Kurz kommentiert
Notenbanker entdecken die Ungleichheit

Von Norbert Berthold am 17. Mai 2015
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Norbert Berthold
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

„Non-conventional monetary policy however, in particular large scale asset purchases, seem to widen income inequality, although this is challenging to quantify.“ (Yves Mersch)

Die seit über einem Vierteljahrhundert weltweit wachsende personelle Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in den Ländern zieht Kreise. In jüngster Zeit entdecken nun auch Notenbanker dieses Thema. Janet Yellen (Fed), Mark Carney (BoE) und Mario Draghi (EZB) sind die bekanntesten Beispiele. Der Grund liegt auf der Hand. Die „neue“ unkonventionelle Geldpolitik stößt auf Widerstände, immer öfter auch auf distributive. Kritiker monieren, sie sei nicht nur wenig effizient, gemessen an Preisniveaustabilität und Beschäftigung, sie sei auch ungerecht, gemessen an der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Eine hyper-expansive Politik der „quantitativen Lockerung“ mache die Reichen reicher und die Armen ärmer.

Richtig ist: Alle Geldpolitik wirkt sich auf die Verteilung von Einkommen und Vermögen aus. Ökonomen waren lange der Meinung, dass Geldpolitik die Verteilung der Einkommen über den Kanal der Inflation beeinflusst. Die wenigen vorliegenden empirischen Studien zeigen, dass zwischen Mitte der 60er und Anfang der 90er Jahre Inflation und Ungleichheit der Einkommen positiv korreliert waren. Inflation ließ die Gewinne der Großkopferten steigen und beklaute die „kleinen Leute“. Ein steigendes allgemeines Preisniveau trieb die Ungleichheit. Mit rückläufigen Raten der Inflation in der Zeit der „Großen Moderation“ seit Anfang der 90er Jahre löste sich aber der Zusammenhang von Inflation und Ungleichheit in Luft auf.

Richtig ist auch: Die Politik der „quantitativen Lockerung“ verstärkt die Ungleichheit der Einkommen weiter. Mit dieser Politik operiert die Notenbanken an der Null-Zins-Grenze, bisweilen sogar darunter. Die Sparer werden zur Ader gelassen. Darunter leidet besonders die eher risikoscheue Mittelklasse. Deren Kapitaleinkünfte (Sparbuch, Staatspapiere) stürzen ab. Mit den Null-Zinsen kommt es aber auch zu einer gigantischen Fehlallokation von Kapital. Das wirtschaftliche Wachstum ist anämisch, die Beschäftigung leidet. Beides trifft die Einkommen der Arbeitnehmer mit einfacher Qualifikation stärker als andere. Die gegenwärtige Geldschwemme der Notenbanken ist nicht nur ökonomisch ineffizient, sie verteilt auch die Einkommen ungleicher.

Umstritten ist: Die Geldpolitik beeinflusst die Verteilung der Einkommen über den Arbeitsmarktkanal. Steigt die Beschäftigung auf breiter Front, gewinnen alle, vor allem aber gering Qualifizierte. Das macht die Verteilung der Einkommen gleicher. Geldpolitik wirkt über diesen Kanal allerdings nur, wenn die Arbeitslosigkeit zyklisch ist. Bei struktureller Schlagseite kann sie die Beschäftigung nicht steigern. Selbst im zyklischen Fall bleiben allerdings diese positiven Effekte aus, wenn die Geldpolitik an der Null-Zinsgrenze kleben bleibt. Da Arbeitslosigkeit gegenwärtig vor allem strukturell und die Inflation gering ist, kann die Geldpolitik die Ungleichheit über den Arbeitsmarktkanal aktuell nicht verringern.

Damit nicht genug: Die Einkommen verteilen sich ungleicher, weil die Geldpolitik zu einer stärken Konzentration der Vermögen beiträgt. Tatsächlich bescherte die hyper-expansive Geldpolitik der Notenbanken seit Ausbruch der Finanzkrise den Aktien- und Immobilienmärkten eine rauschende Party. Mit der expansiven Geldpolitik, konventionell oder „neu“, stiegen auch die Einkommen aus Vermögen überproportional an. Tatsächlich sind aber die Vermögen noch stärker konzentriert als die Einkommen. Nutznießer sind vor allem höhere Einkommensschichten. Es spricht deshalb vieles dafür, dass die „neue“ Geldpolitik die Verteilung der personellen Einkommen über den Vermögenskanal ungleicher macht.

Alle Geldpolitik hat distributive Nebenwirkungen. Das gilt für die Verteilung der Einkommen und die Konzentration der Vermögen. Was folgt daraus? Die Notenbanken sollten das tun, was sie am besten können. Das Einzige, was eine gute Geldpolitik wahrscheinlich langfristig leisten kann, ist die Kaufkraft der Währung zu erhalten (Erwin Heri). Allein daran sollten sich Notenbanken orientieren. Das begründet ihre politische Unabhängigkeit. Von den distributiven Risiken ihrer Geldpolitiken sollten sie sich nicht beeindrucken lassen, wenn ihr Kerngeschäft erfolgreich ist. Je mehr wirtschaftspolitische Ziele sie verfolgen, desto größer ist die Gefahr, in die babylonische Gefangenschaft der Politik zu geraten.

 

Blog-Beitrag zum Thema:

Norbert Berthold: Geldpolitik und Ungleichheit. Machen Notenbanken die Welt ungleicher?

 

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2 Reaktionen zu “Kurz kommentiert
Notenbanker entdecken die Ungleichheit”

  1. Notenbanker entdecken die Ungleichheit | FreieWelt.net

    […] Weiterlesen auf: wirtschaftlichefreiheit.de […]

  2. Norbert Berthold

    „In einem Blog-Beitrag meldete sich noch der eigentliche Vater der QE, der ehemalige Fed-Vorsitzende Ben Bernanke, zu Wort. Die Verteilungswirkung der Geldpolitik sei komplex und unklar, hielt er fest. Das dürfe aber das Fed nicht davon abhalten, das Mandat der Vollbeschäftigung und Preisstabilität zu verfolgen und damit der Gesamtwirtschaft zu helfen. Andere Politikbereiche seien besser geeignet, um sich der durchaus berechtigten Besorgnis über die Ungleichheit anzunehmen.“

    Martin Lanz: Gewinner und Verlierer der unkonventionellen Geldpolitik. Das Fed in diffuser Wohltäter-Rolle, in: NZZ v. 3. Juni 2015

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