Wie der GRADUALISMUS Ihnen das letzte Hemd auszieht

Von Thorsten Polleit am 13. Januar 2016
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Thorsten Polleit
Universität Bayreuth

„Gradualism in theory is perpetuity in practice.“
William Lloyd Garrison (1805 – 1879)

Ändert sich etwas ruckartig, haben die meisten Menschen keine Schwierigkeit, die Veränderung zu erkennen. Sie sind sich noch bewusst, wie das „Vorher“ aussah im Vergleich zum „Nachher“. Anders ist es, wenn sich etwas sehr langsam und in kleinen Schritten ändert. Eine solche Veränderung ist viel schwieriger zu erkennen. Wer also etwas verändern möchte, aber nicht will, dass die Veränderungen von anderen erkannt werden, der gehe in kleinen Schritten vor. In der Politik ist diese verschlagene Weisheit altbekannt, der GRADUALISMUS ist Gang und Gebe.

Man nehme nur einmal die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Im Mai 2010 verkündete sie ein Anleiheaufkaufprogramm („Securities Market Programme“). Ein im Grunde klitzekleiner Betrag: Bis Januar 2012 wurden Anleihen in Höhe von etwa 210 Mrd. Euro gekauft. Die Empörung darüber war zunächst groß, aber sie verebbte doch recht rasch. Ende Dezember 2011 lieh die EZB den Euro-Banken per Sonderkrediten knapp 500 Mrd. Euro. Ende Februar 2012 stiegen die EZB-Ausleihungen auf etwa 530 Mrd. Euro.

Im Juni 2014 drückte die EZB den Einlagenzins auf –0,1 Prozent, im September des gleichen Jahres weiter auf –0,2 Prozent und im Dezember 2015 weiter auf –0,3 Prozent. Kleine Schritte, große Wirkung. Der negative Einlagenzins zieht die Euro-Zinskurve in Richtung Nulllinie beziehungsweise darunter. Zudem kommt dadurch die Monetisierung der Staatsschulden ein gutes Stück voran: Banken versuchen, dem Strafzins auszuweichen, indem sie ihre Überschussguthaben zum Kauf von Staatsanleihen einsetzen.

Im Januar 2015 teilte die EZB der Öffentlichkeit mit, sie werde bis Herbst 2016 Anleihen in Höhe von 1,14 Billionen Euro (1.140.000.000.000) kaufen und dadurch in gleichem Umfang die Euro-(Basis-)Geldmenge ausweiten. Es folgte große Empörung. Die Europatreuen, die von staatlichen Stellen Rechtsprechung erhofften, klagten. Doch die mindestens ebenso europatreue Justitia beschied den Aktionen des EZB-Rates Unbedenklichkeit. Ein erfreuliches Ergebnis für den EZB-Politiker: Denn die 1,14 Billionen Euro werden nicht ausreichend sein.

Wie ich es sehe, werden sich die EZB-Anleihekäufe und die damit verbundene Ausweitung der Euro(-Basis-)Geldmenge – konservativ geschätzt – auf zusätzlich 5 Billionen Euro belaufen. Eine solch gewaltige Monetisierung der Schulden wird die EZB nur im Zuge einer Politik der kleinen Schritte vollziehen können, soll Panik bei Eurohaltern, eine Flucht aus der Einheitswährung verhindert, sollen Sparer und Investoren bei der Stange gehalten werden. Bei einer Flucht aus dem Euro wäre es um seine Kaufkraft – um seine innere wie auch seine äußere Kaufkraft – geschehen.

Wer hofft, es könnte vielleicht doch noch einen Bruch mit diesem Verlauf geben, der hofft vermutlich vergebens. Im Juli 2012 sagte EZB-Präsident Mario Draghi ausgewählten Investoren in London deutlich: „[B]elieve me, it will be enough.” Gemeint war damit, dass die EZB so viel Geld wie nötig bereitstellen werde, um Zahlungsausfälle von Euro-Staaten und –Banken abzuwehren. Denn: “[W]e think the euro is irreversible. And it’s not an empty word now, because I preceded saying exactly what actions have been made, are being made to make it irreversible.”

Wenn die EZB mit ihrem Gradualismus davonkommt, wird sie den Euro-Sparern nach und nach sprichwörtlich das letzte Hemd ausziehen. Viele Menschen, eingelullt durch die Politik der kleinen Schritte, werden sich künftig wundern, dass sie immer weniger Güter für ihre Euros kaufen können; und dass ihre Altersvorsorge geringer ausfällt als ursprünglich geplant. Doch dann ist der Schaden für den Sparer bereits unwiderruflich angefallen, ist es für ein Entkommen zu spät.

Die Sparer im Euroraum sollten es daher vielleicht mit dem griechischen Dichter Homer halten. Er gab zu bedenken: „Besser, wer fliehend entrinnt einer Gefahr, als wen sie ereilt.“

 

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Eine Reaktion zu “Wie der GRADUALISMUS Ihnen das letzte Hemd auszieht”

  1. Arne Krueger

    Hehe, die Metapher mit dem Hemd ist sehr amüsant. Aber letztlich ist es wie bei den Hütchenspielern: man merkt nicht einmal, dass einem das Hemd ausgezogen wird.

    Das Problem mit Homer ist, dass dieses Entfliehen dann schädlich und auch gesundheitsschädigend wird, wenn die Masse mitbekommt was abgeht. Dann bringt einem auch das nichts mehr, weil dann der Mob hinter einem her ist.

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