Der Mindestlohn und was er dem Berufsausbildungsmarkt antut

Zumeist wird die Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes hinsichtlich ihrer allokativen Nebenwirkungen auf dem Arbeitsmarkt oder hinsichtlich ihrer distributiven Konsequenzen diskutiert. Daneben verursacht sie – von vielen gar nicht wahrgenommen – aber zudem auch allokative Wirkungen im Ausbildungsbereich, die alles andere als erfreulich sind. Denn auch hier beeinflusst der Mindestlohn die Lohnunterschiede.

Lohnunterschiede geben auf einem Arbeitsmarkt in der Regel Produktivitätsunterschiede wieder. Produktivitätsunterschiede zwischen Beschäftigten wiederum entstehen üblicherweise aus Unterschieden im am Arbeitsplatz anwendbaren Humankapital der betreffenden Personen. Dies bedeutet, dass Personen mit einer Berufsausbildung, die in ihrem erlernten Beruf arbeiten, mehr verdienen sollten und dürfen als Personen ohne eine solche Berufsausbildung. Ist die Berufsausbildung schwierig und stark nachgefragt, so ist die Entlohnung höher, als wenn die Berufsausbildung leicht zu erlangen ist und/oder wenig nachgefragt. Entfallen die Lohnunterschiede, entfällt auch der Anreiz zur Berufsausbildung. Ist diese Berufsausbildung dann auch noch schwierig oder verursacht sonstige Kosten wie den Verzicht auf den Lohn bei einer alternativen Beschäftigung, lohnt sie sich für viele Personen nicht mehr.

Genau dieses Szenario ist zunehmend auf dem deutschen Berufsausbildungsmarkt zu beobachten. Es gibt zunehmend mehr offene Ausbildungsstellen, ohne dass die Zahl der Ausbildungswilligen, die keinen Ausbildungsplatz finden, weiter zurückgeht. Man spricht im Amtsdeutsch von Passungsproblemen auf dem Ausbildungsmarkt. Hierfür gibt es zwei Gründe:

  • Für manche Ausbildungsstellen mangelt es den Bewerbern aus der Sicht der Unternehmen an der notwendigen Qualität. Dies ist der eine Grund.
  • Für viele Ausbildungsstellen gibt es aber auch gar keine Bewerber, weil die Ausbildungsstellen aus der Sicht der potenziellen Auszubildenden von der Art der Tätigkeit und der Entlohnung her unattraktiv sind – und dies, obwohl viele dieser Ausbildungsplatzsuchenden ohne Ausbildungsplatz bleiben. Dies ist der zweite Grund.

Nun treffen die Besetzungsprobleme vor allem Berufe in der Gastronomie, aber auch den Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk, den Beruf des Klempners, des Bäckers oder des Kochs (siehe Tabelle). Dies alles sind Berufsbilder, die unter Jugendlichen als eher wenig prestigeträchtig gelten und sowohl mit einer geringen Ausbildungsvergütung als auch mit einem überschaubaren Erwerbseinkommen nach Ende der Ausbildung einhergehen. So verdient etwa der Auszubildende im Lebensmittelhandwerk knapp über 400 Euro im Osten und etwas über 500 Euro im Westen. In einigen Berufsbildern kommt hinzu, dass auch die Arbeitsbedingungen oder die Arbeitszeiten nicht wie gewünscht sind.
In diesen Berufen waren die Erfolgsaussichten in den letzten Jahren der Ausbildungsplatznachfrager sehr hoch. Der Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze beträgt hier bis zu 30 Prozent (beim Restaurantfachmann/-frau)!

Bestzungsprobleme
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Das Bundesinstitut für Berufsbildung führt dies auf ein verändertes Berufswahlverhalten der Jugendlichen zurück. „Die Motivation, sich für einen bestimmten Beruf zu bewerben, hänge vom Anreiz (Attraktivität des Berufs) und der vermuteten Erfolgswahrscheinlichkeit ab“ (Matthes et al., 2014).

Nun ändert sich im Rahmen des demografischen Wandels die Gesamtrelation von Angebot und Nachfrage am Ausbildungsmarkt, was auch die subjektiv vermutete Erfolgswahrscheinlichkeit der Jugendlichen bei der Suche nach den gewünschten Ausbildungsplätzen beeinflussen wird (Schier/Ulrich, 2014). Neben dieser Erfolgswahrscheinlichkeit hat sich aber auch der Anreiz, die Wahrnehmung der Attraktivität eines Berufes, geändert. Der neue Mindestlohn suggeriert den Ausbildungsplatzsuchenden nämlich, dass als unqualifizierte Erwerbsperson ein ähnlich hohes Lohneinkommen wie mit einer Berufsausbildung in einem solchen Beruf erzielt werden könne.

Dies mag für manche Jobs auch zumindest temporär gelten. Was dabei aber von den Ausbildungsplatzsuchenden übersehen oder nicht richtig interpretiert wird, ist die verzerrende Wirkung des Mindestlohns auf dem Arbeitsmarkt. Denn der Mindestlohn ist ja kein Knappheitssignal für den Wert unqualifizierter Arbeit an sich. Er geht mit einer höheren Arbeitslosigkeit unter Geringqualifizierten einher. Schon heute sind Geringqualifizierte in einem wesentlichen höheren Prozentsatz von Arbeitslosigkeit betroffen als Personen mit einer Berufsausbildung. Diese höhere Arbeitslosigkeit wird nicht vom Mindestlohn widergespiegelt.

Der Anteil junger Menschen ohne Berufsausbildung, der seit einigen Jahren rückläufig war und von 2005 (16,5 Prozent der 20 bis 24-Jährigen) auf 2011 (13,1 Prozent) um über drei Prozentpunkte gefallen war (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2014, S.285), wird demnächst damit wohl wieder ansteigen. Dies verändert wiederum das Angebot und den Überschuss an formal Unqualifizierten am Arbeitsmarkt, womit die Arbeitslosenquote, die hier in den letzten zehn Jahren im Trend rückläufig war, noch einmal (zusätzlich zu den direkten Mindestlohnwirkungen) steigen dürfte.

Quellen

  1. Bundesinstitut für Berufsbildung, 2014, Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014- Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, Bonn
  2. Matthes, Stephanie, Joachim G. Ulrich, Elisabeth M. Krekel und Günter Walden (2014): Wachsende Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt: Analysen und Lösungsansätze, Bundesinstitut für Berufsbildung, Fachbeiträge im Internet, urn:nbn:de:0035-0531-8
  3. Schier/Friedel, Ulrich/Joachim G. (2014): Übergänge wohin? Auswirkungen sinkender Schulabgängerzahlen auf die Berufswahl und Akzeptanz von Ausbildungsangeboten, Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Heft 110, S.358-373

3 Antworten auf „Der Mindestlohn und was er dem Berufsausbildungsmarkt antut“

  1. Es wäre mal spannend die Absoultzahlen zu sehen. Der Lohn hängt nicht mit der Qualifikation des Einzelnen zusammen. Der Lohn zahlt ja indirekt die Arbeit jener deren Produkte sie benötigen. Das ganze hängt am Unternehmen und dessen Produkten im Markt. Der Lohn ist begrenzt über den Preis und das ist am Ende wieviel andere bereit sind zu zahlen für das Produkt aber nicht die Arbeit.

    Der Mindestlohn ist nicht das Problem. Man kann die staat. Interventionismus bezüglich der Verteilung der Einkommen hinterfragen.

    Aus der Statistik kann man recht einfach rauslesen. Der Hörgerätetechniker ist nicht sehr attraktiv. Der restliche Trend ist nichts anders als, dass Jobs bei denen die eingesetzte Lebensarbeitszeit der Leistungsträger ist (alles ‘manuelle’) nicht sehr beliebt ist. Das hat seinen Grund. Das sind die niedrigen Löhne in .de. Damit schaut alles das über in investierter Lebensarbeitszeit Abgerechnete teuer aus mit den unangenehmen Begleiterscheinungen.

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