Ungleichheit heute (7)
Einkommensverteilung: Vorsicht vor der Konjunktur!

Von Michael Grömling am 6. März 2013
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Michael Grömling
Internationale Fachhochschule Bad Honnef

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, sagt ein Sprichwort. Dabei hat jeder oftmals ein anderes Vergleichsmaß vor Augen. Das gilt zuweilen auch bei wirtschaftlichen Vergleichen. Je nach Maßstab eröffnen sich eine andere Betrachtungsperspektive und letztlich eine andere ökonomische Bewertung der Fakten.

Dieses Problem durchzieht zum Beispiel Wachstums- und Einkommensvergleiche. Je nach Referenzjahr kann ein Vergleich zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. Zum Beispiel: Wird die jahresdurchschnittliche Veränderung bei den Arbeitnehmerentgelten und bei den Unternehmens- und Vermögenseinkommen berechnet, dann kann das Bezugsjahr eine erhebliche Bedeutung haben:

  • Wird – wie bei einer aktuellen Rechnung der Böckler-Stiftung – der Zeitraum 2000 bis 2012 betrachtet, dann stiegen die Arbeitnehmerentgelte im Durchschnitt um jährlich 2 Prozent, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen aber um 3,3 Prozent pro Jahr an.
  • Bleiben allerdings die beschäftigungsarmen Stagnationsjahre in der ersten Hälfte der letzten Dekade unberücksichtigt und wird der Durchschnitt für den Zeitraum 2006 bis 2012 berechnet, dann stiegen die Arbeitsentgelte um 2,8 Prozent pro Jahr, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen aber nur um jährlich 2 Prozent.

Da für beide Einkommenskategorien die gleiche Inflationsrate relevant ist, ergeben sich analoge Unterschiede beim Blick auf die realen Werte.

Je nach Bezugsjahr und Zeitraum, für deren Abgrenzung es sicherlich jeweils immer mehr oder weniger gute Gründe gibt, können unterschiedliche Verteilungslagen resultieren. Durch Inklusion oder Exklusion von Boom- und Rezessionsjahren lassen sich ganz unterschiedliche Befunde generieren. Langfristvergleiche sind vor allem dafür anfällig, wenn entweder Boom- oder Rezessionsjahre als Randpunkte gewählt werden.

Lohnquote
– zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken –

Dieses Referenzpunktproblem ergibt sich auch bei einer Analyse und Bewertung der gesamtwirtschaftlichen Verteilungssituation anhand der Lohnquote. Dabei handelt es sich um den Anteil der oben genannten Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, das zusätzlich die Unternehmens- und Vermögenseinkommen umfasst. Die Lohnquote war in Westdeutschland seit 1950 und in Deutschland seit 1991 keine konstante und vor allem keine durchgängig rückläufige Größe (Abbildung): Vielmehr ist sie langfristig angestiegen und sie schwankte seit Mitte der 1980er Jahre um die 70 Prozent-Marke. Die Abbildung zeigt, dass vor allem der Vergleich mit dem Jahr 1980 erhebliche Auswirkungen auf die Bewertung hat. Je nach Referenzpunkt ergeben sich also auch hier völlig unterschiedliche Bewertungen.

Verteilungsvergleiche – beispielsweise anhand der Lohnquote – reagieren auch sensibel auf die wirtschaftliche Lage. Die beiden Gipfel Mitte der 1970er und Anfang der 1980er Jahre sowie der Höhepunkt in Deutschland im Jahr 1993 weisen darauf hin, dass die Lohnquote besonders in konjunkturell schlechten Zeiten vergleichsweise stark ansteigt. Während die Unternehmensgewinne und Kapitaleinkommen in einer Abschwungphase sinken, bleiben die Arbeitseinkommen meist relativ stabil. Das liegt daran, weil die Unternehmen versuchen, die Beschäftigung zunächst einmal aufrechtzuerhalten. Dementsprechend steigt der Anteil der Einkommen aus unselbständiger Arbeit. Auch der starke Anstieg der Lohnquote in den Jahren 2008 und 2009 resultierte daraus, dass die Unternehmens- und Vermögenseinkommen im Jahr 2008 um 4,2 Prozent und 2009 um 12,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr einbrachen. Die Arbeitnehmerentgelte stiegen dagegen 2008 noch um 3,6 Prozent und im harten Krisenjahr 2009 immerhin noch um 0,3 Prozent an.

Anders verhält es sich dann im Aufschwung – in wirtschaftlich besser werdenden Zeiten verschlechtert sich die Lohnquote regelmäßig. Deutlich wird dies vor allem in den Aufschwungjahren 2005 bis 2007, als die Lohnquote auf gut 63 Prozent zurückging. Die Beschäftigung und damit die Arbeitseinkommen kommen erst zeitverzögert in Schwung, während sich die Gewinnsituation der Unternehmen und die Kapitaleinkommen der Haushalte im Aufschwung bereits deutlich erholen. Die Verschiebung der Verteilungsrelation zugunsten der Gewinn- und Vermögenseinkommen ist im beginnenden Aufschwung eine Folge höherer Produktivitätssteigerungen. Die wieder anziehende Produktion löst bei einer noch unzureichenden Auslastung des Kapitalstocks und der Belegschaft einen relativ hohen Produktivitätszuwachs aus.

Abschließend sei noch darauf verwiesen, dass die Lohnquote keine unproblematische Größe ist, wenn es darum geht, die Verteilungssituation zu bewerten: Das Volkseinkommen und seine beiden Bestandteile – Arbeitnehmerentgelt sowie Unternehmens- und Vermögenseinkommen – sollen eigentlich die Verteilung der Einkommen auf die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital (einschließlich Boden) darstellen. Die abhängig beschäftigten Arbeitnehmer und die privaten Haushalte beziehen nicht nur Arbeitsentgelte, sondern ihnen fließen auch Kapitaleinkommen zu – und zwar auf der Haushaltsebene heute mehr als früher. Hierzu gehören zum Beispiel die Zinsen fürs Geldmarktkonto oder Sparbuch, die Dividenden für Aktienfonds, die Mieten für die Einliegerwohnung. Die tatsächliche Einkommensposition sowohl der Arbeitnehmer als auch der privaten Haushalte wird durch die Lohnquote bei Weitem nicht vollständig erfasst.

 

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Norbert Berthold: Die deutsche „Mitte“ ist stabil. Wie lange noch?

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Norbert Berthold: Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?

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