Kurz kommentiert
Nun haben wir den Bauern-Salat

Griechischer Bauern-Salat ist ein beliebtes Gericht in Deutschland. Das wird vermutlich so bleiben, es sei denn unsere Regierung ruft uns zum Boykott griechischer Speisen auf. Aber wir dürfen wohl darauf vertrauen, dass unsere Regierung nicht zum äußersten schreiten wird. Verblüfft von den griechischen Ereignissen, wie sie ist, wird sie vermutlich nach Wegen suchen, nachzugeben.

Der von den würdevollen Amtsträger(I)nnen als halbstark abqualifizierte Yanis Varoufakis hat alle ausmanövriert. Indem er seinen Ministerpräsidenten an einen der schon aus der griechischen Sage bekannten Masten des Odysseus band, hat er für diesen und sich eine Absicherung gefunden und zugleich die europäische andere Seite des Verhandlungstischs ziemlich in die Ecke getrieben.

Nachdem über 60 % der Griechen gegen die Annahme des europäischen Angebots stimmten, haben der Ministerpräsident und sein Finanzminister gar keinen Anreiz zum Nachgeben mehr. Geben die Europäer nicht nach, so wird die Drohung ausgeführt und endet mit dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Die beiden Verhandlungsführer werden dann als loyale Exekutoren des Volkswillens dastehen. Das ist politisch im Sinne nicht nur von Tsipras und Varoufakis, sondern auch der Griechen. Denn den Griechen bleibt in diesem Falle wenigstens eine Regierungskrise erspart. Sie haben der Regierung ja gerade den Rücken so gestärkt, dass sie mit Autorität durch die Krise führen kann. Geben die Europäer signifikant nach, haben die Verhandlungsführer Tsipras und Varoufakis etwas Außerordentliches für die Griechen erreicht. Sie werden in Griechenland als Helden dastehen und dann die gewiss auch von ihnen als erforderlich angesehenen Reformen durchsetzen können.

Wie aber stehen unsere Regierungen und deren Berater da? Wenn die Berater sich ein wenig ausgekannt hätten, hätten sie wohl absehen können, dass der junge Yanis das Buch des Nobelpreisträgers Thomas C. Schelling „The Strategy of Conflict“ nicht nur gelesen, sondern auch verstanden hat. Sie hätten wissen können, dass der belächelte „Spieltheoretiker“, weiß wie man Selbstbindungen strategisch einsetzen kann. Sie hätten vermuten können und müssen, dass sie mit einer solchen Strategie wie dem gestern vollzogenen Volksentscheid im Verhandlungspoker konfrontiert würden. Womöglich hätten sie sich dann besser darauf einstellen und entsprechende Gegenmaßnahmen im Vorfeld ergreifen können.

Jetzt sieht vor allem die deutsche Regierung schlecht aus: Verlassen die Griechen den Euroraum, dann werden die deutschen Anhänger der europäischen Integration dies als Misserfolg insbesondere der deutschen Regierung darstellen. Das wird die Zustimmungsraten für die Regierung nicht gerade heben. Bleiben die Griechen in Euroland, weil sie große Zugeständnisse gewinnen, so wird das ebenfalls gewiss nicht förderlich für die Regierungsparteien sein.

Die Klientel der SPD wird denken, dass unmöglich größere Summen nach Griechenland umgeleitet werden dürfen, wenn diese für schöne Ausgabenprogramme daheim fehlen. Die Klientel der CDU wird nicht offen zugeben, dass sie es abscheulich findet, von disziplinlosen halb-orientalischen Südländern über den Tisch gezogen zu werden. Aber sie wird entsprechend wählen. Die nachvollziehbare Abneigung dagegen, dass sich Ausländer aus unseren öffentlichen Mitteln bedienen, wird sich im Zulauf für nationalkonservative Parteien niederschlagen.

Auch die geo-strategische Situation ist angesichts des Ukraine-Konfliktes so, dass eine gewisse Nachgiebigkeit gegenüber griechischen Forderungen immer noch ein besseres Mittel als Unnachgiebigkeit sein könnte. Dass die Griechen sich auf ihre orthodox-religiöse Gemeinsamkeit mit den Russen besinnen könnten, haben sie ja bereits deutlich gemacht. Der Preis, dafür einen verlässlichen Nato-Partner zu haben, ist hoch. Dafür muss nun kräftig gezahlt werden. Das ist unappetitlich aber wahr.

In jedem Fall müssen wir froh sein, dass die Regierung Tsipras nun die Autorität besitzt, auch weitreichende Reformen durchzubringen. Nicht nur ihre Drohungen auch ihre Versprechungen sind seit heute glaubwürdiger. Es ist vermutlich das beste auf den griechischen Salat mit geradezu „salatpolitischer Nachgiebigkeit“ zu reagieren, so schwer es auch fällt. Nun heißt es dem Finanz-Fass einen Boden zu geben, ohne ein neues Sicherheits-Fass aufzumachen.

 

Blog-Beiträge zum Griechenland-Poker:

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3 Antworten auf „Kurz kommentiert
Nun haben wir den Bauern-Salat“

  1. Zum spieltheoretischen Bauern-Salat-Rezept
    Tatsächlich rühren Varoufakis und Tsipras keinen Bauern-Salat an, sondern arbeiten das Manuskript einer Fallstudie in Spieltheorie ab, wie sie im Lehrbuch stehen könnte (und später einmal stehen wird). Da das Sicherheits-Fass für die Bodenbildung im Finanz-Fass notwendig erscheint, muss unserer Regierung das Spiel verstehen oder (im logischen Sinne von und/oder) die Notbremse (an)ziehen.

    Bemüht wurde lange Zeit in der Berichterstattung das Spiel am Abgrund. Mein erster Eindruck war, dass den beiden das Spiel nicht gefällt und sie daher einfach ein anderes Spiel spielen. Nun erkennt man aber deutlich das Prinzip: Schaue nach vorne und schließe zurück. Durch den vermutlich schon im ursprünglichen Manuskript stehenden Rücktritt Varoufakis, der die Rolle des nervigen Halbstarken glänzend verkörpert hat, erleichtern die beiden Spielmacher nunmehr unserer Regierung den Weg des Nachgebens zu beschreiten. Flankiert wird das ganze u.a. durch die losstolpernden Euromantiker mit Präsidententitel und gekränktem Gesichtsausdruck.

    Warum aber sollten die Versprechen eines Herrn Tsipras, der den Alternativlosigkeitsmythos, mit dem sich die Gegenspieler gleichsam an den falschen Mast gekettet haben, kennt, nunmehr glaubwürdiger sein? Jeder weitere Euro für die „Rettung“ wird die Alternativlosigkeit nur erhöhen. Zwar sind die „Hilfen“ finanziell gesehen „versunkene Kosten“. Für die verantwortlichen „Retter“ sind sie dennoch entscheidungsrelevant. Den Verlust der bisherigen Hilfen, deren Gesamthöhe relevant ist, gilt es zu verschleiern, was nur durch neue Hilfen gelingen kann. Wie lange das Spiel noch dauern wird, bleibt abzuwarten.

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