Säkulare Stagnation (3)
Angebotsdefizite bremsen Wachstum
Ist die „Eurosklerose“ bald überall?

Von Norbert Berthold am 7. September 2015
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Norbert Berthold
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

„Man kann das Computer-Zeitalter überall sehen – außer in den Produktivitätsstatistiken.“ (Robert Solow, 1987)

Das wirtschaftliche Wachstum kommt nicht richtig in Fahrt. Auch sieben Jahre nach der Finanzkrise dümpelt es vor sich hin. In Europa verschärft die Euro-Krise das Problem. Der Euro-Raum wächst im Trend nicht mehr. Die USA stehen etwas besser da. Sie wachsen zwar, wenn auch nur schwach. Es droht Stagnation. An Nachfrage mangelt es allerdings nicht. Überall schließen sich die Output-Lücken, weil das Produktionspotential langsamer wächst. Der zyklische Schatten der Finanzkrise verschwindet. Keynesianische Stagnationstheoretiker liegen falsch. Wie schnell ein Land langfristig wächst, wird auf der Angebots- nicht auf der Nachfrageseite entschieden. Menge und Qualität von Arbeit und Kapital und der technische Fortschritt sind die entscheidenden Größen. Die keynesianische Medizin staatlicher Nachfrage entfacht ein Strohfeuer, schafft aber kein langfristiges Wachstum. Wer verhindern will, dass der wirtschaftliche Wohlstand stagniert, muss auf der Angebotsseite ansetzen. Die kurze Ära von Keynes nach der Finanzkrise ist vorbei. Das spannende Zeitalter von Schumpeter liegt vor uns.

Determinanten des Wachstums

Das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens ist nicht erst seit der Finanzkrise rückläufig. Einen ersten Dämpfer erhielt das Trend-Wachstum nach den Ölpreis-Krisen in den 70er Jahren. Im Euro-Raum erholte es sich danach nie mehr richtig. Nach der Jahrtausendwende wurde es von einem zweiten, technologischen Schock getroffen. Ein ähnliches Muster ist in den USA zu beobachten. Die Entwicklung in Deutschland verlief zeitlich etwas anders. Die Wiedervereinigung schob in den 90er Jahren das Wachstum an. Danach ging es stetig bergab. Warum Länder mehr oder weniger stark wachsen, ist unter Ökonomen nicht grundsätzlich umstritten. Ein Land wächst schneller als andere, wenn es über bessere und billigere Produktionsfaktoren verfügt. Diese Faktoren können von inländischen Anbietern stammen. Sie entstehen durch temporären Konsumverzicht. Aber sie können auch im Standortwettbewerb von außerhalb attrahiert werden. Dazu müssen allerdings inländische immobile Faktoren für mobile ausländische attraktiv sein.

Wachstum
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Wie schnell das Pro-Kopf-Einkommen wächst, hängt von zweierlei ab: Vom Qualitäts- und Mengenwachstum der Produktionsfaktoren[1]. Das Wachstum der Arbeitsstundenproduktivität gibt wichtige Hinweise auf die Entwicklung des ersten Faktors. Mit dem Wachstum der Beschäftigung kann man grob abschätzen, wie sich die zweite Komponente entwickelt. Im Euro-Raum ist die Trend-Wachstumsrate der Arbeitsstundenproduktivität schon seit Anfang der 90er Jahre rückläufig. Sie nähert sich der Nullgrenze. Das gilt auch für Deutschland. Etwas anders sieht es in den beiden angelsächsischen Ländern aus. In Großbritannien nimmt das Wachstum der Arbeitsstundenproduktivität im Trend der 90er Jahren zunächst noch leicht zu. Erst um die Jahrtausendwende bricht es dann ein. Am aktuellen Rand liegt es nahe Null. Die Entwicklung in den USA ist noch pointierter. Bis zur Jahrtausendwende verdoppelt sich das Trendwachstum der Arbeitsproduktivität, danach halbiert es sich. Es ist aktuell mit etwas über 1 % aber weiter positiv.

Arbeitsproduktivität
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Der zweite Treiber des Wachstums der Pro-Kopf-Einkommen ist das Wachstum der Arbeitsstunden pro Kopf. Sein Einfluss war überall im Trend lange Zeit eher negativ. In den Ländern der EU-15 schrumpften die Arbeitsstunden pro Kopf seit 1990 fast immer. Ein kleiner Lichtblick war ein kurzer Moment nach der Jahrtausendwende. Auch in Großbritannien dominierte bis zur Finanzkrise mehr oder weniger ein Nullwachstum der Arbeitsstunden pro Kopf. Erst seither leistet es im Trend wieder einen positiven Beitrag zum Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens. In den USA geriet das Wachstum der Arbeitsstunden gegen Ende des letzten Jahrtausends ins Minus. Diese Entwicklung hielt bis 2012 an. Seither treibt das Wachstum der Arbeitsstunden das Wachstum der Pro-Kopf-Einkommen. Auch Deutschland reiht sich in das Muster ein. Bis zur Finanzkrise war die durchschnittliche Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Kopf durchweg negativ. Erst seither führt der steigende Trend zu einem positiven Impuls für das Wachstum der Pro-Kopf-Einkommen.

Arbeitsstunden
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Schwächelt der technische Fortschritt?

Die treibenden Kräfte hinter dem Wachstum der Arbeitsstundenproduktivität sind die Qualität der Arbeit, die Vertiefung des Kapitalstocks und die totale Faktorproduktivität. Quantitativ am wichtigsten ist die totale Faktorproduktivität. Sie misst den Einfluss aller Faktoren, die nicht Arbeit und Kapital zugeschrieben werden können. Dabei kommt dem technischen Fortschritt eine besondere Rolle zu. Seit einiger Zeit schwächelt nun aber die totale Faktorproduktivität. Das gilt überall. Die Wachstumsraten sind seit Anfang der 90er Jahre für die EU-19 rückläufig. Besonders stark fällt der Rückgang allerdings in Deutschland aus. Seit der Jahrtausendwende geht auch in Großbritannien die Wachstumsrate zurück. Das Zeitalter der wirtschaftlichen Konvergenz scheint zu Ende zu gehen. Die Europäer können immer weniger Honig saugen, indem sie auf die neuste amerikanische Technologie zurückgreifen. Das eigentlich Beunruhigende ist allerdings, dass die Wachstumsrate der totalen Faktorproduktivität auch in den USA schwächelt. Sie bewegt sich spätestens seit 2005 auf relativ niedrigem Niveau.

TFP
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Vielleicht ist das rückläufige Trendwachstum der Arbeitsstundenproduktivität aber auch nur eine Rückkehr zur Normalität. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg bis zu den Ölpreiskrisen war eine Epoche übermäßig hoher Wachstumsraten. Sie halbierten sich von Mitte der 70er bis Mitte der 90er Jahre. Dann kam ein Jahrzehnt, in dem die Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität die hohen Werte der Nachkriegszeit wieder erreichten. Seit Mitte der 00er Jahre ist aber alles wieder so wie direkt nach den beiden Ölpreiskrisen. Das „goldene“ Jahrzehnt um die Jahrtausendwende scheint also eher die Ausnahme zu sein. Die Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität seit Mitte der 70er  Jahre sind wohl die Regel. Das ausnahmsweise gute Jahrzehnt für das Wachstum der Arbeitsproduktivität um die Jahrtausendwende hat viel mit dem Aufschwung der ICT-Branchen zu tun. Davon profitierten vor allem Sektoren, die ICT entwickelten und einsetzten. Darauf deuten zumindest die hohen Wachstumsraten der Investitionen in ICT-Kapital in den USA, Großbritannien und Deutschland in dieser Zeit hin. Die atypisch hohen Wachstumsraten des ICT-Kapitals in Deutschland seit 2010 lassen für das künftige Wachstum hierzulande hoffen.

Kapital und ICT
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Sinkt die Erwerbsquote weiter?

Die Arbeitsstunden pro Kopf lassen sich in drei Faktoren[2] zerlegen: Wie viele Stunden arbeiten die Erwerbstätigen? Wie viele der Erwerbsfähigen sind erwerbstätig? Welcher Anteil der Bevölkerung steht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung? Neben der Länge der Arbeitszeiten der Erwerbstätigen bestimmen also die Beschäftigungs- und Erwerbsquote mit darüber, wie hoch die Arbeitsstunden pro Kopf sind. Wie schnell in einem Land die Arbeitsstunden pro Kopf wachsen, hängt deshalb davon ab, wie sich die Arbeitszeiten, die Beschäftigungs- und die Erwerbsquote verändern. Die Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen gehen eher zurück. Das gilt durchgehend für die EU-15. Die Fortschritte in der Arbeitsproduktivität werden für höhere Löhnen und kürzere Arbeitszeiten verwandt. Lange Zeit dominierte der Arbeitszeit-Effekt. Dieses Muster gilt auch für die USA und Großbritannien. Bis Mitte der 00er Jahre ging die Arbeitszeit zurück. Seither scheint allerdings der Trend zu immer kürzeren Arbeitszeiten gebrochen. Diese Entwicklung ist aber eher zyklisch. Sie ist der besseren Lage auf den Arbeitsmärkten geschuldet.

Arbeitsstunden
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Die Beschäftigungsquoten entwickeln sich überall eher zyklisch. Ein säkularer Trend ist nicht auszumachen. Das gilt zumindest für die beiden angelsächsischen Länder. Es trifft aber nicht für die EU-15 zu. Dort verringern strukturelle Faktoren die Beschäftigungsquoten kontinuierlich. Deutschland tanzt aus der Reihe. Die Beschäftigungsquote erhöht sich seit den Hartz-Reformen stetig. Der eigentlich spannende Aspekt ist allerdings die Entwicklung der Erwerbsquote. Sie geht schon lange vor der Finanz- und Euro-Krise zurück. Das gilt nicht nur für die EU-15, es trifft auch für die USA zu. Die Gründe sind strukturell. Alternde Baby-Boom-Generationen, entmutige junge und weniger qualifizierte Arbeitslose und längere Ausbildungszeiten der jungen Altersjahrgänge prägen den Trend. Alle drei Faktoren verringern die Erwerbsquote. In den USA wird die Hälfte durch die Baby-Boomer erklärt. Dem steht allerdings gegenüber, dass mehr länger lebende und gesündere Ältere erwerbstätig bleiben und auch die Erwerbsquote der Frauen weiter ansteigen wird. Gegenwärtig dominieren die ersten Effekte die zweiten. Da die jüngsten Baby-Boomer erst Anfang 50 sind, wird die Erwerbsquote noch eine Weile sinken.

Spekulationen über die Zukunft

Es ist offensichtlich: Das Wachstum schwächelt sowohl in Europa als auch den USA. Eine neue Entwicklung ist das aber nicht. Die Finanz- und Euro-Krise haben sie nicht ausgelöst. Der Wachstumstrend zeigt schon länger nach unten. Ob diese Entwicklung anhält, ist ungewiss. Das Gespenst der säkularen Stagnation spukt allerdings schon. Es existieren keine soliden Prognosen über das künftige Wachstum. Die Spekulation dominiert. Es gibt aber Hinweise, welche Faktoren relevant sind. Empirische Studien zum wirtschaftlichen Wachstum zeigen, dass die Einkommensunterschiede zwischen Ländern zu 10 – 30 % auf Unterschiede im Humankapital, zu ungefähr 20 % auf Differenzen im Realkapital und zu 50 – 70 % auf Unterschiede in der totalen Faktorproduktivität zurückzuführen sind. Der technische Fortschritt beeinflusst das wirtschaftliche Wachstum am stärksten. Schwächelt die technologische Entwicklung, wird auch der materielle Wohlstand stagnieren. Kein Wunder, dass sich die Prognosen auf die totale Faktorproduktivität konzentrieren.

Wie das künftige Wachstum der totalen Faktorproduktivität ausfällt, ist höchst umstritten. Robert J. Gordon artikuliert die Meinung der Pessimisten. Er glaubt, dass die tief hängenden Früchte der letzten wichtigen technologischen Entwicklung (ICT) abgeerntet sind. Neue grundlegende Entwicklungen, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten und die Wirtschaft grundlegend umwälzen, seien in der nächsten Zeit nicht zu erwarten. Das gilt auch für die nächsten 25 – 40 Jahre. Er sieht auch nichts, was die Lage verbessern könnte. Das Wachstum stoße an Grenzen. Ihm bliesen vier „Winde“ ins Gesicht: Die demographische Entwicklung bewirke, das die Erwerbsquote weiter sinken werde. Die Bildung für breite Schichten stoße an Grenzen, die Erziehung verlöre weiter an Qualität. Die Ungleichheit der Einkommen verringere die Investitionen in Humankapital, führe zu mehr Umverteilung und nehme den Unternehmen die Lust am Investieren. Die staatliche Verschuldung steige weiter und verzerre die Allokation der Ressourcen noch stärker. Das alles trage dazu bei, dass die totale Faktorproduktivität weiter vor sich hin dümpeln werde.

Nicht alle sehen die künftige technologische Entwicklung so düster. Überall revolutionieren neue Technologien die Ökonomie. Der Einsatz der ICT- und Nano-Technologie, der Bionik, der Medizintechnik und Robotik krempelt die Prozesse der Produktion um. Neue Produkte schießen nicht nur im digitalen Bereich wie Pilze aus dem Boden. Die Nano-Technologie gilt vielen als neue „Basisinnovation“. Täglich entstehen neue Märkte. Der Bereich der Dienstleistungen wächst rasant. Neue Unternehmen expandieren auf Feldern, die bisher unbekannt waren. Unternehmen organisieren sich grundlegend neu (Industrie 4.0). Das ist „Schumpeter pur“. Eigentlich müsste das wirtschaftliche Wachstum explodieren. Nur: In der Realität sieht man davon (noch) recht wenig. Stephen S. Roach formuliert es in Anlehnung an die rhetorische Spitze von Robert Solow in den 80er Jahren zum „Produktivitätsrätsel“ so: „Das ‚Internet of Everything‘ ist überall erkennbar außer in den Produktivitätsstatistiken.“ Barry Eichengreen, der bekannte Wirtschaftshistoriker aus Berkley, rät zu mehr Geduld. Das höhere Produktivitätswachstum warte um die Ecke. Die Angst vor säkularer Stagnation sei unbegründet.

Fazit

Das Wachstum der Pro-Kopf-Einkommen in reichen Ländern schwächelt. Auslöser war aber weder die Finanz- noch die Euro-Krise. Mit dem Wachstum geht es schon länger bergab. Das träge Wachstum der Beschäftigung hat die Misere verstärkt. Eine rückläufige Erwerbsquote war der wichtigste Treiber. Diese Entwicklung wächst sich allerdings mit der Generation der Baby-Boomer aus. Eine säkulare Stagnation kann sie nicht begründen. Die wichtigste Ursache der Wachstumsschwäche ist das rückläufige Wachstum der Arbeitsproduktivität. Der eigentliche Störenfried ist die rückläufige Rate des technischen Fortschritts. Die Produktion von marktverwertbarem Wissen lahmt und verbreitet sich zu langsam. Noch hat die Ökonomie keine brauchbare Theorie, mit der sie künftige technologische Entwicklungen seriös prognostizieren könnte[3]. Alle Prognosen sind eine Anmaßung von Wissen. Es ist Aufgabe der Unternehmer herauszufinden, welche Technologien zukunftsträchtig sind. Sie sind die Trüffelschweine der Marktwirtschaft. Mehr wirtschaftliche Freiheit macht ihnen das Leben leichter und uns alle wohlhabender.

 


[1] Die Wachstumsrate des realen Einkommens pro Kopf kann in die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität (Produktivitätswachstum) und die Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Kopf (Beschäftigungswachstum) zerlegt werden.

[2] Die Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Kopf lässt sich in die Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen, die Wachstumsrate der Erwerbstätigten pro Erwerbspersonen (Beschäftigungsquote) und die Wachstumsrate der Erwerbspersonen pro Kopf (Erwerbsquote) zerlegen.

[3] Der Physiker Niels Bohr hat es so formuliert: „Prognosen sind im Allgemeinen schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“.

 

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Norbert Berthold: Nachfragemangel schwächt langfristiges Wachstum. Gute Idee oder heiße Luft?

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