Gehaltsexzesse im Profifußball

Von Frank Daumann am 5. September 2017
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Frank Daumann
Friedrich-Schiller-Universität Jena

Für den Wechsel des brasilianischen Fußballspielers Neymar zum Pariser Club St Germain wurde ein neuer Rekord bei der Ablösesumme aufgestellt. So erhielt der abgebende Verein FC Barcelona 222 Mio. Euro für diesen Wechsel. Zudem wird kolpotiert, daß Neymar zukünftig ein Jahresgehalt von 30 Mio. Euro netto bezieht. Nun sind das nicht Ergebnisse einer fernen Welt (Paris ist von Aachen mit dem Zug in weniger als drei Stunden erreichbar), sondern die Fußballspieler verdienen auch in der Bundesliga erhebliche Summen: So werden die Gehälter von Thomas Müller und Manuel Neuer (beide Bayern München) mit etwa mit 15 Mio. Euro beziffert. Auch Marco Reus und Mario Götze (beide Borussia Dortmund) verdienen mit 10 Mio. bzw. 8 Mio. vergleichsweise gut (hier). Insgesamt liegen die Durchschnittsgehälter der Fußballprofis in der 1. Bundesliga bei etwa 1,5 Mio. Euro.

Einerseits könnte man unter dem Aspekt des Neids dies als unverschämt hohe Summen bezeichnen; anderseits könnte man sich auch freuen, daß es möglich ist, ein derartig hohes Einkommen erzielen. Beides wollen wir nicht weiter vertiefen – hierzu sei auf den Post „Verdient Ronaldo zuviel?“ verwiesen. Uns soll interessieren, warum derartig hohe Gehälter entstehen.

Der Markt für Profifußballer ist ein typischer Faktormarkt, auf dem die Nachfrage eine aus den Absatzmärkten abgeleitete ist. Wenn auf diesem Faktormarkt ein typisches Angebot herrscht, d.h., mit steigendem Lohn wird mehr „Arbeitskraft“ angeboten, dann führt eine steigende Nachfrage nach Spielern zu höheren Gehältern.

Laut DFL-Report 2017 vereinnahmten die achtzehn Bundesligaklubs in der Saison 2015/16 eine Gesamtsumme von 3.244 Mio. Euro, die sich aus 16,26% (= 528 Mio. Euro) Ticketeinnahmen, 23,81% (= 773 Mio. Euro) Werbeeinnahmen, 28,77% (= 933 Mio. Euro) Einnahmen medialer Verwertung (insbesondere Einnahmen aus der Veräußerung von TV-Übertragungsrechten), 16,41% (= 533 Mio. Euro) Transfereinnahmen, 6,22% (= 201 Mio. Euro) Merchandising-Einnahmen und 8,52% (= 277 Mio. Euro) sonstige Einnahmen zusammensetzt. Dabei betrugen die Ausgaben für Spieler, Trainer und den Betreuerstab lediglich 34,9% der Gesamtkosten, wobei die durchschnittlichen Kosten der Klubs deutlich unter den durchschnittlichen Einnahmen liegen.

Wenn man sich die Entwicklung der Gesamteinnahmen der achtzehn Bundesligaklubs betrachtet, so haben sich diese in den letzten zehn Jahren von 1.287 Mio. Euro (2005/06) auf 3.244 Mio. Euro (2015/16), also um nominal etwa 150%, erhöht. Die bedeutendste Einnahmenkomponente (Einnahmen aus der medialen Verwertung) stieg von 291 Mio. Euro (2005/6) auf 933 Mio. Euro in der Saison 2015/16: Diese Einnahmen haben sich nominal mehr als verdreifacht. Die bislang ungebrochene Zunahme der Nachfrage nach der Unterhaltungsdienstleistung Bundesligafußball hat also den Klubs erhebliche Einnahmenzuwächse verschafft. Ähnliche Entwicklungen finden wir bei allen anderen bedeutenden Fußballigen (Premier League, Primera Division, Serie A, Ligue 1).

Betrachtet man auf der anderen Seite das Angebot, so stellt man folgendes fest: Die Produktion der Unterhaltungsdienstleistung „Fußballspiel“ ist sehr arbeitsintensiv; der Produktionsfaktor Arbeit kann nur in geringem Umfang durch Kapital ersetzt werden (dies erfolgt vielleicht in Form der Verletzungsbehandlung – ein „normaler“ Mensch würde wahrscheinlich bei einer Ruptur der Außenbänder des Sprunggelenks mit acht Wochen Ausfallzeit rechnen müssen, Profifußballer spielen in der Regel bei einer derartigen Verletzung nach einer wesentlich kürzeren Zeit wieder). Zudem ist das Risiko bei der Berufswahl und -ausübung sehr hoch: Zum einen existieren hohe Opportunitätskosten, d.h., die meisten angehenden Profifußballer finden kaum zeitliche Möglichkeiten, eine simultane Berufsausbildung oder ein Studium zu realisieren. Zum anderen gibt es nur geringe Möglichkeiten, die Talententwicklung im Vorfeld einzuschätzen (meist wird eine altersbedingte körperliche Entwicklung als Talent fehlinterpretiert, was sich darin äußert, daß Spieler, die im ersten Quartal eines Jahres geboren wurden, wesentlich stärker in vielen Profimannschaften vertreten sind als Spieler, die am Ende des Jahres geboren wurden). Weiterhin besteht für die Spieler eine hohe Verletzungsgefahr, die vergleichsweise schnell in Sportinvalidität münden kann. Und die Dauer der Karriere ist mit maximal 10 bis 15 Jahren vergleichsweise kurz. Mit anderen Worten ist die Erfolgswahrscheinlichkeit für einen jungen Menschen, der sich dem Fußball verschrieben hat, als Profi Karriere zu machen, sehr gering, was viele potentielle Talente (und vor allem auf Intervention deren Eltern) davon abhalten wird, diesen Karriereweg einzuschlagen. Das Angebot an hochklassigen und leistungsfähigen Spieler dürfte daher eher knapp ausfallen.

Die Ausweitung der Nachfrage auf der einen Seite und das eher knappe Angebot auf der anderen Seite erklären die hohen Gehälter der Spieler. Werden die Einnahmen der Klubs in der Zukunft ähnlich wachsen wie in der Vergangenheit und bleibt das Angebot an Spielern auf demselben Niveau, dann werden sich auch die Gehälter der Spieler weiter erhöhen.

Natürlich könnte man dem Neidaspekt nachgeben und eine Gehaltsobergrenze (salary cap) fordern (hier), die etwa ein maximales Spielergehalt von zwei Millionen vorsehen würde. Ein derartiger prozeßpolitischer Eingriff wäre nicht nur ordnungsinkonform, da er die freie Preisbildung auf dem Faktormarkt aushebeln würde, sondern ein derartiger Höchstpreis hätte noch andere Folgen: Würden die anderen Ligen nicht mitziehen, dann würden die guten Spieler dorthin abwandern. Dies wäre vor allem ein Anreiz für Spieler, die in anderen Ligen mehr als zwei Millionen verdienen könnten. Weiterhin würden die Klubs versuchen, derartige Caps zu umgehen, indem etwa den Spielern zusätzliche Leistungen angeboten würden (kostenlose Wohnung, Autos etc.) oder aber die Ehefrauen/Freudinnen der Spieler mit hohen Gehältern bei Sponsoren beschäftigt würden. Der Gesetzgeber oder auch die Liga wären also gezwungen nachzusteuern, was eine Interventionsspirale nach sich ziehen würde. Zudem würde eine Begrenzung der Gehälter nicht den Zuschauern zugutekommen, sondern dazu führen, daß die wirtschaftliche Situation der Profiklubs sich verbessern würde.

Alles in allem kann man wohl feststellen, daß die Ursache der Gehaltsentwicklung im Profifußball die Zahlungsbereitschaft der Nachfrage ist, die auf eine geschickte Vermarktung dieser Unterhaltungsdienstleistung trifft. Prozeßpolitische Eingriffe in diesem Markt würden nicht nur die freie Preisbildung beeinträchtigen und wären damit nicht ordnungskonform, sondern würden auch erhebliche negative Folgewirkungen nach sich ziehen.

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