Corona-Todesfälle im internationalen Vergleich

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Nach China ist Italien gegenwärtig von der Corona-Krise am stärksten betroffen. Dies gilt sowohl für die Zahl der bestätigten Infizierten, die – Stand 19.03.2020, 8:33 Uhr – bei 35.713 Fällen liegt, als auch für die Todesfälle, die zur gleichen Zeit auf 2978 gestiegen ist. Damit liegt die Quote der Todesfälle gemessen an den bestätigten Infizierten (Letalitätsquote) – wie Übersicht 1 zeigt – bei 8,3 Prozent und damit deutlich höher als in vielen anderen betroffenen Ländern und auch über der weltweiten Durchschnittsquote von aktuell 4,0 Prozent.

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Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach den Ursachen für diese Entwicklung und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Da sich die Quote aus der Zahl der Todesfälle und den bestätigten Infizierten ergibt, ist deren Erfassung der erste Ansatzpunkt. Bei den Todesfällen ist die Erfassung relativ gesichert, wenn auch die kausale Zuordnung in einzelnen Fällen Probleme verursachen mag. Denn als auf das Coronavirus zurückgehende Todesfälle werden all jene Fälle eingestuft, bei denen Infizierte gestorben sind und keine alternative Todesursache diagnostiziert werden konnte. Deutlich problematischer ist allerdings die Zahl der bestätigten Infizierten. Diese Zahl hängt in starkem Maße ab vom Umfang der durchgeführten Tests. So werden zum Beispiel in Süd Korea viele Tests durchgeführt, was zu einem vergleichsweise hohen Wert für den Nenner und damit einem relativ kleinen Wert für die Letalitätsquote insgesamt führen kann.

Neben diesen Erfassungsproblemen können aber auch weitere Einflussfaktoren auf den Zähler und Nenner der länderspezifischen Letalitätsquote einwirken. Einer dieser Einflussfaktoren könnte die Ausgestaltung und die Ausstattung des jeweiligen Gesundheitssystems sein. So zeigt Abbildung 1 zum Beispiel einen im Zeitverlauf deutlichen Zusammenhang zwischen der Letalitätsquote und der Zahl der bestätigten Infizierten in Italien.

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Daraus könnte man möglicherweise schließen, dass mit der zunehmenden Zahl der bestätigten Infizierten das Gesundheitssystem – je nach seiner individuellen Ausstattung – zunehmend an Grenzen stößt: Die Ausstattung mit Intensivbetten und entsprechend ausgebildetem Personal könnte zunehmend an Grenzen stoßen und damit die Sterblichkeit erhöhen. Für dieses Argument spricht, dass ein solcher Zusammenhang in Deutschland (bisher) nicht zu beobachten ist, sondern die Letalitätsquote – wie Abbildung 2 zeigt – mit geringen Schwankungen auf einem konstant niedrigen Niveau von durchschnittlich etwa 0,2 Prozent liegt. Orientiert man sich etwa an den zur Verfügung stehenden Intensivbetten, so zeigt Abbildung 3 die deutlich unterschiedliche Ausstattung mit solchen Betten in Deutschland und Italien. Die dort aufgeführten Zahlen für die europäischen Länder stammen allerdings aus dem Jahr 2012. Mittlerweile hat sich nach aktuellen Aussagen die Zahl der Intensivbetten in Deutschland eher erhöht, während sie in Italien im Verhältnis zu 2012 eher gesunken ist.

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Es kommt in der aktuellen Situation allerdings nicht nur auf die relative, sondern auch auf die absolute Zahl der zur Verfügung stehenden Intensivbetten an. Dieser Zusammenhang wird weiter unten noch einmal aufgegriffen.

Aber auch im internationalen Querschnittsvergleich lässt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Zahl der bestätigten Infizierten und der Letalitätsquote erkennen, wie Abbildung 4 zeigt.

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Auch hierfür lassen sich verschiedene Gründe anführen: Einer wäre wiederum die Ausgestaltung des Gesundheitssystems und insbesondere die Ausstattung mit Intensivbetten. Dabei ist in der gegenwärtigen Situation und dem hier angestellten Vergleich aber weniger der in Abbildung 3 gezeigte relative Anteil an Intensivbetten relevant, sondern deren absolute Zahl. Das wären nach den oben angegebenen Zahlen für Deutschland etwa 25.000 Intensivbetten, während in Italien nur etwa 7.500 Intensivbetten zur Verfügung stehen würden. Bezieht man das auf die Zahl der bestätigten Infizierten, die in Italien bei 35.713 Personen und in Deutschland bei 12.327 Personen liegt (Stand: 19.03.2020, 8:53 Uhr), dann erkennt man die unterschiedliche Belastung der jeweiligen Gesundheitssysteme. Der Belastungsfaktor beträgt demnach in Deutschland etwa 0,5, während er in Italien bei 4,8 und damit fast zehnmal so hoch wie in Deutschland liegt. Ähnliches gilt für Spanien, wo die Zahl der Intensivbetten bei etwa 4700 liegt. Bei einer Infiziertenzahl in Höhe von 14.769 Personen ergibt das einen Belastungsfaktor von 3,1. Für Süd Korea beträgt der Belastungsfaktor bei rund 5700 Intensivbetten, denen 8565 Infizierte gegenüberstehen, etwa 1,5. Bei diesen Berechnungen muss allerdings bedacht werden, dass nicht die gesamte Kapazität an Intensivbetten für Corona-Infizierte mit schwerem Krankheitsverlauf zur Verfügung steht, sondern ein – von Land zu Land unterschiedlicher – Teil dieser Betten bereits für Patienten mit anderen Erkrankungen benötigt wird. Ferner müsste man bei exakten Berechnungen berücksichtigen, wie hoch der Anteil der schwer Erkrankten in Bezug zur Gesamtzahl der (bestätigten) Infizierten ist.

Ein anderer, hier relevanter Einflussfaktor könnte die demografische Situation in den hier betrachteten Ländern sein. Da man weiß, dass die Corona-Infektion eher bei älteren und mit Vorerkrankungen belasteten Menschen zu schwereren Krankheitsverläufen führt, ließe sich ein solcher Zusammenhang herstellen. Abbildung 5 zeigt vor diesem Hintergrund den Anteil der über 60-jährigen an der Gesamtbevölkerung. In dieser Statistik steht Italien auf dem zweiten Platz, hat also – etwa im Verhältnis zu Süd Korea – eine sehr alte Bevölkerung, was somit ein weiterer Erklärungsfaktor für die unterschiedlich hohe Letalitätsquote sein könnte. Vergleicht man die Bevölkerungsstruktur Italiens allerdings mit derjenigen anderer europäischer Länder, dann ergeben sich keine bedeutenden Unterschiede und der Iran müsste unter diesem Gesichtspunkt eher eine niedrige Letalitätsquote haben. Andere Studien[1] haben darüber hinaus ergeben, dass – unabhängig von der Bevölkerungsstruktur – in Italien, die ältere Bevölkerung überproportional vom Coronavirus betroffen ist. Ein Grund dafür könnte wiederum sein, dass ältere Menschen in Italien traditionell einen intensiven Kontakt zu Familienmitgliedern, Kindern und Enkelkindern pflegen. Man kann also davon ausgehen, dass die ältere Bevölkerung Italiens viele soziale Kontakte hatte, bevor die jetzt geltende Ausgangssperre verhängt wurde.

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Die zuvor aufgezeigten korrelativen Beziehungen zwischen verschiedenen Einflussfaktoren und der Letalitätsquote sind sicherlich nicht in der Lage, kausale Beziehungen und deren exakte Stärke im Einzelnen aufzudecken. Die vorangegangenen Überlegungen legen aber einen Zusammenhang zwischen den bestätigten Infizierten und der Letalitätsquote nahe, die insbesondere auf die Ausstattung und Auslastung des Gesundheitssystems zurückzugehen scheint. Vor diesem Hintergrund haben auch die bisher ergriffenen Maßnahmen des Social Distancing eine besondere Bedeutung, wird doch gerade mit ihrer Hilfe versucht, die Fallzahl der Infizierten zu begrenzen, um auf diese Weise den Kollaps des Gesundheitssystems mit einem entsprechenden Anstieg der Letalitätsquote zu vermeiden.

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[1] https://www.nzz.ch/visuals/coronavirus-warum-die-toedlichkeit-des-coronavirus-in-italien-so-hoch-ist-ld.1546758?mktcid=smsh&mktcval=Twitter

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Norbert Berthold: Seuchen, Stagflation und Staatswirtschaft. Wirtschaftspolitik in Zeiten von Corona

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