Ungleichheit heute (18)
Bildung hilft, die Ungleichheit zu reduzieren

Von Klaus Gründler am 18. Dezember 2013
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Klaus Gründler
Universität Würzburg

Die Verteilung der Einkommen wird weltweit zunehmend ungleicher. Im Laufe unserer Serie wurde deutlich, dass der technische Fortschritt eine Ursache dieser Entwicklung darstellt. Wann immer technologische Neuerungen asynchron auf die Beschäftigung und die Einkommen wirken, wird die Einkommensverteilung ungleicher. Arbeitnehmer mit hohem Bildungsgrad sind zumeist eher in der Lage, die technologischen Errungenschaften produktiv in den Unternehmen einzusetzen. Die relative Knappheit an Arbeitskräften mit entsprechender Qualifikation lässt die Löhne in den Sektoren mit neuer Technologie ansteigen. Bei gleichzeitig stagnierenden Einkommen von Arbeitnehmern mit geringerem Bildungsniveau kommt es zu einer Zunahme der Ungleichverteilung.

In einer Welt, in der jedem Menschen die gleichen Chancen offenstehen und in der jegliche Entscheidung über Humankapitalallokation Folge individueller Präferenzen ist, ist gegen diese Entwicklung grundsätzlich nichts einzuwenden. Individuen mit hoher Bildung verzichten in ihren jungen Jahren auf Einkommen und wälzen Lehrbücher an den Universitäten. Die Renditen werden später durch Bildungsprämien abgeschöpft. Demgegenüber verzichten Individuen mit geringerer Präferenz für Bildung auf humankapitalinduzierte Einkommenspotentiale. Ist die Verteilung des Humankapitals auf die Individuen einer Volkswirtschaft allerdings nicht das Ergebnis der eigenen Präferenzen sondern wird zu großen Teilen vom sozialen Umfeld und der Herkunft diktiert, dann ist das Ergebnis zugleich ungerecht und ineffizient. Ungerecht, weil trotz hoher Präferenz für Bildung kein entsprechendes Humankapital erlangt werden kann. Ineffizient, weil Humankapital ein wesentlicher Treiber von wirtschaftlichem Wachstum ist.

Warum Bildung die Ungleichheit reduziert

Das Humankapital beeinflusst das Wachstum und damit das Einkommensniveau einer Volkswirtschaft auf zweierlei Weisen. Zum einen direkt, da mit höherem Bildungsstand bei gegebenem Bestand an Produktionsfaktoren effizienter produziert werden kann, was zu einem Anstieg des Outputs führt. Zum anderen indirekt, da erst ein hoher Qualifikationsstand die effektive Umsetzung von technologischen Neuerungen ermöglicht. In einer globalisierten Welt diffundiert Technologie zwischen den Volkswirtschaften und steht grundsätzlich allen hinreichend offenen Ländern zur Verfügung. Der Grad der Effizienz ihrer Verwendung richtet sich allerdings zu großen Teilen nach dem Bildungsstand der einzelnen Länder.

Die Förderung von Bildung und den Möglichkeiten Ihrer Erlangung führt daher simultan zu zwei positiven Effekten für die Volkswirtschaft. Erstens wird Ungleichheit reduziert, die auf einem Ungleichgewicht der Chancen beruht. Sind die Einkommen danach noch immer ungleich verteilt, so ist dies ausschließlich das Ergebnis individueller Entscheidungen und daher grundsätzlich nicht ungerecht. Zweitens wird das Wirtschaftswachstum angekurbelt, was zu einer Vergrößerung des zu verteilenden Kuchens führt. Die beiden Weltbank-Ökonomen David Dollar und Aart Kraay haben unlängst gezeigt, dass Wirtschaftswachstum zu einem Einkommensanstieg der Armen führt, der den Zuwächsen der Reichen relativ exakt entspricht. Gleichzeitig sind das Schulsystem und die Möglichkeiten zur Bildung von entscheidender Bedeutung für den Wachstumsprozess. Damit wird die Ungleichheit über den Kanal des Wirtschaftswachstums weiter reduziert.

Bildungsmaßnahmen und politische Handlungen, welche die Chancen zur Bildungsgleichheit erhöhen, sind einer reinen staatlichen Umverteilung in vielerlei Hinsicht überlegen. Zum einen beruht die resultierende Verteilung auf individuellen Entscheidungen, wohingegen staatliche Umverteilung stets zu einer allokativen Verzerrung führt. Gerade im Bereich des Steuer- und Transfersystems ist Staatsversagen eher die Regel denn die Ausnahme. Interessensgruppen, rent-seeking und Crony Capitalism beeinflussen die politischen Entscheidungen in vielen Volkswirtschaften der Welt. Zum anderen führt staatliche Umverteilung direkt zu einer Veränderung der Präferenzen für Bildung. Eine wirtschaftspolitische Prämisse muss daher lauten „Bildung und Wachstum statt Umverteilung“.

Der Status Quo: Bildung, Bildungsprämien und Chancengleichheit

In den OECD-Staaten besitzen über die Ländergrenzen hinweg rund 33% der Frauen und 30% der Männer einen tertiären Bildungsabschluss. Dennoch zeigt der Vergleich der einzelnen Länder, dass der Bildungsgrad selbst in der relativ homogenen Gruppe der OECD-Nationen stark variiert. Während in Südkorea, Japan, Kanada und Russland jeweils knapp 60% der 25-34jährigen Personen ein Studium abgeschlossen haben, liegt dieser Wert bei den Schlusslichtern Österreich, Italien, Türkei und Brasilien bei lediglich rund 20%. Deutschland rangiert in dieser Betrachtung im hinteren Mittelfeld, wobei hier das duale Berufsausbildungssystem den Vergleich erschwert. Insgesamt liegt der Anteil der tertiären Abschlüsse bei den 25-34 Jährigen in der OEDC rund 7% über dem Gesamtschnitt aller Altersgruppen. In Südkorea, Japan, Polen, Irland und Frankreich macht der Unterschied im Anteil tertiär Gebildeter zwischen den Generationen rund 20% oder mehr aus. Vor allem der Anteil der Frauen mit tertiärer Bildung ist rasant angestiegen. Die geschlechterspezifische Bildungslücke schließt sich nicht nur, sie kehrt sich in vielen Ländern sogar bereits um. So liegen die Zuwächse der tertiären Bildung der Frauen in der gesamten OECD ausnahmslos über den Zuwächsen der Männer.

Bildung in den OECD-Staaten
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In Deutschland, den USA und Israel ist kein Anstieg der tertiären Bildung der jungen Generation zu verzeichnen. Ganz im Gegenteil liegt der Anteil der Männer mit tertiärem Anschluss innerhalb der jüngeren Generation (25-34 Jahre) sogar unterhalb des Anteils der alten Generation (55-64 Jahre). Der Bildungsgrad entwickelt sich in diesen Länder also rückläufig. Aufgefangen wird diese Entwicklung nur durch den Anstieg des Anteils des Frauen, der den Rückgang der Bildung der Männer in etwa auffängt. Dies hat verheerende Konsequenzen für die Entwicklung des Inlandsprodukts und damit der Einkommen. Schon seit Beginn der 2000er Jahre befindet sich der Großteil der reichen Volkswirtschaften in einer Wachstumsschwäche. Während die durchschnittliche Wachstumsrate der heute reichsten 25 Volkswirtschaften der Erde in den 1980er und 1990er Jahren im Schnitt noch bei 2,3% bzw. 2,2% pro Jahr lag, reduzierten sich die Wohlstandssteigerungen zwischen 2000 und 2012 auf lediglich 1,2% p.a.

Bildung, Ungleichheit und Einkommen
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Eine Ursache für diese Wachstumsschwäche, die in der ökonomischen Diskussion immer wieder aufkommt, ist die mangelnde Akkumulation neuen Humankapitals. Auffällig ist, dass gerade die Volkswirtschaften, deren langfristiges Wachstum in letzter Zeit stark abgenommen hat, in der Zahl der Bildungsabschlüsse keinen oder nur einen geringen Anstieg verzeichnet haben. Abbildung 2 untersucht dieses Phänomen auf Basis aller Länder, für welche die OECD Daten zur Entwicklung der tertiären Bildung bereitstellt. Abgebildet ist das logarithmierte Niveau des durchschnittlichen BIP pro Kopf zwischen 1995 und 2010. Tatsächlich stehen diejenigen Länder, die es geschafft haben, das Bildungsniveau zu steigern, besser da, als Nationen, in denen die tertiäre Bildung weniger stark angestiegen ist. Selbstverständlich kann hier mit Recht die Frage nach der Richtung der Kausalität gestellt werden. Erstens ist das Sample der OECD-Länder jedoch relativ homogen und zweitens bilden Deutschland und die USA eine gewichtige Ausnahme von der an sich positiven Beziehung, da beide Länder deutlich unterhalb der Ausgleichsgeraden rangieren. Trotz moderater Zuwächse in der tertiären Bildung befinden sich beide Volkswirtschaften noch immer im oberen Drittel der entwickelten Ökonomien. Aus der Abbildung wird jedoch deutlich, dass auf diese Weise langfristige Wachstumspotentiale verschwendet werden. Beide Volkswirtschaften zehren von Errungenschaften der Vergangenheit. Der Kuchen steigt damit aktuell weniger stark an, als er es könnte. Schuld ist die Stagnation in der Bildung der Individuen. Auch das Argument, die Bildungszuwächse in Deutschland seien geringer, da die Ausbildung hierzulande bereits auf höherem Niveau rangiert, als in anderen OECD-Staaten, ist schlichtweg falsch. Die Anzahl an Jahren, die ein Schüler durchschnittlich in der Schule verbringt, sind in den Musterländern Südkorea (11,49), Japan (11,59), Kanada (12,08) und Russland (11,48) durchaus vergleichbar mit Deutschland (11,82).

Abbildung 2 zeigt überdies, dass Bildung tatsächlich ein wichtiger Faktor für die Verteilung der Einkommen ist. Diejenigen Länder, deren Bildungsgrad sich in den vergangenen Jahren erhöht hat, weisen im Schnitt einen geringeren GINI-Koeffizienten auf, als Länder mit lediglich moderaten Zuwächsen. Das bedeutet, dass Verbesserungen im Bildungssystem augenscheinlich zu einer Reduktion der Ungleichheit führen.

An dieser Stelle muss die Frage gestellt werden, ob die Individuen der Länder mit geringen Bildungszuwächsen generell eine geringere Präferenz für Bildung besitzen, oder ob das soziale, ökonomische und politische Umfeld in Bezug auf die Bildungsförderung suboptimal sind. Ein suboptimales Umfeld kann entstehen, wenn die Anreize zur Investitionen in Bildung gering sind, oder wenn die Chancengleichheit nicht gewährt wird.

Zunächst das Argument der Anreize: Jede Investition in Humankapital geht unmittelbar mit einem Einkommensverzicht in der kurzen und mittleren Frist einher und ist daher – streng ökonomisch betrachtet – nur dann sinnvoll, wenn die zu erzielenden Löhne von Arbeitnehmern mit hohem Qualifikationsniveau die Löhne von Geringqualifizierten (deutlich) übersteigen. Es stellt sich also die Frage nach der Höhe der sogenannten Bildungsprämien. Ein Blick auf die Bildungsprämien in den OECD-Staaten (Abbildung 3) zeigt, dass tertiär gebildete Personen in allen Ländern teils deutlich höhere Einkommen beziehen, als Personen mit hoher sekundärer Bildung. Gerade in den Staaten mit stagnierenden tertiären Bildungsabschlüssen steigen die Bildungsrenditen. In Deutschland und den USA betragen die Arbeitseinkommen tertiär Gebildeter 160-170% des Einkommens der Personen mit hohem sekundärem Abschluss. In den südamerikanischen Ländern Brasilien und Chile liegt der Wert gar bei 250%. Anders die Länder mit hohem Anteil Hochschulabsolventen: Südkorea und Japan liegen unterhalb des OECD-Durchschnitts. Auch in Frankreich und Spanien, die zuletzt starke Zuwächse in der tertiären Bildung verzeichneten, werden unterdurchschnittliche Bildungsrenditen erzielt. Ein Anreizproblem besteht daher in Deutschland und den USA nicht. Erstens sind die Bildungsrenditen vergleichsweise hoch, zweitens wird in Ländern, in denen die Bildungsprämien relativ gering sind dennoch in großem Umfang in Humankapital investiert.

Bildungsprämien in Deutschland

Wie steht es hingegen um die Chancengleichheit? Abbildung 4 stellt den Einfluss des sozialen Umfelds und der Herkunft auf das PISA-Ergebnis dar. Es wird ersichtlich, dass Schulqualität und Chancengleichheit in starkem Maße miteinander korreliert sind. Dort, wo jedem Individuum die gleichen Chancen offen stehen und wo nicht nach Herkunft diskriminiert wird, ist der Bildungsoutput deutlich höher. Davon profitieren vor allem Länder wie Finnland, Kanada, Japan, Südkorea, Norwegen und Australien. In Deutschland und den USA, also denjenigen Ländern mit stagnierenden Fortschritten in der Bildung, bestimmt die soziale Herkunft stark überdurchschnittlich über den Bildungserfolg. Lediglich Belgien, die Türkei, Chile und Ungarn weisen hier höhere Werte auf.

Bildungschancen und soziales Umfeld

Doch warum ist im deutschen Bildungssystem die Herkunft derart entscheidend und  warum ist die Chancengleichheit vergleichsweise gering? Die zunehmend ungleicher werdende Einkommensverteilung trägt ihren Teil zu der Entwicklung bei. Sind Haushalte nicht solvent genug, um die Kosten für Bildung am Kapitalmarkt zu refinanzieren, so werden Maßnahmen zur Steigerung des Humankapitals nicht durchgeführt und Potentiale für Bildung verschwendet. Oftmals liegt die Ursache für einen verfrühten Schulabbruch jedoch nicht (nur) an der Finanzierung, sondern oftmals auch an einem Informationsmangel der Eltern.

Die hohe Zahl verschiedener Schularten in Europa trägt zudem zur Segregation der Schüler nach Einkommen und ethnischer Herkunft bei, da die Schulwahl oftmals suboptimal verläuft. Fähigkeiten sind jedoch über Einkommensgruppen und ethnische Herkunft gleichverteilt, weshalb auch hier Bildungspotentiale verschwendet werden. Die frühe Trennung im deutschen Schulsystem verstärkt diesen Effekt. Auch der Bildungsgrad der Eltern bestimmt in hohem Maße über den schulischen Werdegang der Kinder. Zudem zeigen einige Studien, dass überlaufene Schulen dazu tendieren, benachteiligte Schüler zu verdrängen und Schüler, die einfach zu unterrichten sind, zu bevorzugen (Cream Skimming). Darüber hinaus tendieren wohlhabende Eltern häufig dazu, Schulen mit einem hohen Anteil von benachteiligten Schülern zu vermeiden. Ganz generell zeigen die Ergebnisse vieler Forschungsberichte, dass Eltern häufig dazu neigen, ihre Kinder auf Schulen zu schicken, deren Schüler der eigenen Familie ethnisch ähneln.  Eine große Rolle spielt zudem die räumliche Trennung von Familien mit verschiedenen sozialen Hintergründen innerhalb von Städten, da Familien häufig die Schule in der Nachbarschaft präferieren. All diese Faktoren fördern die Segregation nach der sozialen Herkunft. Dies hat in Deutschland starke Konsequenzen: Die Ergebnisse der PISA-Studie zeigen, dass Schüler aus Immigrantenfamilien in Deutschland lediglich 88% der Punktzahl von einheimischen Schülern erzielen. In offeneren Gesellschaften wie Australien (100%), Kanada (98%), Neuseeland (98%) oder den USA (95%) gelingt dies deutlich besser. Auffällig ist auch, dass in Deutschland kaum Fortschritte zwischen den Ergebnissen der Kinder aus Immigrantenfamilien der ersten Generation (450 Punkte im Bereich Lesen der PISA-Studie) und der zweiten Generation (457) verzeichnet werden können.

Das Erreichen eines hohen Bildungsabschlusses ist jedoch nach wie vor die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Die Beschäftigungsquote der Personen zwischen 25 und 64 Jahren, die einen Abschluss unterhalb der Sekundärstufe besitzen, liegt in Deutschland bei knapp über 50%. Der Besitz einer hohen sekundären Ausbildung (75%) oder eines tertiären Abschlusses (knapp 90%) führt zu einer deutlich höheren Beschäftigungswahrscheinlichkeit. Auch über diesen Kanal kann Bildung die Ungleichheit reduzieren.

Was zu tun ist

Der wichtigste Hebel, um Chancengleichheit in Deutschland zu erreichen, ist die Einschränkung der Segregation der Schüler nach sozio-kulturellem und ökonomischem Hintergrund. Eine der wichtigsten Stellschrauben ist das Verhindern einer frühen Trennung im Schulsystem. Schüler aus einem benachteiligten sozialen Umfeld wechseln deutlich seltener in die Gymnasialstufe, wenngleich die Fähigkeiten dazu oftmals ausreichen würden. Mit einer späteren Trennung im Schulsystem wird dieser Kanal der Segregation verstopft. Überdies kann so verhindert werden, dass mangelnde Informationen, der Bildungsgrad der Eltern oder die wirtschaftliche Situation der Familie einen Einfluss auf den Bildungserfolg nimmt. Überdies muss erreicht werden, dass die Wahl der Schule nicht zu einer Segregation nach Herkunft oder zu Cream Skimming der begabtesten Schüler führt. Vielfach wird hier eine Vereinheitlichung der Anmeldungsfristen und das Verbot der Diskriminierung in der Sekundärstufe nach Herkunft oder Schulnote der Primärstufe vorgeschlagen. Um die Anreize für Schulen zu erhöhen, benachteiligte Schüler aufzunehmen, sind zudem „Formula-Funding“-Programme wie in den Niederlanden sinnvoll. Nach dem System wird zunächst jedem Schüler ein Gewicht zugeordnet. Die finanziellen Mittel, die eine Schule bereitgestellt bekommt, bemessen sich schlussendlich an der Summe der Gewichte. Wenn Schüler aus benachteiligten Familien ein höheres Gewicht zugewiesen wird, so entsteht ein Anreiz seitens der Schule, eben diese Schüler aufzunehmen. Cream Skimming wird dadurch eingeschränkt, die Mischung von Schülern verschiedenster ethnologischer und sozialer Herkunft führt zu einer Reduzierung der Clusterbildung. Desegregation verringert überdies den Einfluss von für Kinder suboptimale Präferenzen der Eltern, egal ob diese individuell oder von der sozialen und kulturellen Herkunft determiniert sind. Gleichzeitig wird über diesen Weg die Anzahl „schlechter Schulen“ reduziert. Der Einfluss des sozio-ökonomischen Status der Schule auf die PISA-Ergebnisse ist in Deutschland höher als in fast jedem anderen OECD-Land. Nur in Tschechien und Japan spielt die einzelne Schule eine noch gewichtigere Rolle. Weitere Maßnahmen, um dieses Problem zu überwinden, sind die Erschaffung eines guten, lernfreundlichen Schulklimas und die Bereitstellung angemessener Lehrressourcen für eine direktere Betreuung der Schüler.

Auch Bildungsgutscheine können helfen, Segregation abzubauen und Schülern unabhängig vom sozio-ökonomischen Hintergrund der Eltern die freie Schulwahl zu ermöglichen. Dies führt gleichzeitig zu einem Anstieg des Wettbewerbs zwischen den Schulen, was Anreize zur Qualitätsverbesserung schafft. Der Nobelpreisträger Milton Friedman führte diese Idee erstmals Mitte der 1950er Jahre ein, indem er sich dafür aussprach, dass Bildungseinrichtungen nicht mehr vom Staat direkt, sondern über den Umweg der Schüler mittelbar finanziert werden sollen. Jeder Schüler bekommt hierfür einen Gutschein, den er an einer Schule seiner Wahl einlösen kann. In Deutschland gibt es diese Gutscheine von der Bundesagentur für Arbeit für verschiedene Weiterbildungsmaßnahmen. Bislang erzielten die Programme in Chile und den OECD-Staaten jedoch bestenfalls mittelmäßige Erfolge. Der Grund für die ernüchternden Resultate liegt darin, dass es den entsprechenden Programmen (noch) nicht gelingt, Cream-Skimming zu unterbinden und den Wettbewerb zwischen den Schulen zu verstärken. Dies mag daran liegen, dass die Qualität von Schulen eine hohe Persistenz aufweist. Das bedeutet, dass diejenigen Schulen, die vor Einführung der Gutschein-Systeme sehr beliebt waren, auch danach die begehrtesten Anlaufstellen für potentielle Schüler sind. Die Kombination von Bildungsgutscheinen mit „Formula-Funding“ nach niederländischem Vorbild könnte hier Skimming der besten Schüler reduzieren.

Ein weiterer wesentlicher Punkt, wo Bildungspotentiale verschwendet werden, ist die hohe Quote der Wiederholer. In Deutschland haben mehr als 20% der Schüler mindestens eine Klassenstufe wiederholt. Dies sind deutlich mehr, als im OECD-Schnitt (13%). Finnland ist mit hier das Musterland: Weniger als 2% der Schüler, welche die finnische Gesamtschule verlassen, haben je eine Klassenstufe wiederholt. Die finnischen Bildungsforscher Välijärvi und Stahlberg haben gezeigt, dass das „finnische Bildungswunder“ zu großen Teilen auf sehr gut ausgebildeten Lehrkräften und einer intensiven Betreuung der einzelnen Schüler beruht. So besitzt in Finnland jeder Grundschullehrer mindestens einen Masterabschluss und muss überdies mindestens 120 ECTS im Bereich der pädagogischen Module absolvieren. Ferner liegt die Zahl der durchschnittlichen Lehrzeit in Finnland rund 200 Stunden unter dem OECD-Schnitt. Der Nachteil einer intensiven und individuellen Betreuung der Schüler sind die hohen Kosten, die hierdurch entstünden. Schätzungen der OECD zufolge betragen jedoch die Kosten, die durch die Wiederholungen von Klassenstufen in Deutschland entstehen, jährlich rund 12% der Gesamtausgaben im primären und sekundären Bereich. Eine intensivere Betreuung der Schüler könnte demnach sogar in monetärer Hinsicht lohnenswert sein.

Fazit

Bildung hilft, die Ungleichverteilung der Einkommen in einer Volkswirtschaft zu reduzieren. Stehen jedem Individuum ex ante dieselben Bildungschancen zur Verfügung, so ist die konkrete Aufteilung des Humankapitals über die Individuen das Resultat individueller Präferenzen und damit sowohl gerecht als auch allokativ effizient. Ist dies nicht der Fall, so erwachsen der Volkswirtschaft zwei Probleme: Erstens entsteht Ungleichheit, zweitens werden Potentiale für Wirtschaftswachstum verschwendet. Der technische Fortschritt löst bildungsinduzierte Einkommensungleichheit aus. Gleichzeitig ist er der Schlüssel für Wirtschaftswachstum und daher unbedingt zu fördern. Die Bildungspolitik ist daher ein wirksames Medikament gegen eine zunehmend ungleicher werdende Einkommensverteilung. Sie muss vor allem Chancengleichheit gewährleisten. In Deutschland bestehen hier nach wie vor große Potentiale zur Verbesserung. Die relative Knappheit an qualifiziertem Personal lässt die Bildungsrenditen in die Höhe schnellen. Dieser Effekt wird sich in Zukunft noch verstärken. Gleichzeitig spielt die Herkunft in Deutschland nach wie vor eine entscheidende Rolle bei der Frage, wie viel Bildung ein Individuum erlangen kann. Das Resultat ist eine beispiellose Stagnation der Zahl tertiären Abschlüsse im Vergleich zu den meisten entwickelten Ökonomien. Das kostet zukünftige Wohlfahrt und führt zu einer Verstärkung der Ungleichheit der Einkommensverteilung.

 

Beiträge der Serie “Ungleichheit heute”:

Mustafa Coban: Kombilöhne versus Working Poor. Der Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit

Norbert Berthold: Geldpolitik und Ungleichheit. Machen Notenbanken die Welt ungleicher?

Rainer Hank: Ungleichheit und Gerechtigkeit: Was hat das miteinander zu tun?

Klaus Gründler: Ungleichheit und Krisen

Norbert Berthold: „Reichtum ist distributive Umweltverschmutzung“. Höhere Steuern oder mehr Wettbewerb?

Klaus Gründler: Ungleichheit und Wachstum

Norbert Berthold: Der amerikanische Traum – Bremst Ungleichheit die soziale Mobilität?

Norbert Berthold: Der Staat pflügt die Verteilung um

Norbert Berthold: Die Ungleichheit wird männlicher

Norbert Berthold: Krieg der Modelle. Technologie oder Institutionen?

Michael Grömling: Einkommensverteilung – Vorsicht vor der Konjunktur!

Norbert Berthold: Die deutsche “Mitte” ist stabil. Wie lange noch?

Eric Thode: Die Mittelschicht schrumpft – Wo liegt der Handlungsbedarf?

Norbert Berthold: Geringe Stundenlöhne, kurze Arbeitszeiten. Treiben Frauen die Ungleichheit?

Norbert Berthold: Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?

Simon Hurst: Der Staat strapaziert die Schweizer Mittelschicht

Norbert Berthold: Einkommensungleichheit in OECD-Ländern. Wo stehen wir?

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