Varianten des Kapitalismus
S’ Weckle oder s’Zehnerle
Abschied von sozialpolitischen Illusionen

Das „Europäische Sozialmodell“ hat in der politischen Rhetorik einen festen Platz. Tatsächlich kann aber von dem einen Modell keine Rede sein. Die Länder in Europa haben ihre Volkswirtschaften unterschiedlich organisiert. Vier Welten dominieren die Szene: die nordische, angelsächsische, kontinentale und mediterrane. Die Varianten unterscheiden sich in vielem, auch in der ökonomischen Effizienz und sozialen „Gerechtigkeit“. In der Ökonomie wird von einem Konflikt zwischen den beiden Zielen ausgegangen. Man kann nicht beides gleichzeitig haben. In der angelsächsischen und kontinentalen Welt ist dieser Zielkonflikt offensichtlich. Die nordische Variante scheint ihn aber zu überwinden: Ist mehr „Gerechtigkeit“ auch ohne Verlust an Effizienz möglich?

Die Fakten

Tatsächlich geben die Länder der nordischen Welt, Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden, seit langem mehr für Soziales aus als alle anderen Welten. Neuerdings dicht auf den Fersen ist ihnen allerdings die kontinentale Welt. Die mediterranen Länder holen gegenüber den beiden Spitzenreitern auf, weil sie mehr ausgeben. Das Schlusslicht bildet weiter die angelsächsische Welt. Auch ein Blick auf die gesamten staatlichen Ausgaben bestätigt das Bild grundsätzlich sehr aktiver nordischer Staaten. Allerdings ist der Staat in allen vier Welten seit Anfang der 90er Jahre auf dem Rückzug. Die Unterschiede zwischen den Welten werden aber kleiner. Zumindest am aktuellen Rand scheinen die staatlichen Ausgaben eher zu konvergieren.

Das unterschiedliche staatliche Ausgabenverhalten in den Welten hinterlässt Spuren bei der sozialen „Gerechtigkeit“. Unübersehbar ist dies bei der Armutsrate. Die Länder der nordischen Welt schneiden seit Anfang der 80er Jahre am besten ab. Nicht viel schlechter ist allerdings die kontinentale Welt. Seit Mitte der 90er Jahre haben die kontinentalen Länder auf diesem Feld aufgeholt. Abgeschlagen folgen die mediterrane und angelsächsische Welt. Allerdings unterscheidet sich die Armutsrate in den Ländern der mediterranen Welt nicht sehr stark von denen der angelsächsischen, obwohl die Angelsachsen im Kampf gegen Armut weniger ausgeben. Das Bild ändert sich auch nicht, wenn die Entwicklung der Ungleichheit der Einkommen, gemessen am Gini-Koeffizienten, betrachtet wird.

Wo der Sozialstaat im Kampf um mehr „Gerechtigkeit“ großzügiger ist, sollte eigentlich die Effizienz leiden. Das Sozialprodukt pro Kopf müsste in den Welten mit einem großzügigeren Sozialstaat niedriger ausfallen als anderswo. Auf den ersten Blick scheint das aber nicht der Fall. Zwar ist das Pro-Kopf-Einkommen in den nordischen Ländern nicht ganz Spitze. Weit weg von dem der angelsächsischen Welt, die seit Anfang der 90er vom irischen Wunder geprägt ist, ist es allerdings auch nicht. Das scheint für einen „free lunch“ zu sprechen: mehr soziale „Gerechtigkeit“ bei gleichzeitig hoher ökonomischer Effizienz. Der traditionelle Zielkonflikt scheint aufgehoben.

S’ Weckle und s’ Zehnerle?

Wie lässt sich der offensichtliche Widerspruch zur ökonomischen Theorie erklären? Zwei mögliche Antworten werden angeboten: Zum einen wird darauf verwiesen, dass die Länder der nordischen Welt wirtschaftlich nicht nur offener sind als andere, sie haben sich seit den 90er Jahren noch weiter geöffnet. Zum anderen zählen die nordischen Länder neben den angelsächsischen zu denen, die den Grad der wirtschaftlichen Freiheit weltweit am stärksten erhöht haben. Die Effizienzgewinne aus mehr wirtschaftlicher Freiheit und einem höheren Offenheitsgrad wurden nur zum Teil verwandt, um einen großzügigen, effizienzverschlingenden Sozialstaat aufrecht zu erhalten. Der Netto-Effekt auf die Effizienz ist weiter positiv.

Eine sorgfältige ökonometrische Analyse bestätigt diese theoretischen Überlegungen. Die nordische Welt ist kein Sonderfall, der Zielkonflikt zwischen „Gerechtigkeit“ und Effizienz ist auch dort nicht aufgehoben. Die alte Erkenntnis der Ökonomie gilt weiter: Man kann nicht beides haben: s’ Weckle und s’ Zehnerle. Es gibt keinen „free lunch“. Auch im Norden haben Sozialausgaben einen negativen Einfluss auf das Sozialprodukt pro Kopf. Das gilt sowohl für die Ausgaben, die für umverteilungspolitische Aktivitäten aufgewandt werden. Die Anreizwirkungen sind negativ. Es trifft aber auch zu für die Ausgaben, mit denen ein staatlicher Versicherungsschutz in den Systemen der Sozialen Sicherung angeboten wird.

Allerdings deuten die empirischen Ergebnisse darauf hin, dass der „trade off“ in der nordischen Welt milder ausfällt. Die Kosten sozialstaatlicher Aktivitäten sind zwar nicht vernachlässigbar, sie sind aber geringer als anderswo. Der Sozialstaat scheint besser organisiert, als in anderen Welten. Wichtige Schützenhilfe leisten funktionsfähigere Arbeitsmärkte und verstärkte Investitionen in Humankapital. Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Die ökonomische Effizienz steigt, die wirtschaftliche Ungleichheit geht zurück. Es spricht vieles dafür, dass in der nordischen Welt mehr Wert auf diese beiden strategischen Parameter gelegt wird als anderswo.

Fazit

Der alte Glaubenssatz der Ökonomie bleibt erhalten: Soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Effizienz stehen in einem Zielkonflikt. Allerdings lässt er sich auf zwei Wegen entschärfen. Zum einen durch einen effizienter organisierten Sozialstaat, der sich bei der Produktion von „sozialer Sicherheit“ und „sozialer Gerechtigkeit“ auf seine Kernkompetenzen beschränkt. Zum anderen durch funktionsfähigere Güter- und Faktormärkte. Das hat schon Walter Eucken angemahnt: „Soziale Gerechtigkeit sollte man also durch Schaffung einer funktionsfähigen Gesamtordnung und insbesondere dadurch herzustellen suchen, dass man die Einkommensbildung den strengen Regeln des Wettbewerbs, des Risikos und der Haftung unterwirft“ (Eucken, W., Grundsätze der Wirtschaftspolitik. 4. Aufl., Tübingen u.a. 1968, S. 317).