Covid-19, Shutdown und Stagflation
Droht jetzt auch noch (Hyper)Inflation?

Bild: CDC on Unsplash

“Es ist lebenswichtig, dass die Maßnahmen, um soziale Distanz durchzusetzen, früh, entschieden und schnell umgesetzt werden. Nur so lässt sich die Ausbreitung des Virus verlangsamen und der Druck auf die Gesundheitssysteme reduzieren.” (Stella Kyriakides)

Die weltweit wichtigsten Notenbanken versuchen seit Jahren, die Inflationsrate auf ein höheres Niveau zu hieven. Dabei ist ihnen fast jedes geld- und fiskalpolitische Mittel recht. Gelungen ist ihnen das bisher allerdings nicht. Das ist mehr als erstaunlich, hat sich doch die Lage auf den Arbeitsmärkten bisher fast überall sehr gut entwickelt. Die von den Notenbanken selbst gewählte Rate von annähernd 2 % Inflation erreichen sie trotz aller Anstrengungen dennoch nicht. Das könnte sich nun allerdings ändern. Nicht CBPP, SMP, SPP, OMT, EAPP, ABS, PSPP und ANFA, sondern Covid-16 könnte der Inflation auf die Sprünge helfen. Weltweite pandemiebedingte Stockungen auf der Angebotsseite und massive geld- und fiskalpolitische Expansion auf der Nachfrageseite könnten die Inflationsraten weltweit explodieren lassen. Wachstum und Beschäftigung würden einbrechen, die Arbeitslosigkeit steigen. Es droht Stagflation wie in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Covid-19 ist ein Angebotsschock

Was weit entfernt im chinesischen Wuhan begann und lange außerhalb Asiens nicht ernst genommen wurde, versetzt gegenwärtig die ganze Welt in Angst und Schrecken. Explodierende Fallzahlen und immer mehr Todesfälle zwingen weltweit die Politik zu reagieren. Die Meinungen der Virologen und Epidemiologen, was zu tun ist, gehen auseinander. Kein Wunder, dass die Länder unterschiedliche Wege im Kampf gegen das Coronavirus einschlagen. Aber (fast) überall setzen die Regierungen auf „soziale Distanzierung“, allerdings mit verschiedenen Mitteln und unterschiedlicher Intensität. Sie trocknen das gesellschaftliche Leben aus, zumindest temporär. Welcher dieser Weg gesundheitspolitisch erfolgreich ist, wird sich zeigen. Er führt aber in den europäischen Ländern zu einem mehr oder weniger starken wirtschaftlichen Shutdown. Die europäischen Volkswirtschaften werden in ein künstliches Koma versetzt. Wann sie wieder aufgeweckt werden, steht in den Sternen.

Der ökonomische Schock, den das Coronavirus ausgelöst hat, ist zuerst und vor allem ein Angebotsschock. Er infiziert aber auch nach und nach auch die Nachfrageseite. Ein Teil der zur Produktion notwendigen Ressourcen werden eingefroren. Viele Arbeitnehmer können und dürfen nicht mehr zur Arbeit gehen. Notwendige Vorprodukte aus aller Welt werden nicht mehr produziert. Weltweit organisierte Lieferketten zerbrechen. Realkapital kann nicht mehr optimal genutzt werden, Kapazitäten werden stillgelegt. Der dramatische Einbruch der Produktion von Gütern und Diensten bleibt nicht ohne Folgen für die Nachfrage nach Gütern und Diensten. Arbeit wird weniger beschäftigt, Unternehmen fahren Investitionen runter, der internationale Handel schrumpft. Es kommt zu einem drastischen Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage als Reaktion auf Stockungen auf der Angebotsseite. Er verschwindet erst wieder, wenn sich die Angebotsfriktionen auflösen.

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Der exogene Schock auf der Angebotsseite verschiebt die Angebotskurve xATo nach links oben (xAT1). Gleichzeitig wird die Angebotskurve aber auch unelastischer (x’AT1). Mit den Stockungen auf der Angebotsseite bricht nach und nach auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ein. Die Nachfragekurve xNEo verschiebt sich nach links unten (xNE1). Überwiegt der Nachfrage- den Angebotseffekt, sinkt der Preis auf den Gütermärkten auf (P1). Das muss allerdings nicht so sein. Er kann auch steigen, wenn der Angebots- den Nachfrageeffekt übersteigt. Der Einfluss auf das Preisniveau ist unbestimmt. Es kann sinken, steigen oder konstant bleiben. Was passiert, hängt davon ab, wie sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage verändert. Eindeutig ist allerdings, dass beide Effekte den Output und damit die Beschäftigung verringern. Es droht Arbeitslosigkeit. Je stärker der gesundheitspolitisch induzierte wirtschaftliche Shutdown ist, desto größer ist die Gefahr.

Stagflationäre Gefahren der Rettungspolitik

Was mit Output, Beschäftigung und Preisniveau geschieht, hängt nach dem eingetretenen Angebotsschock davon ab, wie groß der gesamtwirtschaftliche Nachfrageschock ausfällt. Das gesamtwirtschaftliche Angebot ist solange auf dem niedrigen Niveau (x2) festgenagelt, wie das Virus weiter sein Unwesen treibt, die (weltweite) Gesundheitspolitik ihre strikte Linie der „sozialen Distanzierung“ beibehält, der Staat die Produktionsfaktoren einfriert und die Arbeits- und Produktionsabläufe weiter wie in der Vergangenheit organisiert werden, individuelles „home office“ und andere produktionsnähere Formen der Digitalisierung also kein wesentliche Rolle spielen. Es ist somit in der kurzen Frist weitgehend unelastisch. Der Output und die Beschäftigung werden einbrechen, ganz egal was mit der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage passiert. Wie stark das Wachstum einbricht und wie stark die Unterbeschäftigung zunimmt, ist unklar.

Während die Angebotsseite kurzfristig relativ unelastisch ist, gilt das nicht für die Nachfrageseite. Hier besteht mehr Elastizität. Das gilt vor allem für die Geld- und Fiskalpolitik. Die Notenbanken haben weltweit expansiv auf den Angebotsschock reagiert. Mit einer noch expansiveren (traditionellen und „neuen“) Geldpolitik versuchen sie, dem Finanz- und Realsektor ausreichend liquide Mittel zur Verfügung zu stellen. Wenn die Transmissionsmechanismen der Geldpolitik funktionieren, wird die Nachfragekurve (xNE1) wieder (etwas) zurückgeschockt. Möglichen deflationären Tendenzen wird entgegengewirkt. Der wichtigere positive Aspekt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage kommt allerdings von der Fiskalpolitik. Automatische Stabilisatoren tun ihre Arbeit. Aber vor allem die gewaltigen diskretionären fiskalischen Aktivitäten, etwa in Deutschland und den USA, sollen den Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage kompensieren.

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Es steht zu befürchten, dass Geld- und Fiskalpolitik keine positiven Auswirkungen auf Output und Beschäftigung haben werden. Solange die Gesundheitspolitik den realen Sektor ins Koma versetzt, bleibt staatliche Nachfragepolitik kurzfristig real wirkungslos. Einen positiven realen wirtschaftlichen Effekt haben sie trotzdem, allerdings erst mittelfristig. Sie können helfen, negative Hysterese-Effekte klein zu halten. Trotzdem mag es sinnvoll sein, den restriktiven gesundheitspolitischen Kurs noch eine Weile fortzusetzen, um eine zweite Welle von Pandemien und damit weiteren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schaden zu verhindern. Wenn in dieser Situation die Politik noch mehr fiskalpolitisch Gas gibt, läuft sie Gefahr, die Preise (P2) zu erhöhen, ohne bei Output und Beschäftigung sichtbare Erfolge zu erzielen. Der inflationäre Effekt tritt schon ein, wenn die Politik die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf das alte Niveau vor der Krise hievt.

Genesung nur über das Angebot

Die Politik in Deutschland und auch den USA hat, als die Probleme mit Covid-19 nicht mehr zu übersehen waren, mit gewaltigen Fiskalprogrammen reagiert. In Deutschland wurde nicht nur der Bezug von Kurzarbeit erleichtert. Mit Liquiditätshilfen und Kreditbürgschaften wird Unternehmen finanziell unter die Arme gegriffen. Dafür wurde die umstrittene „Schwarze Null“ geräuschlos abgeräumt und die Schuldenbremse (temporär?) suspendiert. Das alles hilft zwar nicht, die Probleme zu lösen, die das Virus angerichtet hat. Es trägt aber sehr wohl dazu bei, die Lasten aus der Pandemie in der Gesellschaft zu verteilen. Die Verluste der Arbeitnehmer sollen über das Kurzarbeitergeld abgefedert werden. Mit staatlichen Liquiditätshilfen und Kreditbürgschaften sollen Unternehmen und damit Arbeitsplätze vor dem Untergang bewahrt werden. Über eine immense staatliche Neuverschuldung sollen vor allem künftige Steuerzahler die Lasten tragen.

Die von Covid-19 gebeutelten Volkswirtschaften können sich wirtschaftlich nur erholen, wenn sie an der Ursache des Problems ansetzen, der Angebotsseite. Der negative Angebotsschock muss zurückgeschockt werden. Gelingt das, verlagert sich die Angebotskurve x’AT1 nach rechts. Der Output steigt, die Beschäftigung nimmt zu, das allgemeine Preisniveau sinkt. Die Gefahr der Stagflation würde gebannt. Das wirtschaftspolitisch Fatale ist allerdings, die Wirtschaftspolitik kann dazu nur wenig beitragen. Das kann vor allem die Gesundheitspolitik. Ein Impfstoff gegen das Virus oder auch Medikamente zur Behandlung der Folgen würden das Problem gesundheits- und wirtschaftspolitisch grundlegend entschärfen. Solange aber beides noch nicht zur Verfügung steht, steckt die Politik in einem Dilemma. Sie muss abwägen, wie weit sie die Gesundheit der Menschen schützen und einen Kollaps der Wirtschaft vermeiden will. Mit steigender Dauer der „sozialen Distanzierung“ wird der Druck auf eine schnellere Lockerung lauter werden.

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Die ökonomischen Kosten des Wartens auf einen Impfstoff oder wirksame Medikamente lassen sich durch eine Reihe von gesundheitspolitischen Maßnahmen verringern. Journalisten der NZZ haben in der Öffentlichkeit teilweise kontrovers diskutierte Vorschläge kürzlich in einem 8-Punkte-Programm aufgelistet: 1) So breit wie möglich testen. 2) Umstellung der Produktion auf Medizintechnik. 3) Wirtschaftsinseln schaffen. 4) Gezielte Regionen testen und öffnen. 5) Neue Eindämmungstechnologien. 6) Aussetzen der Sommerferien. 7) Kontaktlose Dienstleistungen. 8) Corona-Immunität nutzen (hier). Neben den gesundheitspolitischen Aktivitäten entwickelt aber auch der Markt gewisse Selbstheilungskräfte. Die verstärkte Nutzung von „home offices“ erhöht das Arbeitsangebot. Nicht überall ist allerdings dieser Weg möglich. Die zeitliche Varianz in der Länder vom Virus betroffen sind, kann ebenfalls helfen. Länder, die zuerst unter Covid-19 litten, nehmen die Produktion bereits wieder auf. Der Engpass der weltweiten Vorleistungen verschwindet nach und nach.

Fazit

Das Coronavirus verursacht nicht nur menschliches Leid, es produziert weltweit auch drastische wirtschaftliche Verwerfungen. Die Politik muss zuallererst dafür sorgen, gesundheitspolitisch gegen zu steuern, um die Bürger vor gesundheitlichem Unheil zu schützen. Aber es geht auch um ökonomische Unbill, soziale Unsicherheit und politische Instabilität. Die ökonomischen Folgen von Covid-19 sind dramatisch. Ohne Impfstoff und Medikamente bleibt (hoffentlich) nur der temporäre ökonomische Shutdown. Das Coronavirus ist zuerst und vor allem ein negativer Angebotsschock. Er infiziert nach und nach auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Aber: Eine ursachenadäquate Therapie muss auf der Angebotsseite ansetzen. Das Fatale ist allerdings: Die Wirtschaftspolitik ist weitgehend hilflos. Helfen kann gegenwärtig nur die Gesundheitspolitik. Nur sie kann in großem Stil die eingefrorenen Produktionsfaktoren auftauen. Solange das nicht gelingt, haben alle monetären und fiskalischen Nachfragepolitiken erhebliche inflationäre Risiken und Nebenwirkungen. Je stärker aber die Politik alles wirtschaftspolitisch retten will, desto größer ist die Gefahr stagflationärer Entwicklungen. Solange ein neuer Impfstoff und wirksame Medikamente gegen Covid-19 fehlen, lassen die riesigen Geld- und Fiskalprogramme nichts Gutes erwarten. Die weltweite Ökonomie hängt am Tropf der medizinischen Forschung.

Blog-Beiträge zum Thema:

Markus Penatzer: Die Corona-Krise. Wirtschaftspolitik soll Seuchenschutzmaßnahmen flankieren

Jan Schnellenbach: Wird alles anders? COVID-19 als Auslöser von wirtschaftspolitischen Paradigmenwechseln

Corona-Immunität als entscheidende Ressource. Der Weg zurück in die Normalität

Hartmut Kliemt: Corona und kein Ende?

Spare in der Zeit, so hast Du in der Not. Finanzpolitik in Zeiten der Pandemie

Dieter Smeets: Corona-Todesfälle im internationalen Vergleich

Ulrich van Suntum: Überschussliquidität der Banken in Corona-Notkredite umwandeln

Dieter Smeets: Die Corona-Pandemie und ihre (ökonomischen) Folgen

Marco Wagner: Italien tief in der Corona-Krise

Norbert Berthold: Seuchen, Stagflation und Staatswirtschaft. Wirtschaftspolitik in Zeiten von Corona

Michael Grömling: Corona mutiert zum Globalisierungsschock

Tim Krieger: Hochschulen in Zeiten des Corona-Virus. Ein Entwicklungsmodell unter Druck

5 Antworten auf „Covid-19, Shutdown und Stagflation
Droht jetzt auch noch (Hyper)Inflation?

  1. Kurzfristige Mismatch-Probleme systematisch bekämpfen

    Der instruktive Beitrag verdeutlicht klar, wie hilfreich (makro-)ökonomische Grundkonzepte zur gedanklichen Durchdringung komplexer Sachverhalte sein können. Das Fazit von Prof. Dr. Berthold leuchtet daher auch unmittelbar ein.

    Ergänzen lässt sich die Analyse noch durch die Überlegungen von Yale-Professor Fabrizio Zilibotti. Er vertritt ebenfalls die Diagnose der Coronavirus-Krise als vorrangig angebotsseitigen Schock und verweist dezidiert auch auf die kurzfristigen Profildiskrepanzen zwischen Angebots- und Nachfrageseite: “Mit einer Erhöhung der aggregierten Nachfrage lässt sich dieses Missverhältnis nicht vermindern”, schreibt er und schlägt hier in die gleiche Kerbe wie der Beitrag oben (https://www.fuw.ch/article/coronakrise-als-angebotsschock/).

    Zur Verminderung des “Mismatch” befürwortet er ebenfalls kurzfristig mögliche staatliche Maßnahmen ähnlich wie in “Kriegszeiten”, um die sich am Arbeitsmarkt ergebenden Friktionen aus seiner Sicht bestmöglich zu überbrücken.
    Dabei setzt er vor allem auf junge Menschen, welche aus medizinischer Sicht (zumindest bei fehlenden ohne Vorerkrankungen) nicht der Risikogruppe für schwerwiegende Folgen von Covid-19 angehören: “Mit intensiven Ausbildungsprogrammen ließen sich in kurzer Zeit, vielleicht nur wenigen Wochen, beträchtliche Ressourcen an Arbeitskräften für diejenigen Bereiche schaffen, wo der Engpass am gravierendsten ist, etwa Krankenpflege oder IT. Angesichts der demografischen Trends wäre der Aufbau von Überkapazitäten in diesen Sektoren keine Verschwendung.”

    Wahrscheinlich werden als eine wichtige Folge dieser Krise recht viele junge Menschen, die aus dem Bildungssystem kommen, kurzfristig Schwierigkeiten haben, schnell eine ihren ursprünglichen Vorstellungen entsprechende Stelle zu finden. Zugleich könnte sich Arbeitslosigkeit in gewissen Branchen – etwa dem Tourismus und der Gastronomie – mittelfristig auch verfestigen, soweit dort die Nachfrage und folglich die Zahl der Beschäftigten über eine längere Phase geringer als zuvor bleibt.

    Dann hilft es, wenn sich möglichst schnell neue Chancen in Bereichen mit hoher Knappheit öffnen und Anreize gesetzt werden, dass freiwillig angemessene Qualifikationen dafür erworben und offene Stellen dort angenommen werden. So könnte der Staat helfen, die im Beitrag angesprochenen “gewissen” Selbstheilungskräfte der Märkte zu unterstützen, wenn es gelingt, dies angemessen auszugestalten.

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