Gastbeitrag:
Profitiert Deutschland am meisten vom Euro?

Von Renate Ohr am 13. März 2011
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Renate Ohr
Universität Göttingen

Vor dem Hintergrund der Schuldenkrisen einiger EWU-Mitgliedsländer sollen das Treffen der EWU-Regierungschefs am 11. März und der EU-Gipfel Ende März dazu dienen, neue institutionelle Pfeiler zur Stabilisierung des Euro und der Europäischen Währungsunion einzuschlagen. Doch welcher Art werden die Beschlüsse sein? Zu befürchten ist, dass es letztlich doch nur auf eine Aufstockung des sog. „Euro-Rettungsschirms“ hinaus läuft, dass es nicht gelingt, eine anreizkompatible Strategie gegen Überschuldungskrisen zu beschließen und dass der Übergang zu einer Transferunion immer wahrscheinlicher wird. Dies zum Anlass nehmend, haben knapp 200 deutsche Ökonomen einen Aufruf veröffentlicht, der aufzeigt, wie stattdessen mit Hilfe geordneter Umschuldungsverfahren eine nachhaltigere Krisenbewältigung und -prävention möglich wäre.

Obwohl auch internationale Ökonomengruppen wie die European Economic Advisory Group ähnliche Argumente vorbringen, werden die meisten Bedenken gegenüber den jüngsten Entwicklungen in der EWU von deutschen Ökonomen geäußert. Ein nicht unwesentlicher Grund ist, dass Deutschland mit am meisten unter der Vergemeinschaftung der Schulden einzelner Euro-Mitgliedstaaten leiden würde – sei es, weil Deutschland am meisten zum „Rettungsschirm“ beiträgt, aber auch, weil eine solche Politik die Anreize für fiskalisches Fehlverhalten erhöht und die Glaubwürdigkeit der Europäischen Zentralbank untergräbt. Für eine Volkswirtschaft, die ihren Wohlstand in den letzten 50 Jahren nicht zuletzt durch ihre stabile Währung gesichert hat, ist dies ein nicht zu unterschätzendes Risiko.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Gegenstimmen: So wird oftmals argumentiert, Deutschland profitiere ja am meisten vom Euro! Der Euro müsse daher – koste es, was es wolle – „gerettet“ werden. Unabhängig davon, ob der Euro und die Währungsgemeinschaft überhaupt durch einen ausufernden „Rettungsschirm“ nachhaltig stabilisiert werden kann, stellt sich damit die Frage, wie wichtig der Euro tatsächlich für die deutsche Wirtschaft ist. Was ist der Nutzen des Euro und können daher die durch den Euro entstehenden Kosten gerechtfertigt werden?

Die Vorteile einer Währungsunion werden in der Senkung von Transaktionskosten gesehen, im Wegfall von Wechselkursrisiken und den damit einhergehenden Risikoprämien, in der Ausschaltung spekulativer Falschbewertungen und in der Tatsache, dass die Mitgliedsländer zu einem Geld übergehen „das sie nicht selbst herstellen können“ (Olaf Sievert). Letztlich werde hierdurch der Handels- und Kapitalverkehr im integrierten Währungsraum intensiviert, die Allokation verbessert und die Wohlfahrt gesteigert. Deutschland als dominierende Exportnation müsste dabei von der Verringerung der Transaktionskosten und der innerhalb der Währungsunion nun ausgeschalteten Aufwertungsgefahr eigentlich besonders stark profitieren.

Betrachtet man jedoch die Außenhandelsentwicklung Deutschlands seit dem Beginn der Währungsunion, so zeigt sich, dass der Handel mit Nicht-Euro-Ländern stärker zugenommen hat als der Handel mit den Euro-Partnern. Die Existenz einer einheitlichen Währung ist für den deutschen Handel also gar nicht so entscheidend: Der Export Deutschlands ist weniger preiselastisch als in den meisten anderen Ländern und dafür einkommenselastischer. Die Konjunktur der Handelspartner ist somit entscheidender für unsere Exporterfolge als der Außenwert der Währung. Auch der Europäische Binnenmarkt funktioniert mit den Euro-Partnern nicht besser als mit denjenigen EU-Ländern, die noch ihre eigene Währung besitzen.

Die anderen möglichen Vorteile einer Währungsunion – Verringerung der Risikoprämien und Übergang zu einem „besseren Geld“ – betreffen die früheren Schwachwährungsländer und nicht das frühere Starkwährungsland Deutschland. Wir konnten/können mit dem Euro allenfalls eine genauso gute Währung bekommen wie wir sie zuvor hatten, aber kaum eine bessere.

Dafür haben wir aber viel zu verlieren: Der Euro kann seine allokative und stabilitätspolitische Effizienz nur entfalten, wenn im Falle unterschiedlicher realwirtschaftlicher Entwicklungen der Wechselkurs – als früherer monetärer Puffer – durch andere Anpassungsmechanismen (z.B. Mobilität und Flexibilität auf den Arbeits- und Kapitalmärkten) ersetzt wird. Zudem muss die EZB willens und fähig sein, eine stabilitätsgerechte Geld- und Währungspolitik zu praktizieren, die nicht durch destabilisierendes Verhalten nationaler Regierungen unterlaufen wird. Ist dies beides nicht gewährleistet – und die jüngeren Erfahrungen seit der Schuldenkrise Griechenlands sprechen dafür – so stehen wenig günstige Perspektiven im Raum: Höhere Risikoprämien auch für deutsche Staatstitel, höhere Inflation und zunehmende Verteilungskonflikte in der Währungsgemeinschaft, die zur Zerreißprobe werden können.

Doch zeigen nicht unsere Leistungsbilanzüberschüsse und die entsprechenden Defizite in Griechenland oder Portugal, dass wir doch die Gewinner sind? Nein, denn Leistungsbilanzsalden können sehr wohl für beide Seiten effizient sein, wenn die kompensierenden Kapitalströme „in die richtige Richtung“ und die richtige (investive) Verwendung fließen. Korrekturbedarf besteht nur, wenn die Leistungsbilanzdefizite Folge einer anhaltenden preislichen Wettbewerbsschwäche und eines Überkonsums sind. Sie sind dann zugleich nicht Ursache, sondern Symptom struktureller Fehlentwicklungen im Defizitland. Die Verantwortung für ihre Korrektur muss dann aber auch dort und nicht im Überschussland liegen.

Der Euro hat mittlerweile eine über das Ökonomische hinaus wirkende wichtige integrationspolitische Bedeutung. Die Verantwortung für sein Funktionieren darf aber nicht allein den soliden Ländern aufgebürdet werden, sondern muss von allen gleichermaßen übernommen werden.

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3 Reaktionen zu “Gastbeitrag:
Profitiert Deutschland am meisten vom Euro?”

  1. nk

    „““Der Euro hat mittlerweile eine über das Ökonomische hinaus wirkende wichtige integrationspolitische Bedeutung. Die Verantwortung für sein Funktionieren darf aber nicht allein den soliden Ländern aufgebürdet werden, sondern muss von allen gleichermaßen übernommen werden.
    „““
    Mag ja sein, aber ich für mein Teil – und wahrscheinlich immer mehr andere – verlieren mehr und mehr den Spass an der Sache ‚Integration‘ . Man kann die Integration auch als ein Kartell der Regierenden sehen : Je mehr die sich zusammenschliessen, desto weiter muss ich auswandern, um zu entkommen und desto schwieriger wird das.

    Unter dem Gesichtspunkt der persönlichen Freiheit ist die Kleinstaaterei allemal attraktiver, man kann ja in Teilbereichen, z.B. dem Militär zusammenarbeiten.

  2. Arne Krueger

    A Political Currency

    by Steve H. Hanke

    Steve H. Hanke is a Professor of Applied Economics at The Johns Hopkins University in Baltimore and a Senior Fellow at the Cato Institute in Washington, D.C.

    Added to cato.org on March 9, 2011

    This article appeared in The Wall Street Journal Europe on March 8, 2011.

    Since its inception in June 1998, the European Central Bank (ECB) has been error-prone. An initial and significant design flaw appeared when the ECB latched onto the fashion of the day: inflation targeting. In consequence, the ECB has displayed a propensity to either tighten or loosen monetary policy at precisely the wrong moments.

    One of those inauspicious episodes occurred during the summer of 2008, when the ECB pushed interest rates upwards. By blindly embracing inflation targeting, the ECB ramped up interest rates, even though Europe had been in the grip of a recession for two quarters. More ominously, the biggest financial crisis since the Great Depression was brewing — a fact that had bubbled to the surface in the summer of 2007, when Europe’s interbank markets seized up.

    Rather than correctly diagnosing Europe’s interbank malfunctions as a symptom of sovereign and bank insolvencies, the ECB and Europe’s political elites instead pushed the button marked „liquidity deficiency.“ This placed the euro on center stage and took the public’s eye off the source of the problem: too much debt and associated insolvencies. The heart of the problem is simply too much borrowing that can never be paid back on the terms promised — not a euro problem per se.

    The best antidote for over-indebtedness is a good haircut. But haircuts are not in the political cards. Instead, the ECB has morphed into the euro zone’s „bad bank,“ taking on enough questionable credits to sink a battleship.

    The euro remains a creature of politics, not economics and finance. Indeed, most of the economic arguments — both pro and con — have been, and continue to be, either wrong or irrelevant. The hallmarks of this project have been more politicization, more centralization and more „harmonization.“

    What does the future hold for the euro? If history is a guide, the French will provide the direction and the Germans will foot the bill. But history is not an infallible guide. Everything depends on Europe’s politicos, whose priorities are unknown. There are good reasons for the skeptics to remain, well, skeptical.

  3. Hans Prömm

    Liebe Frau Ohr, warum so leise, wenn sie zur Erkenntnis kommen: „Die Existenz einer einheitlichen Währung ist für den deutschen Handel also gar nicht so entscheidend…“ und „Auch der Europäische Binnenmarkt funktioniert mit den Euro-Partnern nicht besser als mit denjenigen EU-Ländern, die noch ihre eigene Währung besitzen.“?

    Wieso schreiben Sie nicht klipp und klar: Aus ökonomischer Sicht ist der einzig belegbare Nutzen der gemeinsamen Währung Euro die (vernachlässigbare) Verringerung von Transaktionskosten. Hingegen sind die Schäden, die der Euro Deutschland bis heute verursacht und noch verursachen wird – existenzbedrohend.

    Genau wie Ihr Kollege Straubhaar (http://straubhaar-blog.abendblatt.de/2010/05/17/maastricht-war-kein-fehler/) scheuen Sie sich, die ökonomische Wahrheit, die Ihnen bewußt sein muss, unmißverständlich auszusprechen? Warum?

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