Wie gerecht ist das denn?
Einkommen, Demographie, Vermögen

„You don’t make the poor richer by making the rich poorer.“ (Winston Churchill)

Die Welt ist ungerecht. Das ist der allgemeine Tenor. Oxfam befeuert ihn regelmäßig. Einkommen und Vermögen sind ungleich verteilt. Schafft die Milliardäre ab und die Millionäre am besten gleich mit. Das ist der Schlachtruf linker Umverteilungsaktivisten. Verteilt Einkommen und Vermögen rigoros um. Nehmt den wenigen Reichen und gebt es den vielen Armen. Das verringert die Armut. Einkommens- und Vermögensverteilungen werden gerechter. Korrupter Politik für einige Wenige wird der monetäre Boden entzogen. Die Demokratie wird gerettet, die Welt ist gerechter.

Was ist gerecht?

Was gerecht ist, ist keine ökonomische, es ist eine philosophische Frage. Die Antwort liegt im Auge des Betrachters. Das ist so bei individuellen Werturteilen. Eine Gesellschaft entscheidet im Diskurs, was sie als gerecht oder „sozial gerecht“ (Wieselwort) ansieht. Gesetze und Institutionen setzen das Ergebnis des demokratischen Diskurses um. Gerecht ist, was eine Gesellschaft als gerecht ansieht. Das Urteil fällt von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich aus. Eine Ausnahme gibt es, die Garantie eines Existenzminimums. Sie ist ein über Gesellschaften hinweg akzeptiertes Werturteil. Geht es allerdings an die konkrete Ausgestaltung, ist der Konsens dahin.

Manche Gesellschaften wollen mehr, als nur materielle Armut bekämpfen. Sie wollen Einkommen und Vermögen (oft bedarfsorientiert) gleichmäßiger verteilen. Darin, wie sie das machen, unterscheiden sie sich allerdings erheblich. Die einen setzen darauf, vom Markt ungleich verteilte Einkommen und Vermögen umzuverteilen. Sie wollen es Reicheren wegnehmen und Ärmeren geben. Andere setzen früher an. Sie setzen den staatlichen Rahmen so, dass der Markt die gesellschaftlich erwünschten gleichmäßigeren Ergebnisse bei Einkommen und Vermögen liefert.

Inter-personelle Ungleichheit ist eine, altbekannte. Inter-generative Ungleichheit ist eine andere, die gerade wieder entdeckt wird. Demographie (und Klima) zwingen Gesellschaften eine Diskussion über inter-personelle Ungleichheit und Gerechtigkeit auf. Die Leitlinien inter-generativer Gerechtigkeit sind unklarer. Konsens ist nur, nachfolgende Generationen sollen nicht schlechter gestellt werden. Entweder darf ihr Nettovermögen nicht leiden (Ergebnisgleichheit). Oder nachfolgende Generationen müssen die gleichen Chancen auf ein gutes Leben haben, wie die heutige Generation (Chancengleichheit).

Ungleich verteilt Einkommen

Die Empirie ist eindeutig, (Markt)Einkommen sind inter-personell ungleich verteilt und werden es, auch wegen KI, wohl auch bleiben. Wichtige Treiber sind einerseits individuell, wie heterogene individuelle Präferenzen und individuell unterschiedlich hohe Produktivitäten, andererseits kollektiv, wie unvollkommene ökonomische und politische Märkte. Die Verteilung der Einkommen nach Steuern und Transfers ist überall gleicher. Um wie viel gleicher sie ausfällt, hängt davon ab, was Gesellschaften als „gerecht“ empfinden und wie sie verteilungspolitisch agieren.

Alle Gesellschaften korrigieren die ungleiche Marktverteilung. Sie wählen unterschiedliche Wege. Der eine ist die Umverteilung über Steuern und Transfers. Er strebt Ergebnisgleichheit an und ist ein Null-Summen-Spiel. Zwei Stolpersteine erschweren den Weg: Zum einen gerät das Ziel der größeren Gleichheit in Konflikt mit der ökonomischen Effizienz („big trade off“). Zum anderen hat Umverteilung immer Streuverluste („leaky bucket“). Schließlich wird faktisch vor allem in der Mittelschicht umverteilt, von den „Nicht-Ganz-Reichen“ zu den „Nicht-Ganz-Armen“ (Bernhard Külp).

Der andere Weg führt über eine höhere soziale Mobilität. Er orientiert sich stärker an dem Prinzip der Chancengleichheit und ist ein Positiv-Summen-Spiel. Der „umverteilende“ Staat setzt im Vorfeld die Rahmenbedingungen so, dass sozialer Aufstieg bei Einkommen und Vermögen leichter möglich wird. Wichtige Elemente sind intaktere Familien, mehr individuelle Bildung und flexiblere Arbeitsmärkte. Ist diese Strategie erfolgreich, verringert sie den Zielkonflikt mit der ökonomischen Effizienz und senkt die Sickerverluste der Umverteilung. Dieser Weg ist der zielführendere von beiden.

Ungleiche inter-generative Verteilung

Demographie und Klimawandel rücken die inter-generative Verteilung (Einkommen und Vermögen) stärker in den Blickpunkt. Was inter-generativ gerecht ist, ist ebenfalls werturteilsbeladen und deshalb umstritten. Die kontroverse Diskussion um Nachhaltigkeit zeigt exemplarisch die Schwierigkeiten. Letztlich entscheiden Gesellschaften, was sie als inter-generativ gerecht ansehen. Das ist schon bei nationalen Problemen, wie der expliziten und impliziten Verschuldung des Staates nicht einfach. Bei globalen Problemen, wie dem Klimawandel, ist es fast unmöglich (Kooperations-Dilemma).

Die Diskussion um die Frage, wer demographische Lasten tragen soll, ist ein Paradebeispiel für (normative) Unklarheiten und falsche Schlussfolgerungen. Nur auf den ersten Blick scheint die Sache klar, wer die Verursacher der demographischen Entwicklung sind. Das sind, was die Fertilität angeht, die Baby-Boomer. Sie haben weniger Kinder in die Welt gesetzt. Nun müssen sie in einem umlagefinanzierten Alterssicherungssystem auch niedrigere Renten in Kauf nehmen. Die Beiträge sollen „generationengerecht“ stabil bleiben (gleiche Anteile der Beiträge) stabil, die Renten dürfen nicht mehr mit den Nominallöhnen steigen.

Es ist unstrittig, die Baby-Boomer haben sich für weniger Kinder entschieden. Dafür haben sie allerdings mehr in das Humankapital ihrer Kinder investiert, mehr gespart und verstärkt in Realkapital investiert. So haben sie die Grundlagen für einen höheren Wohlstand (auch) nachwachsender Generationen gelegt. Die Jungen stehen (auch ökonomisch) auf den Schultern der Alten. Ohne das (generative) Verhalten der Baby-Boomer wäre ihr Lebensstandard geringer. Nach einem richtig verstandenen Verursacher-Prinzip spricht vieles dafür, die demographischen Lasten gemeinsam von Jung und Alt schultern zu lassen.

Ungleich verteilte Vermögen

Auch Vermögen sind ungleich verteilt. Getrieben wird die Verteilung vor allem von individuellen Entscheidungen (heterogene Präferenzen; unterschiedliche Humankapitalinvestitionen) und kollektiven Entscheidungen (Art des Sozialstaats; Organisation der Kapitalmärkte). Das eigentliche Problem stark konzentrierter Vermögen ist die potentielle Marktmacht auf ökonomischen Märkten. Sie kann Entscheidungen auf politischen Märkten beeinflussen. „Rent seeking“, Vetternwirtschaft aber auch die Erosion der Demokratie („one euro, one vote“) sind denkbar und möglich.

Vieles spricht dafür, Macht und Einfluss großer Vermögen zu begrenzen. Zwei Wege sind denkbar: Umverteilung oder Wettbewerb. Der erste schröpft große Vermögen der Reichen steuerlich und verteilt es an Arme um. Dieser Weg ist wenig effizient. Er hat mit den bekannten Problemen des Umverteilungsstaates („big trade off“ und „leaky bucket“) zu kämpfen. Der populäre Weg der (massiven) Umverteilung von Vermögen (und Einkommen) ist ein teurer Irrweg. Die Gefahr ist groß, dass er die Gesellschaft ärmer und ungleicher macht. Effizient ist das nicht, „gerecht“ wohl auch nicht.

Der zweite Weg ist wettbewerblich. Neuere empirische Untersuchungen (hier) zeigen: Alles, was Gesellschaften reicher macht, macht sie auch gleicher („The rising tide lifts all boats“.). „Wohlstand für Alle“ (Ludwig Erhard) wird leichter möglich. Der Schlüssel ist mehr Wettbewerb. Wettbewerb ist das genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte (Franz Böhm). Wettbewerbliche Märkte verbessern individuelle Aufstiegschancen. Mehr soziale Mobilität erhöht nicht nur den Wohlstand, sie verteilt ihn auch gleichmäßiger. Und: Der Einfluss ökonomischer Macht auf politischen Märkten wird begrenzt.

Fazit

Was gerecht ist, bleibt umstritten. Das ist bei Werturteilen nichts Neues. Philosophische Gerechtigkeitskonzepte verschleiern oft die verteilungspolitischen Werturteile. Letztlich entscheiden Gesellschaften im demokratischen Diskurs, was „gerecht“ ist. (Fast) alle wollen Einkommen und Vermögen gleichmäßiger verteilen, die einen mehr, andere weniger. Gesellschaften schlagen allerdings unterschiedliche Wege ein. Einige setzen mehr auf soziale Mobilität (Chancengleichheit), andere stärker auf Umverteilung (Ergebnisgleichheit). Der zweite Weg ist der ineffizientere.

Literatur:

Arthur Okun (1975): Equality and Efficiency: The Big Tradeoff. Brookings Institution

Thomas Piketty (2014): Capital in the Twenty-First Century. Harvard University Press

Norbert Berthold und Klaus Gründler (2018): Ungleichheit, soziale Mobilität und Umverteilung. Kohlhammer Verlag

Wissenschaftlicher Beirat beim BMWE (2021): Vorschläge für eine Reform der gesetzlichen Rentenversicherung

Daniel Waldenström (2024): Richer and More Equal. Polity Press

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2025/2026): Perspektiven für morgen schaffen – Chancen nicht verspielen. Wiesbaden 2025

Blog-Beiträge zum Thema:

Norbert Berthold (JMU, 2025): Vermögensungleichheit – Ein non-issue? Empirie, Ursachen, Handlungsbedarf

Norbert Berthold (JMU, 2025): Aufstand der 18. Inter-generative Verteilungskonflikte ante portas?

Bernd Raffelhüschen (ALU, 2025): Rentenversicherung generationengerecht reformieren

Norbert Berthold (JMU, 2024): Rentenpolitische Raubüberfälle. Leben die Boomer auf Kosten der Kinder anderer Leute?

Norbert Berthold (JMU, 2021): Demographie, Klimawandel und Generationenkonflikte. Hat die Demokratie eine inter-generative Schlagseite?

Norbert Berthold (JMU, 2016): 22-43-67-4. Der „Da Vinci-Code“ der Alterssicherung

Norbert Berthold (JMU, 2015): Ungleichheit, Umverteilung und Mobilität. Besteht wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf?

Podcast zum Thema:

Vermögensungleichheit – Ein non-issue? Der Podcast zum Blog-Beitrag

Ein Gespräch zwischen Prof. (em.) Dr. Norbert Berthold (JMU Würzburg) und Dr. Jörn Quitzau (BERGOS AG).

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