Ethik in der Wirtschaft: Angebot und Nachfrage

Seminare für Wirtschaftsethik und Coachingangebote für ethisches Handeln von und in Unternehmen haben Hochkonjunktur. Neue Lehrstühle für Wirtschaftsethik werden gegründet, häufig gestiftet. Die Entwicklung und Umsetzung von Corporate Social Responsibility-Konzepten ist längst zu einem wichtigen und umsatzträchtigen Segment der Unternehmensberatungen geworden. Viele Hochglanzbroschüren sollen den Nachweis erbringen, daß die betreffenden Unternehmen wertvolle Gesellschaftsmitglieder sind. Die skizzierten Entwicklungen haben im Zusammenhang mit der globalen Finanzmarktkrise 2007/08 einen starken Aufschwung genommen und viel Eigendynamik bekommen. Es ist an der Zeit einige Aspekte dieser Entwicklung zu hinterfragen.

Verhaltens- und Systemmängel

Für die Aktualität der Thematik „Ethik in der Wirtschaft“ können z. B. die häufig wiederkehrenden Behauptungen in Medien und Diskussionen, daß die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme der vergangenen Jahre durch das unethische Verhalten einzelner Personen, Personengruppen und Organisationen – vorwiegend Unternehmen, speziellen Banken – hervorgerufen worden wären, als Indikator herangezogen werden. Diese Vorwürfe werden durch viele Kommentare mit der Vermutung ergänzt, daß das „kapitalistische Wirtschaftssystem“ eben zu einem unethischem Verhalten einladen würde. Auf der Grundlage solcher meist schnell gefundener Diagnosen werden nicht selten zwei typische Forderungen abgeleitet.

Staat oder Ethik

Erstens sollten staatliche Eingriffe solche Verhaltens- und Systemmängel korrigieren. Zweitens aber richten sich die Forderungen an Menschen und Unternehmen, ihr Verhalten zu ändern und ethischer zu agieren „Mehr Ethik in der Wirtschaft“ soll dann also die Verhaltens- und Systemmängel korrigieren. Konkret sollen Unternehmen mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und wertvolle Gesellschaftsmitglieder werden. Zusätzlich sollen die Menschen in den Unternehmen mehr Moral üben, was hier vereinfachend mit mehr Ethik gleichgesetzt wird. Im Unternehmen richten sich die Forderungen vorwiegend an Eigentümer und Management. Ethisches Verhalten von Mitarbeitern ist selten Bestandteil entsprechender Forderungen, auch nicht jenes von Kunden und Verbrauchern.

Ethik-Nachfrage

Es kann sowohl von einer gestiegenen Nachfrage nach als auch von einem zunehmenden Angebot an Ethik ausgegangen werden. Das Verhalten von manchen Akteuren, vor allem Managern von Finanzinstituten, in der globalen Finanzmarktkrise sowie diverse Unternehmensskandale in den vergangenen Jahren trugen zu einem Anstieg der Nachfrage nach ethischem Verhalten bei, artikuliert in entsprechenden Forderungen. Verlierer im Globalisierungsprozeß, Fortschritte der Informations- und Kommunikationstechnologien, die Verknappung mancher Ressourcen und eine zunehmend wahrgenommene soziale Ungleichheit unterstützen den Eindruck eines Mangels an Ethik in der Wirtschaft. Eine sensibilisierte Öffentlichkeit bei gestiegener Transparenz und einer intensiven medialen Aufbereitung verstärkt diese Wahrnehmung weiter.

Unternehmens-Bild

Viele Umfragen zeigen inzwischen ein deutlich verschlechtertes sowie ein undifferenziertes Bild von Unternehmen und dem marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem. Wurden Unternehmen früher als Triebfedern der Wirtschaft eingeschätzt, die Arbeitsplätze schaffen und eine wesentliche Stütze der Marktwirtschaft seien, so wird heute mit ihnen vor allem assoziiert, daß sie ihre eigenen Interessen durchsetzen und Arbeitskräfte dafür als Instrumente einsetzen (vgl. Abb. 1). Solche Einschätzungen zeigen sich auch, wenn nach dem Vertrauen in Institutionen gefragt wird. Hier stellt sich heraus, daß das Vertrauen in Unternehmen gering ausgeprägt ist, was vor allem für große und international tätige Unternehmen gilt (vgl. Abb. 2). Bezüglich der Branchen rangieren Banken und Versicherungen hinter allen anderen (vgl. Abb. 3). Auch die Akzeptanz des marktwirtschaftlichen Systems hat kontinuierlich abgenommen, wobei auffällt, daß die Assoziationen von Merkmalen deutlich negativer sind, wenn nach Kapitalismus anstelle von Marktwirtschaft gefragt wird. Die am stärksten vertretenen Assoziationen bei Kapitalismus/Marktwirtschaft sind Gewinnstreben, Gier, soziale Ungleichheit, Privateigentum, Ausbeutung, Unternehmergeist, Leistung sowie Wirtschaftskrisen (vgl. Abb. 4). Wird danach gefragt, was Vertrauen in Unternehmen schaffen könnte, fällt zuerst auf, daß vertrauensstiftende Merkmale aktuell als zu wenig ausgeprägt eingestuft werden. Vertrauensstiftend wirken in dieser Reihenfolge: Hohe Qualität der Produkte und Dienstleistungen, Hört auf Bedürfnisse und Rückmeldung von Kunden, Behandelt die Beschäftigten gut, Kunden sind wichtiger als der Gewinn, Reagiert verantwortungsvoll auf Probleme oder eine Krise, Geschäftspraktiken unterliegen ethischen Regeln, Transparente und offene Geschäftspraktiken (vgl. Abb. 5).

Unternehmerbild
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Vertrauen in Institutionen
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Vertrauen in Branchen
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Kapitalismus-Assoziationen
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Vertrauensschaffung
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Verallgemeinerungen

Es ist davon auszugehen, daß in einem Umfeld der Unsicherheit, Komplexität und Dynamik das Fehlverhalten Einzelner weniger zuordenbar wird. Weil Informationen zur Differenzierung fehlen, wird verallgemeinert und von „den Banken“, „den Unternehmen“, den „Unternehmern“ und „den Managern“ ausgegangen. Dies aber steigert nicht nur die Anreize für Fehlverhalten, sondern schränkt auch die Möglichkeiten zur Kontrolle ein. Das Vertrauen in „die Wirtschaft“ geht undifferenziert verloren. Werden die Ursachen näher analysiert, stellt sich ein komplexes Anreizgeflecht heraus. Dieses hat seinen Ursprung in der Zunahme der Größe von Organisationen und Wirtschaftsräumen, verbunden mit der Anonymisierung von Beziehungen sowie einer generellen Tendenz zur Beschleunigung. Die darin verborgenen Anreizstrukturen erleichtern das Fehlverhalten einzelner Personen.

Ethik-Angebot

Doch nicht nur die Nachfrage nach Ethik ist gestiegen sondern auch das Angebot. Zu erinnern ist z.B. an die diversen Maßnahmen zur Begrenzung von „Banker-Boni“, an die erfolgreich verabschiedete „Abzockerinitiative“ in der Schweiz, an diverse Manifeste, z.B. dem „Manifest Globales Wirtschaftsethos“ von Küng und Wieland, an freiwillige Branchenverpflichtungen, an Corporate Social Responsibility-Konzepte, an die Propagierung von Social Entrepreneurs (z. B. Muhammed Yunus), an Maßnahmen wie „Giving Pledge“ (Warren Buffet, Bill Gates) oder an die Wiederentdeckung traditionsreicher Leitbilder verantwortungsvollen Unternehmertums, z. B. in Form des „ehrbaren Kaufmanns“, das von den Industrie- und Handelskammern mit neuem Leben gefüllt wird. Nun gilt es, dieses Ethik-Angebot weiter zu systematisieren und zu konkretisieren. Losgelöst von allen moral- und ethiktheoretischen Strukturierungen soll hier von vier Kategorien der Ethik für Unternehmen ausgegangen werden.

Verordnete Ethik

Erstens können unter einer verordneten Ethik oder Moral staatlich vorgegebene und kontrollierte Verhaltensregeln verstanden werden, z. B. Regeln der Corporate Governance oder Compliance-Regeln. Für sie sind alle verhaltensstabilisierenden Merkmale ins Treffen zu führen, die für diese Art von extrinsischen Verhaltensvorschriften gelten: staatliche Sanktionierungsmöglichkeiten bei Verstößen, generelle Gültigkeit, potenzielle Anreizkonflikte, falls sich Diskrepanzen zu internen Regeln herausbilden. Zusätzlich ist ihre Vereinbarung im politischen Bereich zu berücksichtigen, die nicht nur Kompromisse, sondern auch die Einflußnahme von zahlreichen Partialinteressen beinhaltet.

Wohltätige Ethik

Unter der wohltätigen Ethik oder Moral soll hier der philanthropische Einsatz von erwirtschaftetem Vermögen durch Personen oder Organisationen verstanden werden (z. B. Giving Pledge). Das Motiv kann darin gesehen werden, daß der Gesellschaft oder dem Wirtschaftsstandort etwas zurückgegeben werden soll, z. B. weil die Infrastruktur oder gut ausgebildete Arbeitskräfte oder ein stabiles Umfeld zu den wirtschaftlichen Erfolgen der Geber beigetragen haben. Anders als bei der verordneten Ethik handelt es sich um völlig freiwillige Maßnahmen und sie beinhalten Elemente der Solidarität auch dann, wenn sie als eine Art unternehmensgenerationenübergreifendes Kalkül interpretiert werden.

Kompensierende Ethik

Typisch für dieses Konzept sind Spenden- und Sponsoring-Aktivitäten, die meist in Berichten über Corporate Social Responsibility-Konzepten und –ergebnissen dokumentiert werden. Entsprechende Aktivitäten setzen an der Gewinnverwendung an und sie sind außerhalb des unternehmerischen Kernkonzeptes angesiedelt. Sie haben in den vergangenen Jahren große Bedeutung erlangt. Allerdings sollten ihre Inhalte und Ziele differenziert analysiert werden. Die Gewinnverwendung als Ansatzpunkt vernachlässigt die Art und Weise wie und bei welchen Aktivitäten die Gewinne entstanden sind. So kann es dazu kommen, daß ein unternehmerisches Fehlverhalten, also eine unverantwortliche Gewinnerzielung, durch ex post-Wohltaten an die Gesellschaft kompensiert werden soll. Die Verankerung außerhalb des Kerngeschäfts ermöglicht auch, daß nicht immer die gesellschaftliche Verantwortung hinter entsprechenden Maßnahmen steht, sondern ein Kommunikations- und Marketingbestreben. CSR-Programme sind dann meist kein konsistentes Element der Unternehmensstrategie.

Gelebte Ethik

Einen gänzlich anderen Ansatzpunkt weist die gelebte Ethik oder Moral auf. Sie besteht aus einem implizit oder explizit abgegebenen Versprechen, das sich direkt auf die Gewinnentstehung im Rahmen der Wertschöpfung bezieht und eine Verhaltensrestriktion darstellt. Eine „ethische Gewinnerzielung“ kann als eine Art Fair Play verstanden werden. Nicht um Gewinnverzicht geht es, sondern um die Erzielung des wirtschaftlichen Erfolgs mittels fairem Verhalten. Unfaire Maßnahmen ziehen hingegen negative Konsequenzen nach sich. In diesem Ethik-Konzept gewinnen nun intrinsische Verhaltensrestriktionen Bedeutung. Es geht dann nicht nur um inhaltliche Vorgaben, sondern auch um adäquate Anreiz- und Kontrollsysteme. Inhaltliche Verhaltensrestriktionen sind z. B. der Verzicht auf umweltbelastende Handlungen, der Verzicht auf die Ausbeutung von Mitarbeitern, der Verzicht auf die Verwendung nicht zugelassener Substanzen, die Kontrolle der Zulieferkette im Hinblick auf unakzeptable Praktiken, der Verzicht auf eine Provisionsorientierung statt einer Bedürfnisorientierung, die Einhaltung von Sicherheitsstandards etc..

Ethik-Investition

Die gelebte Moral hat starke Anreizvorteile gegenüber den anderen drei Konzepten. So handelt es sich um ein ethisches Verhalten, das im Kerngeschäft angesiedelt und in die Unternehmensstrategie integriert ist. Ethisches Verhalten kann nun als eine Investition verstanden werden: Das Unternehmen gibt formell oder informell ein Versprechen ab, sich ethisch zu verhalten und tritt damit praktisch in Vorleistung gegenüber Kunden, Mitarbeitern und anderen Stakeholdern. Das Einhalten des Versprechens ermöglicht die Entstehung von Vertrauen. Im Rahmen einer solchen Strategie kann verlorenes Systemvertrauen in „die Unternehmen“, „die Wirtschaft“ oder „das Wirtschaftssystem“ wieder gewonnen werden. Die Kombination von zwei Elementen ermöglicht dies. Erstens sind es Menschen mit ethischen Standards, die Entscheidungen treffen und umsetzen. Ehrlichkeit, Fairness, fachliche und soziale Kompetenz sind Beispiele für solche Standards. Zweitens geht es um Vertrauensanker. Dies sind Regeln und Strukturen, die erwarten lassen, daß Versprechen auch eingehalten werden. Sie können als commitments verstanden werden, als Möglichkeiten, sich die Hände zu binden, wenn Regelverletzungen naheliegen.

Ethische Standards

Beispiele für Vertrauensanker sind: konsistente nachhaltige Gesamtstrategien, die Vermeidung struktureller Verlierer, das Fehlen widersprüchlicher Ansprüche, aber auch Transparenz und Identität von Unternehmen sowie Reputation für Verläßlichkeit und Glaubwürdigkeit. Gelebte Moral ist die Selbstbindung der Entscheidungsträger in Unternehmen an ethische Standards, deren Einhaltung durch Systemmerkmale gefördert oder erzwungen wird. Dabei geht es um die Freiwilligkeit der Selbstbindung. Es sollen keine Gewinne auf Kosten von Stakeholdern gemacht werden. Ernst genommene ethische Standards sind ein Signal nach innen und außen, die Erwartungsstabilität ermöglichen. Die Selbstbindung der Entscheidungsträger kann als investive Maßnahme verstanden werden. Durch den Verzicht auf unethisches Verhalten entstehen dann neue Möglichkeiten zur Gewinnerzielung, wenn die Bindung tatsächlich glaubwürdig ist. Die Unterlassung einer kurzfristigen Gewinnerzielung zu Lasten von Mitarbeitern, Kunden, Zulieferern, der Gesellschaft , … wird auf diese Weise zu einer rentablen Investition und nicht zu einem Verlust.

Fazit

Gelebte Ethik ist also gleichzeitig ein Fundament für den nachhaltigen Unternehmenserfolg und macht das Unternehmen im eigenen Interesse zu einem wertvollen Gesellschaftsmitglied. Moralisch sein oder ethisch handeln ist dann kein aufgesetztes und künstliches CSR-Konzept von Unternehmen, sondern ein integriertes Element der Unternehmensstrategie. So ist es auch zu kommunizieren und so ist das operative Tagesgeschehen an den Standards auszurichten. Ethik-Seminare und entsprechende Coachings sowie das „Einüben von Moral“ durch Unternehmenseigentümer und Manager sind dann völlig verzichtbar.

2 Antworten auf „Ethik in der Wirtschaft: Angebot und Nachfrage“

  1. Super! Alles ganz einfach! Frau Theurl, könnten Sie bitte noch definieren was wir unter “umweltbelastend”, “Ausbeutung”, und “Bedürfnisorientierung” zu verstehen haben? Gilt Ihre Definition für alle? Was geschieht mit denen, die anderer Meinung sind als Sie? Verhalten die sich unethisch? Und ist es wirklich besonders ethisch einen “Verzicht nicht zugelassener Substanzen” zu üben? Man könnte meinen, dass es sich bei dem Gegenteil davon um eine Straftat handelt. Ist die Vermeidung von Straftaten schon “ethisch”? Könnten Sie das bitte mal für uns alle festlegen? Ach ja: “Es sollen keine Gewinne auf Kosten von Stakeholdern gemacht werden.” Da man Stakeholder wie Arbeiter oder Umweltschützer immer besser stellen kann, wenn man ihnen einen Teil vom Unternehmensgewinn abgibt, meinen Sie damit bestimmt, dass Gewinnmaximierung unethisch ist. Wie sieht dann eigentlich die Alternative aus? Nur damit ich das nicht falsch verstanden habe, wäre ich für eine Präzisierung dankbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.