Japan, Großbritannien und die USA
Ist Griechenland bald überall?

Von Norbert Berthold am 16. Januar 2012
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Norbert Berthold
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

„Die Amerikaner tun am Ende immer das Richtige, nachdem sie alle anderen Möglichkeiten ausprobiert haben.“ (Winston Churchill)

Die Welt starrt gebannt auf die Staatsschuldenkrise in Europa. Ein Ende mit Schrecken ist absehbar. Nicht alle Länder werden heil aus dem Schlamassel kommen. Einige werden auf der Strecke bleiben und Pleite gehen. Die wirtschaftliche und politische Integration in Europa wird leiden, die Weltwirtschaft wird in die Knie gehen. Im Schatten der EWU-Krise droht weiteres Unheil. Das Krebsgeschwür der exzessiven Staatsverschuldung hat sich weiter ausgebreitet. Die USA und Großbritannien haben sich seit der Finanzkrise bis über beide Ohren verschuldet. Der Gipfel der fiskalischen Unverfrorenheit ist allerdings Japan. Dort werden schon seit über einem Jahrzehnt alle Regeln solider Haushaltspolitik gebrochen. Trotzdem bleiben die Kapitalmärkte (noch) gelassen. In Europa stehen Pleitekandidaten erfolglos Schlange nach zinsgünstigen Krediten. Die Zinsen für toxische Staatsanleihen explodierten. Das ist in den JUUs (Japan, UK, USA) anders. Dort drängen die Anleger staatlichen Schuldnern ihr Geld geradezu auf. Platzen allerdings die Kreditblasen, ist Griechenland bald überall. Das wäre ein Albtraum.

Schutzwälle gegen Angriffe

Die Erfahrung zeigt, Kapitalmärkte setzen selbst hoch verschuldete Länder nicht immer unter Druck. Eine Voraussetzung ist, dass sich Staaten in eigener Währung verschulden und große Teile der Staatspapiere in inländischer Hand sind. Das Risiko einer Pleite ist geringer. Die Lasten aus staatlicher Verschuldung müssen primär von Inländern getragen werden. Eine Abwälzung auf ausländische Kapitalgeber ist kaum möglich. Nur wenige Staatspapiere befinden sich in ausländischer Hand. Damit sinken aber die Anreize der Politik, auf eine Pleite zu setzen. Bei einem Staatsbankrott müssen inländische Kapitalgeber die Lasten tragen. Wird eine Pleite verhindert, werden die Steuerzahler zur Kasse gebeten. Die Schnittmenge beider Gruppen ist groß. Auch der Ausweg einer höheren Inflation bringt für die Inländer wenig. Sie müssen so oder so für die Schulden einstehen. Welchen Weg die Politik wählt, Pleite, Steuern oder Inflation, hängt von den distributiven Überlegungen und den Präferenzen für Preisniveaustabilität ab.

Gegen spekulativen Druck der Kapitalmärkte können sich hoch verschuldete Länder auch durch lange Laufzeiten der Staatspapiere wappnen. Die Biographie von Staatsschulden- und Währungskrisen ist eindeutig. Trotz hoher und weiter steigender Verschuldung halten die Kapitalzuflüsse an. Eine Gefahr wird lange nicht gesehen. Die Schwierigkeiten entstehen wie aus heiterem Himmel („sudden stop“). Kapitalgeber sind von heute auf morgen nicht mehr bereit, die finanziellen Löcher zu stopfen. Das ist weniger problematisch, wenn Staaten sich vor allem langfristig verschuldet haben. Dann haben sie Zeit, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen und die wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern. Bei kurzen Laufzeiten ist dies kaum möglich. Es ist deshalb unverständlich, weshalb die Notenbanken in hoch verschuldete Staaten seit der Finanzkrise mit „quantitative easing“ die Fälligkeitsstruktur der Staatspapiere verkürzen. Damit machen sie ihre Staaten verwundbarer gegen spekulative Attacken der Märkte.

Wie anfällig hoch verschuldete Länder für den Druck der Kapitalmärkte sind, hängt auch davon ab, wie sie die kreditär aufgenommenen finanziellen Mittel verwenden. Der Harvard-Ökonom Robert Barro hat völlig Recht: „It’s the spending, stupid – not the deficit“. Staatsverschuldung ist nicht per se problematisch. Es kommt darauf an, ob die Politik die Mittel konsumtiv oder investiv einsetzt. Länder, die sich verschulden, um in rentable Objekte zu investieren, die Märkte nicht oder schlecht bereitstellen, kommen kaum in Schwierigkeiten. Tatsächlich hat aber der politische Prozess einen Bias zu Lasten kreditär finanzierter investiver und zu Gunsten konsumtiver Ausgaben. Der größte Teil der Mittel aus der staatlichen Verschuldung fließt in hoch entwickelten Ländern in den Ausbau des Sozialstaates. Kein Wunder, dass er ständig wächst. Ein auf Pump finanzierter Sozialstaat wird deshalb über kurz oder lang zu einem Finanzierungsrisiko.

Seit der Finanzkrise wird unterstellt, die Kapitalmärkte seien blind. Der langfristige Blick sei ihnen verloren gegangen. Dem ist nicht so. Wenn sich Staaten langfristig, etwa über 30-jährige Staatspapiere, verschulden wollen, werden Kapitalgeber langfristige Aspekte mit in ihre Überlegungen einbeziehen. Ein langfristig wichtiges Element staatlicher Kredite ist die erwartete Tragfähigkeitslücke. Alle hochentwickelten Länder sind inzwischen dazu übergegangen, Generationenbilanzen zu erstellen. Dabei zeigt sich, dass die implizite Verschuldung der Länder unterschiedlich hoch ausfällt. Nicht nur die demographischen Faktoren sind verschieden, die Staaten haben auch ihre Systeme der Sozialen Sicherung unterschiedlich organisiert. Ein Land, das demographisch schrumpft und auf umlagefinanzierte Systeme setzt, hat eine hohe implizite staatliche Verschuldung. Die Bereitschaft der Kreditgeber ist gering, hier ihr Kapital langfristig anzulegen. Das Finanzierungsrisiko ist hoch. Der Kreditzins ist es auch.

Die Drei von der Tankstelle

Die Defizite und Schuldenstände sind in Japan, Großbritannien und den USA besorgniserregend. Im Jahre 2011 verschuldeten sich das Vereinigte Königreich mit 8,5 % des BIP, die USA mit über 9,6 % und Japan mit 10,3 %. Der größte Teil der Neuverschuldung war nicht konjunkturell, er hatte strukturelle Ursachen. Die Länder häuften weitere Schulden auf den riesigen Schuldenberg. Die Schuldenquote (brutto) wuchs in Großbritannien auf 80,8 % des BIP. In den USA wurde 2011 die Quote von 100 % erreicht. Den Vogel schoss allerdings Japan ab. Dort stieg die Schuldenquote auf sagenhafte 233,1 %. Bei der Nettoschuldenquote sieht es überall etwas besser aus. Das gilt vor allem für Japan mit einer Quote von 130,6 %. Die USA (72,6 %) und Großbritannien (72,9%) unterscheiden sich kaum. Verhielten sich die Märkte wie in der EWU, würden die Anleger längst einen großen Bogen um die JUUs machen. Das tun sie aber (noch) nicht.

Allerdings ist die Gefahr, dass es den drei Ländern ähnlich geht wie den Wackelkandidaten in der EWU, unterschiedlich groß. Sie unterscheiden sich darin, wie groß der Anteil der ausländischen Schuldner ist, wie es um die Fälligkeitsstruktur der Schulden bestellt ist, ob sie Kredite eher investiv oder konsumtiv verwenden und wie groß die Tragfähigkeitslücke ausfällt. Die geringsten Sorgen muss sich Großbritannien machen. Bei einem Ausländeranteil der Schuldner von 30 % liegt es auf Platz 2 unseres Schuldner-Rankings, bei der Fälligkeitsstruktur auf Platz 1. Auch bei den kapazitätserweiternden Investitionen steht es mit Platz 5 relativ gut da. Bei den langfristigen Pensionsausgaben – einem groben Indikator für inter-generative Lasten – liegt das Vereinigte Königreich knapp hinter der Spitzengruppe. Viel schlechter sieht es allerdings bei der Entwicklung der Gesundheitsausgaben aus. Dort rangiert Großbritannien auf einem der hinteren Plätze. Die Gefahr, dass sich die Kapitalmärkte gegen Großbritannien wenden, ist relativ gering.

Ranking UK
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So rosig ist die Lage für die USA nicht. Es ist zwar ein weitverbreiteter Irrtum, dass die meisten Staatspapiere der USA in ausländischer Hand seien. Tatsächlich sind es mit 31 % kaum mehr als in Großbritannien. Bei diesem Indikator nehmen die USA nach wie vor einen vorderen Platz ein. Das ist aber bei der Fälligkeitsstruktur der Schulden anders. Dort liegen die USA auf dem vorletzten Platz. Schlechter ist nur Japan. Die aggressive Politik des „QE“ in beiden Ländern hat diese Entwicklung begünstigt. Bei den kapazitätssteigernden Investitionen reißen die USA trotz umfangreicher Konjunkturprogramme in der Finanzkrise zwar keine Bäume aus. Sie befinden sich aber im gesicherten Mittelfeld. Auch die erwarteten künftigen Pensionszahlungen stellen kein überdurchschnittlich hohes Kreditrisiko dar. Das eigentliche Problem der USA ist die erwartete Entwicklung der Gesundheitsausgaben. Dort liegen sie auf dem letzten Platz. Die implizite staatliche Verschuldung auf diesem Feld könnte zur fiskalischen Achillesferse der USA werden.

Ranking USA
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Es klingt paradox, aber die fiskalische Lage in Japan ist weniger bedrohlich als die hohe Schuldenquote vermuten lässt. Über 95 % der japanischen Staatspapiere befinden sich in inländischer Hand. Das ist der absolute Spitzenwert. Allerdings ist die Fälligkeitsstruktur der Staatspapiere miserabel. Mit einer durchschnittlichen Fälligkeit von 5,8 Jahren reiht sich Japan mit Ländern wie Portugal und Slowakei auf den hinteren Plätzen ein. Setzt man diesen Wert mit der horrenden Staatsverschuldung ins Verhältnis sind die Lasten aus der Staatsverschuldung in Japan doppelt so hoch wie in den europäischen Ländern. Das könnte sich bei weiteren fiskalischen Schocks zur Achillesferse entwickeln, wenn japanische Kapitalgeber das Weite suchen und ihre Ersparnisse im Ausland anlegen. Erstaunlich ist, dass Japan bei den kapazitätserweiternden Investitionen auf dem vorletzten Platz liegt. Der Hauptteil der gigantischen, kreditär aufgenommenen finanziellen Mittel fließt in den Konsum. Längerfristig steht allerdings Japan bei der Entwicklung der Pensions- und Gesundheitsausgaben auf einem Spitzenplatz. Die Tragfähigkeitslücke ist für ein hochentwickeltes Land relativ gering. Trotz hoher Defizit- und Schuldenquoten ist die Kreditwürdigkeit Japans aktuell nicht in Gefahr.

Ranking Japan
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Wege aus der Schuldenfalle

Trotz teilweise extrem hoher Defizit- und Schuldenquoten ist die aktuelle Kreditwürdigkeit der JUUs noch nicht gefährdet. Dieses Kunststück gelingt nur, weil alle Länder sich in eigener Währung verschulden (keine „original sin“) und die Staatspapiere sich überwiegend in inländischer Hand befinden. Das alles ist in den PIGS nicht der Fall. Allerdings hat sich nur Großbritannien mit relativ langen Laufzeiten der Staatspapiere vor dem Problem des „sudden stop“ gewappnet. Japan und die USA sind auf diesem Feld viel verwundbarer. Daran trägt die Geldpolitik der beiden Notenbanken („QE“) mit Schuld. Der „Barro-Effekt“ wird nur von Großbritannien wirklich ernst genommen. Sowohl in den USA als auch in Japan werden zu viele konsumtive staatliche Ausgaben kreditfinanziert. Schließlich sind die Gesundheitsausgaben der beiden angelsächsischen Länder das eigentliche Problem („unfunded gaps“). Werden dort keine einschneidenden Reformen durchgeführt, gerät längerfristig die Kreditwürdigkeit ernsthaft in Gefahr.

Auch wenn aktuell die Kreditwürdigkeit dieser drei Länder nicht gefährdet ist, müssen sie allesamt Maßnahmen ergreifen, die Einnahmelücken zu schließen. Das gelingt am besten über eine kombinierte Strategie: Staatliche Haushalte konsolidieren und internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken. Die JUUs haben auf diese Herausforderungen bisher unterschiedlich reagiert. Allein die britische Regierung schlägt den richtigen Weg ein. Sie will in den nächsten Jahren die Haushalte vor allem über die Ausgabenseite konsolidieren. Das ist weder in den USA noch in Japan geplant. In beiden Ländern soll die gegenwärtige Ausgabenquote mehr oder weniger beibehalten werden. Da auf der Einnahmenseite keine gravierenden Veränderungen geplant sind, wird sich die Schuldenquote in beiden Ländern weiter erhöhen. Sie soll bis zum Jahr 2016 in den USA auf 115,4 % (netto: 88,7 %) und in Japan auf 253,4 % (netto: 166,9 %) steigen.

Es reicht nicht, die Haushalte zu konsolidieren, auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit muss verbessert werden. Die JUUs haben es einfacher als die PIGS, wettbewerbsfähiger zu werden. Mit einer eigenen Währung können sie die Währung nominell abwerten. Dieses Instrument haben die PIGS nicht mehr. Sie sind darauf angewiesen, intern abzuwerten. Das erfordert sinkende Löhne und Preise. Eine solche Strategie ist politisch höchst riskant, der Widerstand der Interessengruppen ist groß. Vor allem Japan hat in der Vergangenheit immer wieder versucht, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, indem es den nominellen effektiven Wechselkurs senkte. Auch die USA haben seit dem Platzen der Dotcom-Blase verstärkt dieses Instrument eingesetzt, wenn auch weniger stark. Großbritannien nutzt seit der Finanzkrise dieses Mittel intensiv, um seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Nur Deutschland ist es gelungen, intern abzuwerten, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.

Effektiver Wechselkurs
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Die Gefahr ist allerdings groß, dass die Politik der monetären Versuchung nicht widerstehen kann, die horrende Schuldenlast über Inflation anzulasten. Der Widerstand der faktisch nicht unabhängigen Notenbanken dürfte gering sein. Ein Indiz für die Gefahr der Inflationierung ist der Einsatz „neuer“ Instrumente der Geldpolitik, wie das „QE“. Die aggressivste Politik fährt die Bank of England. Sie hält über 20 % der Staatspapiere (Gilts). Auch die Federal Reserve Bank ist mit 12 % an den Treasury Securities beteiligt. Der Einsatz der Bank of Japan ist mit 8 % am Geringsten. Ein Grund sind möglicherweise die schon längeren, negativen Erfahrungen mit diesem Instrument. Der forcierte Einsatz des „QE“ erhöht die Inflationserwartungen. Das ist bei hoher Staatsverschuldung ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Die Gefahr wächst, dass die Inflationserwartungen aus der Verankerung gerissen werden. Dann ist aber fiskalische Inflation unvermeidlich. Stagflationäre Entwicklungen sind wahrscheinlich.

Fazit

Die Staatsschuldenkrise hat Europa fest im Griff. Noch ist die Gefahr eines Flächenbrandes nicht gebannt. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Die EWU ist aber nicht der einzige Brandherd. Mit Japan, den USA und Großbritannien leben drei wirtschaftliche Schwergewichte ebenfalls seit langem über ihre Verhältnisse. Die Ratingagenturen haben die erstklassige Kreditwürdigkeit Japans schon herabgestuft, für die USA haben sie es angedroht. Allein Großbritannien steht noch nicht unter verschärfter Beobachtung der Agenturen. Weder Japan noch die USA sind gewillt, mit einer Politik der Austerität aus dem Schlamassel zu kommen. Nur Großbritannien hat diesen Weg eingeschlagen. Alle drei Länder haben gegenüber den PIGS den Vorteil, dass sie über eine eigene Währung verfügen. Mit einer Abwertung können sie sich Luft verschaffen. Allerdings ist die Gefahr groß, dass sie ihre geldpolitischen Instrumente nutzen, sich über eine höhere Inflationsrate zu entschulden. Die Ansteckungsgefahr weltweit ist groß, es droht Stagflation.

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5 Reaktionen zu “Japan, Großbritannien und die USA
Ist Griechenland bald überall?

  1. Kleine Presseschau vom 16. Januar 2012 | Die Börsenblogger

    […] Norbert Berthold: Japan, Großbritannien und die USA – Ist Griechenland bald überall? […]

  2. Gerald Braunberger

    „Die Welt starrt gebannt auf die Staatsschuldenkrise in Europa. Ein Ende mit Schrecken ist absehbar.“

    Die Kapitalmärkte sehen derzeit nur für Griechenland ein Ende mit Schrecken. Die Staatsanleiherenditen in den anderen Peripherieländern sind seit ihrem Höhepunkt am 21. November 2011 – zum Teil sehr deutlich – gesunken.

    „Die wirtschaftliche und politische Integration in Europa wird leiden, die Weltwirtschaft wird in die Knie gehen.“

    Kann sein, aber dass die Weltwirtschaft „in die Knie“ gehen wird, steht zumindest im Widerspruch zur großen Mehrheit der Konjunkturprognosen, die keine Rezession für die Weltwirtschaft erwarten, sondern höchstens eine Abschwächung des Wachstums.

    „In Europa stehen Pleitekandidaten erfolglos Schlange nach zinsgünstigen Krediten. Die Zinsen für toxische Staatsanleihen explodieren.“

    Mit Ausnahme von Griechenland: Wo explodieren sie gerade? Wie oben geschrieben, sind die Renditen in der Peripherie seit November 2011 – zum Teil sehr deutlich – zurückgegangen und hier vor allem bei den kurzen und mittleren Laufzeiten. Spanien hat in der vergangenen Woche bei rückläufigen Renditen doppelt so viel Anleihen plaziert wie beabsichtigt. Portugal hat für diese Woche wegen erwartet hoher Nachfrage ein höheres Auktionsvolumen für Geldmarktpapiere angekündigt. Außer in Griechenland ist in keinem anderen Peripherieland die Renditestrukturkurve invers – das war vor sechs Wochen noch ganz anders.

    „Das ist weniger problematisch, wenn Staaten sich vor allem langfristig verschuldet haben. Dann haben sie Zeit, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen und die wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern. Bei kurzen Laufzeiten ist dies kaum möglich. Es ist deshalb unverständlich, weshalb die Notenbanken in hoch verschuldete Staaten seit der Finanzkrise mit „quantitative easing“ die Fälligkeitsstruktur der Staatspapiere verkürzen. Damit machen sie ihre Staaten verwundbarer gegen spekulative Attacken der Märkte.“

    Kann es sein, dass die Staaten, die QE betreiben (USA, GB, JAP), damit unter anderem gerade die Gefahr von spekulativen Attacken verringern wollen und dies zumindest bisher ja auch geschafft haben? Im übrigen: Die „Operation Twist“ der Fed hat zum Ziel, die Bestände an Kurzläufern zu verringern und dafür Langläufer zu kaufen.
    Auch wenn die EZB offiziell kein QE betreibt, ist ein Blick auf Italien ganz interessant. Da ist die Duration langfristig gestiegen, auch wenn sie 2011 leicht rückläufig war: (http://www.dt.tesoro.it/modules/dettaglio_img.html?resourceType=/modules/img/Grafico_debito_ENG.png&title=Historical structure of the debt&alt=Historical structure of the debt&uri=/en/debito_pubblico/index.html&ld=/en/debito_pubblico/graphPublDebt.txt)

    „Wie anfällig hoch verschuldete Länder für den Druck der Kapitalmärkte sind, hängt auch davon ab, wie sie die kreditär aufgenommenen finanziellen Mittel verwenden. Der Harvard-Ökonom Robert Barro hat völlig Recht: „It’s the spending, stupid – not the deficit“. Staatsverschuldung ist nicht per se problematisch.“

    Da stimme ich Ihnen mit Einschränkungen zu, aber was sagen Ihre „österreichischen“ Freunde zu dieser Argumentation? Es ist im übrigen interessant, dass es amerikanische liberale Ökonomen gibt (neben Barro würde mir auf Anhieb Prescott einfallen), die Staatsverschuldung für sich genommen gar nicht als immer schlecht ansehen und vor allem das Argument mit der Belastung künftiger Generationen nicht für sehr wesentlich halten. So argumentieren in Deutschland am ehesten Keynesianer.

    „Wenn sich Staaten langfristig, etwa über 30-jährige Staatspapiere, verschulden wollen, werden Kapitalgeber langfristige Aspekte mit in ihre Überlegungen einbeziehen. Ein langfristig wichtiges Element staatlicher Kredite ist die erwartete Tragfähigkeitslücke.“

    Das wichtigste Argument für den Kauf dreißigjähriger Anleihen besteht in der fristenkongruenten Refinanzierung langfristiger Auszahlungsverpflichtungen durch Versicherer und Pensionskassen. Das kann durch staatliche Vorschriften befördert werden. Durch diese „financial repression“ sichert zum Beispiel GB den Absatz seiner 30-jährigen bei heimischen Großanlegern, was zur Folge hatte, dass zumindest vorübergehend die Renditen 30-jähriger niedriger gewesen sind als die Renditen 10-jähriger. Das erklärt zumindest zum Teil die hohe Duration der britischen Staatsschuld.

    „Es ist zwar ein weitverbreiteter Irrtum, dass die meisten Staatspapiere der USA in ausländischer Hand seien. Tatsächlich sind es mit 31 % kaum mehr als in Großbritannien.“

    Ja, dank erheblicher „Intergovernmental Holdings“. Wenn man nur jenen Anteil der Staatsschuld berücksichtigt, der am Markt untergebracht wird, steigt der Anteil auf knapp 50 Prozent.

    „Trotz hoher Defizit- und Schuldenquoten ist die Kreditwürdigkeit Japans aktuell nicht in Gefahr.“

    Das ist aktuell wohl so, aber Japan hat schon längst kein Top-Rating mehr. Die Moody’s-Note „Aa3“ ist nur die viertbeste, die es dort gibt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die private Sparquote in Japan deutlich sinkt.

    „Der forcierte Einsatz des „QE“ erhöht die Inflationserwartungen.“

    Bisher in USA/GB/EURO/JAP empirisch nicht sehr bedeutend. (Wobei allerdings in der Praxis unterschiedliche Indikatoren für die Messung von Inflationserwartungen Verwendung finden und man sich da auch ein wenig arm oder reich rechnen kann, wie man es gerade für seine Argumentation braucht.) Die meisten Ökonomen, die ich bei großen Kapitalanlegern kenne, sind zumindest in der aktuellen Lage in makroökonomischer Hinsicht eher Keynesianer und keine Monetaristen. Die wissen, dass in einer Situation der Liquiditätsfalle, schwacher privater Kreditnachfrage und Banken, die sich in einem „Deleveraging“ befinden, die Geldbasis wenig über Inflationspotential besagt. Das mag sich längerfristig ändern, aber da sind wir gegenwärtig nicht.

    „Dann ist aber fiskalische Inflation unvermeidlich.“

    Bemerkenswert finde ich, dass Sie einerseits für eine lange Fristigkeit von Staatsschulden plädieren, aber andererseits fiskalische Inflation fürchten. Dabei verlockt doch gerade eine lange Fristigkeit den Staat zu Inflation, weil der Refinanzierungsbedarf lange in die Zukunft verschoben wird und die Anleger trotz Inflation lange auf ihren vorher begebenen Anleihen mit niedrigen Kupons sitzen bleiben (jedenfalls solange es Festzinskupons sind und keine Floater). Das erinnert an die „financial repression“ der fünfziger Jahre, als es in vielen Ländern Zinsobergrenzen gab und die Leute der Inflation ausgeliefert waren (siehe Reinhart/Sbrancia 2011). Für einen Staat, der sich im Extremfall nur kurzfristig refinanziert, würden im Falle steigender Inflationsraten sofort auch die Kupons steigen.

    Gruß
    gb.

  3. Griechenland global? « [ghrnschlckauf]

    […] Norbert Berthold erklärt in seinem aktuellen Beitrag auf Wirtschaftliche Freiheit, warum Japan, UK und die USA (JUU) besser dastehen, als Portugal, Italien, Griechenland und Spanien (PIGS), obwohl diese Länder ebenfalls immense Staatsschulden angehäuft haben und warum der Euro für die erstgenannten Länder zum Problem wurde. Lesenswert. Trotz teilweise extrem hoher Defizit- und Schuldenquoten ist die aktuelle Kreditwürdigkeit der JUUs noch nicht gefährdet. Dieses Kunststück gelingt nur, weil alle Länder sich in eigener Währung verschulden (keine „original sin“) und die Staatspapiere sich überwiegend in inländischer Hand befinden. Das alles ist in den PIGS nicht der Fall. Bewerten: Teilen Sie dies mit:E-MailDiggDruckenGefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. […]

  4. barthel berand

    Ich halte den üblicherweise – auch hier – verwendeten Inflationsbegriff für nicht aussagekräftig. Nun sind Definitionen niemals falsch, sondern zweckmäßig oder nicht. Sie sollten allerdings einen gewissen Ursache-Wirkungszusammenhang aufzeigen können. Und dies tut der heutige Inflationsbegriff nicht. Ausgehend von der Feststellung Milton Friedmans, dass Inflation stets ein monetäres Phänomen ist, wage ich die Behauptung, dass wir derzeit eine gigantische Inflation haben – aber nicht erkennen, da das Preisniveau kaum steigt. Inflation, die heutzutage als Steigerung des Preisniveaus > 2 v.H. verstanden wird, liegt aber dennoch vor. Die Überlegungen, die zu dieser Aussage führen, sind recht schlicht:

    Die Zentralbankbilanzen sind in den letzten Jahren stark verlängert worden. Dies hat seinen Grund. Hätte man darauf verzichtet, wäre es zu einer Vielzahl von Staats- und Bankpleiten gekommen. Die Wirtschaftsleistung wäre zurück gegangen (Kreditklemme, Unsicherheit, negativer Portfolio-Effekt, etc.); das Preisniveau wäre in der Folge stark gesunken. Dieser Effekt – das Sinken des Preisniveaus – wurde aber durch die Ausweitung der Geldmenge verhindert. Es ist folglich höher, als es ohne Ausweitung der Geldmenge gewesen wäre. Ich nenne das Inflation. Auch die älteren Ökonomen nannten dies Inflation. Sie verstanden darunter lediglich die Ausweitung der Geldmenge. Und dies ist denknotwendig die einzige Ursache für eine Steigerung des Preisniveaus.

    Andernfalls müssten die Preise in einer wachsenden Wirtschaft bei konstanter Geldmenge sinken, was keinesfalls schlimm wäre. Im Gegenteil. Sparguthaben würden im Zeitablauf kaufkräftiger und nicht entwertet, wie heutzutage. Altersvorsorge wäre deutlich einfacher. Schuldner müssten ein wenig sorgsamer kalkulieren, was den Verpflichtungscharakter der Schuld wieder deutlicher hervorheben würde. Heute ist Schuld eher Möglichkeit als Verpflichtung. Auch diese Verzerrung würde wieder zurecht gerückt.

    Steigende Geldmengen bewirken nichts, außer strukturellen Verzerrungen, ungleichen Vermögensverteilungen (Cantillon-Effekt) und Wohlstandsillusionen. Für Wohlstand ist aber letztlich die Gütermenge entscheidend, nicht die Geldmenge. Wohlstand wird lediglich in Geld ausgedrückt. Geld liegt diesem Wohlstand aber nicht ursächlich zugrunde. Es fungiert nur als Tauschmittel. Es nützt nichts, Tauschmittel zu vermehren. Eine Gesellschaft kann dadurch nur mehr für Güter ausgeben, aber nicht mehr Güter erwerben.

    Nun ist es unglücklicherweise die vordringliche Aufgabe der EZB, das Preisniveau stabil zu halten, so dass man sich auf den Standpunkt stellen kann, es sei in den letzten Jahren alles richtig gemacht worden – wenn man dieses Ziel denn für sinnvoll hielte. Ich sehe allerdings keinen Sinn darin, Wohlstandsgewinne, die durch fortschreitende Arbeitsteilung, Rationalisierung und Spezialisierung geschaffen werden, durch Inflationierung wieder zu entwerten – und darüber hinaus, nur um das Preisniveau stabil zu halten. So wird man keine Reallohnsteigerungen erzielen.

    Diejenigen, die die derzeitige Handhabung der Krise befürworten, weil sie vorgeblich die Fehler von 1929 ff. nicht wiederholt, seien auf die Krise von 1920/1921 in den USA hingewiesen. Sie war schwerer als 1929. Gehandelt hat die Regierung nicht. Deshalb war die Krise auch sehr schnell wieder vorbei. Ein schönes Beispiel, wie man mit Krisen umgeht. Man muss sie einfach ihre Arbeit verrichten lassen. Da man das nicht tut, fürchte ich, muss ich die Frage von Herrn Berthold mit Ja beantworten. Griechenland wird bald überall sein.

  5. Schuldenkrise: Wie gefährdet sind Japan, die USA und Großbritannien? |

    […] einem Beitrag auf Wirtschaftlicher Freiheit setzt sich Norbert Berthold mit der internationalen Verschuldungskrise auseinander. Diese betrifft […]

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