Ungleichheit heute (5)
Die Mittelschicht schrumpft – Wo liegt der Handlungsbedarf?

Von Eric Thode am 13. Februar 2013
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In den letzten Jahren hat die verteilungspolitische Debatte in Deutschland an Fahrt gewonnen. Sie vollzieht sich zumeist antizyklisch zur konjunkturellen Entwicklung. Da die deutsche Wirtschaft trotz des scharfen Einbruchs 2009 relativ unbeschadet durch die Krise gekommen ist und in den letzten drei Jahren beachtliche Wachstumsraten zu verzeichnen waren, verwundert dies zunächst nicht. Doch auch die strukturellen Veränderungen des letzten Jahrzehnts im Sozialen und auf dem Arbeitsmarkt haben in den Augen mancher die Balance zwischen Effizienz und Gerechtigkeit gestört.

Gerade in Deutschland spielt dabei die Lage der Mittelschicht eine wesentliche Rolle. Als Ludwig Erhard in der noch jungen Bundesrepublik „Wohlstand für alle“ zum Paradigma der Wirtschafts- und Sozialpolitik ausrief, schuf er zugleich den Mythos der breiten Mittelschicht, die maßvoll und möglichst im Gleichschritt von der wirtschaftlichen Entwicklung profitieren sollte. Die Mittelschicht ist seither die Arena zentraler gesellschaftlicher Prozesse. Wahlen werden in der Mitte gewonnen. Die Mittelschicht trägt mit ihren Steuern die Finanzierung des Staates. Die Mittelschicht ist die Basis des deutschen Wirtschaftsmodells.

Nicht erst seit gestern wird vor einem Ausbluten der Mittelschicht gewarnt. Wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, wie immer wieder zu lesen, würde die Mitte auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch wie so oft ist es auch hier ratsam, den Patienten vor der Therapie einer eingehenden Diagnose zu unterziehen. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und die Universität Bremen untersucht, wie sich die Mittelschicht seit den 1980er Jahren in Deutschland entwickelt hat und welche Ursachen dem Verlauf zugrunde gelegen haben (Burkhardt et al. 2012). Es handelt sich also um eine Betrachtung der langfristigen Trends. Dieser Beitrag präsentiert die zentralen Ergebnisse und diskutiert mögliche Handlungserfordernisse.

Die Entwicklung der Mittelschicht

Die Mittelschicht lässt sich auf unterschiedlichen Wegen beschreiben. In der Studie sind fünf Blickwinkel gewählt worden: Verfügbares Einkommen, Vermögen, subjektive Einschätzung der eigenen Situation, die Fähigkeit, sich bestimmte Dinge leisten zu können, und ein dreidimensionaler Index, der sich aus Einkommen, Bildungsniveau und beruflicher Stellung zusammensetzt. An dieser Stelle soll ausschließlich auf das verfügbare Einkommen fokussiert werden. Von der Tendenz her weisen auch die anderen Messkonzepte in dieselbe Richtung wie die im Folgenden vorgestellten Ergebnisse. Das verfügbare Einkommen weist als Indikator eine Reihe von Vorteilen auf: Es lässt sich vergleichsweise genau und regelmäßig messen, ist normativ weniger aufgeladen und erlaubt Vergleiche über die Zeit hinweg wie auch zwischen unterschiedlichen Ländern.

Das verfügbare Einkommen ergibt sich aus dem Bruttobetrag aller direkten Einkommen abzüglich Steuern und Sozialabgaben sowie zuzüglich Sozialtransfers und dem impliziten Einkommen aus einem selbstgenutzten Wohneigentum. Betrachtet wird das bedarfsgewichtete Äquivalenzeinkommen von Haushalten. Dabei kommt die modifizierte OECD-Skala zum Einsatz: Der Haushaltsvorstand erhält das Gewicht 1, weitere Personen über 14 Jahren werden mit jeweils 0,5 gewichtet, und Kinder bis einschließlich 14 Jahren werden mit jeweils 0,3 veranschlagt. Im Einklang mit den meisten anderen Studien – auch im internationalen Vergleich – wird ein Haushalt als zur Mittelschicht zugehörig definiert, wenn das Äquivalenzeinkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Medians liegt. Im Jahr 2010 (auf Basis des SOEP, Median des verfügbaren Einkommens bei 1620 Euro) gehörte demnach ein Einpersonenhaushalt zur Mittelschicht, wenn sein Einkommen zwischen 1.130 und 2.420 Euro pro Monat (13.560 und 29.040 Euro pro Jahr) lag. Für einen vierköpfigen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 15 Jahren beliefen sich die monatlichen Grenzen auf 2.370 und 5.080 Euro (28.440 und 60.960 Euro pro Jahr).

Der Umfang der so definierten Mittelschicht war in den vergangenen Jahrzehnten von unterschiedlichen Entwicklungen gekennzeichnet (Abbildung 1). In Westdeutschland lag der Anteil der mittleren Einkommen während der 80er Jahre ziemlich konstant bei 65 Prozent aller Haushalte. Da das Einkommensniveau in Ostdeutschland zunächst deutlich geringer war, sackte der Anteil der Mittelschicht im wiedervereinten Deutschland auf 62 Prozent ab. Im Zuge des Aufholprozesses der Neuen Länder stieg der Umfang wieder an und erreichte im Jahr 1997 mit 65 Prozent seinen Höhepunkt. Seither ist die Mittelschicht kontinuierlich kleiner geworden. Im Jahr 2010 belief sich ihr Anteil noch auf 58,5 Prozent. In einem Zeitraum von 13 Jahren ist also die Mittelschicht um 5,5 Millionen auf zuletzt 47,3 Millionen Personen geschrumpft. In derselben Periode ist die Gesamtbevölkerung lediglich um 305.000 Personen zurückgegangen.

Einkommensschichten
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Auf der anderen Seite haben die äußeren Bereiche der Einkommensschichtung an Gewicht gewonnen. Der Anteil der Einkommensunterschicht betrug 2010 deutlich mehr als ein Fünftel (22,5 Prozent) und hatte seit 1997 um knapp fünf Prozentpunkte bzw. nahezu vier Millionen Personen zugenommen. Auch die Einkommensoberschicht ist gewachsen, allerdings in deutlich geringerem Maße. Die Zunahme betrug eine halbe Million Personen, das entspricht einem Zuwachs von 2,2 Prozentpunkten. Während sich die Anteile von Einkommensunter- und –oberschicht bis zum Jahr 1999 aufeinander zubewegt hatten und zu jenem Zeitpunkt etwa gleich groß waren, ist die Unterschicht seither etwa doppelt so stark gewachsen wie die Oberschicht.

Dynamik zwischen den Einkommensschichten

Die Mittelschicht ist also innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes von 13 Jahren deutlich kleiner geworden. Diese Beobachtung kann das Resultat unterschiedlicher Entwicklungen sein. Wenn der Anteil mittlerer Einkommen zurückgeht, weil vielen der Aufstieg in die Oberschicht gelingt, ist das sicherlich anders zu werten als eine wachsende Zahl von Abstiegen in die Unterschicht. Abbildung 2 geht dieser Frage nach. Dort sind die Anteile derjenigen Mittelschichtangehörigen abgetragen, die nach einem Zeitraum von jeweils drei Jahren entweder in die Unterschicht abgestiegen oder in die Oberschicht aufgestiegen waren.

Einkommensmobilität
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Es zeigt sich, dass der Anteil der Aufsteiger zumeist im Bereich zwischen sieben und neun Prozent gelegen hat. Lediglich zwischen 2000 und 2003 erscheinen deutlich höhere Übergangsraten von 11 bis 12 Prozent. Dies kann als Nachwirken des Wirtschaftsaufschwung und des New Economy Booms interpretiert werden, die bis Mitte 2001 angedauert hatten. Mit Ausnahme dieser Zeitspanne fanden Abstiege aus der Mittelschicht deutlich häufiger als Aufstiege in die Oberschicht statt. In Folge steigender Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung kam es Anfang der 90er Jahre zu Werten von bis zu 12 Prozent, die sich aber bis zur Mitte jenes Jahrzehnts auf acht Prozent verringerten. Danach setzte ein anhaltender, von zyklischen Schwankungen gekennzeichneter Trend ein, der zuletzt zu Abstiegsraten von ca. 11 Prozent führte. Damit hat das Schrumpfen der Mittelschicht also vorwiegend am unteren Rand stattgefunden.

Es soll an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass die größte Dynamik zwischen dem unteren Viertel der Mittelschicht und dem oberen Viertel der Einkommensunterschicht zu beobachten war. Das Wachstum bzw. Schrumpfen dieser beiden Bereiche ist also sensitiv hinsichtlich der hier gesetzten Grenze von 70 Prozent des Medianeinkommens. Dies ist auch der wesentliche Grund, warum Studien, die andere Einkommensgrenzen zur Definition der Mittelschicht verwenden, zu abweichenden Ergebnissen kommen, so etwa die Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft mit Grenzen von 60 und 250 Prozent des Medians (Niehues 2012).

Darüber hinaus ist auffällig, dass die Verharrungstendenzen in der Einkommensober- und -unterschicht zugenommen haben. Abbildung 3 stellt den Anteil der jeweiligen Schichtzugehörigen dar, die sich auch nach drei Jahren noch in ebenjener Schicht befinden. Vor allem in der Unterschicht ist die Persistenz deutlich gestiegen. Während Mitte der 90er Jahre lediglich 57 Prozent aller Personen in diesem Bereich auch nach drei Jahren noch kein Aufstieg geglückt war, lag dieser Wert zuletzt bereits bei 70 Prozent. Ähnlich sieht es in der Oberschicht aus, wenn auch in schwächerem Maße. Im selben Zeitraum stieg der Anteil derer, die sich dauerhaft in der Oberschicht halten konnten, um ca. fünf Prozentpunkte. Demgegenüber war der Verharrungsanteil in der Mittelschicht nur leicht rückläufig, er bleibt bei etwas über 80 Prozent.

Einkommensposition
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Die Mittelschicht ist also geschrumpft, weil die Übergänge nach unten häufiger vorkamen als Aufstiege in die Oberschicht und weil ein Emporkommen aus der Unterschicht seltener gelungen ist, während weniger Personen die Oberschicht verlassen haben.

Ursachen der Entwicklungen

Die zugrundeliegende empirische Untersuchung ist rein deskriptiv. Daher lassen sich die Ursachen, die zu diesen Entwicklungen geführt haben, nicht induktiv ableiten. Eine Reihe von Trends, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten vollzogen haben, können aber für Erklärungsversuche herangezogen werden.

Veränderungen in der Haushaltsstruktur

Zunächst sind Veränderungen in der Haushaltsstruktur zu berücksichtigen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl von Einpersonen- und Alleinerziehendenhaushalten deutlich erhöht. Zwischen 1991 und 2011 ist der Anteil der Einpersonenhaushalte von 33,6 auf 40,4 Prozent gestiegen. Demgegenüber ist der Anteil von Haushalten, in denen mindestens drei Personen leben, im selben Zeitraum von 35,6 auf 25,4 Prozent gesunken (Statistisches Bundesamt 2013). Viele Arten der Kosten der Haushaltsführung entwickeln sich unterproportional zur Haushaltsgröße, sodass das verfügbare Äquivalenzeinkommen in kleinen Haushalten geringer ausfällt.

Wie dieser Effekt zu bewerten ist, hängt stark vom eigenen Standpunkt ab. Fakt ist, dass das persönlich verfügbare Einkommen geringer ist, wenn man von einer eventuellen Umverteilung innerhalb von Mehrpersonenhaushalten absieht. Wenn andererseits die Entscheidung, alleine zu leben, freiwillig getroffen wurde, geht damit kein individueller Wohlfahrtsverlust einher, und es erwächst daraus erst recht kein verteilungspolitischer Handlungsbedarf (Sinn 2008). Ob also die Tendenz zu kleineren Haushaltsgrößen als problematisch für die Entwicklung der Mittelschicht betrachtet werden muss, lässt sich letztlich nur normativ klären.

Bei der Haushaltsstruktur kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. In den letzten Jahren gibt es Anzeichen dafür, dass Menschen bei der Partnerwahl in ökonomischer Hinsicht eher nach dem Motto „Gleich und gleich gesellt sich gern“ statt nach „Gegensätze ziehen sich an“ verfahren. Laut einer Untersuchung des IW Köln ist der Anteil der Haushalte, in denen beide Partner ein ähnliches Einkommen beziehen (wobei einfach drei Einkommenskategorien gebildet wurden, die jeweils gleich stark besetzt sind), zwischen 1998 und 2008 von 26,3 auf 29,3 Prozent gestiegen. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich beim Bildungsniveau. Hier hat der Anteil, bei dem beide Partner einen ähnlichen Qualifikationsstand aufweisen, von 53,8 auf 55,7 Prozent zugenommen (Schröder 2011). Vor dem Hintergrund der schrumpfenden Mittelschicht hat es also den Anschein, als würde das Zusammenleben mit einem Partner ein Stück weit die „Versicherungsfunktion“ gegen ein zu geringes eigenes Einkommen einbüßen. Diese Entwicklung sollte jedoch angesichts der (noch) schwachen Ausprägung nicht überbewertet werden.

Veränderungen in der Einkommensbesteuerung

Die Verteilung der verfügbaren Einkommen ist auch durch die zurückliegenden Einkommensteuerreformen beeinflusst worden. Zwischen 1999 und 2005 hat es eine Reihe von Anpassungen gegeben, die sich häufig auch auf den Spitzensteuersatz bezogen haben. Er ist in diesem Zeitraum von 53 auf 42 Prozent abgesenkt worden. Auf der anderen Seite ist der Grundfreibetrag zwar sukzessive angehoben worden, doch haben die Steuerreformen insgesamt regressiv gewirkt. Es hat eine mit steigendem Einkommen zunehmende relative Steuerentlastung stattgefunden. Darüber hinaus ist die gesamte Steuerlast so umverteilt worden, dass die Mitte einen höheren Anteil zu tragen hat (Maiterth und Müller 2009; Corneo 2005). Diese Entwicklung kann dazu beigetragen haben, dass Haushalte in den höheren Bereichen der Mittelschicht in die Oberschicht überwechseln konnten. Außerdem mögen manche der Oberschichtangehörigen dadurch ihre Position gefestigt haben.

Struktureller Wandel des Arbeitsmarktes
Den bedeutendsten Einfluss auf die Entwicklung der Mittelschicht dürften aber strukturelle Veränderungen am Arbeitsmarkt ausgeübt haben. Diese Veränderungen sind vielfältiger Natur. Generell lässt sich ein Trend zu einer Ausdehnung atypischer Beschäftigungsformen beobachten, der häufig herangezogen wird, um das Schrumpfen der Mittelschicht zu erklären. Tatsächlich hat sich der Anteil der unbefristeten Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse im Zeitraum von 2001 bis 2008 um knapp fünf Prozentpunkte verringert (Eichhorst et al. 2010). Diese Entwicklung reicht für sich genommen allerdings noch nicht als Erklärung aus. Nur wenn damit auch substantielle Veränderungen in der Lohnverteilung einhergegangen sind, lässt sich ein Zusammenhang zum Umfang der Mittelschicht herstellen. Und selbst dann ist die Verbindung alles andere als eindeutig: Wenn Niedriglohnbeschäftigung in großem Stil dazu führt, dass Arbeitslosigkeit abgebaut wird, und wenn das geringe Arbeitseinkommen oberhalb staatlicher Transfers oder Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung liegt, rückt die Einkommensverteilung wieder enger zusammen. Der Dynamik in Art und Umfang der Niedriglohnbeschäftigung kommt damit große Bedeutung für die Entwicklung der Mittelschicht zu.

Der Anteil von Beziehern geringer Stundenlöhne an allen Beschäftigten im Alter zwischen 15 und 64 Jahren in Betrieben mit mindestens 10 Mitarbeitern (ohne Auszubildende und Altersteilzeit) ist in Deutschland laut Statistischem Bundesamt zwischen 2001 und 2010 recht deutlich von 17,4 auf 21,7 Prozent angestiegen (betrachtete Branchen: Produzierendes Gewerbe und marktbestimmte Dienstleistungen). Frauen sind wesentlich häufiger von Tätigkeiten mit geringer Entlohnung betroffen, bei ihnen ist der Anteil von 30,6 Prozent im Jahr 2001 auf genau ein Drittel in 2010 angestiegen. Bei Männern fällt die Niedriglohninzidenz geringer aus, allerdings war der Anstieg höher: von 10,3 auf 15,1 Prozent im selben Zeitraum (Statistisches Bundesamt 2011). Der Struktureffekt, dass im betrachteten Zeitraum die Frauenerwerbstätigkeit wesentlich stärker gestiegen ist als die Beschäftigung bei den Männern, hat zusätzlich zum Wachstum der Niedriglohnbeschäftigung beigetragen.

Beachtenswerte Entwicklungen treten auch zutage, wenn zwischen unterschiedlichen Altersgruppen differenziert wird. Zunächst wird deutlich, dass die Niedriglohnanteile über alle Altersgruppen hinweg gestiegen sind. Einzige Ausnahme sind die Jugendlichen, bei denen zuletzt ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. Die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen weist einen sehr hohen Anteil geringer Entlohnung auf. Dies verwundert kaum, da viele mit einfachen Tätigkeiten ihre Bildungsaktivitäten finanzieren. Die Altersgruppe mit dem zweithöchsten Niedriglohnanteil sind Ältere zwischen 55 und 64 Jahren. Hier ist es naheliegend, dass darunter vor allem Frührentner zu finden sind, die sich ihre Rente mit einfachen Tätigkeiten aufstocken. Bei den Altersgruppen dazwischen fällt auf, dass die 25- bis 34-Jährigen in 2010 in etwa auf demselben Niveau liegen wie die 55- bis 64-Jährigen, während die 35- bis 54-Jährigen deutlich geringere Anteile aufweisen.

Gemeinsam mit dem demographischen Wandel entsteht folgende Dynamik: Die geburtenstarken Jahrgänge, in denen die meisten Zugehörigen noch in traditionellen Beschäftigungsverhältnissen mit guter Absicherung und relativ hoher Entlohnung tätig sind, bewegen sich auf die Ruhestandsphase zu. Die nachfolgenden jungen Erwerbstätigen sind einerseits weniger zahlreich, andererseits häufiger in atypischer Beschäftigung mit geringer Entlohnung erwerbstätig. Es vollzieht sich damit ein generationaler Austausch von Beschäftigungsverhältnissen, bei denen per Saldo hoch entlohnte Arbeit von Älteren verlorengeht und das relative Gewicht geringer bezahlter Tätigkeiten zunimmt. Ein weiterer Effekt zielt in dieselbe Richtung: Falls Ältere im Strukturwandel ihren Arbeitsplatz verlieren, können sie häufig eine neue Tätigkeit nur in Branchen mit geringerem Lohnniveau finden. Auch dadurch nimmt die Bedeutung von Niedriglohnbeschäftigung in der Tendenz zu.

Altersgruppen
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Interessanterweise haben sich die Anteile der Niedriglohnbeschäftigung innerhalb verschiedener Formen atypischer Beschäftigung kaum verändert. Teilweise war die Inzidenz geringer Entlohnung sogar leicht rückläufig. Bei befristeter Beschäftigung liegt der Niedriglohnanteil recht konstant bei knapp unter 40 Prozent (ohne Auszubildende und Altersteilzeit). Bei geringfügiger Beschäftigung ist der Anteil von knapp 90 im Jahr 2001 auf gut 80 Prozent in 2010 gesunken. Bei Teilzeittätigkeiten schwankt der Indikator leicht um 27 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Vollzeitbeschäftigung ist der Niedriglohnanteil leicht gestiegen, und zwar von zehn auf 11,3 Prozent.

Der deutliche Anstieg beim Gesamtanteil der Niedriglohnbeschäftigung rührt also nicht daher, dass atypische Beschäftigung zunehmend schlecht bezahlt würde. Er ist vielmehr darauf zurückzuführen, dass der Anteil von Beschäftigungsformen mit ohnehin traditionell geringer Bezahlung zugenommen hat und dass die Verbreitung geringer Löhne auch in Vollzeittätigkeit zugenommen hat. Die Ursachen dafür sind vielfältiger Natur, vgl. etwa Goos, Manning und Salomons 2009 oder Berthold 2013 in diesem Blog.

Schlussfolgerungen

Der Anteil der Haushalte, deren bedarfsgewichtetes verfügbares Äquivalenzeinkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Medianeinkommens beträgt, ist von 1997 bis 2010 kontinuierlich geschrumpft. Die so definierte Mittelschicht hat also an Umfang verloren, während der Anteil der Niedrigeinkommensbezieher und – in geringerem Maße – die Einkommensoberschicht an Gewicht zugenommen haben. Das alleine ist noch kein Anlass für Alarmismus, geschweige denn für politischen Aktionismus. Die beobachtete Entwicklung lässt sich zwar teilweise auf direkte individuelle Abstiege aus der Mittelschicht in den Niedrigeinkommensbereich zurückführen. Eine größere Rolle dürften jedoch Struktureffekte haben, wie die verbesserte Integration von Arbeitslosen in Beschäftigung, oder Kohorteneffekte, die entstehen, wenn Älteren an der Schwelle zum Ruhestand eher noch nach traditionellem Muster beschäftigt sind, während nachfolgende Jüngere beim Erwerbseinstieg stärker mit atypischen Beschäftigungsformen konfrontiert sind. Es ist explizit zu begrüßen, wenn viele vormals Arbeitslose mit geringem Produktivitätspotenzial eine Beschäftigung in atypischer Beschäftigung und oft auch geringer Entlohnung gefunden haben.

Es war ein erklärtes Ziel der Arbeitsmarktreformen der Schröder-Regierung genau solche Einstiegsmöglichkeiten zu schaffen. Damit ging allerdings auch das Versprechen einher, dass dem Einstieg nach gewisser Zeit der Aufstieg folgen sollte. Und an dieser Stelle erwächst heute die Notwendigkeit zu politischem Handeln, denn dieses Versprechen ist bislang unzureichend eingelöst worden. Die Spaltung des Arbeitsmarktes konnte nur zum Teil wirklich abgebaut werden, zum anderen Teil ist sie lediglich verschoben worden. Zog sich die Kluft zur Jahrtausendwende vor allem zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten, liegt sie nun zwischen (dauerhaft) atypisch Beschäftigten und den gut abgesicherten Arbeitsmarktinsidern (Eichhorst, Marx und Thode 2010).

Die Herausforderung, den Arbeitsmarkt durchlässiger zu machen, besteht also nach wie vor, und damit sind die richtigen Therapien auch bekannt: Investitionen in Bildung, mit einem Schwerpunkt auf frühen Lebensphasen und einem gleichmäßigen Zugang unabhängig von der Herkunft, sind die beste Garantie für Chancengerechtigkeit. Reformen in der Beschäftigungspolitik, die Aufstiegshürden abbauen, ohne neue Einstiegsbarrieren zu schaffen, helfen denen, die das Sprungbrett atypischer Beschäftigung brauchen, weil sie sich nicht vornherein einen festen Platz im Erwerbsleben sichern können. Und eine Arbeitsmarktpolitik, die auf dauerhafte (Re-)Integration von Arbeitslosen ausgerichtet wird, hilft dabei, einen Knick in der Erwerbsbiographie nicht zum permanenten Handicap werden zu lassen. Dass mit diesen Maßnahmen auch dem Schrumpfen der Mittelschicht Einhalt geboten würde, wäre noch der geringste Nutzen.

Literatur

Berthold, Norbert (2013): Deutschland wird ungleicher – Was sagt die Lohnverteilung?

Burkhardt, Christoph, Markus M. Grabka, Olaf Groh-Samberg, Yvonne Lott und Steffen Mau (2012): Mittelschicht unter Druck?, Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Gütersloh.

Corneo, Giacomo (2005): Verteilungsarithmetik der rot-grünen Einkommensteuerreform, in: Schmollers Jahrbuch, 125, 299–314.

Eichhorst, Werner, Andrea Kuhn, Eric Thode und Rosemarie Zenker (2010): Traditionelle Beschäftigungsverhältnisse im Wandel, Gütersloh.

Eichhorst, Werner, Paul Marx und Eric Thode (2010): Atypische Beschäftigung und Niedriglohnarbeit, Gütersloh.

Goos, Maarten, Alan Manning und Anna Salomons (2009): Job Polarization in Europe, in: American Economic Review: Papers & Proceedings 99(2), 58–63.

Maiterth, Ralf und Heiko Müller (2009): Beurteilung der Verteilungswirkungen der „rot-grünen“ Einkommensteuerpolitik: eine Frage des Maßstabs, in: Schmollers Jahrbuch 129, 375–390.

Niehues, Judith (2012): Angst vorm Abstieg meist unbegründet, in: iwd 2012 (35), 1–2.

Sinn, Hans-Werner (2008): Der bedarfsgewichtete Käse und die neue Armut, in: ifo Schnelldienst 61(10), 14–16.

Statistisches Bundesamt (2011): Verdienststrukturerhebung.

Statistisches Bundesamt (2013): Bevölkerung – Haushalte nach Haushaltsgrößen

Beiträge der Serie “Ungleichheit heute”:

Klaus Gründler: Ungleichheit und Wachstum

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Norbert Berthold: Der Staat pflügt die Verteilung um. Das ist nicht ohne Risiken.

Norbert Berthold: Die Ungleichheit wird männlicher. Was verändert die Verteilung?

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Eric Thode: Die Mittelschicht schrumpft – Wo liegt der Handlungsbedarf?

Norbert Berthold: Geringe Stundenlöhne, kurze Arbeitszeiten. Treiben Frauen die Ungleichheit?

Norbert Berthold: Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?

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