Ungleichheit heute (2)
Der Staat strapaziert die Schweizer Mittelschicht

Von Simon Hurst am 10. Januar 2013
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In kaum einem anderen Land wird die Mittelschicht derart stark als Garant für wirtschaftliche Dynamik und politische Stabilität wahrgenommen wie in der Schweiz. So wichtig die Mittelschicht für das Schweizer Selbstverständnis ist, so verbreitet sind die Diskussionen über ihre Sorgen: Stagnierende Löhne, eine sich öffnende Einkommensschere, erodierende Kaufkraft oder die Konkurrenz durch qualifizierte Zuwanderer im Arbeits- und Wohnungsmarkt sind seit Jahren fester Bestandteil der öffentlichen Debatte. Diese rollt das jüngste Buch des liberalen Think-Tank Avenir Suisse neu auf und kommt zu einem ambivalenten Fazit: Zwar geht es der Schweizer Mittelschicht heute besser als vor 20 Jahren. Von einer Erosion kann also nicht gesprochen werden. Doch wird sie durch die staatliche Umverteilung zugunsten von unteren Einkommensschichten zurückgeworfen. Zugleich wird ihr der soziale Aufstieg erschwert. Dies schwächt die relative Position der Schweizer Mittelschicht.

Vorweg ein Punkt in Sachen Begrifflichkeit: In Deutschland wird unterschieden zwischen der sozioökonomischen Mittelschicht und dem unternehmerischen Mittelstand, das heisst Freiberuflern sowie kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). In der Schweiz wird hingegen meist verallgemeinernd vom Mittelstand gesprochen, der synonym zu Mittelschicht verwendet wird. Dies gilt auch für die Studie von Avenir Suisse: Die Mittelschicht wird definiert als die mittleren 60 Prozent der Einkommensverteilung beziehungsweise 70 bis 150 Prozent des Medianeinkommens. Dies entspricht einem Bruttoäquivalenzeinkommen (gewichtet nach Haushaltsgrösse) zwischen rund 70‘000 und 150‘000 Franken pro Jahr (2 Erwachsene) oder 95‘000 bis 210‘000 Franken pro Jahr (2 Erwachsene, 2 Kinder unter 14 Jahren). Die Mittelschicht umfasst die Mehrheit der Bevölkerung und ist somit von Natur aus ein sehr heterogenes Gebilde.

Im internationalen Vergleich geht es dem Schweizer Mittelstand sehr gut

Im Vergleich zu den USA und weiten Teilen Europas geht es der Schweizer Mittelschicht sehr gut, ihre Lage hat sich in den letzten 20 Jahren sogar verbessert. Dies ist erstaunlich, da mehrere globale Trends seit den späten 1980er-Jahren die Mittelschichten Europas unter Druck setzten: Der wohl wichtigste davon war der Eintritt der Schwellenländer in den Weltmarkt, der zu einer Verdoppelung des globalen Arbeitskräfteangebots von schätzungsweise 1,5 auf 3 Milliarden führte (siehe Abbildung 1). Da die meisten Schwellenländer zudem über einen geringen Kapitalstock verfügten, verschob sich das globale Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital – Löhne sanken, Kapitaleinkünfte stiegen. Die Folgen dieser «grossen Verdoppelung» (Freeman 2006) waren Arbeitslosigkeit und die Verlagerung von Arbeitsplätzen. In Deutschland wirkte die Wiedervereinigung zudem wie ein Verstärker der globalen Erosionsfaktoren: Nach dieser standen die neuen Arbeitskräfte unmittelbar im eigenen Land beziehungsweise durch den Fall des Eisernen Vorhangs in den Nachbarländern. Hinzu kam ein technologischer Wandel, der hochqualifizierte Arbeitskräfte begünstigt, aber zu einem Nachfragerückgang für mittlere Qualifikationen führte. Schliesslich schadete in den letzten Jahren die Wirtschaftskrise den Mittelschichten Europas und der USA.

Kapital-/Arbeitsverhältnis
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In der Schweiz dämpften zahlreiche Sonderfaktoren den Druck: Die Schweiz hat die geringste Arbeitslosigkeit (3%) und die höchste Erwerbsquote der OECD (78%). Sie ist eines der wenigen Länder, in denen die Lohnquote (Anteil der Löhne am Volkseinkommen) seit den 90er-Jahren nicht zurückging (60%). Die Einkommen liegen zudem gerade in der Mitte der Verteilung weit über dem europäischen Durchschnitt und die Reallöhne stiegen sogar während der Krise. Die solide Wirtschaftspolitik, die gute Wirtschaftslage und die hohe Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz haben ihre Mittelschicht in den letzten 20 Jahren vor einer Erosion bewahrt.

Die relative Position in der Gesellschaft hat sich verschlechtert

Soweit die Aussensicht. Die Innensicht aus Schweizer Perspektive ist jedoch eine andere: Sie wird geprägt durch die relative Position der Mittelschicht in der Gesellschaft, durch den Vergleich mit tieferen und höheren Einkommensklassen. Hier trübt sich das Bild für die Schweizer Mittelschicht: Zwischen 1994 und 2010 erzielte das höchste Lohn-Dezil einen realen Lohnanstieg (Stundenlohn) von etwa 15%, die obere Mittelschicht (60. Bis 80. Perzentil) konnte um gut 10% zulegen (siehe Abbildung 2). Die tiefsten Löhne stiegen ebenfalls in dieser Grössenordnung und rückten so zu den Mittelschichtslöhnen auf. Vor allem die untere und die mittlere Mittelschicht (20. bis 60. Perzentil) konnte mit realen Lohnzuwächsen von 6%-8% nicht mithalten – sie fiel im Lohngefüge zurück. Bemerkenswert ist auch, dass die Löhne der Frauen über das ganze Spektrum am stärksten gewachsen sind. Die erhöhte Teilnahme der Frauen am Arbeitsmarkt hat die Mittelschicht im ökonomischen Sinn weiblicher gemacht.

Lohnzuwachs
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Hinter diesen Verschiebungen stehen Veränderungen der Bildungsprämien, das heisst des zusätzlichen Lohns, der für die Kosten der Ausbildung entschädigt. Diese wiederum sind eine Folge der Polarisierung der Job-Qualifikationen: Technologischer Fortschritt und Outsourcing setzen vor allem Jobs mit mittlerem Anforderungsprofil (qualifizierte Routinetätigkeiten, z. B. im Rechnungswesen) unter Druck. Einfache Tätigkeiten (z. B. persönliche Dienstleistungen) oder anspruchsvolle, nicht repetitive Aufgaben (z. B. Forschung und Entwicklung) lassen sich dagegen nicht automatisieren und nur schwierig auslagern. So ist die Bildungsprämie einer Hochschulausbildung gegenüber einer Berufslehre deutlich gestiegen, während sich die Bildungsprämie von Arbeitnehmern mit einer Berufslehre gegenüber unqualifizierter Arbeit leicht verringerte.

Die massive staatliche Umverteilung erschwert es der Mittelschicht zudem, sich nach unten abzugrenzen oder umgekehrt aufzusteigen. Dies schürt Abstiegsängste, und es dämpft Aufstiegsambitionen, die beide zum Wesensmerkmal der Mittelschicht gehören. Der Staat nimmt über seine Einnahmen (Steuern, Abgaben, Sozialversicherungsbeiträge) und über seine Leistungen (finanzielle Transfers, Service public, Bildung, Kultur) grossen Einfluss auf die individuellen Positionen im Einkommensgefüge. Unter Ausschluss der Umverteilung über die Lebensphasen (Betrachtung des aktiven, erwerbstätigen Mittelstands) beträgt die Abgabenquote beim Medianeinkommen 59%, die Leistungsquote hingegen nur 32%. Nach allen Abgaben und Transfers findet sich ein grosser Teil der Mittelschicht in der Nähe zur Grenze der Unterschicht wieder, während die Leistungen vor allem der Unterschicht zugutekommen (siehe Abbildung 3). In der Mitte der Verteilung entscheidet somit viel weniger das erarbeitete Einkommen über die relative wirtschaftliche Stellung als das Ausmass, in dem die Haushalte von staatlichen Leistungen profitieren. Das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit wird dadurch untergraben, was gerade die vielen Ambitionierten und Aufstiegswilligen in der Mittelschicht frustrieren dürfte. Trotz der vorteilhaften Lage der Schweizer Mittelschicht im Vergleich mit dem Ausland ist die Diskussion über deren Sorgen keine Luxusdebatte. Denn der Erfolg der Schweiz und das Wachstum der Zukunft ruhen auf dieser breiten Schicht.

Einkommensverteilung
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Literatur und Hinweis:

Schellenbauer, Patrik und Müller-Jentsch, Daniel (2012): Der strapazierte Mittelstand. Zwischen Ambition, Anspruch und Ernüchterung. Zürich: Avenir Suisse und Verlag Neue Zürcher Zeitung.

Freeman, Richard (2006): The Great Doubling: The Challenge of the New Global Labor Market. Berkeley.

Vergleich der deutschen und der Schweizer Mittelschicht: Siehe hier.

 

Beiträge der Serie „Ungleichheit heute“:

Norbert Berthold: Einkommensungleichheit in OECD-Ländern. Wo stehen wir?

 

 

 

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