Die EZB und die Regulierung treiben die Konzentration im Banken- und Unternehmenssektor voran

10 Jahre nach Ausbruch der globalen Finanzkrise zeichnet sich eine wachsende Konzentration im Wirtschaftsleben ab (DeLoecker und Eeckhout 2017, Gutiérrez und Philippon 2017). Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat kommentiert, dass in den USA die Marktmacht steige, wo man hinsehe. Gleichzeitig signalisieren die Zentralbanken mit Blick auf die nahende Rezession weitere Zinssenkungen und neue Ankäufe von Vermögenswerten. Auch die Regulierung nimmt zu, obwohl beide Faktoren ein wichtiger Treiber für die Monopolisierung sind.

Im Finanzsektor haben die Leitzinsensenkungen der großen Zentralbanken in Reaktion auf das Platzen der Dotcom-Blase (2000) Exzesse begünstigt, die ab 2007 in die europäische und globale Finanzkrise führten. Seither schadet die Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Regulierungsbehörden den Banken (Schnabl und Stratmann 2019). Einerseits wurden umfangreiche kostspielige Regulierungen und höhere Eigenkapitalanforderungen auf den Weg gebracht, die mit höheren Kosten verbunden sind. Umfangreichere Berichtspflichten belasten insbesondere kleine Banken. Zudem hat die Regulierung den Eigenhandel der Banken eingeschränkt, der bei weiterhin steigenden Vermögenspreisen lukrativ wäre.

Andererseits hat die EZB mit Zinssenkungen gegen null und negativen Zinsen auf die hohen Einlagen der Banken bei der EZB die Zinsmargen – z.B. die Differenz zwischen Kredit- und Einlagenzinsen –schmerzlich gedrückt. Die Banken können das mit höheren Erträgen im weiterhin boomenden Investment- und Beratungsgeschäft kompensieren. Doch dort haben, nicht zuletzt aufgrund der strengeren Regulierung, die großen (US-)Investmentbanken die Nase vorn. Die Banken sehen sich gezwungen, Filialen zu schließen und zu fusionieren. Damit beschleunigt die EZB zusammen mit der nationalen und europäischen Finanzaufsicht den Konzentrationsprozess im Finanzsektor, der durch die Digitalisierung angestoßen wurde.

Die Konzentration im Unternehmenssektor basiert auf dem negativen Einfluss der Geldpolitik auf die Produktivitätsgewinne. Die Euroeinführung hat 1999 für damals 44% der deutschen Exporte den bis dahin üblichen Aufwertungsdruck, der von den schwachen Währungen im Süden Europas ausging, beseitigt. Die Hartz-Reformen, die auch gemacht wurden, um die Euro-Maastricht-Kriterien einzuhalten, haben eine anhaltende Lohnzurückhaltung eingeleitet. Das hat die Lohnkosten der Unternehmen deutlich reduziert. Die EZB hat die durchschnittlichen Kreditzinsen für deutsche Unternehmen von 5,5% (1999) auf 2,0% (2019) gedrückt und seit 2012 den Euro gegenüber dem Dollar um ca. 30% abgewertet. Diese leichten Windfallprofite haben die Unternehmen dazu verführt, beim Streben nach Effizienzgewinnen nachzulassen. Damit sind die gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsgewinne deutlich zurückgegangen.

Da Produktivitätsgewinne aber die Grundlage für reale Lohnerhöhungen sind, sind die Löhne trotz des leichten Anstiegs in der Hochkonjunktur der letzten Jahre unter Druck. Die Kunden sind stetig auf der Suche nach den günstigsten Angeboten. Im Einzelhandel haben Rewe, Edeka, Schwarz und Aldi zusammen einen Marktanteil von 70% erreicht, was es ihnen erleichtert den Kostendruck der Konsumenten an die Unternehmen weiterzugeben. Dies hat kleine Unternehmen stärker getroffen, da deren Geschäftstätigkeit auf das Inland ausgerichtet ist. Die großen Unternehmen konnten hingegen die stagnierende Kaufkraft im Inland durch mehr Exporte kompensieren. Die Nachfrage im Ausland nach deutschen Gütern wurde gestärkt, weil seit Einführung des Euros aufgrund der Niedrigzinspolitik der EZB (kombiniert mit einer restriktiven Lohn- und Finanzpolitik) fast 3000 Milliarden Euro ins Ausland abgeflossen sind.

Trotz geringer Effizienzgewinne sind die Aktienpreise der großen Unternehmen gestiegen, weil die lockere Geldpolitik der EZB die genannten Kostensenkungen und eine Flucht in Sachwerte ausgelöst hat. Der Aktienboom hat große Unternehmen wie Linde ermutigt, durch Fusionen (mit Praxair) ihre Marktmacht zu erhöhen. Da die Kreditzinsen stetig gefallen sind, wurden zudem kreditfinanzierte Übernahmen begünstigt. Große Unternehmen können über die Ausgabe eigener Wertpapiere eine Kriegskasse füllen, um ihre Marktmacht auszubauen. Bayer und Infineon haben mit Hilfe von Krediten Monsanto bzw. Cypress übernommen.

Die Marktmacht steigt nicht nur gegenüber Konsumenten, sondern auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern bei Lohnverhandlungen bzw. gegenüber den Zulieferern bei der Verhandlung der Inputpreise. Wer nicht fusioniert, will über strategische Allianzen Kosten sparen. Daimler und BMW kooperieren zum Beispiel bei Carsharing und autonomen Fahren. Die Mittelständler Zollern und Miba wollen mit Ministererlaubnis ein Monopol bei Gleitlagern schaffen.

Führende Politiker thematisieren die konzentrationsfördernde Wirkung der Geld- und Regulierungspolitik nicht. Sie bahnen lieber Fusionen den Weg, wie Olaf Scholz bei Deutscher Bank und Commerzbank. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat für seine Vision einer strategischen Industriepolitik nationale Champions wie Siemens und VW gekürt. Die frühere Wirtschaftsministerin Zypries frohlockte nach der Pleite von Air Berlin über Lufthansa als nationalem Champion. Der Versuch von Monopolbehörden, den Konzentrationsprozess aufzuhalten, wird von der Politik behindert. Der EU-Parlamentarier Manfred Weber hat das Verbot der Fusion von Siemens und Alstrom durch Margrethe Vestager angeprangert.

Das ist alles ist nicht im Sinne einer Marktwirtschaft, die eine möglichst große Konkurrenz zwischen den Unternehmen voraussetzt. Der Vater der Sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhard wusste bereits, dass Kartelle zu Lasten des Mittelstandes gehen, der nicht kartellfähig ist (Schnabl 2018). Kartelle werden nach Erhard immer von den Bürgern mit einem geringeren Lebensstandard bezahlt: Die Preise steigen, die Qualität der Güter und Dienstleistungen sinkt, oder die Löhne kommen unter Druck. Kartelle und billige Kredite sind nach Erhard auch kein Mittel zur Überwindung von Krisen, weil die organische Auflösung von Krisen verhindert wird. Die Krise werde vielmehr verschärft.

Die geld- und wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger sowie die Regulierer sollten deshalb ihre Politik dahingehend ändern, dass die Zinsen erhöht und Regulierung zurückgefahren werden. Nur so kann dem schleichenden Monopolisierungsprozess Einhalt geboten werden.

Literatur:

De Loecker, Jan / Jan Eeckhout, Jan 2017: The Rise of Market Power and the Macroeconomic Implications. NBER Working Paper 23687.

Gutiérrez, Germán / Philippon Thomas (2017): Declining Competition and Investment in the U.S. NBER Working Paper 23583.

Schnabl, Gunther / Stratmann, Thomas 2019: Die EZB lässt die Banken des Eurogebiets unvorbereitet für den Abschwung. Wirtschaftliche Freiheit, 22.2.2019.

Schnabl, Gunther (2018): Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion im Lichte der deutschen Währungs- und Wirtschaftsreform des Jahres 1948. Austrian Institute Paper 22.

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