anderen Menschen seine Vorstellung vom guten Leben aufdrängen wollte. Thaler und Sunstein würden mir beispielsweise helfen, indem sie Supermärkte veranlassen, Cashewnüsse in neutralen Verpackungen in der hintersten Ecke des Geschäfts zu verstecken, in den gut sichtbaren Auslagen aber frisches Obst zu präsentieren. Damit wäre die Gefahr von ungesunden Impulskäufen gebannt, und wer unvernünftigerweise die Nüsse wirklich und unbedingt haben will, der wird ja auch mal zehn Minuten suchen können.

Ein anderes Beispiel für weichen Paternalismus ist der Vorschlag, das Niveau der Ruhestandseinkommen zu erhöhen, indem Arbeitnehmer zunächst einmal automatisch in ein Programm zur betrieblichen Altersvorsorge eingeschrieben werden. Wenn sie unbedingt wollen, können sie ja immer noch aussteigen. Oder man generiert ein höheres Angebot an Spenderorganen, indem man zunächst einmal automatisch alle Menschen zu Organspendern erklärt, ihnen aber die Möglichkeit gibt, durch eine explizite Willenserklärung (z.B. das Tragen eines Nicht-Organspender-Ausweises) auszusteigen. Das Muster ist also immer gleich: Individuen werden in die vom Paternalisten als richtig erachtete Richtung geschubst, gleichzeitig wird ihnen die Freiheit gelassen, diesen Schubser wieder zu korrigieren. Dafür müssen sie aber natürlich erst einmal merken, daß sie geschubst wurden.

Damit wären wir auch schon bei einer Reihe von kritischen Bemerkungen und Fragen:

1. Wenn Präferenzen nicht fix sind, sollte man nicht so tun, als wären sie es. Wie oben gesehen, wird ein wichtiger Unterschied zum herkömmlichen Paternalismus darin gesehen, daß Individuen mit hinreichend starken, abweichenden Präferenzen sich über paternalistische Vorgaben hinwegsetzen können. Das Problem ist natürlich, daß solche Präferenzen erst einmal gebildet werden müssen. Es ist eigenartig, wenn ausgerechnet Verhaltensökonomen zu unterstellen scheinen, daß solche Präferenzen vom Himmel fallen und anschließend fix bleiben. Tatsächlich muß man natürlich irgendwann mal zufällig auf Cashewnüsse stoßen, um festzustellen, daß sie einem schmecken. Standardisierte, paternalistische Entscheidungsdesigns reduzieren aber solche Möglichkeiten zum Weiterentwickeln von Präferenzen auf der Grundlage zufälliger Erfahrungen drastisch. Was aber, wenn man Individuen durch paternalistische Standardisierung die Chancen nimmt, neue Dinge zu entdecken, die ihnen möglicherweise erheblichen Nutzen stiften? Was sind die dynamischen Wohlfahrtsimplikationen?

2. Was ist nur aus dem Subsidiaritätsprinzip geworden? Selbst wenn wir Menschen keine homines oeconomici sind, so sind wir dennoch in der Regel nicht völlig verblödet. Wer einen ernsten Konflikt etwa zwischen seinen langfristigen Präferenzen und seinem kurzfristigen Handeln sieht, der wird auch Mechanismen finden, um selbst mit diesem Konflikt umzugehen. Selbstbeherrschung ist durchaus erlernbar. Wenn das nicht reicht, so ist es sogar möglich, völlig freiwillig private Verträge zu vereinbaren, die für Selbstkontrollprobleme hilfreiche Anreize setzen. Und wenn manche Menschen solche Mechanismen nicht nutzen, vielleicht haben sie dann auch gar kein Problem, das paternalistisch betreut werden sollte?

3. Wenn Menschen keine homines oeconomici sind, dann sollte man nicht so tun, als sollten sie es sein. Auch dies ist seltsam: Die Verhaltensökonomik zeigt empirisch, daß wir uns oft nicht so verhalten, wie (eine besonders radikale Vorstellung des) homo oeconomicus es tun würde. Damit hat sie sich große Verdienste erworben. Nun erfolgt aber ein normativer Kurzschluß: Es wird, ohne daß dies in irgendeiner Form zwingend wäre, postuliert, daß man die Menschen so anschubsen sollte, daß sie sich nun doch dem Ideal des homo oeconomicus annähern. Hier wäre natürlich eine Begründung nötig. Wieso eigentlich wird der empirisch diskreditierte Strohmann des kognitiv unbegrenzt leistungsfähigen Rationalclowns plötzlich zum normativen Ideal erhoben, mit dem man paternalistische Eingriffe begründet?

4. Vielleicht kann man seinen langfristigen Präferenzen auch nicht wirklich trauen. Viele Verhaltensökonomen betrachten ihre Daten durch die theoretische Brille des hyperbolischen Diskontierens, sie interpretieren sie also mit einem Modell, das eine starke Gegenwartsorientierung impliziert und damit verbunden die Prognose, daß Menschen sich immer wieder selbst enttäuschen, indem sie ihre eigenen langfristigen Pläne nicht umsetzen. Doch wieso gibt man eigentlich in der Rechtfertigung paternalistischen Handelns den langfristigen Präferenzen den Vorzug? Es könnte ja sein, daß die langfristigen Pläne rein expressiv sind. Man überlegt sich, daß es ganz schön wäre, in einem halben Jahr einen Marathon zu laufen. Aber die Kosten des regelmäßigen Trainings stellt man bei einem solchen Neujahrsvorsatz noch nicht voll und ganz in Rechnung. Sind vielleicht die kurzfristigen Handlungen viel rationaler als die langfristigen Willenserklärungen, weil sie die wahren Kosten eines Plans berücksichtigen? Und ist es dann nicht völlig willkürlich, Konflikte zwischen lang- und kurzfristigen Präferenzen als Selbstkontrollproblem zu sehen, das der paternalistischen Heilung bedarf?

5. Und dann wäre da noch die Politik. Ein Blick in die politisch-ökonomische Forschung zeigt, daß die Bürger gerade hier mit großen Anreizproblemen konfrontiert sind. Wenn man davon ausgeht, mit einer Wahrscheinlichkeit nahe Null die entscheidende Stimme abzugeben, dann macht man seine Wahlentscheidung nicht unbedingt von ihren materiellen Konsequenzen abhängig. Sondern beispielsweise von dem guten Gefühl, zu einer großen Herde mit ähnlichen Ansichten zu gehören. So kann es gar zu expressiven Politikfallen kommen: Man wählt entgegen seinem materiellen Eigeninteresse, aber in Übereinstimmung mit einem bestimmten expressiven Selbstbild. Wenn aber genügend Wähler ihren expressiven Nutzen verfolgen und materielle Kosten einer Politik unberücksichtigt lassen, dann setzt sich eine für alle Beteiligten materiell unvorteilhafte Lösung durch. Aber wenn das so ist, und wir Paternalismus grundsätzlich befürworten, müssen wir dann nicht auch konsequenterweise für viel mehr Paternalismus in der Politik sein? Sollte nicht das Wahlgeheimnis abgeschwächt werden und jedem Wähler in der Wahlkabine ein paternalistischer Berater beistehen, der den Bürger in die für ihn materiell richtige politische Richtung schubst? Es wäre doch nur in seinem eigenen, wohlverstandenen politischen Interesse, und daß der Berater dafür die Steuererklärung des Bürgers kennen muß, das wäre doch auch nur ein kleines Hindernis, welches mit einer leichten Lockerung des Steuergeheimnisses problemlos aus dem Weg zu schaffen wäre.

6. Wenn wir schonmal beim Thema Politik sind, sollten wir dann nicht berücksichtigen, daß unter den in Punkt 5 diskutierten Bedingungen gerade paternalistische Politiken besonders anfällig für solche Politikfallen sind? Sowieso schon stark expressiv gebildete Präferenzen darüber, was das gute Leben ist und wie man es führen sollte, treffen auf einen politischen Prozeß, der zu expressiven Politikfallen neigt. Wollen wir uns darauf wirklich einlassen? Edward Glaeser argumentiert jedenfalls sehr überzeugend, daß Menschen die Entscheidungsdefekte, deren Entdeckung das Nachdenken über den weichen Paternalismus ausgelöst hat, in ihrer Rolle als Konsumenten weit leichter korrigieren können, als in ihrer Rolle als Wähler.

7. Der willkürliche Pragmatismus der paternalistischen Politik. Angenommen, die Individuen orientieren sich bei der Bildung ihrer expressiven, langfristig ausgelegten Präferenzen an bestehenden sozialen Normen. Sie eifern irgendwelchen gesellschaftlich definierten Idealen nach, ohne die jeweils kurzfristigen Kosten der tatsächlichen Verfolgung solcher Ideale wirklich zu berücksichtigen. Was passiert, wenn wir nun eine paternalistische Politik auf der Grundlage solcher expressiven Präferenzen betreiben? Die bestehenden sozialen Normen werden noch verstärkt, vielleicht wird auch ihre Lebensdauer verlängert. Gesellschaftliche Lernprozesse werden ausgebremst. Man kann das in den konkreten Vorschlägen der weichen Paternalisten bereits gut sehen: Die Ziele ihrer paternalistischen Interventionen in der Praxis entspringen praktisch nie einem durchdachten ökonomischen Kalkül, das die Wohlfahrt der Individuen wirklich berücksichtigt. Stattdessen werden pragmatisch gut beobachtbare, gut meßbare sowie vor allem schlicht und einfach trendige Ziele gewählt. Man soll mehr sparen, weniger essen, mehr Sport treiben und schnellstens das Rauchen einstellen. Gerade wegen dieses trendbewußten Pragmatismus der neuen Paternalisten ist man sich aber nie ganz sicher, ob die gleichen Paternalisten ihre Mündel vor vierzig Jahren nicht zum Rauchen ungewöhnlich großer Zigaretten und zu ausgiebiger Mao-Lektüre geschubst hätten.

Was bleibt unter dem Strich? Der neue Paternalismus macht einen reichlich unausgegorenen Eindruck. Seine normativen Grundlagen sind völlig unklar. Gleichzeitig vernachlässigt er die individuellen Problemlösungskompetenzen der Menschen. Er ist auf dem politisch-ökonomischen Auge mindestens genauso blind, wie es die alte Wohlfahrtsökonomik war. Und man weiß nicht so genau, wieso eingefleischte Verhaltensökonomen plötzlich die extremste Form von homo oeconomicus als Idol verehren, an dessen idealen Entscheidungen wir uns alle ein Vorbild nehmen sollen.

Zum Schluß noch zwei sehr wohlwollende Schubser in Richtung einer vertiefenden Lektüre:
Was kann liberaler Paternalismus erreichen und was sind seine Nebenwirkungen?, erscheint in den Perspektiven der Wirtschaftspolitik
Nudges and Norms: On the Political Economy of Soft Paternalism, European Journal of Political Economy 28 (2012): 266-277.

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