Ordnungspolitische Denker heute (6)
„Ökonomischer Imperialismus“: Zu Gary S. Beckers ökonomischer Theorie der Familie

Von Wolf Schäfer am 5. Juni 2014
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Wolf Schäfer
Helmut-Schmidt-Universität Hamburg

1. Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens

Ökonomen haben einen schweren Stand, wenn sie die Dinge dieser Welt mit dem Instrumentarium der ökonomischen Analytik zu erklären versuchen. „Ökonomischer Imperialismus“  auf der Basis eines Menschenbildes des homo oeconomicus heißt die gemeinhin abschätzig benutzte Abwehrvokabel, wenn es gilt, das Paradigma der Vorteil-Nachteil-Abwägung im menschlichen Handeln prinzipiell in Frage zu stellen. Wenn „ökonomischer Imperialismus“ bedeuten soll, dass es unstatthaft ist, sich aller Lebensbereiche mit der ökonomischen Analytik zu bemächtigen, die in ihrem Kern auf rationales Verhalten in Bezug auf knappe Mittel, konkurrierende Ziele und Wahlzwang abstellt, dann liegt hier ein Missverständnis vor. Denn menschliches Verhalten und alle Lebensbereiche haben vielfältige Perspektiven: Wenn Menschen zum Beispiel Straftaten begehen, so hat dieses Handeln nicht allein juristische Dimensionen, sondern inkludiert ganz sicher auch psychologische, soziologische, anthropologische, medizinische, theologische, pädagogische und gar nicht zuletzt auch ökonomische Aspekte. Dieselben Überlegungen gelten wohl für jeden anderen Lebensbereich. Zu heiraten, eine Familie zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen, entzieht sich ebenfalls neben der psychologischen, juristischen, theologischen, soziologischen, familienpolitischen usw. nicht einer handfesten ökonomischen Dimension. „Ökonomischer Imperialismus“ als abschätziger Abwehrmechanismus unterliegt der verbreiteten Vorstellung, dass Ökonomen über ihr „eigentliches“ traditionell wirtschaftswissenschaftliches Problemfeld, in dessen Mittelpunkt speziell nur der Markt-Bereich stehe, hinaus nichts sinnvoll Erklärendes beizutragen hätten und sich mithin nicht in Dinge einmischten sollten, für die sie mit ihrer spezifischen Analytik gar nicht geeignet seien. Eine solche Haltung ist wissenschaftsfremd, weil sie sich als Feind der Inter-Disziplinarität geriert. Und sie ist zudem empirisch in hohem Maße nicht gehaltvoll, weil sie negiert, dass für alle Wahlentscheidungen von Menschen die Phänomene Ressourcenknappheit und Zielkonkurrenz relevant sind. Insofern ist der „ökonomische Ansatz“ nicht aus seinem Gegenstandsbereich („Wirtschaftswissenschaften“) heraus definiert, sondern aus seiner gegenstandsneutralen Methodik.

Es ist das große Verdienst Gary S. Beckers, des jüngst am 3. Mai diese s Jahres verstorbenen Nobelgedächtnispreisgewinners von 1992, die ökonomische Analyse in diesen Kontext der Interdisziplinarität zu stellen, indem er menschliches Handeln prinzipiell nicht nur nicht vom ökonomischen Räsonnement trennte, sondern dieses als explizit herausragendes, wenngleich keineswegs alleiniges, modulares Erklärungssegment herausstellte und zu seinem analytischen Mittelpunkt für die Erklärung menschlichen Verhaltens machte. In den Laudationes der Nobelgedächtnispreisverleihung wurden die wichtigsten Bereiche hervorgehoben, die Becker mit seinem ökonomischen Ansatz wegweisend analysierte: Humankapitaltheorie, Familienökonomik, Theorie der Kriminalität, Theorie der Diskriminierung (vor allem der Schwarzen), Zeitallokationstheorie, Theorie der sozialen Interaktion, Theorie der Politik. Becker war und ist keineswegs unumstritten, was insbesondere seine Familienökonomik anbetrifft. Sie steht im Folgenden im Betrachtungsmittelpunkt.

2. Der Haushalt als  Produktionsort

Gary Becker bricht mit der Tradition nahezu aller mikroökonomischen Textbücher, dass ein „Haushalt“ als Entscheidungseinheit nur als Anbieter des Produktionsfaktors Arbeit und als Nachfrager nach Konsumgütern aufgefasst wird. Vielmehr behandelt er den Haushalt, wenn es ein Mehrpersonenhaushalt ist, also eine Familie, in seiner als new home economics bezeichneten Mikrotheorie als Ort interdependenter Transaktionen zwischen den nutzenmaximierenden Haushaltsmitgliedern. Man kann wohl sagen, dass Gary Becker der erste bedeutende Ökonom war, der eine Ökonomik der Familie  begründet hat .Analog zur Theorie der Firma steht im Zentrum die innerhalb des Haushalts erfolgte Produktion von nutzenstiftenden Gütern (basic commodities) durch den Input von Marktgütern und Zeiteinsatz der Haushaltsmitglieder auf Basis einer spezifischen Haushaltsproduktionsfunktion. Die Wahl der intra-familialen effizienten Produktion bezieht sich dann auf die optimale Aufteilung der Zeit zwischen Markt- und Hausarbeit als Inputfaktoren der Haushaltsmitglieder. Diese Aufteilung ist nicht unabhängig von den durch die jeweilige Humankapitalausstattung generierten Produktivitäten in beiden Aktivitäten, also von den Entscheidungen der Haushaltsmitglieder in Bezug auf Investitionen in deren eigenes Humankapital.

In diesem Kontext findet die optimale intra-familiale Arbeitsteilung zwischen den Haushaltsmitgliedern auf Basis der Spezialisierung gemäß komparativer Vorteile statt. Wie überall ist also Arbeitsteilung durch Spezialisierung auch in der Familie wohlfahrtssteigernd. Komparative Produktionsvorteile, die er als „intrinsisch“ bezeichnet, sieht Becker zum Beispiel bei der Frau in der Kindererziehung und -betreuung aufgrund ihrer biologischen Fähigkeiten des Gebärens und Stillens und den zur Kinderbetreuung komplementären Haushaltstätigkeiten. Becker zieht daraus den Schluss, dass eine Spezialisierung der Frau auf Haushaltsproduktion und des Mannes auf Marktaktivitäten sinnvoll ist. Dass eine solche Sicht der Dinge heute augenscheinlich nicht mehr allgemeine Akzeptanz findet, spricht keineswegs gegen Beckers grundsätzlichen Ansatz, sondern befragt allenfalls in der Dynamik familialen Wandels das geschlechtsrelevante Axiom der Intrinsik sowie die Annahme der strikten Komplementarität zwischen Kinderbetreuung und speziellen Haushaltstätigkeiten nach ihrem heutigen empirischen Gehalt, insbesondere in jungen Familien.

3. Die Theorie des Heiratens und der Scheidung

Die Heirat, jedenfalls wenn sie freiwillig erfolgt, lässt sich im Beckerschen Mikro-Modell als Entscheidung zweier Individuen interpretieren, die für beide Partner eine gegenüber dem Zustand als Alleinstehende höhere Nutzenproduktion bewirkt. Die Partner finden sich auf dem Heiratsmarkt, der den Regeln von Angebot und Nachfrage im Suchprozess der Heiratswilligen – in Analogie zum Arbeitsmarkt – unterliegt. Je nach Humankapitalausstattung der Partner generiert die Heirat komparative Spezialisierungsvorteile, die nur in der Ehe nutzbar sind, sowie spezielle Familiengüter, die – im Sinne der Clubtheorie – als haushaltsöffentliche Güter nur im gemeinsamen Konsum Nutzen stiften und sich insbesondere auf Liebe, Geborgenheit und gemeinsame Kinder beziehen. Im Becker-Modell ist der Anteil am (erwarteten) Ehegewinn aus gemeinsamer Produktion zugleich der marktbestimmter „Preis“, den die Partner durch Heirat jeweils bereit sind zu zahlen.

Die Scheidung einer Ehe lässt sich in grundsätzlicher Analogie zur Heirat erklären: Wenn beide Ehepartner die Auflösung ihrer Ehe gegenüber dem Ehezustand als nützlicher empfinden, lösen sie den für sie ins Ungleichgewicht geratenen Zustand auf, um ein höheres Nutzenniveau zu erreichen.

Die Scheidung kann als Korrektur eines Partnerschaftsirrtums interpretiert werden, der der Eheschließung zugrunde lag, die mit Erwartungsunsicherheit und Intransparenz verbunden war. Diese beziehen sich u. a. auf die Veränderungen eigener Präferenzen sowie der der Partnereigenschaften und auf neue attraktive Partneralternativen. Bei  Wunsch nach Scheidung nur eines Partners kann der andere die Aufrechterhaltung der Ehe durch Kompensationszahlungen an den Scheidungswilligen zu verhindern versuchen. Das Scheidungsrisiko vermindert sich durch das „ehespezifische Kapital“, zu dem auch Kinder gehören, durch materielle und immaterielle Trennungskosten sowie Suchkosten für neue Partnerschaften. Beckers Modell impliziert, dass Frauen sich umso eher scheiden lassen, je höher ihre Opportunitätskosten auf dem Arbeitsmarkt sind, dem sie aufgrund ihrer ehelichen Hausarbeit entzogen sind und die mit steigender arbeitsmarktrelevanter  Qualifikation steigen. Scheidungen werden zudem umso weniger attraktiv, je wohlhabender die Eheleute sind, weil sich dann eine Trennung finanziell gegenüber dem Ehe-Status unter Umständen nicht lohnt.

Im Grundsatz kann man diese spezifisch familialen Überlegungen Beckers in den Rahmen der modernen Institutionenökonomik integrieren, in der Partnerschaften und Eltern-Kind-Beziehungen vertragstheoretisch modelliert werden. Das mag den gravierenden Veränderungen in den  Familienstrukturen der modernen Zeit entgegenkommen, ohne den Becker-Ansatz prinzipiell zu entwerten.

4. Die Theorie des Kinderkriegens

Kinder werden im Becker-Modell als „dauerhafte Konsumgüter“ der Ehe behandelt, die Nutzen stiften und Ausgaben verursachen. Der Nutzen ist überwiegend immaterieller Natur (Liebe , Freude, Empathie zu und von den Kindern, allerdings auch : Kinder als Arbeitskraft und Altersversorgung), die Kosten beziehen sich auf den Kauf von kinderrelevanten Marktgütern sowie auf die Opportunitätskosten der für Kinder eingesetzten Spiel- und Erziehungszeit der Eltern. Hier kommt das Altruismus-Konzept Beckers ins Spiel, das auf interdependenten Nutzenfunktionen innerhalb der Familie basiert, deren Mitglieder aber durchaus unterschiedliche Altruismus-Intensitäten in ihren Nutzenfunktionen aufweisen. Becker zeigt mit seinem berühmten „Rotten-kid-Theorem“, dass es sich auch für ein nicht-altruistisch ausgerichtetes Familienmitglied lohnen kann, sich kooperativ zu verhalten, wenn ein anderes Mitglied in der Lage oder legitimiert ist, das familial erwirtschaftete Outputmaximum innerhalb der Familie umzuverteilen. Dieser Fall ist ja auch – ohne Altruismus-Axiom – aus der allgemeinen Spieltheorie bekannt.

Für die familiale Fertilitätsentscheidung steht im Zentrum eine Haushaltsnutzenfunktion, die auf Basis eines Zeitallokationsmodells maximiert wird. Aktivitätstheoretisch ausgedrückt impliziert das Kinderkriegen zudem lineare Technologie (linear-limitationale Produktionsfunktion), was bedeutet, dass die Kinderzahl in einer Familie von deren „Produktionsbedingungen“ abhängt.  Diese Bedingungen unterliegen u. a. Alter, Ernährung, Gesundheitszustand der Eltern sowie deren Kenntnis der Geburtenkontrolle. Die gewünschte Kinderzahl ist, entsprechend der traditionellen Konsumnachfragetheorie, ceteris paribus abhängig neben dem Einkommen vom relativen Preis für Kinder: Werden Kinder relativ zu anderen Konsumgütern teurer, verringert sich die gewünschte Kinderzahl in einer Familie. Die, wie Becker es ausdrückt, „Qualität“ der Kinder richtet sich nach den in ihnen steckenden Humankapitalinvestitionen. Bei gegebenem Einkommen der Eltern besteht eine Trade-off-Entscheidung, die eine grundsätzliche Substitutionsbeziehung zwischen Qualität und Anzahl der Kinder beinhaltet: Die Kinderzahl ist – mindestens bereichsweise  – negativ korreliert mit der Kinderqualität, denn dem Optimalkalkül der Eltern liegt die Frage zugrunde: Lieber mehr Kinder oder lieber besser ausgebildete Kinder? Die Wechselwirkung zwischen Zahl und Qualität der Kinder kann erklären, weshalb signifikante Rückgänge der Fertilität allgemein mit sichtbaren Verbesserungen der Bildung, des Gesundheitszustands und anderer Indikatoren der Kinder-Qualität einhergehen.

Becker stellt heraus, dass sich durch den Einfluss der Eltern auf die Qualität der Kinder ein Zusammenhang zwischen familiärer Herkunft und Leistung der Kinder und deshalb auch zwischen Herkunft und Ungleichheit ihrer Entfaltungsmöglichkeiten ergibt und ebenso zwischen Herkunft und inter-generationaler Mobilität. Wichtiger als  Quelle der Ungleichheit des Einkommens sei die Ungleichheit in der Art der Erziehung, die Kinder von ihren Eltern erfahren. Denn diese wirke sich auch auf die Art der Ausbildung aus, die Kinder während der Schulzeit erfahren, denn die Schule baue auf dem auf, was von der Familie geleistet worden sei. Kinder mit schlechter familiärer Erziehung fallen mit der Zeit immer weiter hinter die anderen zurück, die aus Familien mit guter Erziehung stammen. Wie fast überall untermauert Becker seine  Thesen empirisch.

5. Familienpolitische Folgerungen  

Becker zieht eine Reihe von familienpolitischen Folgerungen aus seinem Grundmodell und den vielen nicht-formalen Zusätzen, die sich zum Beispiel auf Effekte von Sozialversicherung, von staatlichen Budgetdefiziten, Subventionen im Erziehungs- und Bildungswesen und anderen Bereichen ergeben. Einige Beispiele seien herausgegriffen: Die Sozialversicherung sei im Endeffekt eine von Kindern zu entrichtende Steuer, die für den Unterhalt der Eltern verwendet werde. Altruistische Eltern würden aber bestrebt sein, die Wirkung der Steuer auf ihre Kinder durch Vergrößerung von Geschenken und Hinterlassenschaften an diese auszugleichen. Eine Besteuerung der Jungen zur Finanzierung von Transferzahlungen an die ältere Generation senkt die Nettolöhne der Kinder, was für altruistische Eltern die Kosten für Kinder erhöht, wodurch wiederum die Nachfrage nach Kindern zurückgeht. Aufgrund der Trade-off-Beziehung zwischen Zahl und Qualität der Kinder steigen dann die Ausgaben für jedes einzelne Kind. Ziemlich wahrscheinlich, so Becker, hat der starke Ausbau der Sozialversicherung in den letzten 50-60 Jahren die zurückgehenden Geburtenraten in den westlichen Ländern erheblich mitverursacht.

In Bezug auf das System der Alterssicherung plädiert Becker, der ein kapitalbasiertes System gegenüber dem Umlageverfahren favorisiert, vehement für eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit aufgrund der stetig wachsenden Lebenserwartung der Menschen bei zugleich sinkenden Geburtenraten und verurteilt den in manchen Ländern vor allem Europas zu beobachtenden Trend zum absoluten Gegenteil als kontraproduktiv. Durch die Frühverrentung vernichte jede Gesellschaft einen Großteil ihres Humankapitals, das in Menschen mit großer Erfahrung und Begabung stecke. Das Argument, die Gesellschaft benötige für Innovationen mehr jüngere Leute, sei zwar graduell richtig, aber ältere Menschen verkörperten einen großen Erfahrungsreichtum und vielfältiges Wissen, was in mehrfacher Hinsicht wichtiger sei als die Flexibilität jüngerer Menschen. Eine gesunde Wirtschaft zeichne sich durch eine Mischung älterer und jüngerer Arbeitskräfte aus.

Was das Scheidungsrecht anlangt, so lässt sich in den westlichen Staaten eine stetige Lockerung beobachten. Der erste Anschein spreche dafür, dass die steigenden Scheidungsraten auf diese Liberalisierung zurückzuführen sei. Becker zweifelt an dieser These und konstatiert, dass theoretische und empirische Belege, die sich allerdings vor allem auf die USA beziehen, auf die Unabhängigkeit der Scheidungsraten von Scheidungsgesetzen hinweisen. Allerdings sei – aus vielerlei Gründen – durch die Liberalisierung die ökonomische Position geschiedener Frauen verschlechtert worden.

6. Einige Einschätzungen

Gary Becker war ohne Zweifel einer der originellsten Mikroökonomen und Vertreter incentive-orientierter Institutionenökonomik seiner Zeit. An ihm, der nie ein ökonomischer „Imperialist“  im Sinne eines ausschließlich ökonomischen Erklärungsmonopolisten der Lebensbereiche sein wollte und es auch nicht war, scheiden sich die Geister – nicht nur, aber vor allem auch in Bezug auf seine Theorie der Familie, für die die Sprache und Analytik der Ökonomik oft genug als unangemessene und zudem realitätsferne Provokation gilt. Ein zentraler Kritikpunkt, dem seine Familienökonomik  vielfach unterlegt wird, bezieht sich auf das Axiom des dem homo oeconomicus zugeordneten Rationalverhaltens: Kein Mensch handele (immer) rational in dem Sinne, dass er Entscheidungen auf Basis vollständiger Information, Transparenz und sicherer Erwartungen allein zum Zwecke der Nutzenmaximierung fälle. Und dies schon gar nicht, wenn es um familiale und Fertilitätsentscheidungen geht.

Wer diese Rationalitätsdefinition extremer Anspruchsbedingungen formuliert, wird einem empirisch gehaltvollen Rationalitätsaxiom für die Erklärung menschlichen Verhaltens generell nicht gerecht. „Rational“ schließt keineswegs aus bzw. schließt empirisch explizit ein, dass Entscheidungen durchaus unter unvollständiger Information, Intransparenz und Erwartungsunsicherheit erfolgen und damit auch den Entscheidungsirrtum enthalten (können). Das zeigt uns nicht zuletzt die Transaktionskostentheorie, die Informations- und Suchkosten sowie Kosten des Entscheidungsirrtums integriert und nicht die vollständige, sondern den unter Kostenberücksichtigung optimalen Grad an Information und Transparenz der menschlichen Entscheidungen zugrundelegt.

Und dann das Axiom der Nutzenmaximierung: Der traditionellen Mikrotheorie des Haushalts ist bekanntlich immer wieder vorgeworfen worden, sie sei tautologisch angelegt und deshalb empirisch aussagelos. Die empirisch begründete Verhaltensökonomik macht ja diese Hypothese zum zentralen Forschungsobjekt und kommt oft genug zum Ergebnis, dass  zum Beispiel Altruismus, Empathie und Mitleid in den Haushaltsentscheidungen sehr wohl eine Rolle spielen. Widerspricht diese Erkenntnis der Nutzenmaximierungshypothese? Keineswegs, ganz im Gegenteil. Beckers formaler Ansatz der interpersonalen Nutzenfunktionen für familiale Verhaltensweisen, der im Übrigen auch jenseits von Altruismus für rein vertragstheoretische Erklärungen innerhalb der Familie gelten kann, zeigt: Altruismus ist in die mikroökonomisch-familiale Nutzenmaximierungshypothese integrierbar: Altruistisch heißt, dass der Nutzen der Eltern (auch) vom Nutzen der Kinder abhängt. So spricht Becker von einer invisible hand des Altruismus, die die invisible hand des Eigennutzes in der Familie ergänze. Hierin sieht Becker sogar den entscheidenden Unterschied zwischen der Familie und einem Unternehmen und anderer Organisationen: In der Familie wird die Allokation größtenteils durch Altruismus bestimmt, während dies in Unternehmen vor allem durch implizite und explizite Verträge zwischen eigennützigen Mitgliedern erfolgt.

Schließlich konstatiert Gary Becker: „Die soziale Rolle der Familie wird sich in der Zukunft weiter verändern. Doch bin ich zuversichtlich, dass sie weiterhin vorrangig für Kinder verantwortlich sein wird und dass weiterhin Altruismus und Zusammengehörigkeitsgefühl Eltern und Kinder verbinden werden.“

Beiträge der Serie “Ordnungspolitische Denker heute”:

Wolf Schäfer: Verkehrswege in Deutschland: Falsche Institutionen

Ulrich van Suntum: Ordnungspolitische Leere: Es steht mehr auf dem Spiel als nur die Effizienz

Rainer Hank: Was wir von Wilhelm Röpke lernen sollten – und was lieber nicht.

Thorsten Polleit: Die Interventionismus-Falle

Gerhard Wegner: Hayek und die Konstruktivismusfalle. Die geplante Energiewende

Blog-Beiträge zur Theorie der Familie:

Roland Vaubel: Ökonomische Theorie der Ehe: Markt versus Regulierung

Frank Daumann: Ist die Familien- und Kinderförderung in Deutschland hilfreich und richtig?

Thomas Apolte: Familien- und Sozialpolitik: Konzeptlosigkeit als Prinzip?

Thomas Apolte: Sparpaket und Elterngeld für Arbeitslose: Ein Lehrstück

Thomas Apolte: Kinder an die Macht!

Thomas Apolte: Ehegattensplitting – eine von vielen Merkwürdigkeiten des progressiven Einkommensteuersystems

Wolf Schäfer: Von Kindergrippen und der Willkür des Staates

Norbert Berthold: Ordnungspolitik in der Familienpolitik – Kompass im dichten Nebel des Verteilungskampfes

 

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